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Völlig ausgelaugt und erledigt bog ich in die schmale Einfahrt, die zu Lisas Reihenhäuschen am Ortsrand von Kreuzlingen gehörte. Die Fahrt in die Nacht hinein hatte mich mehr angestrengt, als ich mir eingestehen wollte.
Irritiert schaltete ich den Motor aus. Er erstarb stotternd. Totenstille umfing mich augenblicklich, schließlich hatte mein Autoradio schon vor Monaten seinen Dienst quittiert.
Sollte nicht Licht im Haus brennen? Lisa wusste doch, dass ich kommen würde!
Schlief sie etwa schon? Oder war sie unterwegs? Mitten in der Nacht?
Meine Gedanken rasten. Klar, Lisa war schon immer eine Nachteule und ein Partygirl gewesen. Außerdem war Freitag ... Aber sie wusste doch, dass ich kommen würde!
Traurig und enttäuscht sank mein Kopf auf das kalte, harte Lenkrad und ich begann zu zweifeln. Hätte ich bleiben sollen? Müssen? Einfach in ein Hotel gehen, gemütlich ausschlafen und am nächsten Morgen neu überlegen? Aber ich, ich war gleich Hals über Kopf wie eine Irre weit mehr als hundert Kilometer quer durch die Schweiz gedüst! Nur um einfach vor allem davonzulaufen? Oder hätte ich gleich an Ort und Stelle alles beenden sollen?
Müssen?
Erschöpft richtete ich mich wieder auf, raufte mir die Haare und starrte missmutig auf die dunkle Haustür. Vielleicht hatte ich den magischen Blick und die Tür würde sich auf wundersame Weise öffnen.
Was diese überraschenderweise auch tat. Allerdings weniger durch meine telekinetischen Kräfte, als durch die Hände meiner besten Freundin, die im Halbdunkel des Türrahmens erschien.
Gerade hatte ich mich zum herkömmlichen Benutzen der Türklingel durchgerungen und starrte Lisa deshalb irritiert an. Nur verlor sie immer mehr an Schärfe. Ihre Silhouette verschwamm zu einem verwischten Schatten ihrer selbst. Heiße Tränen rannten in Sturzbächen meine Wangen hinab und tropften klatschend auf meine Jeans.
Lisa schaltete das Außenlicht an und ich kniff geblendet meine verheulten Augen zusammen. „Scheiße, mach das Licht aus!“, fluchte ich in die Stille des Autos. Nur schemenhaft erkannte ich, wie meine Freundin die fünf Schritte zu meinem Auto hinunter hastete. Ich spürte es mehr, als dass ich sah, wie sie schwungvoll die Fahrertür meines alten Beetles aufriss.
„Mensch Kristine! Gott sei dank bist du jetzt da!“ Ihre Miene hellte sich auf und die Erleichterung war unübersehbar. „Ich war schon halb auf dem Sofa eingepennt, als ich endlich deine Karre in der Einfahrt gehört habe.“ Sie zerrte mich aus dem Auto und schloss mich fest in ihre Arme. „Jetzt komm erst einmal rein! Möchtest du einen Kaffee?“ Sie schob mich leicht aus ihrer Umarmung und sah mich erwartungsvoll an.
Trotz der Tränen und des grellen Lichts, das mich schier hatte erblinden lassen, schlich sich ein zaghaftes Lächeln auf mein Gesicht. Mitten in der Nacht kreuzte ich völlig aufgelöst und ohne eine Erklärung bei ihr auf, und sie bot mir einen Kaffee an! Bevor sie auch nur irgendetwas fragte! „Ja, gern“, schniefte ich und wischte mir mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. „Wie in alten Zeiten, oder?“
Es war, als würden wir immer noch zusammen im Studentenwohnheim wohnen. Damals hatte Lisa ein winziges Zimmer ein Stockwerk unter mir bewohnt. Nur war es zu der Zeit meist umgekehrt gewesen. Sie kam mitten in der Nacht von irgendeiner Party und brauchte ‚dringendst‘ einen Kaffee. Entweder gegen den Schwips, die Müdigkeit oder ihren Liebeskummer.
Kaffee war schon damals unser Allheilmittel gewesen. Und den Status des Kaffeejunkies wollte ich nicht aufgeben.
Kommentarlos ergriff Lisa meine Hand und zog mich mit ins Haus. Langsam schleppte ich mich ihr bis in die Küche hinterher. Sie sah so bezaubernd aus wie eh und je. Ein bisschen neidisch war ich immer noch. Schon immer gewesen. Sogar in diesen Wohlfühlklamotten, die man nicht zwingend als figurbetonend bezeichnen konnte, machte sie eine gute Figur. Groß, schlank, Traummaße und diese beneidenswerten braunen Locken. Nur das knallbunte Haarband, das früher ihr Markenzeichen war, um ihre Lockenmähne zu bändigen, war inzwischen verschwunden.
Ich zog mir einen kleinen, wackeligen Hocker unter dem Küchentisch hervor. Fast lautlos quietschte er über den Boden. Lisa stand mit dem Rücken zu mir an der Spüle und drehte gerade den rauschenden Wasserhahn ab. Sie angelte geübt die Kaffeedose aus dem hohen Küchenschrank, faltete raschelnd eine Filtertüte und füllte sorgsam Kaffeepulver in den hellbraunen Kaffeefilter.
Und schwieg. Leise begann der Wasserkocher zu klackern.
„Wie ich sehe, magst du immer noch keinen Maschinenkaffee“, brach ich die gespenstische Stille zwischen uns. Meine Stimme dröhnte in dem kleinen Raum. „Auch Per scheint dich nicht überzeugen zu können ... Ist er nicht da?“ Ich wartete insgeheim schon die ganze Zeit darauf, dass die Küchentür aufgestoßen wurde und Lisas Freund uns mit seiner unbeschwerten Art Gesellschaft leistete.
„Du lenkst ab“, entgegnete Lisa und drehte sich zu mir um. Ihr schokoladenbraunen Augen wanderten musternd über mein Gesicht und bewirken, dass ich unwohl auf dem Hocker hin und her rutschte wie ein kleines Kind, das heimlich Süßigkeiten genascht hatte. Sie war immer schon sehr direkt gewesen. Aber musste sie es heute unbedingt sein?
Der Wasserkocher rauschte ohrenbetäubend und spuckte fauchend heißen Dampf aus. Dass er immer noch funktioniert, überraschte mich. Schließlich hat er uns schon zu Studienzeiten treue Dienste geleistet. Mit einem dumpfen Klicken stellte er seine Arbeit für den Moment ein und Lisa wandte sich wieder dem Kaffeefilter zu. Zischend goss sie einen großen Schluck heißes Wasser auf und wartete, bis der erste Schwall durchgesickerte war. Normalerweise würde sie jetzt erklären, dass diese Methode das Kaffeearoma besser entfalten ließe. Doch heute war nicht normal. „Aber um deine Frage zu beantworten, nein, Per ist nicht hier. Er tritt heute mit seiner Band auf“, meinte sie kühl. Aber es klang ausweichend.
Der verführerische Duft des Kaffees erreichte mich, dennoch nahm ich ihn gar nicht wirklich wahr. „Und du wolltest nicht dabei sein?“ Ungläubig starrte ich ihren Rücken an. Die beiden waren doch ein Herz und eine Seele und klebten aneinander wie Pech und Schwefel! Außer sie stritten. Wie häufiger. „Ist alles in Ordnung?“
Lisa seufzte und drehte sich zu mir um. Ihre hochgezogenen Augenbrauen sprachen Bände. „Ich wäre dabei, hättest du nicht angerufen.“
„Oh.“ Darauf hätte ich selbst kommen können! Betreten starrte ich auf die hellbraune Tischplatte. Natürlich. Sie hatte sich hier ein nettes, ausgefülltes Leben aufgebaut und wartete nicht allabendlich auf Anrufe von Freundinnen aus einer vergangenen Zeit. Schon gar nicht, wenn diese eigentlich gerade zu ihrem Freund nach Davos ziehen wollten.
„Jetzt erzähl schon“, unterbrach sie ungeduldig meine trüben Gedanken. „Warum dieser Spontanbesuch? Und noch dazu um diese Uhrzeit? Du wohnst ja schließlich nicht gerade um die Ecke! Da steckt doch mehr dahinter.“ Kritisch sah sie mich an. „Am Telefon warst du nicht gerade sehr gesprächig!“ Der Vorwurf in ihrer Stimme war mehr als deutlich.
„Alex hat eine Andere.“ Ich biss mir schmerzhaft auf die Lippe und blickte geknickt zu Lisa auf. Heiße Tränen schossen mir in die Augen, doch ich schluckte sie tapfer hinunter.
Die Löffel, die Lisa gerade aus der Besteckschublade genommen hatte, landeten klirrend auf dem Boden. „Nicht wirklich!“ Überrascht starrte sie mich an. „Du verarschst mich doch gerade, oder?“
Langsam schüttelte ich den Kopf, aber ich hielt ihrem Blick nicht stand. „Glaube ich zumindest“, nuschelte ich fast unhörbar vor mich hin und inspizierte dabei intensiv die Tischplatte.
Mist. Nun war es raus. Solange ich das Ganze nicht laut ausgesprochen hatte, bestand die Chance, dass es nicht wahr wäre. Aber jetzt, nachdem die Worte im Raum schwebten wie böse Geister, erschien mir die ganze Misere nur allzu real.
Zwei große Schritte und Lisa stand neben mir. Mit Daumen und Zeigefinger zog sie mein Kinn zu sich herüber, so dass ich ihrer kritischen Musterung nicht ausweichen konnte. „Kristine, du wolltest nächste Woche mit ihm zusammenziehen!“
Mühsam nickte ich und dadurch gelang es mir, meinen Kopf aus ihrem Griff zu entwinden. Ich entdeckte ein paar interessante Rillen in der Oberfläche des Holztisches und fuhr sie gedankenverloren mit meinem Zeigefinger nach. Immer wieder. Vor und zurück.
Schnaubend zog sich auch Lisa einen Hocker unter dem Tisch hervor und plumpste wie ein nasser Sack darauf.
Während der ganzen Fahrt hatte ich versucht, die Dinge so zu drehen, wie ich sie gern sehen wollte. Ich war überzeugt, dass ich etwas missverstanden hatte und falsch interpretieren würde. Und dass die zweite Zahnbürste im Badezimmer von meinem letzten Besuch dageblieben war.
Es war dummerweise nur nicht meine Marke.
Wieder folgte ich den Spuren im Holz. Vor und zurück. Vor und zurück.
Lisa hatte sich von ihrem Schock erholt und ihre Sprache wiedergefunden. „Glaubst du?“, entfuhr es ihr und sie riss mich gnadenlos aus meiner Lethargie. Schwungvoll sprang sie auf und lief ruhelos hin und her, so gut es der begrenzte Platz zuließ. „Das kann doch nicht sein!“
Endlich blieb sie stehen und stemmte die Hände in die Hüften. Aber nur, um mich noch einmal genau zu betrachten. „Glaubst du das wirklich? Hat dir das jemand erzählt? Woher willst du das denn wissen?“ Ungläubig schüttelte sie den Kopf und kam wieder zu mir rüber. „Glauben heißt, nichts wissen!“, fuhr sie energisch fort und schlug mit beiden Händen kräftig auf die Tischplatte. „Wie kommst du denn darauf? Hast du es gesehen? Hat Alex das gesagt?“ Und nach einer kurzen Pause schoss sie ungeduldig hinterher: „Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“ Sie zog den anderen Hocker zu sich hinüber und nahm erwartungsvoll Platz auf selbigen. Dieser wackelte mindestens genauso gut wie meiner.
„Du lässt mich ja gar nicht zu Wort kommen!“ Doch diese Rechtfertigung war mehr als scheinheilig.
„Red dich nicht raus“, widersprach Lisa unwirsch. „Und wenn du nicht drüber reden willst, bist du hier falsch. Das weißt du ganz genau.“ Schwungvoll stand sie auf und goss weiteres Wasser in den Filter.
Ich versuchte, mich zu sammeln, wusste aber nicht so recht, wo ich beginnen sollte. Hilflos folgte ich wieder den Rillen in der Holzmaserung. Diesmal hoch und runter. Mit dem Daumen. „Ich habe meine alte Wohnung schneller abgeben können, als gedacht“, setzte ich zu einer Erklärung an, doch mir fielen einfach keine passenden Worte ein. Mein Kopf war leergefegt und mein Magen rumorte aufgebracht.
Hoch und runter. Hoch und runter. Ich schluckte, räusperte mich, hob langsam den Kopf und schaute in Lisas erwartungsvolles Gesicht. Und versuchte es noch einmal. „Der Nachmieter war ein ganz netter und hilfsbereiter Typ. Er hat mir angeboten, dass er das Apartment selber renovieren könnte. Seine einzige Bedingung war, dass er meine Schlüssel sofort bekäme. Ich musste doch noch die ollen Wände streichen und wäre schön blöd gewesen, wenn ich nicht zugestimmt hätte. Die Wohnung habe ich sowieso nicht mehr gebraucht.“ Achselzuckend sah ich zu Lisa. „Ist der Kaffee endlich fertig?“
„Nur Geduld. Gut Ding braucht Weile.“ Aufmunternd lächelte sie zu mir hinüber. „Aber sprich ruhig weiter.“
Tja, das war ja auch der einfachere Teil der Geschichte gewesen. Dennoch stellte ich überrascht fest, dass das Grummeln in meinem Magen etwas schwächer geworden war. Verbittert holte ich tief Luft. „Also stopfte ich meinen ganzen verbliebenen Krempel und die restlichen Kartons in meine Karre und fuhr nach Davos. Ich wollte Alex überraschen.“ Wieder sah ich auf den Tisch. Hoch und runter.
Lisa war aufgestanden, öffnete den altersschwachen Küchenschrank und klapperte mit den Tassen. „Und dann? Ich habe so das Gefühl, dass das wirklich Interessante noch kommt.“
Zaghaft nickte ich und schluckte dabei die aufsteigenden Tränen tapfer hinunter. Der salzige Geschmack bekam meinem Magen nicht sonderlich und ich erntete Protest.
„Hey“, flüsterte Lisa, kam zu mir hinüber und hockte sich hin. „Egal was war, ich bin für dich da und helfe dir.“ Ihr Gesicht war ganz nah an meinem. Sie war ehrlich besorgt.
Aber ich konnte nichts erwidern. Nur dankbar nicken. Mein Zähne kauten nervös auf der Unterlippe herum, nur um die Tränen zurückzuhalten.
„Lass es einfach raus“, bat sie mich leise.
Doch ich schüttelte energisch den Kopf und nahm all meine verbliebene Kraft zusammen. „Ich habe mich so gefreut. Total aufgeregt bin ich zu Alex gefahren. Ich hätte heute schon bei ihm einziehen können, anstatt erst nächstes Wochenende. Eigentlich wollte er morgen früh zu mir kommen. Wir hätten gemeinsam meine alte Wohnung gestrichen ... Oh Scheiße, er weiß gar nicht, dass ich nicht mehr dort bin!“ Siedendheiß fuhr mir der Schreck in die Glieder. „Was soll ich denn jetzt machen? Er fährt morgen früh nach Chur!“ Ratlos sah ich Lisa an.
Doch die stand auf und schüttelte nur verständnislos den Kopf. „Das ist doch jetzt nicht wirklich dein Problem, oder? Ob er morgen umsonst nach Chur fährt, kann dir doch scheißegal sein. Und wenn du mir endlich die ganze Geschichte erzählst, kann ich vielleicht Verständnis für dich aufbringen.“ Sie schoppte die Ärmel ihrer knallorangenen Strickjacke und grinste verschlagen. „Und Alex das nächste Mal die Eier abreißen.“
Ihre Entrüstung nahm ich nur ganz entfernt und am Rande wahr. Meine Gedanken wanderten zurück. Voller Freude war ich in unsere zukünftig gemeinsame Wohnung gestürmt und wollte Alex überraschen. Doch alle Zimmer waren leer.
Ich kochte mir fröhlich einen Kaffee und verschwand ins Bad. Nach der langen Fahrt musste ich mal für kleine Mädchen und außerdem wäre ein bisschen Frischmachen auch kein Fehler gewesen.
Klares, kaltes Wasser umspülte sanft meine Hände und ich betrachtete meine Sommersprossen im Spiegelschrank. Kein Spritzer trübte die Sicht. Ich formte meine Hände zu einer Schale, fing das Wasser auf und kühlte mein erhitztes, überdrehtes Gesicht damit. Auf halben Weg nach oben geriet ich ins Stocken. Sämtliche Härchen stellten sich wie elektrisiert auf. Entgeistert starrte ich auf die beiden Zahnbürsten im Wasserglas, die unschuldig die Köpfe mit den grün-weißen Borsten nach oben reckten. Ohne den Blick abzuwenden, zog ich das flauschige Handtuch vom Handtuchhalter und trocknete lahm mein Gesicht ab. Ein fremder Parfümduft hüllte mich ein.
Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen.
Alex hatte keinerlei Veranlassung, irgendetwas wegzuräumen. Zumindest nicht an diesem Tag. Schließlich rechnete er nicht mit mir, sondern wollte mich morgen besuchen.
Schockiert taumelte ich ins Wohnzimmer. Kalte Tränen füllten meine Augen und bahnten sich kraftvoll einen Weg in die Freiheit. Mühsam blinzelte ich sie weg und überlegte fieberhaft, was ich nun tun sollte. Von Ausziehen bis Umbringen hatte ich alles auf meiner geistigen Liste.
Weglaufen allerdings war nicht dabei gewesen.
Wobei ich genau das schlussendlich getan hatte.
Na ja, eher Wegfahren.
Eine warme Hand legte sich behutsam auf meine und holte mich in die Gegenwart zurück. Verwirrt hob ich den Kopf und mir wurde wieder klar, wo ich mich befand.
Lisa. Und ich hatte sie nicht an meinem inneren Monolog teilhaben lassen.
„Red mit mir“, bat sie mich leise. Wieder hockte sie vor mir.
Traurig beschränkte ich mich auf die Kurzfassung. „Ich habe eine zweite Zahnbürste im Bad gefunden.“ Schniefend fummelte ich mit spitzen Fingern ein Taschentuch aus der Hose. Die musste in der letzten Wäsche eingegangen sein. Ich hatte das nicht so anstrengend in Erinnerung.
Ein trötender Elefant stampfte durch Lisa Küche, als ich mir die Nase putzte.
Endlich war ich wieder in der Lage, weiterzusprechen. „Ich ... Ich wollte Alex zur Rede stellen, aber als ich unschlüssig im Treppenhaus stand, hab ich ihn über den Parkplatz laufen sehen. In seinem Treppenhaus sind doch so Schießscharten, durch die Tageslicht fallen soll. Du weißt doch, was ich meine, oder?“
Lisa nickte. „Ja, ich war zwar nur einmal da, aber der Architekt hatte vermutlich etwas eingeworfen.“ Sie stand auf und ging zur Küchentheke. „Doch scheinbar hast du genug gesehen, als du nach draußen gesehen hast.“
„Er war nicht allein!“ Jetzt nickte ich. „Ein blondes Etwas mit langen Beinen hat ihn eng umschlungen begleitet.“ Eine verführerisch duftende, dampfende Tasse Kaffee und eine Flasche Milch erschienen in meinem Blickfeld.
„Hat er dich nicht gesehen?“ Meine Freundin klang enttäuscht. Leise rauschte das Wasser in die Edelstahlspüle, als sie die Löffel abwusch. Doch mehr brachte ich im Moment einfach nicht heraus.
Kopfschüttelnd versuchte ich, mich zu sammeln. Und mich selbst zu überzeugen. „Nein, ich denke nicht. Ich habe mich versteckt.“
Lisas zog erwartungsvoll die Augenbrauen hoch. Ihre stumme Frage konnte ich nur allzu deutlich hören. Verständnislos reichte sie mir einen der Löffel.
Er war noch nass. Zwei einsame Wassertropfen sammelten sich in der Vertiefung und verschmolzen zu einem. Der sein unrühmliches Ende in meiner Tasse fand. Ich begann, meinen Kaffee umzurühren. Jetzt erst fiel mir auf, dass ich zu sprechen aufgehört hatte. Tonlos versuchte ich es noch einmal. „Ich habe mich ganz mutig ein Stockwerk höher versteckt. Und als die beiden händchenhaltend in der Wohnung verschwunden sind, bin ich zum Auto gerannt und einfach davongefahren. Irgendwann stand ich an einer Tankstelle. Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte. Da habe ich dich angerufen.“ Traurig blickte ich Lisa in die Augen. „Und nun bin ich hier ... Sorry, dass ich dir deinen Konzertabend verdorben habe.“ Ihrem Blick konnte ich immer noch nicht standhalten. Missmutig wandte ich meine Aufmerksamkeit meiner Tasse zu und rührte weiter meinen Kaffee um. Er war immer noch schwarz.
Lisa goss Milch hinein. „Damit du ihn nicht nur kalt rührst! Und um meinen Abend mach dir keine Gedanken. Per tritt morgen noch einmal auf und du wirst mitkommen!“ Ihr Ton duldete keinen Widerspruch. „Du kannst fürs erste im Gästezimmer wohnen. Alles Weitere überlegen wir uns, wenn es dir wieder besser geht.“
Ihre Augen durchbohrten mich wie Röntgenstrahlen. Ich konnte es körperlich spüren, obwohl ich immer noch in meinen tanzenden Kaffee starrte. Mittlerweile war er braun. Gut gerührt, nicht geschüttelt, aber vermutlich ziemlich kalt. Und wenn ich so weiter rühren würde, würde der Schuss Milch zu Butter werden. Trotz Kaffee.
„Also, zurück zum Thema. Bist du sicher, dass da etwas läuft?“, nahm Lisa den Faden wieder auf.
Mit verkniffenem Mund nickte ich. „Sie kamen nicht nur händchenhaltend. Engumschlungen aneinanderklebend würde die Sache besser beschreiben. Kein Blatt Papier hat zwischen die beiden gepasst.“
In Lisas Kopf entstand ein Bild. Ich konnte es deutlich sehen. Sie trommelte rhythmisch auf den Tisch. Stirnrunzelnd schob sie die Vorstellung mit einer laxen Handbewegung beiseite. „Wie lange wart ihr eigentlich zusammen? Zwei Jahre, drei Jahre? Habt ihr nicht sogar schon übers Heiraten gesprochen?“
„Ja“, gab ich zerknirscht zu. In meinem Magen breitete sich Übelkeit aus. Heiraten hatte noch nie angenehme Gefühle bei mir ausgelöst. Man tat es eben. Nicht mehr und nicht weniger.
Lisas sarkastischer Blick strafte mich Lügen. „Das war nur Torschlusspanik! Du stehst kurz vor der Dreißig und hast Angst, dass deine biologische Uhr anfängt zu ticken. Und wehe, du widersprichst mir jetzt!!
„Ich hätte deinen Segen sowieso nie erhalten.“ Mürrisch sah ich sie an. „Aber wir wollten aus unserer Wochenendbeziehung endlich eine normale machen.“ Ich fuhr mir seufzend mit den Händen über das Gesicht „Was sich jetzt wohl erledigt haben dürfte ...“, ergänzte ich gereizt hinter vorgehaltenen Händen.
„Ach Kristine, Alex ist so ein Arschloch.“ Lisa nahm mich fest in den Arm. „Er hat dich doch überhaupt nicht verdient!“ Sie hielt mich einfach nur in ihrer schützenden Umarmung.
Es tat gut, einfach nur so dazusitzen und zu wissen, dass sie für mich da war. Die wirren Gedanken in meinem Kopf begannen, sich zu klären und einer gewissen Struktur zu folgen. In welche Richtung das Ganze ging, wurde mir nicht so klar, aber ich hatte das Gefühl, es brach sich etwas Bahn, was schon lange in meinem Unterbewusstsein schlummerte, nur noch nie die Chance hatte, auf sich aufmerksam zu machen.
Meine Erkenntnisgewinnung wurde jäh durch Lisas Handy unterbrochen. Pers Trommelwirbel erfüllte die Küche. Lisa löste sich von mir, warf mir einen entschuldigenen Blick zu und nahm das Gespräch an.
Ich trank verlegen einen Schluck meines kalten Kaffees und hörte, wie Lisa seufzend antwortete. „Ja, ich komme. Bis gleich.“ Dann legte sie auf.
Fragend schaute ich auf.
„Oliver, Pers Freund, wollte ihn nach Hause bringen“, erklärte sie schulterzuckend. „Aber das Auto fährt nicht. Ich muss ihn abholen. Willst du ins Bett oder kommst du mit?“
Da ich sowieso nicht schlafen könnte, beschloss ich, Lisa zu begleiten. Zusammen gingen wir nach oben ins Bad. Sie zum Umziehen und ich zum Restaurieren.

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