1.6 Tag um Tag, Aug um Aug ...

Flieh vor den Wölfen.

Ich stand fassungslos da. Zero, die härteste Gegnerin de ich je hatte, hatte einfach aufgegeben. Der Berg reichte ihr den Mantel, sie verschwand in diesem und entfernte sich, bis sie hinter der wütenden Menge verschwand. Diese tobte, nun nicht mehr vor Freude, sondern pure Wut. Ronaldo versuchte, die zornige Meute zu beruhigen. Eine solche Situation hatte es wohl noch nie gegeben, seit die Kämpfe veranstaltet wurden. Gino rannte auf mich zu, legte mir einen Beutel in die Hand.
„Lauf, bevor sie dich zerreißen.“ Das musste er mir nicht zweimal sagen. Die Männer kamen bereits auf mich zu. In Windeseile eilte ich davon, musste sogar zwischen ein paar Beinen hindurchhuchen. Trotz der Verletzungen war ich wie immer schnell und flink. Die griffen nach mir, fassten jedoch nur ins Leere.
Der Schmerz war Nebensache, jetzt war nur wichtig so schnell wie möglich Leinezuziehen. Als wäre der Tod hinter mir her, rannte ich wie der Wind. Ich blieb nicht einmal stehen, auch wenn meine Lungen in Flammen standen. Sie würden mich nicht einholen und würden somit auch nicht wissen, wo sie mich finden. Keiner wusste, wo wir genau wohnten, schon immer hatte Mutter auf Privatsphäre geachtet, was nur schlimmer geworden war, nachdem Vater verschwunden war.
Ich lief extra einen Umweg, um sicherzugehen. Verwischte schließlich meine Spuren und wurde erst dann langsamer. Denn Beutel hielt ich genau so in der Hand, wie Gino ihn mir gegeben hatte. Meine Finger krallten sich um das schwere Säckchen. Ich konnte es nicht glauben, es war nicht mal in meinem Kopf angekommen, was genau ich da in der Hand hielt. Es war alles so schnell gegangen. Ein ganzen Beutel voll Münzen! Ich war noch nie mit so viel nach Hause gegangen ... Vier, fünf Silbermünzen. Nie mehr.
An der Haustür angekommen Schlüfte ich schnell hinein. Ohne mich zu entkleiden, setzte ich mich auf einen Stuhl. Ich war wie betäubt. Mutter war bereits zu Bett gegangen, also saß ich allein im Dunkeln, denn Beutel fest umklammert. Ein ganzer Beutel voll Münzen ...

Wie lange ich dort saß, konnte ich nicht sagen, es wurde bereits hell, als mich langsam der Schmerz einholte. Tränen rannen mir das Gesicht hinab. Sie prickelten die Haut entlang und fühlten sich seltsam heiß an, oder Waren sie einfach so kalt?
Es trat ein Schatten in den Wohnraum, ich erkannte sie nicht, bis sie sich mit sorgenvollem Blick vor mich kniete. Tabi. Sie berührte mein Gesicht und ich zuckte zusammen. Es war die Seite, wo mich Zero eiskalt erwischt hatte. Ich hörte noch immer das Pfeifen in dem Ohr. Zwar war es leiser geworden, doch ging es nicht weg.
Tabi nahm mir den Beutel aus der Hand, ihre Augen wurden groß, doch war ihre Aufmerksamkeit gleich wieder bei mir. Sie legte ihn auf Seite, nahm mich unterm Arm und zog mich hoch. Ich ächzte, vor Schmerz. Jetzt wo ich mich bewegen sollte, spürte ich, den vollkommen Schmerz auf mich einstürzen. Ich presste die Augen zusammen. Im nächsten Moment bemerkte ich, wie auch meine andere Seite gestützt wurde. Anora hielt mich auf der anderen Seite. Beide trugen sie mich in mein Zimmer. Das genauso eine Abstellkammer war wie das von Mimi.
Sie zogen mich langsam aus und untersuchten meine Wunden. Beide hatten das so oft gemacht, dass ich schon nicht mehr zählen konnte. Ohne ein Wort verbanden sie die Wunden. Keine war offen und wenn waren es nur schrammen, das schlimmere waren die Prellungen, an Schulter und Rippen.
Als sie fertig waren, gingen sie hinaus und schlossen die Tür. Ich war dankbar dafür. Denn ich wollte nichts mehr als schlafen.
Als ich wieder aufwachte hatte ich weder Zeit noch Raumgefühl. Ich sah mich verwirrt um. Mein Mund war staubtrocken und auch mein Magen knurrte gähnend leer. Beschwerlich kam ich auf die Beine, was bei meinem tiefen Bett gar nicht so einfach war. Meine Muskeln schreien und auch die Prellungen machten es zu einer schweißtreibenden Aufgabe. Dennoch waren sie zu ertragen, was wohl hieß, dass ich viele Stunden geschlafen hatte und mein Körper die Zeit genutzt hatte, um wieder auf die Beine zu kommen.
Wackelig begab ich mich in den Flur. Ich hörte Mimi mit ihren Stofftieren im Wohnraum reden. Tabi summte leise, was wohl hieß, dass sie wieder unsere Klamotten flickte. Sie war mittlerweile sehr gut darin. Anora konnte ich von dort im Flur aus sehen, sie fummelte am Stoff, der auf dem Tisch lag.
Schwankend nährte ich mich dem Raum, am Türrahmen musste ich mich dann anlehnen. Es war so laut das alle verstummten und zu mir hinübersahen.
„Geht es dir gut?“, fragte Tabi wieder mit diesem besorgten Gesicht.
„Ging mir nie besser.“
„Was hast du getan?“, fragte Anora und deutet auf den Beutel auf dem Tisch. Er war kaum angerührt worden. Sie hatten also gewartet, bis ich aufwachte. Beschwerlich ging ich hinüerb zum Stuhl. Mimi redete nicht mit mir, hatte jedoch ihr spielen unterbrochen. Ich wusste sie hasste es, wenn ich in solch einem Zustand nach Hause kam. Sie hatte Angst, dass ich es vielleicht eines Tages nie wieder nach Hause schaffen könnte. Hätte Zero eine andere Entscheidung getroffen, währe ich heute wohl nicht hier.
„Wie?“, fragte Tabi. Selbst Mutter trat einen schritt näher, sagte kein Wort und blickte mich nur an. An ihrem zusammengepressten Lippen sah ich das es ihr missviel, wie ich das Geld besorgt hatte. Oft redete sie Tage überhaupt nicht mit mir nach einem harten Kampf. Besonders nicht wenn ich verloren hatte ...
„Eine Söldnerin. Sie hat mir ganzschön den Arsch versohlt. Alle haben auf sie gewettet, doch ich habe gewonnen.“ Mutter wurde bleich. Söldner sollte man nicht verärgern, ihre Rache konnte meist um einiges schlimmer sein als der Kampf selbst. „Sie hat aufgegeben.“ Das entspannte Mutter nicht im geringsten.
„Aufgegeben? Eine Söldnerin.“ Anora wickelte den Stoff um ihre Finger. Es war das gleiche Kleid, das sie trug. Sie besaß das Leinenkleid zwei Mal, sonst nichts. Vielleicht konnte sie sich nun ein schöneres Kaufen. Vielleicht auch zwei ...
Ich griff nach dem Beutel. Er war noch immer Rand voll.
„Ihr solltet nicht mehr alleine hinausgehen. Die Männer waren sehr wütend, als die Söldnerin freiwillig aufgab und ich einen großen Teil das Geld bekam.“ Meine Schwestern nickten. Mimi blickte abwesend auf ihr Plüschtier.
Ich öffnete das Säckchen und blickte hinein. Vor Schreck viel mir der Beutel fast zu Boden. Es waren keine Silbermünzen. Es waren Goldmünzen. Noch nie im Leben hatte ich so viele Goldmünzen gesehen. Ich hatte in meinem ganzen Leben erst eine zu Gesicht bekommen und das nur, weil sich ein reicher Mann auf eine fremde Straße verirrte. Er hatte sie mir angeboten, wenn ich ihn den richtigen Weg wies, doch gegeben hatte er sie mir nie. Leider war ich zu jung gewesen, um ihn den Arsch dafür zu versohlen ...
„Wir werden weggehen ...“ Meine Familie starrte mich verwirrt an. „Noch heute.“ Es gab eine Stadt, ein Tag von hier. Dort wäre das Leben einfacher. Die kosten für Brot waren gering, die Menschen verdienten dort noch mehr. Tabi konnte als Lehrling beim Schneider anfangen, das Talent hatte sie. Mutter konnte in der Schmiede wie damals aushelfen. Mit dem Geld hatten wir genug für jeden von uns Zoll um die Stadt zu betreten.
„Unsinn“, begann Mutter. Ich schüttete den Beutel auf den Tisch. Tabi und Anora sprangen vor Überraschung zurück. Der halbe Beutel war voll mit Goldmünzen, es waren auch ein paar Silbermünzen dabei. An der Zahl waren es siebzehn Goldmünzen und an die zwanzig Silbermünzen. Jetzt war ich dankbar für die wenigen Dorfschulstunden von damals, denn ich wusste genau, wie viel wir brauchten, um die Stadt zu betreten.
„Blutgeld. Sie werden kommen.“
„Nicht wenn wir schneller sind.“ Doch Mutter hatte Recht. Irgendwas wollte die Söldnerin und sie würde es sich holen kommen. „Wir gehen durch den Wald. Packt schnell eure wichtigsten Sachen zusammen.“ Mehr brauchte ich nicht sagen, wie der Wind stürmten meine zwei Schwestern los. Mimi sah mich verängstigt an. Ich ging zu ihr und hob sie trotz der schmerzen hoch. Mutter stand wie in Trance dort und starrt auf die Münzen.
„Gehen wir weg?“
„Wir müssen.“
„Und unser Haus?“
„Wir finden ein besseres, versprochen.“ Ich setzte sie auf den Stuhl. „Wie wäre es? Pack schnell deine drei liebsten Stofftiere zusammen und von mir bekommst du dann ein Neues.“ Ihre Augen begannen zu leuchten. Ein neues Stofftier hatte sie schon lange nicht mehr bekommen. Damit sprang sie schnell wie ein Reh hinab und verschwand im Flur. Ich sammelte währenddessen die Münzen wieder auf.
„Sie wird dich finden.“
„Bis dahin sind wir längst dort.“
„Wir sollten den morgen abwarten.“ Ich sah zum Fenster, die Nacht brach gerade ein.
„Nein.“ Mutter nickte. „Hör zu. Mit dem Geld können wir uns ein Zimmer nehmen. Wir werden sparsam sein und jeder von uns, sucht sich eine Arbeit. Tabi kann gut nähen, der Schneider nimmt sie sicher. Die Schmieden brauchen immer Hilfen. Ich bin kräftig, ich kann schwer arbeiten und Anora findet sicher auch schnell was. Das ist genug Arbeit und genug Geld um uns etwas Festes zu suchen. Wir können das schaffen.“ Die Hoffnung überflutete mich wie ein Wasserfall. Wir würden es schaffen.

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