1.4 Tag um Tag, Aug um Aug ...

Wenn Blut fließt, riechst du Geld.

Ich stand vor der verschlossenen Tür meiner Schwester. Meine Beine zitterten. Ich war bereits seit den ersten Sonnenstrahlen des Morgens auf. Müdigkeit zerrte an meinen Gliedern, doch die Nacht würde für mich noch lange nicht enden.
Nach einem tiefen Atemzug setzte ich mich in Bewegung. Vor der Haustür schlüpfte ich in meine Stiefel und ging ohne ein Wort des Abschiedes hinaus. Mutter würde mir eh nicht antworten.
Die Sonne lag bereits tief am Horizont, nicht mehr lange und sie würde hinter den Kronen des Waldes verschwinden. Ich stampfte schnellen Schrittes in die nördliche Richtung des Dorfes. Etwas außerhalb direkt am Waldrand lag mein Ziel. Ich brauchte eine ganze halbe Stunde, bis ich dort war.
An zwei Bäumen, vor einem Pfad, der tiefer in den Wald führte, lehnten zwei stämmige Männer.
„Da bist du ja Fuchskind“, grinste der Graue. Seinen Namen hatte ich mir nicht gemerkt, obwohl er jeden Abend den Eingang bewachte.
Er stemmte die Hände in die Hüften. Der alte Mann mittleren Alters, war ein Schrank wie man ihn nur selten sah, doch entgegen der Meinung er müsste sich auch so verhalten war er schnell wie ein Pfeil, wenn die Soldaten des Königs anrückten. Veranstaltungen wie diese waren verboten, auch wenn sie für viele das einzige Einkommen darstellten und für die mit gefüllten Geldbeuteln ein genüsslicher Zeitvertreib.  
„Was willst du?“ Der Alte sprach mich nur selten an, wenn doch wollte er mir etwas mitteilen, was mir sehr wahrscheinlich nicht gefiel.
„Heute solltest du mal den Schwanz einziehen Fuchskind.“
„Ach ja?“
„Das solltest du“, pflichtete der andere ihm bei.
„Und warum?“, fragte ich gereizt, da ich es hasste, antworten aus der Nase ziehen zu müssen.
„Söldner.“ Ich presste die Kiefer aufeinander. Söldner waren nicht gern gesehen und dennoch überall beliebt. Sie gehörten zu den reichen unter den Armen. Sie arbeiteten für jeden, der genug Goldmünzen springen ließ. Es hieß, dass sie selbst für den König arbeiteten. Wenn ich gegen ihn gewinnen würde, konnte ich mir locker eine Woche essen leisten. Für uns alle.
Hoffnung keimte in mir auf. Eine ganze Woche genug essen. Wann hatte ich zuletzt so eine Chance vor der Nase. Doch die Hoffnung wurde gleich von Dunkelheit erstickt. Söldner waren geübte Kämpfer, nicht selten Mörder. Was hatte ich ihm schon entgegenzusetzen? Selten hatten sie ihren Zorn im Griff, hatten schon einigen Kämpfern aus Spaß das Leben geraubt. Wollte ich das wirklich riskieren?
„Wir werden sehen.“ Damit wanderte ich an den beiden vorbei den Pfad entlang. Ich konnte nur hoffen, dass mehr Kämpfer antreten würden und ich nicht gegen ihn Kämpfen zu musste.

Ich stand am Rande eines mit Pfählen abgegrenzten Feldes. Kreisrund bildete es die Arena. An den Seiten versammelten sich bereits die Schaulustigen. Zwischen diesen huschte der Dorfsjunge Gino umher. Nahm wetten an und sammelte das Geld. Viel Geld, mehr als einen Beutel voll. Der Junge war gut im Umgang mit Zahlen und seinem lückenlosen Gedächtnis. Er wusste genau wer was wettete und wie viel Geld jeder am Ende bekam. Viele hatten schon versucht ihm einen Strick zu drehen und Geld zu rauben, das ihnen nicht zustand. Doch nicht mit Gino und erst recht nicht mit seinem Vater, der die Kämpfe organisierte, die Leute anwarb und für faire Entlohnung sorgte.
Ich stand mit verschränkten Armen an einem Baum. Sah mir den riesigen Kerl auf der anderen Seite an. Einen so großen Kerl hatte ich noch nie gesehen. Zwei Meter groß, fast so breit. Mit einer Hand könnte er mir den Kopf zertrümmern. Ein Risiko. Das konnte ich nicht eingehen.
Verzweiflung stieg in mir auf. Es wäre der Preiskampf des Abends, sicher würde jeder gegen ihn kämpfe wollen. Ich wäre nur ein Anheizerkampf. Für die Stimmung. Wenig Geld, wenig Aufmerksamkeit. Je später der Kampf desto mehr Geld würde es bringen. Ich würde also gegen einen der stärkeren Männer antreten. Frauen gab es nur zwei. Reichlich dürr. Keine Gegner. Vielleicht würde ich öfter kämpfen können. Auch wenn alle gegen den Berg kämpfen wollten. Ich sah mich genau um. Mit mir waren es zehn Kämpfer. Fünf Gesichter davon kannte ich. Vier Männer eine Frau. Die üblichen Verdächtigen, mit mir.
Sasa hatte ich schon öfter besiegt, weshalb sie immer wieder kam, wusste ich nicht. Sie verlor jeden Kampf. Manchmal glaubte ich, sie wollte nur den Schmerz spüren, damit sie wusste, dass sie noch lebte. Die andere Frau war mir fremd, sie stand neben einem anderen Mann, der mir ebenfalls unbekannt war. Dann noch der Berg und sein stiller Begleiter, der eingehüllt in einem Mantel, neben ihm hockte. Der Berg prahlte mit seiner Stärke. Zeigte seine Muskeln, seine Kampflust. Ohne gesehen zu haben, wie er arbeitet, wusste ich, dass es ein Mörder war. Ich sah es in seinen Augen. Die Dunkelheit. Eine bekannte Schwärze. Die ich selbst immer wieder im Spiegel sah ... Die anderen vier Männer die ich kannte hatte ich alle bereits besiegt. Manche öfter als andere. Sie kannten meinen style, hatten mich ebenfalls öfter als einmal auf dem Boden zermalmt.
„Fuchskind.“ Ronaldo, der Vater von Gino trat an meine Seite, riss mich aus meinen Gedanken.
„Ronald.“
„Bereit?“
„Kommt drauf an.“ Er deutete auf den Berg.
„Gehst du es ein? Es wäre ein Risiko wert.“
„Wirklich? Gegen den Berg?“ Ronaldo folgte meinem Blick. Er lachte auf.
„Nein, gegen seinen Begleiter.“ Ich sah mir die Gestalt die in der Kapuze verborgen war genau an.
„Beides Söldner?“, fragte ich unbemerkt erstaunt, da ich Söldner nie zusammen gesehen hatte. Sie waren für gewöhnlich Einzelgänger. Gold zu teilen war nun wirklich nicht ihre Art.
„Ja oder nein?“, fragte er noch einmal nachdrücklich. Meine Neugier war geweckt. Natürlich musste der Söldner stark sein. Andererseits hatte er nie gegen mich gekämpft, kannte meine Taktiken nicht. Es konnte also funktionieren. Andererseits durfte ich ihn nicht unterschätzen. Meine Gedanken sprangen im Dreieck. Es würde viel Geld bringen wenn ich gegen ihn kämpfte. Sicherlich war der Star des Abends sein Freund. Ohne weiter nachzudenken, antwortete ich.
„Ich mach es.“
„Sieg auf?“
„Mich.“ Ich übergab ihm die eine Silbermünze, die ich immer für die Kämpfe behielt. Es war, als wäre sie eigentlich nicht da, ruhte nicht in der Tasche meiner Hose Tag für Tag. Nur in diesen Momenten brannte sie darauf, eingesetzt zu werden. Ich fühlte es an meinem Schekel, vielleicht war es auch einfach nur Einbildung ... Oder der Wahnsinn, der an meinen Kopf klopfte.
Worauf ließ ich mich da ein? Hatte ich gerade wirklich auf mich gewettet? Ich hätte auf den Berg wetten müssen! Dann hätte ich wenigstens vier, fünf Silbermünzen bekommen. Das Wettsystem leuchtete mir nicht ganz ein. Ich wusste nur, dass man Anteile bekam.
Ich verdiente etwas am Mitmachen, fürs Gewinnen sowieso, doch das meiste Geld verdiente man beim Wetten. Vor allem wenn man auf seinen eignenden Kopf wettete. Im Prinzip, war mein Einsatz der Lohn des Anderen mich zu besiegen.
„Ob das so gut ist“, grinste er. „Es steht neun gegen eins. Gegen dich.“ Damit entfernte er sich mit seinem schmutzigen Lächeln. Was wohl bedeutete, er hatte meinen Kampf schon vorher festgelegt und bereits alle Kämpfer und Zuschauer drauf wetten lassen.
Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Ronald begann die Menge anzuheizen, und den ersten Kampf an den Start zu bringen. Eine Tafel wurde aufgestellt. Namen angebracht und zu meinem Bedauern war ich der Starkampf ... Neben mir, der Name Zero. Ich schluckte schwer. Was er wohl bedeutete?
„Du wirst voll verhauen“, lachte Maniko ein Weisenjunge, mit dem ich hier und da durch die Straßen gestriffen bin.
„Ist mir klar.“
„Auf wen hast du gesetzt?“ Ich schwieg, denn nun wurden die Sterne angebraucht. Auf diesen standen Zahlen, die Menge hatte graue Sterne. Die Zahl deutlich. Fast alle wetteten sie auf Zero. Die anderen Kämpfe hatten die Wölfe von Zuschauern gar nicht groß beachtet, der Großteil der Wetten lag auf unserem Kampf. Und nicht einer hatte auf das bekannte Fuchskind gewettet.
Meine Kehle schnürte sich zu. Die Gier nach dem Preisgeld hatte mich ins Verderben gestürzt. Was wussten alle, was ich nicht wusste?
Nun waren die Gelben Sterne an der Reihe. Die oberen Kämpfe bekamen keine. Nur Zero und ich. Neun zu eins. Die Menge murmelte ungeduldig. Kein einziger Kämpfer hatte auf mich gesetzt ...
Für das Preisgeld bedeutete das einiges. Eine Unsumme an Gewinn würde nicht dabei rauskommen. Obwohl es noch eine Menge war. Wenn Zero gewann, gewannen alle. Wenn ich hingegen gewann. War es nur einer der das Geld kassierte. Ich und Ronaldo.
Schweiß floss mir die Stirn hinab. Wenn ich gewann, war es mehr als eine Woche Essen. Mehr als ein paar neue Schuhe. Ich musste gewinnen. Musste Zero auf die Matte bekommen, wenn nicht für mich, dann für Mimi.

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