Überlegungen vor dem ersten Treffen

Als die Dämmerung hereinbrach, kehrte  der Minági in das Jagdlager zurück. Gemeinsam mit Tahatan hatte er die Bergung des Bootes organisiert und seinen Freund dann zu Chaska an die Grenze weitergeschickt.  Der Rückweg hatte sich lange hingezogen, denn ein feiner Nebel hatte den Weg erschwert und nun war er froh, endlich ein Feuer und Ruhe erwarten zu dürfen.
Nashoba versorgte seine beiden Pferde, auf denen er Proviant und weitere Decken für das Lager mitgebracht hatte und begab sich dann zu seinem Tipi. Feine Schwaden weißen Rauchs kräuselten sich über den Zeltstangen und ein leichter Duft gebratenen Wilds versprach ein baldiges Abendessen.
Er schob die Haut beiseite, welche den kreisrunden Eingang des Tipis verschloss und fand, wie erwartet, Onatah an seiner Feuerstelle. Sie hatte sein Lager hergerichtet und das Essen zubereitet und nun erwartete sie das Gespräch mit ihm.
Nashoba lächelte und ließ sich am Feuer nieder, während er sich von der Schamanin ein Stück des gebratenen Rehs und ein wenig Gemüse reichen ließ. Er erzählte ihr davon, wie sie das Boot gerade rechtszeitig vor der nächsten Flut geborgen hatten und dass sie die Setzlinge, und es mussten wirklich über hundert gewesen sein, zu Utina gebracht hatten.
Sie hatte, wie erwartet, wenig Aufsehen darum gemacht, aber die Qualität und Auswahl der Pflanzen doch sofort erkannt und bewundert. Schließlich hatten sie die Truhen geborgen und Nashoba hatte einige persönliche Dinge der Heilerin wie ihr Kräuterbündel, Instrumente und Kleidungsstücke zunächst nach Tsiigehtchic gebracht.
Während er nun endlich aß, berichtete Onatah von ihrem Tag und der Minági bekam den Eindruck, dass sie förmlich darauf brannte, ihn mit all den Neuigkeiten zu erstaunen, die sich aus ihrem Gespräch mit der Heilerin ergeben hatten.
Solinacea.
Nun hatte sie also einen Namen.
Solinacea!
Ein Name wie ein Lied, dachte er versonnen.
Es war merkwürdig gewesen. Je mehr er versucht hatte, nicht über die Dakoranerin nachzudenken, umso hartnäckiger waren seine Gedanken zu ihr zurückgekehrt.
Je mehr er darüber grübelte, dass gerade eine Hohepriesterin von Dakoros in einem nicht sehr meerestauglichen Boot an der Küste von Ipioca gestrandet sein sollte, umso weniger erschien es ihm logisch.
Selbst wenn sie die Hauptinsel Dakoros auf Grund des Vulkanausbruchs überstürzt hätten verlassen müssen, so hätte man doch gerade die obersten Heilerinnen niemals alleine gehen lassen.
Sie verfügten über eine fortgeschrittene Kultur, hatten aufgrund des regen Küstenhandels zu jeder Zeit Navigatoren und Seefahrer auf den Inseln, die Handel betrieben oder in Dakoros die Wissenschaften studierten. Sie würden nicht ziellos in einem Kahn übers Meer treiben. Selbst wenn ein Vulkan ausgebrochen war, hätten sie genug Zeit gefunden, um eine geregelte Evakuierung auf eine der Nachbarinseln in die Wege zu leiten. Schließlich wussten sie über die vulkanischen Aktivitäten auf den Inseln seit Jahrhunderten Bescheid.
Nun,  sie wollte also mit ihm sprechen und da auch er Antworten auf seine Fragen wünschte, sah er erwartungsvoll auf diese erste richtige Begegnung.

Der nächste Morgen wartete mit einer für Ipioca typischen Herbststimmung auf.
Feuchtigkeit lag über den Wäldern und Nebelfetzen geisterten durch die Bäume, während die ersten Strahlen der herbstlichen Sonne versuchten, die Feuchte zu trocknen und den Nebel aufzulösen.  Das Lager der Indianer erwachte mit seinen Tieren. Die Pferde schnauften im Korral und schüttelten sich, um den Tau aus dem Fell zu bekommen.
Nashoba warf Holz auf das niedergebrannte Feuer und fachte die Flammen erneut an. Der anbrechende Tag versprach Antworten auf seine Fragen. Nashoba erwartete neben den Informationen, die ihm die Heilerin geben konnte auch mögliche Veränderungen, die ihre Anwesenheit mit sich bringen mochte.
Entscheidungen würden getroffen werden müssen.
Was konnte einen solchen Tag besser vorbereiten als eine Reinigung der Gedanken, eine Meditation?
Der Minági sammelte seinen Geist und versetzte sich in seiner Vorstellung an einen versteckten Platz in den Bergen, an dem er gerne war, wenn er klar denken und Entscheidungen treffen musste. Er stellte sich vor, wie sich von jener hohen Klippe aus das Land vor ihm entfaltete. Das Land, für das er vor vielen Jahrzehnten als Erster der Wolfsmagier die Verantwortung übernommen hatte. Das Land, für dessen Wohlergehen er sich mit seiner Magie und seinem Leben verbürgt hatte.
Im Geist  hob er nun seinen Blick in den Himmel. Mit dem Land zu Füßen und dem Himmel vor Augen, so glaubte er, würde er sich nie überschätzen oder sich selbst zu wichtig nehmen. Land und Himmel waren es, die ihn rechtfertigten und nur für das Land und seine Menschen wollte er da sein, auf keine andere Weise würde er seinem Platz als Minági gerecht werden.
Nashoba hob die Hände mit einer geheimen Formel und die Magie floss wie ein tiefer Atemzug durch seinen Körper. Er fühlte sich erfrischt und eins mit sich selbst, als er sich erhob, um sich dem kommenden Tag zu stellen.
Während der Minági mit seiner Magie Ruhe und Frieden über dem Lager und Land beschwor, hatte auch Solinacea Kraft aus ihrer Magie gezogen.
Nachdem sie sich  den vergangenen Tag über ausgeruht und erholt hatte, war sie nun stark genug, um den Selbstheilungsprozess ihres Körpers magisch zu vollenden. Sie verließ mit einem schweigenden, aber freundlichen Gruß an Onatah das Tipi der Frauen und begab sich zu dem nahen Bach, wo sie niederkniete und Wasser schöpfte. Sie trank und berührte danach mit Händen und nackten Knien die morgendlich kalte Erde.
Mit einem magischen Flüstern begann sie Energie aus dem Erdboden zu ziehen und daraus Kraft zu gewinnen.
Dies war eine für die Dakoranerinnen typische Art, neue Stärke zu gewinnen. Sie nutzten sie häufig, wenn sie nach der Ausübung ihrer magischen Heilungen geschwächt waren oder eine besonders kräftezehrende magische Handlung bevorstand. Energie konnte aus vielerlei natürlichen Dingen gewonnen werden. Aber die Erde und die Bäume waren die zuverlässigsten Quellen aller Heilerinnen und so nutzte sie Solinacea an diesem Morgen, um sich zu stärken.
Sie zog die Erdenergien vorsichtig zu sich heran, grüßte die Erde dabei und dankte ihr im Stillen für die Gabe, die sie ihr entnahm. Sie konzentrierte sich vollständig auf den Fluss der Magie.
Während sie die neuen Kräfte in sich aufnahm,  erklomm ein sanftes Leuchten der Aura um sie, welches sie im dämmrigen Schein der trüben Morgensonne wie ein weiches Licht zu durchstrahlen schien.

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