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Linda, meine selbsternannte beste Freundin, kommt zwanzig Minuten nach Schulschluss aus ihrem Klassenraum geeilt und ich entferne mich von der Wand, gleich neben der Tür des gegenüberliegenden Raumes, an welcher ich gelehnt und geduldig gewartet habe.

»Ich hasse Herr Werner!«, beginnt sie direkt sich aufzuregen und rauscht an mir vorbei als wäre ich Luft. Verwundert folge ich ihr und habe Mühe mit ihrem schnellen Tempo schritthalten zu können. »Wirklich jeden Freitag überzieht der Alte«, schimpft sie weiter, »und quält uns mit seinem dämlichen Gelaber über irgendwelche Matheformeln, die ich als zukünftige Friseurin sowieso nicht gebrauchen kann. Anstatt er uns die letzten Stunden vor der Abschlussprüfung zufrieden lässt. Nein, lieber wiederholt er alles und unendlich mal. Kann der nicht endlich in Rente gehen?!«

Ich schweige, denn im Gegensatz zu ihr kann ich Herr Werner sehr gut leiden und finde seinen Unterricht überhaupt nicht schlimm. Er erklärt Lösungwege so oft und ausführlich, dass auch ich sie verstehe, obwohl ich in Mathe eher zu den Hoffnungslosen gehöre, aber dank ihm habe ich es immerhin stets auf eine glatte vier gebracht.

»Gott sei Dank ist endlich wieder Wochenende, die einzige Zeit in der Woche, in der ich mich auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren kann«, fährt sie dann fort und klingt wie ein vielbeschäftiger Mensch mitten im Berufsleben. »Wie zum Beispiel die Abschlussfeier in vier Wochen. Es gibt noch eine Menge zutun!« Während sie das sagt, zückt sie ihr iPhone und schenkt ihm nun all ihre Aufmerksamkeit. Bliebe ich jetzt einfach stehen oder würde tot umkippen, würde sie das nicht einmal mitbekommen. Dennoch folge ich ihr stumm durch den Gang in Richtung Hof und entdecke auf einmal ihren festen Freund Niklas, der an der linken Wand, gleich neben dem Sekretariat, lehnt und sich gerade mit zwei mir unbekannten Schülern unterhält.

Ich zögere erst, als ich aber heimlich auf den WhatsApp-Verlauf zwischen ihr und ihrer wahren besten Freundin Loana spähe, hebe ich meine Hand, um Linda anzutippen. 

»Da ist...«, will ich ihr höflich mitteilen und deute schon in seine Richtung, da beschleunigt sie plötzlich ihre Schritte, überholt mich so und läuft schnurstracks auf ihn zu. Perplex halte ich inne und beobache, wie sie bereits im nächsten Moment ihre Arme um seinen Oberkörper schlingt und ihm einen Kuss gibt. Einen, den er scheinbar gar nicht wollte und seinen Kopf leicht wegdreht, wodurch er mich bemerkt. Unsere Blicke treffen sich für eine Nanosekunde, bevor Linda ihn erneut küsst, was meine Existenz soweit in den Hintergrund rückt lässt, dass ich das Schulgebäude alleine verlasse.

 

So wie jeden Tag.

 

***

 

Bis zu mir nach Hause sind es acht Stationen mit dem Bus, welcher mir gerade vor der Nase wegfährt. Statt der zwanzigminütigen Wartezeit auf den Nächsten wähle ich lieber den Fußweg, der genauso lange dauert.

Während ich Schritt für Schritt über den Bürgersteig gehe, hole ich mein Smartphone aus meiner Tasche und drücke auf den Homebutton. Nach einem raschen Streichen schaue ich mir meine WhatsApp-Kontakte an, die nur aus Mamas, Papas und Lindas bestehen. Ziemlich mager und bei den Gruppen sieht es noch ärmer aus, weil ich in keiner einzigen bin. Zwar gibt es eine Gruppe, in der alle aus meiner Klasse drin sind, aber irgendwie habe ich es bis heute nicht geschafft Mitglied zu werden. Dies liegt wahrscheinlich einfach daran, dass ich mich nicht so wohlfühle wie es normalerweise der Fall sein sollte. Aber was ist an mir schon normal? Scheinbar nicht sehr viel, wenn ich den Worte anderer Menschen glauben schenken müsste... So gesehen brauche ich WhatsApp also gar nicht, aber so viel Glück wie ich habe, werde ich bestimmt genau dann danach gefragt, wenn ich es lösche und anschließend als Alien abgestempelt, weil ich ja dann einer der wenigen bin, die es nicht hat. Und wer in einem Umfeld nicht mit der Masse geht, ist automatisch komisch.

 

So wie ich.

 

***

 

Nachdem ich mein Handy wieder weggepackt habe, fährt plötzlich ein Wagen dicht neben mir her und bevor ich in Panik verfalle, was ziemlich schnell passieren kann, weil ich ein riesiger Angsthase bin, vernehme ich Lindas Stimme: »Wärst du vorhin gerannt, müsstest du jetzt nicht laufen.«

Ich erwidere nichts, sondern gehe einfach weiter.

»Sollen wir dich mitnehmen?«

»...Nein, danke.« Sonst fragst du mich doch auch nicht.

»Wir wollen Loana bei den Vorbereitungen für ihre Party helfen, die in ein paar Stunden beginnt, komm auch.«

Wozu? »Ich muss nach Hause, tut mir leid«, entgegene ich, ohne sie wenigstens für eine Sekunde anzusehen, was ziemlich unhöflich ist.

»Und was hast du dort so besonderes vor?«

Ich spüre wie meine Wangen erhitzen. Wieso fahren sie nicht einfach weiter?

»Jetzt sag mir nicht, dass du den Freitag mit Hausaufgaben vergeuden willst, obwohl du die auch morgen oder übermorgen selbst machen oder sogar noch Montagfrüh abschreiben könntest.«

Und von wem? Die Leute schreiben von mir ab, weil ich es nicht schaffe Nein zu sagen. »Ich möchte nicht mitkommen«, sage ich dann endlich und gehe sofort schneller.

»Linda, jetzt lass sie doch«, höre ich Niklas sagen und bin ihm dankbar für seine Worte, allerdings helfen sie mir nicht.

»Wie kann man nur so langweilig sein«, lästert Linda extra laut, was meinem Herzen und meinem kaum vorhandenen Selbstvertrauen gleichermaßen einen fiesen Stich versetzt, bei dem mir kurz die Luft wegbleibt.

Niklas gibt wortlos Gas und als sein Wagen um die nächste Ecke gebogen ist, setzten sich meine Beine ganz von alleine in Bewegung und ich tröste mich damit, dass es mir doch egal sein kann, was sie über mich sagt. Dass ich das Oberthema in der Kategorie Lästern bin, ist kein Geheimnis für mich. Ich lege halt keinen Wert darauf mit der Masse zu gehen. Dann bin ich halt ein langweiliger Mensch, das ist doch meine Sache und niemand sollte das Recht haben darüber zu urteilen. Und trotzdem kann ich meine Tränen nicht daran hindern über meine erhitzten Wangen zu kullern, weil es unglaublich wehtut nicht akzeptiert zu werden, obwohl ich in meinem gesamten Leben noch nie ein gemeines Wort über einen meiner Mitmenschen verloren habe.

 

Weil ich darin keinen Sinn sehe.

 

***

 

Völlig außer Atem erreiche ich mein Zuhause und warte einen Moment, bis ich wieder ruhig atmen kann. Mama und Papa sollen nicht merken, dass mich etwas belastet. Sie haben mit Sicherheit genug eigene Probleme, da müssen sie über meine nicht auch noch in Kenntnis gesetzt werden. Besser ich verstecke sie einfach ganz tief in meine Seele, dort findet sie garantiert niemals jemand, der Interesse daran zeigt sie zu suchen und das ist auch gut so.

Ich stecke den Haustürschlüssel ins Schloss und trete in das kleine Einfamilienhaus ein, in dem ich seit meiner Geburt lebe. Zu meiner Verwunderung kommt mir allerdings kein aufgedrehter Pekinesenrüde entgegen gesprungen, wie es sonst immer der Fall ist. Stattdessen vernehme ich die lauten Stimmen meiner Eltern, die um diese Zeit normalerweise noch nicht daheim sind, demnach muss etwas passiert sein. Rasch befreie ich mich von Jacke und Schuhe und gehe mit einem mulmigen Gefühl in Richtung des Lärms.

»Das kann doch nicht dein Ernst sein!«, höre ich Mama tränenertickte Stimme. »Wieso tust du uns das an?«

Vorsichtig stoße ich die nur angelehnte Tür des Wohnzimmers auf und mein Herz bleibt kurz stehen, als ich sie weinend auf dem Sofa kauern sehe. Papa steht vor ihr und fährt sich mit einer Hand durchs Haar, bevor er antwortet:

»Hätte ich dich etwa im Ungewissen lassen sollen? So wie es andere Männer tun und ihrer Familie eine heile Welt vorspielen, in Wirklichkeit aber seit Jahren eine zweite gegründet haben? Hätte dir das besser gefallen, anstatt die Wahrheit früh genug zu erfahren? Oder wärst du lieber dafür gewesen ich hätte dich direkt betrogen

»Was anderes tust du doch nicht, Klaas!«

»Noch bin ich nicht mit ihr zusammen! Ich wollte erst...«

»...mit mir darüber sprechen? Das macht doch keinen Unterschied mehr. Schon als du dich für sie entschieden hast, hat unsere Ehe das Zeitliche gesegnet.« Mama schluchzt bitterlich und ich spüre den Impuls einfach zu ihr zu eilen.

»Sybille...« Papa ringt mit den Worten und wirkt verzweifelt.

»Wieso hast du mich überhaupt geheiratet, wenn ich dir nicht gefalle? Etwa nur, weil ich da noch 15 Jahre jünger war?«

»Das...«

»Und Veronique? Sie ist doch deine Tochter! Was glaubst du, wird sie denken, wenn sie erfährt, dass es eine andere Frau gibt, die du mehr liebst und mit der du Kinder zeugen willst? Dass du sie nie gewollt hast?«

»So ein Unsi-!« Papa verstummt abrupt und starrt zur Vitrine neben sich, in deren Scheibe ich mich spiegle. Mittlerweile habe ich die Wohnzimmertür nämlich so weit aufgedrückt, dass ich hinter ihr nicht mehr im Verborgenem bin. Auch Mama bemerkt mich nun und erhebt sich.

»Vero...«, flüstert sie und kommt langsam näher. Ich hingegen schweige - wie immer - und hasse mich so sehr dafür, denn nicht einmal in dieser Situation, die das plötzliche Aus für unser heiles Familienleben zu bedeuten scheint, schaffe ich es zu sagen. was ich mir auf der Zunge liegt. Stattdessen fließen stumm Tränen über meine Wangen, da ist Mama auch schon bei mir. Sie nimmt mich fest in den Arm und streicht beruhigend über mein blondes Haar.

»Lasst ihr euch scheiden?«, höre ich mich unerwartet wimmern und hätte es nie für möglich gehalten diese Worte eines Tages auszusprechen. Ich weiß, dass viele meiner Mitschüler nur bei einem Elternteil leben, aber dass das nun auch mich betreffen soll, will ich nicht glauben.

»Liebes...« Mama drückt mich fest an sich und ich sehe im Augenwinkel, dass Papa wortlos an uns vorbeigeht und den Raum verlässt. Wenige Sekunden später fällt die Haustür ins Schloss und sogleich breitet sich eine unangenehme Stille aus, die uns rasch umhüllt.

»Wie lange hast du schon zugehört?« Mama weint ungehemmt, sodass ich erst nicht verstehe, was sie mich fragt. Als ich es doch tue, reagiere ich aber nicht, sondern gewähre neuen Tränen über mein nasses Gesicht zu strömen.

Genauso verbleiben wir zwei eine gewisse Zeit, bis uns ein Geräusch aus unserer Starre befreit. Flokati, mein Pekinesenrüde, tapst männchen machend um uns herum und winselt dabei kläglich. Ich löse mich von Mama und knie mich hin, kraule sein weiches Fell, während er versucht auf meine Oberschenkel zu springen.

»Nicht so lange, glaube ich«, antworte ich dann endlich und Mama geht zurück zum Sofa, nimmt Platz und greift nach einer auf dem Couchtisch liegenden Taschentuchpackung.

»Ich weiß nicht, ob wir uns scheiden lassen«, beantwortet sie dann meine Frage und ihre Stimme ist nur ein Flüstern. »Vielleicht regelt sich das noch irgendwie.« Sie hofft, dass alles gut wird. Sie klammert sich ganz fest daran und zwingt sich zu einem Lächeln, obwohl ihre glasigen Augen etwas anderes sagen. »Hast du Hunger?«, wechselt sie dann etwas unbeholfen das Thema, doch ich schüttle meinen Kopf.

»Nein, ich mache lieber erstmal Hausaufgaben.« Ich stehe auf und verlasse das Wohnzimmer, ehe ich die Treppe hoch in mein Zimmer gehe. Doch statt mich diesen zu widmen, heule ich zunächst nur für mich weiter. Dabei denke ich über mein Leben nach und dass ich nie richtig glücklich bin und außer Mama und Flokati sonst niemanden habe. Ich bin mir sicher der einsamste Mensch auf Erden zu sein. Mit fast 15. Das ist so erbärmlich, aber in Freunde finden war ich noch nie gut. Nicht mal in der Grundschule. Ich bin ein sonderbarer Mensch, in allem. Mein Auftreten, mein Verhalten, meine Gedanken. All das ist nicht normal. Und obwohl ich das weiß, ändere ich nichts, nein, lieber bleibe ich wie ich bin, weil man sich ja nicht exra für andere verstellen soll.

 

Aber das scheint ein großer Fehler zu sein.

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