1.2 Tag um Tag, Aug um Aug ...

Hunger heute nicht

„Wo warst du denn?“, fauchte meine Mutter und riss mir das Laibbrot aus der Hand. Ich Stand gerade in der Tür und wurde bereits angefaucht. Ich nahm es ihr nicht übler als sonst, denn ich wusste, was sie tat, um den ein oder anderen Bronze Penny zu verdienen. Wusste, was sie Tag für Tag von sorgen zerfressen wurde und sie nur noch ein Schatten des Menschen war, der sie heute eigentlich sein sollte.
Ich zog die Schuhe aus und stellte sie an die Seite, mein Mantel folgte. Dann trat ich ein, mit einem Ruck hängte sich jemand an meinen Arm. Grinsend sah ich hinab zur Göre, die meinen Arm erschwärte. „Mimi“, sagte ich warnend. Es war meine jüngste Schwester. Gerade fünf, ihre rotbraunen Augen jedoch, könnten zu einer alten Frau gehören. Sie war erst zwei Lebensjahre gewesen, als er gegangen war. Konnte noch nicht verstehen, wie viel wir verloren hatten. Dennoch hatten die wenigen Jahre ohne ihn sie gezeichnet.
Als Schmied hatte Vater ein gutes Einkommen besessen. Er war beliebt gewesen, gütig. Niemand hätte von ihm geglaubt, dass er einfach ohne ein Wort verschwinden würde. Vor drei Jahren war nicht nur für uns die Welt ein heiler Ort gewesen. Das ganze Dorf hatte mehr Glanz besessen, wenn auch nicht viel mehr ... Es gab reichlich arbeitende Männer, ein florierenden Handel und jede Menge Landwirtschaft. Bis der König vor zwei Jahren unzählige Männer einberief, die Landwirtschaft für sich beanspruchte und nur einen Bruchteil der Bevölkerung ließ. Doch mein Vater war an diesem Zeitpunkt, schon ein Jahr verschwunden. Wir hatten die Schmiede verloren, nur das Haus war uns geblieben, was heute wie Mutter, nur noch ein Schatten seiner selbst war.
„Woran denkst du?“ Mimi riss mich aus den Gedanken. Ich blickte in ihr ernstes Gesicht.
„Dass ich heute Abend raus muss“, log ich.
„Nein!“, jammerte sie. „Und meine Gutenachtgeschichte?“
„Die können wir vorziehen.“ Wie wir das immer taten, wenn ich in den Norden des Dorfes gehen musste. Augenblicklich strahlte sie mit ihrer kindlichen Schönheit.
„Kinder Essen“, grummelte Mutter. Wir alle setzten uns an den Krummen wackeligen Tisch, der seinen Namen schon lange nicht mehr verdient hatte, so oft hatte ich ihn schon geflickt.
Mimi setzte sich neben mich, mir Gegenüber Tabi, die nach mir geboren wurde und neben ihr Anora die zweit jüngste. Wir alle trugen das Gleiche fuchsartige Aussehen. Braune Augen, rotbraunes Haar, spitze Augen und einen stechenden Blick. Allein unser Körperbau unterschied uns. Während meine Schwestern schlank und zierlich wirkten, hatte ich mehr Muskeln, die ich mir alle über die Jahre hart erarbeitet hatte. Auch wenn ich mich nicht ganz auf diese verlassen konnte, ergänzte dies meine flinke Art, die durch meine geringere Größe einen wichtigen Vorteil bei meinen nächtlichen Streifzügen ergaben.
Am Kopfende, wo sonst immer der Herr des Hauses Platz gefunden hatte, saß nun eine klapprige ausgehungerte Gestalt namens Mutter. Ernst blickte sie auf das zerschnittene Leibbrot, das bisschen Käse und die Karaffe Wasser. Eines der wenigen Stücke, die übrig geblieben waren.
„Wir reichen uns die Hände ...“ Stimmte sie an und wir tatet es ihr nach. Wir bedankten uns bei den Göttern für die Spende. Dankbar, genügsam, hungernd. Es war eine Farce. Die Götter würden uns nicht retten. Niemand würde das.

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