Überraschendes Wiedersehen

Schwache Sonnenstrahlen, die auf mein Gesicht fielen, weckten mich sanft. Über mir hörte ich das Kreischen eines großen Vogels und ein eisiger Wind fuhr über meine Haut. Vorsichtig öffnete ich meine Augen. Heute war etwas schöneres Wetter, als die letzten Tage.
Ich entdeckte bloß wenige Wolken am Himmel, die die Sonne verdeckten. Dennoch war es kalt und meine Glieder fühlten sich steif und schwer an. Eiskristalle hatten sich über Nacht an den Grashalmen gebildet, welche in der Sonne glitzerten.
Holly schlief noch friedlich in meinen Armen. Ihr Atem stieg als Nebelwolke vor ihr auf. Ihre Wangen waren durch die Kälte leicht gerötet und ihre Lippen waren unverändert blau.
Am Liebsten hätte ich sie weiter schlafen lassen, aber ich musste sie wecken. Erstens sollte sie so schnell, wie möglich, wieder zurück in ihr warmes Haus und zweitens wollte ich es vermeiden, dass es Jamie und Olivia auffiel, dass Holly verschwunden war.
Daher rüttelte ich zart an ihrer linken Schulter. Es dauerte nicht lange, bis sie ihre Augen aufmachte. Mühevoll richtete sie sich auf und gähnte. Dann schweifte ihr Blick zu mir.
„Warum hast du mich geweckt, James?“, fragte sie mich verschlafen.
„Weil ich nicht zusehen will, wie du erfrierst“, entgegnete ich ernst und strich ihr die Haare weg, die ihr ins Gesicht gefallen waren.
„Ich erfriere schon nicht. Du hälst mich doch warm“, neckte sie mich und gab mir einen innigen Kuss. Ihre Lippen waren eiskalt.
„Trotzdem ist es besser, wenn ich dich jetzt nach Hause begleite. Für meinen Geschmack bist du schon viel zu lange hier draußen. Hoffentlich wirst du nicht krank.“ Mir war bewusst, dass ich wie ein besorgter Vater klang. Holly fing an zu kichern.
„Nach nur einer Nacht, die ich draußen verbracht habe, werde ich nicht krank, James“, meinte sie immer noch lachend. Sie nahm meine Hände und küsste mich erneut. Wie jedes Mal, wenn unsere Lippen sich berührten, fuhr ein Blitz durch meinen Körper und in mir breitete sich ein wohliges Gefühl aus.
„Aber irgendwann musst du nach Hause, schließlich wissen dein Onkel und Olivia nicht, dass du weg bist.“ Gespielt genervt verdrehte sie die Augen.
„Mich interessieren die Beiden momentan überhaupt nicht“, hauchte sie. Anschließend fuhr sie mir zärtlich durch die Haare und starrte mich an.
„Ich will noch nicht zurück. Ich will einfach bei dir sein und die gemeinsame Zeit genießen. Ich will nicht an meine Verpflichtungen oder an irgendetwas anderes denken.“ Dies sagte sie in einem merkwürdigen Ton, denn ich nicht bestimmen konnte. Dann senkte sie ihren Kopf.
„Ich verstehe das, Holly.“ Ich hob ihr Kinn mit meiner rechten Hand an. „Von mir aus können wir noch ein bisschen hier sitzen bleiben.“ Ein freudestrahlendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
„Danke“, flüsterte sie mir zu und kuschelte sich an mich.

Es vergingen weitere Wochen, ohne besondere Vorkommnisse. Jeden Tag hatte ich Holly zur Schule begleitet und auf sie aufgepasst. Es wunderte mich, dass keiner meiner Ex-Kollegen aufgetaucht war und ich fragte mich, warum Patton angerufen hatte. Er hatte sich durch den Anruf selbst ins Fleisch geschnitten, weil er mich gewarnt hatte.
Aber vielleicht war es nur eine Taktik der Killer, auch wenn mir nicht klar war, warum sie so vorgingen. Immer wenn ich alleine war, zerbrach ich mir den Kopf über meine Ex-Kollegen. Holly erzählte ich nichts davon, schließlich wollte ich sie damit nicht zusätzlich belasten. Sie machte sich schon genug Sorgen.
Mich machte es beinahe wahnsinnig, dass sie sich nicht sehen ließen. Es war nicht so, dass ich es unbedingt auf einen Kampf mit ihnen anlegte, doch ich wollte jeden von ihnen töten. Das konnte ich aber nicht, wenn sie sich versteckt hielten.
Noch tief in Gedanken versunken stand ich vor Hollys Haus und wartete darauf, dass sie, wie jeden Morgen, um dieselbe Uhrzeit herauskam. Zum Glück trafen wir uns immer zehn Minuten bevor Linda kam. So hatten wir zumindest ein bisschen Zeit für uns, ohne, dass ich mir das ständige Gemecker ihrer Freundin anhören musste. Auf einmal ging die Tür auf und Holly kam auf mich zugeeilt. Ohne Krücken. Ich machte große Augen.
„Guck mal, James. Mein Knöchel ist wieder heil“, frohlockte sie mit hoher, quietschender Stimme. Sie hopste vor mir herum, um mir ihre Genesung zu demonstrieren.
Dabei lächelte sie von einem Ohr zum Anderen. Holly stellte sich auf die Zehenspitzen und gab mir einen zärtlichen Kuss. Danach sprang sie weiter. Ihre Ausgelassenheit war ansteckend und auf einen Schlag waren die Gedanken an meine Ex-Kollegen wie weggeblasen.
„Du sollst deinen Knöchel doch nicht belasten, Holly. Du weißt, was der Arzt gesagt hat.“
Jamies strenge Stimme bebte zu uns herüber. Er stand in der Tür und bedachte mich mit einem argwöhnischen Blick. Wahrscheinlich gab er mir die Schuld, dass seine Nichte ihren Knöchel zu sehr belastete, obwohl der Arzt es verboten hatte.
Trotz seiner Unfreundlichkeit und mit dem Hintergedanken, dass er mich aus dem Haus geschmissen und somit in die Kälte geschickt hatte, hob ich eine Hand und begrüßte ihn höflich. Jamie verzog keine Miene.  
„Dein Onkel ist ja wieder richtig gut gelaunt“, sagte ich leise zu Holly. Sie zuckte bloß mit den Achseln.
„Beachte ihn nicht weiter“, entgegnete sie. Dann ging sie ins Haus zurück, um ihren Rucksack, der im Flur stand, zu holen.
„Wir fahren dann los, Jamie.“ Zum Abschied schloss sie ihren Onkel kurz in die Arme.
„Versprich mir, dass du aufpasst und deinen Knöchel nicht zu sehr in Anspruch nimmst“, forderte er mit zusammengeschobenen Brauen.
„Ich verspreche es“, seufzte sie entnervt. Als sie sich von Jamie abgewandt hatte, verdrehte sie die Augen. Ich musste mir das Grinsen verkneifen.
Holly schloss die Tür, stellte sich neben mich und nahm meine linke Hand. Sie schmiegte sich an mich.
„Hach, endlich bin ich diese dämlichen Krücken los. Du hast ja gar keine Vorstellung davon, wie erleichtert ich bin.“
„Und du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass ich jetzt nicht mehr mit Linda in einem Auto fahren muss.“ Das eben noch unterdrückte Grinsen umspielte plötzlich meine Lippen. Holly sah mich an. Ihr Blick war eine Mischung aus Verständnis und Strenge.
„Reden wir nicht über Linda. Wir sollten los.“ Gehetzt starrte sie auf ihre Uhr.
„Ich bin spät dran.“ Holly hastete die Verandatreppe herunter. Mich zog sie einfach hinter sich her. Schnellen Schrittes gingen wir zu ihrem Ford, der in der Auffahrt geparkt war.
„Wenn du spät dran bist, dann sollte ich besser fahren“, schlug ich vor, als Holly mit dem Autoschlüssel hantierte. Ihr Kopf schnellte nach oben.
„Willst du damit andeuten, dass ich langsam fahre?“, fragte sie aufgebracht.
„Ja, klar.“
„Danke“, sagte sie beleidigt und öffnete die Fahrertür. Sie wollte gerade einsteigen, als sie in der Bewegung innehielt. Kurz schweifte ihr Blick zu ihrer Uhr und dann zu mir. Nach einer Minute schnaubte sie laut.
„Na schön“, sie warf mir den Schlüssel zu, den ich mit einer Hand auffing. „Du darfst fahren.“ Holly ging um den Ford herum und blieb vor mir stehen.
„Das wirst du nicht bereuen“, meinte ich glücklich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Das hoffe ich“, brummte sie. Ich öffnete die Tür und hielt sie ihr galant auf. Holly stieg ein, dabei schaute sie mich warnend an. Sie wollte, dass ich ordentlich fuhr, doch das kam für mich nicht in Frage. Voller Vorfreude stieg ich ebenfalls ein und startete das Auto. Zwar war Hollys gebrauchter Ford nicht annähernd so schnell, wie meine Suzuki, aber mir war es egal. Die Hauptsache war, dass dieses Teil einen Motor besaß.
Ich schaute nach hinten und legte den Rückwärtsgang ein. Ich wollte schon losfahren, als Holly ihre linke Hand auf meine Rechte legte, die noch immer auf dem Schaltknüppel lag.
„Bitte, bitte, bitte fahr vernünftig, James“, flehte sie. In ihrer Stimme hörte ich einen Anflug von Panik.
„Keine Angst, Holly. Du kannst mir vertrauen. Ich fahre vorsichtig genug, schließlich will ich nicht, dass dir etwas passiert“, entgegnete ich gelassen und ignorierte ihre ängstliche Miene. Meine Worte schienen ihre beruhigende Wirkung bei ihr zu verfehlen.
Ich fuhr auf die Straße und gab sofort Gas. Hollys Hand, die unverändert auf meiner lag, verkrampfte sich. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie angespannt und stocksteif sie neben mir saß. Ich beschleunigte und raste mit quietschenden Reifen um die nächste Kurve. Durch meine Adern schossen Unmengen von Adrenalin. Ich lächelte. Dieses unbeschreibliche Gefühl hatte ich so sehr vermisst. Mein Lächeln wurde breiter, als ich eine rote Ampel überfuhr. Holly schnappte nach Luft.
Die Landschaft zog in Form von farbigen Blitzen ans uns vorbei. Ich fühlte mich wie in einem Traum, denn ich glaubte zu schweben. Mein Kopf war völlig frei von allen negativen Gedanken, die mich die letzten Tage beschäftigt hatten. Für einen Augenblick schloss ich meine Augen.
Lautes Hupen und ein markerschütternder Schrei rissen mich gewaltsam aus meiner Trance. Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass wir gerade ungebremst eine stark befahrene Kreuzung überquerten. Ich trat aufs Gaspedal und lenkte blitzschnell an den herannahenden Autos vorbei. Holly krallte sich in ihren Sitz und kreischte.
Konzentriert fuhr ich in die nächste Nebenstraße und hielt an. Obwohl ich das Risiko liebte, raste mein Herz wie wild. Jeder Herzschlag pochte mir in den Ohren. Ich war zu weit gegangen. Ich hatte nicht aufgepasst, so, wie ich es Holly eigentlich versprochen hatte. Durch mein unüberlegtes Handeln hatte ich leichtsinnig ihr Leben riskiert. Ich hätte sie umbringen können. Ich drehte mich zu Holly. Ihr Gesicht war leichenblass und sie zitterte. Unentwegt starrte sie geradeaus und hielt die Luft an.
„Holly?“ Fragend sah ich sie von der Seite her an. Ich schnallte mich ab und beugte mich zu ihr herüber. Ich wollte sie in den Arm nehmen, doch sie legte ihre linke Hand auf meinen Brustkorb und stoppte mich. Apathisch schüttelte sie den Kopf.
„Nein“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Nein.“
Frustriert setzte ich mich zurück auf meinen Platz. Was war bloß in mich gefahren? Wieso hatte ich einen solch fatalen Fehler begangen?
„Soll ich weiterfahren?“, fragte ich sie unsicher. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte.
„Nein“, antwortete Holly. Nein schien das Einzige zu sein, was sie in diesem Augenblick sagen konnte. Ich entschied mich erstmal den Mund zu halten.
Urplötzlich schnallte sich Holly mit unbeholfenen und hektischen Bewegungen ab. Beinahe panisch öffnete sie die Beifahrertür und stieg aus. Ich schaute nach draußen und beobachtete, wie sie sich mit dem Rücken an den Ford lehnte und sich dann nach unten gleiten ließ. Jetzt konnte ich nur noch einen kleinen Teil ihres Haarschopfes sehen.
Ich legte meinen Kopf auf das Lenkrad und seufzte. In mir brodelte es, denn ich war wütend auf mich selbst. Wieso machte ich ständig solche Dummheiten? Immer wieder hoffte ich, dass meine Ex-Kollegen uns nicht angriffen, damit Holly nicht verletzt oder gar getötet wurde, aber wie es aussah, würde ich bald diese Aufgabe erledigen. Holly war eindeutig sicherer, wenn ich nicht mehr in ihrer Nähe war. Zumindest nicht in nächster Zeit. Natürlich würde ich jeden Tag zu ihrer Schule gehen, aber ich würde mich sonst von ihr fernhalten, bis ich alle Killer getötet hatte.
Bei dem Gedanken, mich von ihr fernzuhalten, hatte ich das Gefühl, dass mir das Herz zersprang. In meiner Brust breitete sich ein überwältigender, kaum auszuhaltender Schmerz aus. Ich setzte mich auf und rang nach Atem. Auch wenn es mir schwerer fallen würde, als alles Erdenkliche dieser Welt, ich musste es tun. Ich hatte keine andere Wahl, denn es war zu Hollys Besten. Mit zittrigen Knien stieg ich aus und ging zu meiner Freundin herüber. Meine Nervosität stieg deutlich an.
Holly saß vor mir auf dem Bürgersteig und stierte ins Leere. Auf mich wirkte sie geistesabwesend.
„Holly?“ Beim Klang ihres Namens zuckte sie kaum merklich zusammen.
„Ich muss mit dir reden“, meinte ich mit sanfter Stimme. Zuerst reagierte sie überhaupt nicht. Sie sagte nichts und bewegte sich auch nicht. Aber dann, von einer Sekunde auf die Andere, sprang sie wie eine Furie auf, hastete an mir vorbei und ging zur Fahrertür.
„Was ist denn jetzt?“, fragte ich sie überfordert.
„Ich fahre allein zur Schule. Entweder kommst du zu Fuß nach oder du gehst zurück. Mir ist das völlig egal“, antwortete sie bissig.
„Aber ich muss mit dir reden“, widersprach ich und schnellte zu ihr. Sie öffnete die Tür, doch ich schlug sie gleich wieder zu. Holly warf mir einen dämonischen Blick zu.
„Wir reden später, James“, knurrte sie. Ich wagte es nicht, sie weiter aufzuhalten und trat einen Schritt zurück. Sie stieg in den Ford und keine Minute später war sie bereits aus meinen Blickfeld verschwunden. Wie angewurzelt blieb ich stehen und sah zum Ende der Straße. Wir würden also später über meine halsbrecherische und unüberlegte Aktion reden. Das würde kein Vergnügen werden; für uns beide. Ich machte mich darauf gefasst, dass mich heute noch Hollys ganzer Zorn treffen würde, was durchaus verständlich war, denn ich hatte ihr Leben leichtsinnig aufs Spiel gesetzt.

Der Wind pfeifte und peitschte mir ungeschützt ins Gesicht. Ich war durchgefroren und mir tat jeder Knochen im Körper weh. Seit zwanzig Minuten lief ich durch die eisige Kälte und bahnte mir einen Weg zur örtlichen High School. Ich war gar nicht auf die Idee gekommen zu Hollys Haus zurückzukehren, da ich ihr versprochen hatte, auf sie aufzupassen.
Dieses Versprechen würde ich nicht brechen. Zu groß war meine Angst, dass meine Ex-Kollegen nur darauf warteten, dass ich Holly einen Tag nicht begleitete. Bei diesem Gedanken legte ich noch einen Schritt zu, obwohl ein tauber Schmerz mein ständiger Begleiter war.
Nach einer halben Stunde, die mir wie ein ganzer Tag vorgekommen war, sah ich in der Ferne die High School. Erleichtert grinste ich. Ich ging weiter bis zum Parkplatz. Dort schaute ich mich nach Hollys Ford um. Ich entdeckte ihn weiter hinten zwischen einem Peugeot und einem Skoda. Jetzt wusste ich, dass Holly sicher angekommen war. Sicherer, als sie es jemals mit mir als Fahrer sein konnte.
Niedergeschlagen schlenderte ich zu Hollys Auto, doch auf einmal blieb ich abrupt stehen, als ob ich eine unsichtbare Wand vor mir hätte, die mich am Weitergehen hinderte. In mir breitete sich ein mulmiges Gefühl aus, denn ich hatte etwas gesehen.
Mein Kopf schnellte nach links. Ich spitzte meine Ohren und ließ meine Augen über die geparkten Autos schweifen. Etwas stimmte nicht. Starr wie eine Salzsäule blieb ich stehen. Kein einziger Muskel regte sich. Es war wie eine Macht, die mich dazu zwang ruhig zu sein und nicht zu atmen. Das mir gut bekannte Kribbeln kehrte in meine Gliedmaßen zurück. Was hatte ich eben gesehen? Ich kannte die Reaktionen meines Körpers zu gut, als dass ich gesagt hätte, dass ich mich irrte.
Und plötzlich sah ich es schon wieder: ein glänzendes, helles Flackern. Ich kniff für einen Augenblick die Augen zusammen. Danach riss ich sie wieder auf und entdeckte endlich, woher dieses Flackern kam. Es gehörte einer kleinen Person, die mit einem royalblauen kurzen Mantel, einer schwarzen Hose und Stiefeln bekleidet war und sich als blonder Haarschopf herausstellte. Meine Miene verdunkelte sich, als ich mich der Person zuwandte.
„Emilia“, raunte ich und knirschte angestrengt mit den Zähnen. In meinem Innern flammte Wut auf, die ich nicht mehr lange kontrollieren konnte.
„Hallo, James“, sagte sie beinahe betrübt. Aus traurigen blauen Augen sah sie zu mir herüber. Dies war für mich das Zeichen zwei Schritte zurückzuweichen. Wenn ein Auftragskiller „traurig“ war, dann musste man verdammt vorsichtig sein, denn man konnte sich sicher sein, dass dieses Verhalten bloß ein Trick war.
„Du brauchst nicht von mir wegzugehen“, meinte sie enttäuscht. Sie legte den Kopf schräg und kam auf mich zu.
„Bleib sofort stehen“, ermahnte ich sie. Überraschenderweise kam sie meinem Befehl umgehend nach.
„Was willst du hier?“, fragte ich. Emilias Gesicht verzog sich schmerzhaft.
„Ich…ich wollte mich bei dir entschuldigen“, antwortete sie mir mit zittriger Stimme.
Diese Antwort hatte ich zwar nicht erwartet, dennoch konnte ich nicht an mich halten und brach in schallendes Gelächter aus. Das war das Witzigste, was ich jemals gehört hatte. Der heftig tosende Wind verschluckte mein Lachen.
„Du kannst mit den Spielchen aufhören, Emilia“, sagte ich ernst, nachdem ich mich beruhigt hatte. „Glaub ja nicht, dass ich dir dein falsches Getue abkaufe.“
„Ich sage die Wahrheit, James“, verteidigte sie sich empört. Ich hätte fast schon wieder angefangen zu lachen.
„Hör auf, du machst dich doch lächerlich“, spottete ich und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich konnte mir Emilias Verhalten nicht erklären. Wieso zog sie diese Nummer weiterhin durch, obwohl sie mir eindeutig etwas vormachte?
„Bist du alleine hier?“, fragte ich bitter. Verärgert presste ich fest meine Lippen aufeinander.
„Ja.“
„Du lügst“, fuhr ich sie scharf an. Die Wut in mir stieg stetig an und schnürte mir regelrecht die Luft ab. Ich ging auf sie zu und machte erst Halt, als mich bloß noch ein Meter von Emilia trennte. Ich konnte sehen, dass ihre sonst leuchtenden Augen trüb waren.
„ICH LÜGE NICHT.“ Jedes einzelne Wort betonte sie. Dann machte sie einen Schritt nach vorne und schaute zu mir herauf.
„Mir ist völlig egal, ob du tatsächlich hier bist, um dich zu entschuldigen. Ich will, dass du umgehend verschwindest und den Anderen kannst du ausrichten, dass sie es bereuen werden, wenn sie es wagen sollten sich Holly zu nähern“, raunte ich gefährlich und fletschte die Zähne.
„Reg dich ab.“ Beschwichtigend hob sie die Hände. „Ich bin nicht hier, um deiner Freundin etwas anzutun“, meinte sie überfordert.
Schockiert hatte sie ihre Augen aufgerissen, als ob die Idee, dass sie gekommen war, um Holly umzubringen, total abwegig sei.
„Ich bin gekommen, um mich dafür zu entschuldigen, dass ich dein Vertrauen missbraucht und dir in den Rücken gefallen bin“, presste sie gequält hervor. Ihre Worte lösten in mir gleichzeitig einen unsagbaren Zorn und heftigen Schmerz aus.
„Das ist wirklich witzig“, entgegnete ich nüchtern. Meine Miene war todernst.
„Als du mich damals in Hollys Haus mit einem Messer angegriffen und ohne Mitleid oder schlechtem Gewissen ihren Vater getötet hast, da kam es mir nicht so vor, als würde es dir leid tun.“ Emilia öffnete den Mund, aber ich sprach weiter.
„Dasselbe Gefühl hatte ich auch, als du an Halloween auf Holly geschossen hast.“
Automatisch ballten sich meine Hände zu Fäusten und mein Puls begann zu rasen. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass Emilia die Dreistigkeit besaß, hier aufzutauchen, um sich bei mir für ihren hinterhältigen Verrat zu entschuldigen. Hasserfüllt sah ich sie an.
„Ich weiß, dass ich mich falsch verhalten habe…“, nuschelte sie beinahe beschämt. Die Rolle der Mitleidenden hatte sie gut drauf, dass musste ich zugeben, doch langsam reichte es mir. Ich hatte es satt mit ihr zu reden, denn mich widerte ihr Verhalten nur noch an. Sie verschwendete bloß meine kostbare Zeit.
„Ich…“, setzte sie erneut an, aber ich unterbrach sie.
„Wenn du nicht augenblicklich von hier verschwindest, dann kann ich für nichts mehr garantieren“, fuhr ich Emilia scharf an.
„Ich rate dir mein Angebot anzunehmen, denn sonst ereilt dich dasselbe Schicksal, wie Henstridge.“
Möglicherweise war in mir noch ein Funken Gutmütigkeit für sie übrig, darum ließ ich ihr die Option zu gehen, solange sie noch die Chance dazu hatte. Mit Sicherheit hätte ich jeden anderen meiner Ex-Kollegen sofort angegriffen. Emilia konnte sich demnach glücklich schätzen, dass ich sie laufen ließ.
„Ich werde mich nicht wegbewegen, James“, erwiderte sie. Ich wunderte mich über ihre Entscheidung. Hatte sie mir überhaupt zugehört?
„Du müsstest wissen, dass ich kein Feigling bin.“ Auf ihrem Gesicht erschien ein herausforderndes Grinsen.
Offensichtlich war Emilia auf einen Kampf mit mir aus.
„Ich weiß, dass du kein Feigling bist, aber ich habe dich für klüger gehalten, Emilia.“ Ich versuchte meine Stimme ruhig klingen zu lassen, doch wirklich gelang es mir nicht, was mich ungemein ärgerte. Emilias Lippen kräuselten sich, als sie ihren Kopf neigte.
„Warum fällt es dir so schwer mir zu glauben und meine Entschuldigung anzunehmen?“, fragte sie ungläubig. Ich schnaubte empört. Hatte sie etwa die Gründe, warum ich ihr niemals vergeben konnte, schon vergessen?
„Ich warne dich nicht noch einmal, Emilia“, blaffte ich sie aufgebracht an. Ich ging nicht auf ihre Frage ein, weil ich keine Lust mehr hatte mich mit ihr zu unterhalten. Und ich spürte, dass, langsam aber sicher, der kleine Rest an Gutmütigkeit in sich zusammenschrumpfte.
„Ich brauche nicht gewarnt zu werden. Ich will nicht mit dir kämpfen, James. Sieh das doch ein.“ Emilia fuhr sich durch die glänzenden blonden Haare.
„NEIN“, brüllte ich und wandte mich von ihr ab. „Ich will dir nicht mehr zuhören, nie wieder. Alles, was du sagst, ist eine Lüge. Als ich dir damals vertraut habe, habe ich den größten Fehler meines Lebens begangen. Also verschwinde jetzt, sonst töte ich dich auf der Stelle.“ In diesem Moment überkam mich eine Welle flammenden Zorns.
Meine Haut brannte förmlich und war brühend heiß. Mein Körper wollte mir damit das eindeutige Zeichen gebe, dass er zum Töten bereit war.
Emilias sonst so freundliches Gesicht verzog sich zu einer hässlichen Grimasse.
Urplötzlich hörte ich ein hohes langanhaltendes Schrillen. Zuerst konnte ich dieses Geräusch beim besten Willen nicht einordnen, aber dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: das war die Schulglocke. Der Unterricht war beendet und gleich würden die Schüler nach draußen stürmen, mit ihnen auch Holly.
Schlagartig wurde ich panisch. Emilia sollte nicht in Hollys Nähe sein, auch wenn ich hier war. Die Anwesenheit eines Killers war immer gefährlich.
„Geh jetzt“, zischte ich.
„Das kannst du vergessen, James. Ich gehe erst, wenn du mir zuhörst, ohne mich anzuschreien“, sagte sie energisch. Sie wollte einfach nicht locker lassen.
„GEH“, schrie ich und achtete nicht auf ihre Worte. Emilia stemmte die Hände in die Hüften und schaute mich trotzig an. Mir dämmerte, dass sie nicht verschwinden würde.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als ihr rechtes Handgelenk zu packen und sie hinter mir her zu zerren. Mein Griff war fest, sodass sie sich nicht so einfach losreißen konnte. Unerbittlich zog ich meine Ex-Kollegin über den Parkplatz. Gemeinsam verließen wir das Schulgelände. Emilia rang hinter mir nach Luft, während sie mit aller Kraft versuchte ihr Handgelenk zu befreien. Sie war zwar eine erfahrene Killerin, doch sie war auch eine Frau, die weniger Kraft besaß, als ich.
„Lass mich los. Lass mich los“, jammerte sie ohrenbetäubend laut. Unberührt ging ich weiter, bis wir ungefähr hundert Meter von Hollys High School entfernt waren.
Ich blieb stehen, dachte aber gar nicht daran ihr Handgelenk loszulassen. Ich schaute zur Schule zurück und beobachtete genau, welche Autos wegfuhren. Angespannt wartete ich auf Hollys weißen Ford. Von hier aus konnte ich sehen, wenn sie jemand verfolgte. Ich glaubte Emilia nicht, dass sie alleine gekommen war.
„Lass mich sofort los, James.“ Emilias Ton wurde immer schärfer. Lange würde sie sich mein Verhalten nicht mehr gefallen lassen.
„Ich lasse dich erst los, wenn du mir versprichst, dass du von hier verschwindest und nicht mehr wiederkommst“, dröhnte ich, ohne sie anzusehen. Ich hielt den Atem an, denn Hollys Auto war noch nicht aufgetaucht. Für meinen Geschmack dauerte es viel zu lange.
Emilia wurde derweil ungeduldig, da sie mich nicht loswurde. Wütend fing sie an mich zu schlagen. Dabei war es ihr egal, welchen Körperteil sie von mir traf.
Anfänglich ertrug ich noch die Schmerzen, da ich sie kaum spürte. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt mich auf die wegfahrenden Autos zu konzentrieren. Nach etlichen Minuten sah ich endlich Hollys verdreckten Ford Focus Hatchback, der auf die Hauptstraße fuhr und dann aus meinem Sichtfeld verschwand. Dennoch senkte ich nicht meinen Blick. Aufmerksam sah ich die Straße hinauf. Zum Glück entdeckte ich keinen Wagen, der einem meiner Ex-Kollegen gehörte.
Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen und in mir breitete sich ein befreiendes Gefühl. Aber plötzlich wurde dieses Gefühl von einem heftigen Schmerz überschattet, der meinen gesamten Körper in Besitz nahm.
Verärgert und gleichzeitig irritiert widmete ich mich Emilia, die wild um sich schlug und trat. Ihre schulterlangen Haare schnitten durch die Luft und ihre Wangen waren rosa.
Seit meine Aufmerksamkeit nicht mehr allein auf Hollys Sicherheit lag, drangen die Schmerzen, die sie mir zugefügt hatte, erst zu mir durch.
„Lass das sein, Emilia“, sagte ich ziemlich gelassen, dafür, dass sie mich verletzte.
„Du weißt, was du tun musst, damit ich aufhöre“, meinte sie hartnäckig und funkelte mich böse an.
„Wenn du nicht umgehend deine Hand von mir nimmst, dann bin ich gezwungen doch mit dir zu kämpfen.“
„Soll das eine Drohung sein?“, fragte ich spöttisch und zog eine Augenbraue in die Höhe. Ernst nickte sie. Dabei konnte ich ihrem Gesicht ablesen, dass sie inständig hoffte, dass es zu keiner ernsthaften Auseinandersetzung zwischen uns kam. Ich wusste nicht, was es war, aber etwas in ihren Augen zwang mich dazu ihr Handgelenk loszulassen. An der Stelle, wo meine Hand gewesen war, hatte sie einen tiefroten Abdruck.
„Danke“, flüsterte sie und rieb sich die schmerzende Stelle. Derweil blieb ich wie angewurzelt stehen und konnte mir nicht erklären, warum ich sie verschonte. Ich hatte Emilia mehrmals die Chance gegeben zu verschwinden, ohne, dass ich sie angriff. Was war nur in mich gefahren?
Seit Wochen dachte an nichts anderes, als mich an jedem Einzelnen von ihnen zu rächen und kaltblütig ihr Leben zu beenden. Jetzt stand einer von ihnen vor mir und ich tat nichts. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil ich Holly versprochen hatte sie zu beschützen und meine Ex-Kollegen zu töten. Was in aller Welt hielt mich also davon ab Emilias Leben ein Ende zu bereiten? Unentwegt sah ich auf die kleine Person herab, als bekäme ich dadurch eine Antwort auf meine Frage.
Lag es möglicherweise daran, dass Emilia früher meine Vertrauensperson, ja sogar meine Freundin gewesen war? Sie war die Einzige gewesen, der ich all meine Sorgen und Gedanken anvertrauen konnte. Sie hatte ich immer als fröhlich, nett und aufmerksam empfunden, im Gegensatz zu den Anderen.
„Wirst du mir jetzt zuhören, James?“ Ihre Frage kam unerwartet. Kaum merklich zuckte ich zusammen. Mit ihren blauen Augen durchbohrte sie mich. In diesem Moment erinnerte sie mich unglaublich an Holly. Diese Augen waren ihren so ähnlich, dass ich beinahe glaubte, meine Freundin sei bei mir war und nicht meine Ex-Kollegin.
„Nein, ich will mir deine Lügen nicht mehr anhören, Emilia“, stöhnte ich entnervt. Empört schnappte sie nach Luft.
„Kannst du nicht einfach verschwinden, dafür, dass ich dich nicht getötet habe?“, fuhr ich unbeirrt fort.
„Ich werde nicht gehen, solange du mir nicht richtig zugehört hast“, blaffte sie mich an. Ich seufzte und massierte mir gestresst die Schläfen. Lange würde ich ihre Anwesenheit nicht mehr ertragen.
„Wenn du nicht gehen willst, dann gehe ich“, meinte ich verärgert ein paar Minuten später. Mir ging ihr ständiges Verlangen nach einer Unterhaltung gehörig auf die Nerven. Ich drehte mich um, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen.
„Du kannst nicht so einfach gehen“, beklagte sich Emilia, während sie mit ihren kurzen Beinen an mir vorbeihastete. Unbeeindruckt ging ich mit großen Schritten weiter. Emilia jappste, während sie angestrengt versuchte mich einzuholen.
Auf einmal trat sie mir mitten in den Weg. Abrupt blieb ich stehen, denn sonst wäre ich frontal in sie hineingerannt.
„Was soll der Unsinn?“, fragte ich gereizt. Vielleicht sollte ich das Verschonen von Emilias Leben noch einmal überdenken.
„Was fällt dir ein mich einfach stehen zu lassen?“ Ihr Tonfall klang überfordert. Als sie mich ansah, huschten ihre Pupillen hektisch hin und her.
„Und was fällt dir ein mich zu belästigen und dich bei mir zu entschuldigen, nach allem, was geschehen ist?“, konterte ich.
Mein Herzschlag war dermaßen schnell, dass ich das Gefühl hatte, dass mein Herz sich bald überschlug. Die Wut kehrte schlagartig zurück und ich musste um Fassung ringen.
„Ich sage es dir jetzt zum allerletzten Mal, Emilia: verschwinde von hier und zwar sofort“, presste ich hervor.
„Das ist also dein Ernst“, sagte sie wehleidig. Ihre Miene zeigte Enttäuschung und Schmerz zugleich.
„Ja“, entgegnete ich emotionslos.
„Na gut. Ich werde gehen, aber glaube ja nicht, dass ich bei unserem nächsten Treffen genauso nett sein werde. Heute ist der einzige Tag, an dem ich mich entschuldige und du die Chance hast diese Entschuldigung anzunehmen.“ Nach ihren Worten umspielte ein spöttisches Lächeln meine Lippen. Ich hatte mit meiner Vermutung Recht gehabt. Alles was sie gesagt hatte, war eine Lüge gewesen.
„Dann hoffe ich, dass wir uns bald wiedersehen, damit du mir dein wahres Gesicht zeigen kannst, Emilia“, erwiderte ich süffisant und mein Lächeln wurde noch breiter, obwohl ich innerlich vor Wut schäumte. Emilia tat gut daran, wenn sie augenblicklich verschwand.
„Also bis zum nächsten Mal, James“, raunte sie bissig und schaute mir ins Gesicht. Wenige Sekunden später schnaubte sie, ehe sie sich abwandte und davonging.

Tief atmete ich die saubere und frische Luft ein, als ich mich auf den Rückweg machte, schließlich wollte ich noch mit Holly sprechen. Kaum dachte ich daran, dass ich mich gezwungenermaßen bald von ihr trennen musste, da kroch ein unbeschreibliches Gefühl in mir hoch. Dieses Gefühl war jedoch alles andere als gut. Es war, als befänden sich tausende von kleinen Insekten in meinem Inneren und fraßen mich Stück für Stück auf. Auf einmal wurde mir speiübel und ich konnte regelrecht spüren, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich.
Ich ging gerade an einem üppigen Einfamilienhaus mit einer lindgrünen Fassade vorbei, als ich stehen bleiben musste.
Von einer Sekunde auf die Andere hatte sich mein Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert.
Mir schwirrte der Kopf und mein Puls raste. Ich fragte mich, ob ich es schaffen würde, mich von Holly fernzuhalten. Eigentlich kannte ich die Antwort ganz genau, aber das wollte ich mir keinesfalls eingestehen. Wie sollte ich ihr meine Entscheidung bloß beibringen? Ich hatte keine Ahnung, ob ich überhaupt ein Wort herausbekam, wenn ich vor ihr stand.
Kühler Schweiß bildete sich auf meiner Stirn und lief meine Schläfen entlang. Ich starrte in den Himmel. Ich hatte immer mehr Schwierigkeiten Luft zu kriegen. Die kommende Unterhaltung mit Holly würde zweifellos die Schwerste meines Lebens werden.
Hart schluckte ich, ehe ich mich dazu zwang, weiterzugehen. Meine Knie schlotterten bei jedem Schritt und ich fühlte mich stetig schwächer. Wieso ging es mir so schlecht? Ich presste die Hände gegen meinen Kopf, welcher gar nicht mehr aufhören wollte wehzutun. Zu allem Überfluss fing es auch noch an zu regnen. Zuerst waren es nur klitzekleine Tropfen, doch diese wurden immer dicker. Es dauerte nicht lange, bis meine Kleidung klitschnass und ich bis auf die Knochen durchnässt war. Mir wurde eiskalt und ich zitterte am ganzen Körper.
Ich bog in die Straße ein, in der Holly wohnte, als es über mir grollte. Zwischen den dichten, grauen Wolken bemerkte ich kurze, gleißende Lichtblitze. Ein Gewitter war im Anmarsch. Sogleich beschleunigte ich meinen Schritt und lief die letzten Meter zu Hollys Haus. Ich stand auf der Veranda, die zum Glück überdacht war. Im Erdgeschoss war überall Licht an. Obwohl ich bloß zwei Minuten gerannt war, brannten meine Lungen wie Feuer und ich musste röcheln.
Normalerweise war ich fit und konnte lange Strecken ohne große Anstrengung laufen, aber meine Gesundheit war noch nicht wieder hergestellt. Körperlich und seelisch erlitt ich bereits qualvolle Schmerzen, dabei hatte ich Holly nicht einmal offenbart, dass ich mich zu ihrem Schutz von ihr fernhalten wollte. Am Liebsten hätte ich mich vor diesem Gespräch gedrückt, doch ich hatte keine andere Wahl. Leise stöhnte ich, ehe ich an der Tür klingelte.
Keine Minute später öffnete Holly mir die Tür. Sie trug eine schwarze Jogginghose und einen dünnen, braunen Pullover. Ihre schwarzen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Als sie mich ansah, traf mich ein böser Blick.
„Was willst du hier, James?“, fragte sie mich zornig.
„Ich will mit dir reden“, entgegnete ich und versuchte ihre Feindseligkeit mir gegenüber zu ignorieren.
„Ich habe dir gesagt, dass wir später reden“, zischte sie. Sie wollte mir schon die Tür vor der Nase zuschlagen, aber das ließ ich nicht zu. Dreist stellte ich einen Fuß in die Tür.
„Es ist später, Holly“, meinte ich gelassen, drückte mit einer Hand die Tür auf und drängte mich an ihr vorbei. Meine nassen Klamotten hinterließen eine Spur aus Regentropfen auf dem Parkett. Hinter mir schnaubte Holly verächtlich.
„Können wir jetzt bitte miteinander reden?“ Ich konnte es nicht verhindern, dass meine Stimme flehend klang. Holly sah zu Boden. Sie schien mit ihrer Entscheidung zu kämpfen.
„Ich muss dir etwas wichtiges sagen, Holly“, sagte ich so leise, dass ich mir nicht sicher war, ob sie mich überhaupt gehört hatte.
„Gut, reden wir“, presste sie angestrengt hervor. Dann hob sie ihren Kopf und ihre Augen starrten in meine. Das Azurblau sprühte förmlich vor Verachtung, jedoch erkannte ich noch etwas anderes darin und zwar Verunsicherung.
Ohne ein weiteres Wort ging sie an mir vorbei und stieg die Treppe hinauf. Dabei kam sie so nahe an mir vorbei, dass mir ihr unverwechselbarer Duft in die Nase stieg. Ein unglaublich starkes Verlangen nach einem Kuss befiel mich. Ich hatte Mühe diesem Verlangen nicht nachzugeben.
Bevor ich ihr folgte, zog ich noch meine triefnasse Jacke aus und hing sie an die Garderobe. Ich hechtete nach oben, machte vor ihrer Zimmertür jedoch abrupt halt. Wenn ich ehrlich war, dann traute ich mich nicht zu ihr zu gehen. Ich war nicht dazu bereit, mich von Holly zu trennen, auch wenn dies notwendig war. Ich musste bereits eine ganze Weile draußen stehen, denn Holly tauchte im Türrahmen auf.
„Willst du noch weiter hier herumstehen oder kommst du jetzt rein?“, fragte sie geringschätzig.
Im ersten Augenblick war ich perplex und wusste gar nicht, was ich tun sollte, doch dann schob ich die nervigen Gedanken, die meinen Kopf füllten, ganz weit nach hinten und betrat ihr Zimmer.
Kaum hatte ich gehört, dass die Tür ins Schloss gefallen war, drehte ich mich um. Regentropfen, die noch immer an meiner Kleidung hafteten, fielen zu Boden. Langsam bildete sich unter mir eine Pfütze. Derweil lehnte Holly an der Tür und beäugte mich skeptisch. Trotz ihrer starren, emotionslosen Miene und der Wut in ihren Augen, konnte ich einfach nicht aufhören sie anzusehen. Mit großer Wahrscheinlichkeit lag es daran, dass ich ihren Anblick genießen und ihn fest in meinem Gedächtnis speichern wollte, schließlich würde ich sie für lange Zeit nicht wiedersehen.

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