1.5 Tag um Tag, Aug um Aug ...

Mit Blut gegossen

Die Kämpfe waren im vollen Gange. Ich sah sie nicht wirklich. Sah nur die Gestalten um mich herum jubeln. Der Berg zermalmte seinen Gegner. Ich sah nur den oberen Teil des Mannes, den anderen, ein bekannter Kämpfer von hier, war ganz hinter dem Trubel verschwunden.
Gedämpft nahm ich die Stimmen wahr. Musste immer wieder auf die Tafel schauen. Wie kämpft Zero? War er unerbittlich? Stark? Flink? Und wenn er meine Fähigkeiten hatte? Oder noch viel mehr? Fragen über Fragen.
Mein ganzer Körper war bereits in eine hauch dünne Schicht Schweiß getaucht. Meine Kehle schnürte sich zu. Ich hatte Angst. So wie ich jedes Mal Angst hatte in den Ring zu steigen. Zu viele böse Erinnerungen gingen damit einher. Brüche, Prellungen, Blut ... so viel Blut. Heute würde ich sicher mehr nach Hause tragen als eine Dicke Lippe, falls ich überhaupt nach Hause kam.
„Fuchsgesicht.“ Ich sah auf. Vor mir hatte sich ein Gang gebildet. Ronald stand mitten im Ring, zeigte breit grinsend auf mich, deutete mir in den Ring zu steigen. Sein breites Grinsen sagte mir, dass er eine Unsumme sicher nicht auf mich gewettet hatte.
Es ging los. War der Kampf eben wirklich schon vorbei? Mein Herz hämmerte mir bis in die Ohren, es dämpfte alle anderen Geräusche. Kurz überkam mich das Gefühl, die Flucht zu ergreifen. Es hinabschluckend setzte ich mich in Bewegung. Ich betrat den Ring.
Innen angekommen legte Ronald mir die Hand auf die Schulter.
„Liebe Wölfe, heute Nacht seht ihr ein bekanntes Gesicht. Oft genug sahen wir, wie sie in Blut versank oder aus genau diesem Aufstieg. Unser Fuchskind! Doch seit gewarnt, Unwissende könnten dieses Mädchen unterschätzen und den mörderischen Instinkt des Fuchses spüren. Seid ihr bereit!?“, brüllte er. Die Menge grölte. Ich stand einfach nur da. Mit verschränkten Armen sah ich in die weit aufgerissenen Augen, die Brüllenden und manch sabbernde Gesichter. Sie waren wild wie Wölfe. Wollten Blut sehen und es vor allem anderen riechen.
„In der anderen Ecke!“, schrie Ronald. „Unser besonderer Gast für diesen Abend! Zeroooo“, zog er lang. Ich wendete mich nicht um. Er hatte noch immer nicht den Umhang entfernt. Kam einfach nur den Gang entlang den die Wölfe für ihn geschaffen hatten. Der Mantel sah teuer aus, sogar neu. Festes Leder, das alles bedeckte. Ich konnte nicht mal ahnen, was sich darunter verbarg. „Aus weit her, kommt das Söldnerduo um heute Abend hier Ärsche weit aufzureißen. Macht euch bereit auf eine Schlacht des Grauens!“ Die Menge grölte. Ronald so schnell wie ein Blitz sagte Zero etwas. Dieser nickte. Dann blickte mich Ronald noch einmal an und nickte mir zu. Das Zeichen, um zu beginnen.
Ich erwiderte es.

Die Menge war gleich außer Rand und Band. Jubelten, feuerten an, schrien nach meinem Blut. Doch sie wurden leise in meinen Ohren. Verstummten, als ich mich zu meinem Gegner wendete. Die Umgebung wurde leicht schwarz, das einzige Licht ergaben die Flammen der Fackeln um und herum. Ich blendete sie aus, musste mich konzentrieren, wenn ich eine Chance haben wollte. Ich konnte das, hatte schon unmögliche Kämpfe überstanden, dies würde noch so einer werden, machte ich mir Mut.
Ich würde nicht zuerst angreifen. Ich musst erst wissen, wie mein Gegner sich verhielt, auch wenn ich das ein oder andere einstecken musste. Zero bewegte sich. Nicht auf mich zu, nicht um mich herum. Er nahm die Kapuze ab. Kaum viel sie hinab stockte mir der Atem. Zum Vorschein kam kein Mann. Es war eine Frau.
Der Mantel flog beiseite. Nun konnte die ganze Welt sie bewundern und das tat sie. Die Menge verstummte.
Sie war schön, die Haare geflochten zu einem langen Zopf. In den Flammen schimmerte es wie Gold, doch wenn man es genau anblickte, war es weiß ... Nie hatte ich solch eine außergewöhnliche und doch schöne Frau gesehen. Ihre Haut war außergewöhnlich sauber und von einem glänzen. Die Haut in einem dunklen Ton der mich an feuchte Erde erinnerte. Frisch und gesund. Ihre Statur war kräftig, sie hatte Muskeln an jeder Stelle ihres Körpers. Kein Wunder, dass ich sie für einen Mann gehalten hatte, versteckt unter diesem Teil, dass ihr nicht schmeichelte.
Sie fixierte mich, ihr Blick war der eines Wolfes. Abschätzend, wartend. Sie würde mich zerreißen. Die Wilden um mich herum waren keine Wölfe, nicht annährend. Die Frau vor mir, schön und gefährlich, sie war ein Raubtier. Mit der graden Nase, dem aufrechten Gang, anmutig und tödlich. Ihre Augen ließen mich frösteln, fast weiß wie ihr Haar doch mit einem gelben stich. Hatte ich je einen Menschen mit ihrem aussehen gesehen?
Mein Bauch zog sich zusammen, hatte ich je so viel Angst gehabt? Einem solchen Gegner hatte ich noch nie gegenübergestanden. Meine Atmung ging unregelmäßig, wenn ich lange durchhalten wollte, würde ich mich in den Griff bekommen müssen.
„Wie alt bist du?“ Ihre Stimme hatte etwas Beruhigendes, wie Honig. Wie konnte so eine Frau eine Söldnerin sein? Sie gehörte an den Hof oder neben einen Mann, der dort lebte, nicht in die Slums.
„Siebzehn.“
„Also wirklich noch ein Kind.“ Ich antwortete nicht. Die Meute um uns herum wurde ungeduldig, begannen zu schimpfen und zu brüllen. Die Frau setzte sich in Bewegung, versuchte mich zu umkreisen, ich tat es ihr nach. „Wie heißt du?“
„Ist das wichtig?“
„Antworte, wenn man dich etwas fragt“, rügte sie mich scharf. Sie sprach nicht wie die üblichen Söldner. Ob sie wirklich einer war?
„Amara. Wenn du nicht gleich loslegst, stürmen die Trottel den Ring.“ Ich machte mir keine Hoffnung zu gewinnen. Sie war viel größer und breiter als ich. Ich war ausgehungert, hatte nur einen Bruchteil ihrer Muskeln. Ich konnte von Glück reden, wenn sie mir nicht alle Knochen brach.
„Unvergänglich“, flüsterte sie.
„Was!?“ Langsam ließ meine Geduld nach. Mein Puls war auch hundertachtzig. Versuchte sie mich mit dem Geplapper abzulenken? Wenn ja, dann gelang es ihr.
Der Schweiß floss in Strömen. Die Angst blockierte meine sonst so ruhige Art. Nie hatte ich solch einem Gegner gegenübergestanden. Dabei hatte sie bis jetzt nicht viel mehr getan, als zu plappern.
„Lass es uns testen“, bekam ich statt einer Antwort, dann griff sie an. Blitzschnell. Im nächsten Augenblick musste ich ihrer Faust ausweichen, die auf mich zuschoss, als wäre sie ein Pfeil. Gerade noch so duckte ich mich und schoss um sie herum. Sie wendete sich zu mir um, begutachtete meinen schmalen Körper. Sie war stark und schnell wenn es um einen angriff ging, doch ich war flink und konnte diesem schnell ausweichen. Wir würden sehen, ob sie dies zu verhindern wusste.
„Du bist erstaunlich schnell.“
„Übung.“ Sie ging erneut auf angriff. Die Menge jubelte. Diesmal tänzelte sie nach rechts und links. Ich konnte nicht vorhersagen, von wo sie kommen würde. Also würde ich den Schlag abwarten müssen und dann entscheiden. Ich nahm die Hände hoch. Das Gesicht war der empfindlichste Teil. Wenn die Augen einmal getroffen waren, war der Kampf so gut wie verloren. Ich konnte den Schmerz aushalten, doch den Gegner nicht zu sehen, war das schlimmste Szenario. Sie griff von rechts an, rammte mich am Bauch, doch ich war genau so dran auszuteilen. Mein Kopf schnellte nach vorn, erwischte sie an der Lippe. Sie taumelte zurück.
Grinsend berührte sie ihre Lippe. Sie blutete.
„Gut gekontert.“
„Nach dir“, antwortete ich atemlos. Der Schmerz zog sich durch meinen ganzen Körper. Sie war verdammt stark, viel stärker als ich es sowieso schon geglaubt hatte. Ich schmeckte Blut auf der Zunge, ein schlechtes Zeichen. Die rechte Hälfte meines Bauches krampte sich schmerzerfüllt zusammen. Ich meinte schwarze Lichter, vor meinem Auge flackern zu sehen.
Lange würde der Kampf nicht dauern. Noch drei solcher Schläge und ich würde mich am Boden winden.
„Dann lass mal sehen, ob das nicht nur Glück war.“ Die nächsten zwei Schläge kassierte ich schnell. Einen an der Schulter einen erneut am Bauch doch diesmal näher an den Rippen. Sie ließ mich nicht entkommen drängte mich zurück bis fast an die Arenalinie.
Mir wurde die Luft aus den Lungen gesogen, so scharf war der Schmerz. Dann ging sie zurück, obwohl sie die Chance hatte, mich aus dem Ring zu katapultieren und der Kampf endlich zu Ende wäre. Ein erbarmungsloses Miststück also.
Ich spuckte Blut. Es landete vor mir auf dem dreckigen Waldboden. Vermengte sich mit dem Dreck. Dunkelrotes Blut. Frisch und sicher nicht das Letzte.
„Du bist gut, hast aber noch viel zu lernen Kind.“
„Fahr zur Hölle.“
„Da sind wir doch schon.“ Sie ging erneut auf mich los. Ich bekam es mit der Panik zu tun. Doch anstatt wie jeder gesunde Mensch wegzulaufen und sich nie wieder umzudrehen, tat ich etwas, was sie überraschte. Ich ging auf sie los. Mimi immer vor Augen.
Ich rannte und sprang mit den Füßen voraus. Das brachte sie aus dem Gleichgewicht und sie viel. Die Menge tobte, brüllte und schmiss mit Dreck. Sie wollten nicht das ich gewinne, verständlich. Ich ließ ihr keine Zeit, sie knallte hart auf dem Boden auf. In der nächsten Sekunde schleuderte ich ihr Dreck in die Augen.
„Miststück!“, brüllte sie. Ich ballte meine Faust und ließ sie auf ihre Brust niedersausen. Ich war bei weitem nicht so stark wie sie, doch ich hatte gelernt auch mit wenig Kraft, viel Schaden anzurichten.
Meine Faust prallte an eine empfindliche Stelle auf ihrem Brustkorb. Ich hörte, wie die Luft stockte, wie sie röchelte, da sie keine Luft mehr bekam. Ich selbst hatte es oft genug erlebt, den pulsierenden stechenden Schmerz und der eigene Körper, der keine Luft mehr einziehen wollte.
Ich holte zu einem weiteren Schlag aus, da sie blind und bewegungsunfähig war. Doch ich hatte meine Gegnerin unterschätzt. Ihre Hand schlug mit voller Wucht auf mein Ohr. Wie hatte ich sie nicht sehen können? Der Schlag war so gewaltig, dass ich auf den Boden donnerte.
Plötzlich war der Lärm erloschen, der einzige Ton um mich herum war ein greller Schrei. Nicht mal meinen Atem vernahm ich. Ich versuchte wieder auf die Beine zu kommen, doch mein Körper ließ mich nicht. Der Schrei raubte mir die Sinne.
Ich sah im Augenwinkel, wie meine Gegnerin wieder auf die Beine kam, sich langsam aufrappelte und wieder zu ihren Kräften fand.
Ich hatte verloren. Nur ein Schlag würde ausreichen ... Ich war taub, unfähig aufzustehen, als hätte mein Körper nicht mehr die Kraft dazu. Was hatte sie nur mit mir gemacht? Angst und Panik überkam mich. Auch altbekannter Zorn kämpfte sich meine Kehle hoch.
Es kam kein erneuter Schlag, oder tritt in die Rippen. Stattdessen stand sie da, auf die Knie gelehnt und beobachtete mich schwer atmend. Ich spuckte erneut Blut.
So würde ich mich nicht vorführen lassen. Mit aller Kraft, auch wenn meine Sinne dies für unmöglich hielten, stellte ich mich auf. Wackelig und am Ende meiner Kräfte stand ich da, fixierte meine unerbittliche Gegnerin.
Das Schreien in meinem Ohr war noch da, dennoch hörte ich langsam wieder das Grölen der Leute, die mein Ende herbeibrüllten. Die Frau mir gegenüber dachte jedoch nicht dran. Das Brennen ihrer Augen sprach von Kampflust und Mord. Dennoch griff sie nicht an. Stellte sich nur wieder auf.
„Wirklich interessant“, meinte ich sie sagen zu hören, doch da mein Gehör noch nicht ganz wieder hergestellt war, konnte ich es mir nur zusammendichten.
Schwer atmend richtete ich mich wieder auf, wenn würde ich mit Würde untergehen. Ich sah für einen Sekundenbruchteil Ronaldos große Augen, wie er mich über ihre Schulter anstarrte. Hatte er Angst um mich? Ich war die beständigste Kämpferin, aber so grün waren wir uns nie gewesen. „Fuchskind ich habe dich unterschätzt.“
„Das tun viele.“ Ich spuckte erneut Blut. Das war es. Ich wusste es. Ein letzter Plausch, und sie würde mich vernichten. Meine Beine zitterten, zu atmen brannte höllisch und auch mein Bauch war dabei sich zu einem kleinen Stein zusammenzuziehen. Alles in allem ersehnte ich sogar das Ende. „Jetzt bring es zu Ende“, bat ich sie leise, sodass nicht alle meine Niederlage gleich mitbekommen würde.
„Unvergänglich bist du noch lange nicht.“
„Was willst du?“, fragte ich genervt um am ende all meiner Kräfte. „Du hast gewonnen, schick mich auf die Bretter und lass gut sein.“ Ich war ein fairer Verlierer. Dazu hatte ich zu oft verloren, um dem noch hinterherzuweinen. Meine Gegnerin grinste, wie nur eine Siegerin es konnte. Dann ging sie einen Schritt zurück und noch einen. Ich starrte sie an. Was hatte sie nun vor? Mich wie ein Bulle zu rammen? Ich machte mich auf alles gefasst.
„Wir sehen uns Amara.“ Damit trat sie aus dem Ring. Ich starrte sie fassungslos an. Sie hatte aufgegeben. Meine Kinnlade viel hinab. Die Menge tobte vor Wut.
Ich hatte gewonnen.

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