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Es versetzte Theodore einen Stich ins Herz, als er das kleine Häufchen Elend am Boden der Toilette sah. Er bereute, dass er Draco erzählt hatte, dass Pansy abends häufig in einen entfernteren Gang in den Kerkern verschwand. Zunächst hatte er gedacht, dass Draco sie einfach nur suchen und zum Gemeinschaftsraum zurückholen wollte, weil es schon spät war und sie riskierte, von einem Lehrer erwischt zu werden. Doch als Draco eine Stunde später alleine zurückkehrte, ein triumphierender Ausdruck auf seinem Gesicht, wurde ihm plötzlich schlecht. Ohne weiter abzuwarten ließ er sich von seinem besten Freund den Weg zu Pansys heimlichen Rückzugsort beschreiben und war losgeeilt.

"Pansy", flüsterte er leise, nachdem er neben ihr auf die Knie gesunken war. Ein lautes Schluchzen war die einzige Reaktion, die er erhielt. Mitfühlend zog er das schwarzhaarige Mädchen in seine Arme und ließ zu, dass sie ihren Schmerz an seiner Brust ausheulte.

"Es hat sich gelohnt, dir nachzustellen, hat er gesagt!", weinte Pansy verzweifelt, "Wenn ich gewusst hätte, dass du dich für mich aufhebst, hätte ich mir schon früher so viel Mühe gegeben! Einfach so, ganz gelassen, hat er das gesagt! Gleich, nachdem wir fertig waren. Und dann ist er gegangen. Einfach so! Ich hab ihn gefragt, ob das ihm irgendwas bedeutet hat, aber er hat nur gelacht. Ich sei doch diejenige, die am besten wissen müsse, dass er sich nichts aus Frauen macht, mit denen er Sex hatte. Gott ... warum ... warum habe ich nachgegeben?"

"Alles ist gut, Pansy. Du hast keine Schuld. Draco ist einfach nur ein Arschloch, der das Blaue vom Himmel lügen würde, um eine Frau ins Bett zu bekommen!", zischte Theodore mit mühsam unterdrückter Wut.

"Nein! Das stimmt nicht mal!", schluchzte Pansy, "Er hat überhaupt nicht gelogen. Er hat einfach nur gesagt, dass er mit mir schlafen will ... nicht mehr. Ich habe das überinterpretiert. Er war ehrlich, so ehrlich, wie er immer ist. Ich wollte so sehr, dass er es ernst mit mir meint, dass ich sein einfaches "Ich will dich" falsch verstanden habe. Dumm, einfach nur dumm."

Seufzend schloss Theodore seine Arme fester um die zerbrechliche Frau. Er war vermutlich tatsächlich unfair Draco gegenüber, denn soweit er wusste, hatte er in der Vergangenheit keinem Mädchen etwas vorgemacht. Jede, die sich auf ihn einließ, wusste, dass er noch nie zuvor ernsthaftes Interesse an einer Frau gezeigt hatte, auch wenn sie alle vermutlich hofften, dass es bei ihnen anders war.

"Ich bin nicht dumm, Theo!", flüsterte Pansy schließlich, nachdem ihre Tränen versiegt waren, "Ich bin nicht dumm. Ich will Draco nicht einfach nur, weil er gut aussieht und dem Traum eines jeden Mädels entspricht, das auf böse Jungs steht. Ich kenne ihn besser, als all diese dummen Hühner, ich weiß genug über ihn, um sagen zu können, dass ich wirklich ihn will, alles von ihm, trotz seiner Macken. Warum bedeutet ihm das nichts?"

Lange dachte Theodore über diese Frage nach, während er mit Pansy in seinen Armen am Boden der dunklen Toilette saß. Wenn er an Dracos Stelle wäre, hätte er sich gefreut über eine Frau, die so aufrichtiges Interesse zeigte. Vielleicht glaubte Draco ihr einfach nicht, dass sie anders war?

"Vielleicht sieht er das nicht", meinte er schließlich, "vielleicht denkt er, du wärst auch einfach nur ein Mädchen ohne viel im Kopf."

"Aber wir kennen uns doch so gut. Er weiß doch, dass ich nicht das typische Mädchen bin. Ich mache mich hübsch und reagiere manchmal zickig, aber ich kann auch ein echt guter Kumpel sein. Das weiß er!"

"Ja, aber ohne dir zu nahe treten zu wollen, deine schulischen Leistungen sind eher unterirdisch", gab Theodore vorsichtig zurück. Erstarrt setzt Pansy sich auf: "Schule? Du denkst, DAS ist ihm wichtig?"

"Natürlich", sagte Theo fest, "sonst hätte er nicht Alte Runen und Arithmantik belegt. Ist dir nie aufgefallen, dass er in allen Fächern gute Leistungen abliefert? Denkst du, das fällt ihm so zu? Ich sehe ihn regelmäßig abends in unserem Schlafsaal über den Büchern brüten. Er gibt es zwar nicht zu und verbietet uns, das zu erzählen, aber er lernt viel und nimmt das sehr ernst."

"Das wusste ich nicht", flüsterte Pansy schockiert, "und eben sage ich noch, dass ich ihn so gut kenne. Aber warum? Er hat das doch gar nicht nötig, sein Vater hat genug Einfluss und Geld, um ihm einen guten Job zu verschaffen."

"Vielleicht gerade deswegen", entgegnete Theodore, "vielleicht hat er keine Lust, immer im Schatten zu stehen und alles nur zu bekommen, weil sein Vater Geld hat. Erinnerst du dich, wie er im zweiten Schuljahr in die Quidditch-Mannschaft kam? Sein Vater hat neue Besen besorgt, deswegen wurde er Sucher. Die Granger hat irgendwas zu ihm gesagt, von wegen, immerhin seien im Gryffindor-Team alle wegen ihres Könnens drin und müssten sich nicht einkaufen. Das hat ihm mehr zugesetzt, als du dir vorstellen kannst."

"Ja", kommentierte Pansy, "daran erinnere ich mich. Er war unausstehlich die nächsten Tage danach. Aber dass er sich die Worte einer Gryffindor, und dann auch noch der Granger, so zu Herzen nimmt ..."

"Tja, sie hat eben einen wunden Punkt getroffen. Seitdem lernt er wie kein anderer für die Schule."

"Und ich tu gar nichts", sagte Pansy langsam, "verstehe. Ich bin nur eines der vielen Mädchen, die auf Spaß aus sind und in den Tag hinein leben, ohne Sorgen um die Zukunft ... oder zumindest sieht er es so. Vielleicht hast du wirklich Recht. Wenn ich zeige, dass ich die Schule genauso ernst nehme wie er, dann nimmt er mich vielleicht ernst. Aber, mal ganz ehrlich, Theo. Selbst wenn ich jetzt anfange, Hausaufgaben zu machen und zu lernen ... ich kapier das alles doch sowieso nicht. Vor allem Arithmantik und Alte Runen!"

"Warum hast du das auch belegt? Deine Noten waren grottig letztes Jahr!"

"Weil Draco es belegt hat."

Ein gequältes Grinsen erschien auf Theodores Gesicht und er beschloss, dass es Zeit war, in die Wärme des Gemeinschaftsraumes zurückzukehren. Mit einem Ruck richtete er sich auf und hielt dann Pansy die Hand hin, um auch ihr aufzuhelfen. Schweigend wanderten sie durch die Gänge, als Theodore plötzlich einen Einfall hatte: "Warum nimmst du nicht Nachhilfe?"

"Nachhilfe? Bei wem? Dir etwa?"

"Nein, ich belege Arithmantik nicht. Aber ich wüsste da jemanden, der beides belegt und in beidem besser ist als Draco!", sagte er mit einem breiten Grinsen. Die Idee, die ihm so spontan gekommen war, gefiel ihm immer besser und besser, vor allem deswegen, weil es in jeder Hinsicht auch als Streich gegen Draco funktionierte.

"Echt? Ich glaube nicht, dass irgendjemand aus unserem Haus so wahnsinnig ist ..."

"Kein Slytherin", erwiderte Theo schmunzelnd, "eine Gryffindor. Eine sehr spezielle Gryffindor, die bei Draco extrem beliebt ist."

"Eine bei Draco beliebte Gryffindor ... meinst du etwa Granger?", fragte Pansy schockiert, während sie vor dem Eingang zum Gemeinschaftsraum stehen blieb. Das unschuldige Lächeln auf dem Gesicht ihres Gegenübers bestätigte sie in ihrem Verdacht. Ungläubig schüttelte sie den Kopf: "Wie zur Hölle bist du auf diese Schnapsidee gekommen?"

"Mehrere Gründe. Erstens ist sie bekannt dafür, gerne anderen Mitschülern zu helfen. Außerdem ist sie die beste in beiden Klassen. Und drittens ... drittens wird Draco als aller letztes vermuten, dass du ausgerechnet bei ihr Nachhilfe nimmst."

"Aber meinst du nicht, dass er mich hassen wird, wenn er es herausfindet? Ich meine, sie ist ja quasi der Feind..."

"Ach was", beschwichtigte Theo, "ganz im Gegenteil. Sollte er es herausfinden, zeigt es ihm, dass du es so ernst mit der Schule meinst, dass du sogar soweit gehst, dir Hilfe bei ihr zu holen. Und ich wette, es wird ihn ziemlich wurmen, dass du ausgerechnet durch Granger plötzlich gute Noten hast - und vielleicht sogar besser wirst als er!"

Pansy war trotzdem noch nicht überzeugt. Mit gesenktem Blick und unsicherer Stimme entgegnete sie: "Vertreibe ich ihn nicht damit? Ich tue etwas, was, wie du sagst, ihn stören wird."

"Genau darum geht es doch", sagte Theodore erheitert, "statt wie die vielen anderen Mädels alles daran zu setzen, ihm zu gefallen, zeigst du ihm, dass du eigenständig bist und nicht immer danach gierst, sein Wohlwollen zu erringen. Dadurch wirst du interessant."

"Na gut", meinte sie schließlich, "nehmen wir mal an, ich lasse mich darauf ein. Wie soll es mir gelingen, Granger einzuspannen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das freiwillig mitmacht."

"Granger ist stolz. Sei freundlich und ehrlich zu ihr. Sag ihr die Wahrheit, warum du Nachhilfe willst. Und sag ihr, dass sie die einzige ist, der du zutraust, aus dir eine gute Schülerin zu machen. Das wird ihren Ehrgeiz anregen. Und im Zweifel bezahlst du sie halt ganz normal. Zur Not rede ich vorher mal mit ihr, wir reden manchmal in Alte Runen miteinander, mir zumindest bringt sie keinen Hass entgegen."

Nach diesen Worten gab Pansy sich endgültig geschlagen. Was hatte sie auch zu verlieren? Im Moment war sie so tief in Dracos Wertschätzung gesunken, viel schlimmer konnte es ohnehin nicht mehr werden. Sie verabredete mit Theo, dass sie am nächsten Tag nach dem Mittagessen gemeinsam mit Granger reden würden, alles weitere würde sie dann sehen. Für heute sehnte sie sich erstmal nach einem warmen Bett und viel Schlaf.

oOoOoOo

"Ihr wollt was?"

Hermine starrte ungläubig auf die beiden Slytherin-Schüler vor ihr. Eigentlich hatte sie sich auf eine entspannte Mittagspause in der Bibliothek gefreut, doch kaum hatte sie an ihrem Lieblingstisch Platz genommen, waren Pansy Parkinson und Theodore Nott aufgetaucht. Dass Theodore manchmal freiwillig mit ihr redete, wunderte sie nicht weiter, immerhin verstanden sie sich in Alte Runen ganz gut. Aber dass Parkinson, die beste Freundin von Draco Malfoy und nicht gerade bekannt für ihr Interesse an Schule, sich zu ihr setzte, verwirrte sie doch sehr. Und dieses merkwürdige Anliegen, Nachhilfe in Arithmantik und Alte Runen zu bekommen, machte sie sehr misstrauisch.

"Warum? Du hast dich doch vorher nie für die Schule interessiert. Und warum ausgerechnet bei mir? Theodore belegt doch auch Alte Runen und Zabini sitzt in Arithmantik. Warum macht ihr das nicht unter euch aus?"

Ein kurzer Blickwechsel fand zwischen den beiden Schülern statt, der Hermine nur noch misstrauischer werden ließ, doch die Erklärung, die Pansy schließlich lieferte, überraschte sie und brachte sie ins Grübeln. Dass die schwarzhaarige Slytherin auf Malfoy stand, war ein offenes Geheimnis. Dass er wiederum Frauen gering schätzte, ebenso. Der Ansatz, ihn durch gute Noten zu beeindrucken, wäre Hermine selbst zwar nie in den Sinn gekommen, es erschien jedoch bei näherem Hinsehen gar nicht so unlogisch. Und wenn sie ehrlich war, ohne sich selbst zu sehr loben zu wollen, war sie sich auch sicher, dass bei allem Können weder Theodore noch Zabini in der Lage gewesen wären, aus einem hoffnungslosen Fall wie Parkinson irgendetwas zu machen. Mehr und mehr fand Hermine Gefallen an der Idee. Und neben der Hilfe, die sie für das verliebte Mädchen darstellen würde, lockte Hermine auch die Aussicht, Malfoy mal dumm dastehen zu lassen. Das Wissen, dass es ihr Verdienst sein würde, durch den er ob der plötzlichen guten Noten von Parkinson wie ein Trottel aussehen würde, ließ Hermine sich bereits jetzt diebisch freuen.

"Nehmen wir mal an, ich sage zu. Was habe ich davon?", fragte sie schließlich, "Immerhin investiere ich Zeit und ganz ehrlich, eigentlich habe ich die nicht. Ich muss selbst sehen, dass ich mit dem ganzen Stoff zurecht komme."

"Pansy würde dir natürlich die übliche Nachhilfegebühr bezahlen", erwiderte Theodore, "und du solltest eigentlich selbst am besten wissen, dass man durch erklären selbst auch viel lernt. Es könnte dir also selbst auch helfen."

Bei dem Satz kam Hermine spontan eine Idee: "Das reicht mir nicht."

Sie konnte sehen, dass sich das Gesicht von Parkinson zu einer genervten Maske verzog, doch Theodore - auf dessen Konto diese Idee offensichtlich ging - gab nicht so schnell auf: "Wie können wir dich umstimmen?"

Hermine musste sich zusammenreißen, um dem breiten Grinsen, das sich auf ihr Gesicht stehlen wollte, keinen Raum zu geben. Mit zuckenden Mundwinkeln antwortete sie: "Ich möchte Lernpartner für Arithmantik und Alte Runen. Dich, Theodore, für Alte Runen, und Zabini für Arithmantik."

Nun konnte auch Theo ein Stöhnen nicht mehr unterdrücken, was Hermine ihm nicht verübelte. Sie hatte in der Vergangenheit bereits einmal bei Zabini nachgefragt, ob er mit ihr lernen wollte - immerhin war er nach ihr der beste in Arithmantik - und hatte eine harsche Abfuhr erhalten. Es war fraglich, ob Theo seinen Freund dazu würde überreden können, doch sie wollte es auf den Versuch zumindest einmal ankommen lassen. Wenn Zabini ablehnte, konnte sie ja dann immer noch der Nachhilfe ohne Bedingungen zustimmen.

"Fein", sagte Theodore schließlich, "ich spreche mal mit Blaise. Von meiner Seite aus ist das kein Problem, aber du weißt ja, dass Blaise nicht gerade begeistert von der Idee ist."

Mit einem Nicken erhoben sich die beiden und Hermine konnte sehen, wie Pansy, kaum dass sie außer Hörreichweite waren, anfing, aufgeregt auf Theodore einzureden. Nun konnte sie sich ein Lächeln doch nicht mehr verkneifen. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet diese Gruppe von Slytherin-Schülern plötzlich beschlossen, sie, Hermine Granger, in ihre Pläne einzubauen? Auch, wenn es sie wertvolle Zeit zum Lernen kosten würde, um nichts in der Welt wollte sie verpassen, wie sich die verzweifelte Jagd von Parkinson auf Malfoy weiter entwickeln würde.

Entgegen ihrer Erwartungen würde ihr fünftes Schuljahr ja vielleicht doch noch unterhaltsam werden.

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