1.7 Tag um Tag, Aug um Aug ...

Lauf kleines Reh, Lauf.

Die wichtigsten Sachen waren schnell gepackt. Mehr als drei Beutel kamen nicht zusammen. Klamotten hatten wir nicht viele, also packte ich mir einen Beutel ächzend über die Schulter. Zur Sicherheit steckte ich noch zwei Messer an die Seiten meiner Schuhe.
„Geht es?“, fragte Tabi und schwang sich den anderen über die Schulter. Sie war zwei Jahre jünger als ich und hatte dennoch schnell mein alter erreicht so schien es. Nichts mehr in ihr sprach von einem Kind.
„Muss.“ Ich packte mir die einzige andere Waffe im Haus, die hinter der Tür stand und steckte sie mir dann in den Gürtel. Eine alte rostige Machete die nichts von ihrer schärfe verloren hatte, sie würde dafür sorgen das sich mein gegenüber zwei Mal überlegte, was er als nächstes tat. Dann öffnete ich die Tür.
Kühle Luft schlug mir von draußen entgegen. Der Winter zog langsam übers lang. Wir mussten und also beeilen. Anora nahm ebenfalls einen Beutel und Mimi an die andere Hand. Mutter starrte vor sich hin, unwillig ihr Heimathaus zu verlassen. „Mutter!“ Langsam blickte sie mich an. „Du nimmst jetzt die Beine in die Hand“, befahl ich ruppig. Sie sah noch ein letztes Mal zurück und nickte dann. Ich war es leid, dass sie sich wie ein wandelnder Geist verhielt, wenn sie nicht gerade die mürrische Furie spielte. Wir hatten uns die meisten Klamotten angezogen, zum Schutz vor der Kälte. Somit ging ich los, achtete auf nicht zu schnelle Schritte. Ich kannte den Wald gut, hatte oft genug versucht in ihm zu jagen. Leider bewies ich wenig können im Umgang mit Pfeil und Boden. Fallen stellen war hingegen mein Ding, dennoch ging in den kargen Wäldern nicht viel ins Netz. Somit hatte ich das auch wieder schnell verworfen und war über zu Diebställen gegangen die weit mehr abwarfen.
Ich versuchte nicht zu viele Spuren abseits des Weges zu hinterlassen, was sehr unmöglich schien, mit einer fünfjährigen und drei Freuen die keine Ahnung davon hatten, wie man Spuren vermied und wo man am besten hintrat. Selbst wenn ich es ihnen gesagt und gezeigt hätte, hätten wie sie nicht gut genug verborgen. So bemühte ich mich schnell durch den Wald zu kommen, ohne die anderen zu verlieren. Als die Dunkelheit schließlich reingebrochen war, war auch meine Sicht beschränkt. Nur die wenigen Sterne und die lichteren Stellen des Waldes ließen mich beschwerlich durchblicken, wo genau wir uns befanden.
Ich hielt mit vom Weg fern. Zu viele dunkle Gestalten benutzten ihn in der Nacht, weshalb ich auch kein Feuer anzündete, trotzdem wusste ich immer genau, wo er lag. War ihn mittlerweile oft genug gegangen um auch Beute außerhalb des Dorfs zu machen, in den kleineren Dörfern, überall um uns herum. Auch von diesen würden wir uns fernhalten, bis wir dort waren, wo wir in Sicherheit wären. Obino.
Eine Stadt mit gepflasterten Straßen, einer großen Mauer und einem einfachen System. Doch um hineinzugelangen, war ein Wegzoll nötig. Etwas was wir uns nie hätten leisten können, bis jetzt. Zwei Goldmünzen pro Kopf. Zwei Goldmünze, um sicher hinter bewachten Mauern zu leben, um in einem System voller Arbeit und guter Bezahlung seine Tage zu fristen. Obino war weit größer als Morta, dennoch noch keine Großstadt, aber voller Handel und wichtiger Männer. Der König würde sich nicht wagen die Männer abzuziehen, um seine unnötige Arme zu stärken. Zu wichtig waren die Verbündeten dieser Stadt. Zumindest hatte Vater das immer gesagt und das war auch schon drei Jahre her. Ich konnte nur hoffen, dass sie weiterhin unangetastet blieb.
„Amara!“, rief mich Tabi gedämpft. Ich blieb umgehend stehen und sah zurück. Mutter war weit zurückgefallen. Stampfte kraftlos über Stock und Stein die unter ihr knackten. Meine Schwestern hatten hingegen mitgehalten, dabei waren wir schon eine ganze Weile unterwegs. „Mutter muss eine Pause machen.“
„Mutter muss keine Pause machen, wir sind erst wenige Stunden unterwegs.“ Wir warteten, bis sie endlich aufschloss. Tabi ging zu ihr und fragte sie etwas zu leise, als das ich es hörte.
„Gibt es einen Fluss in der Nähe?“, fragte sie mich. Ich nickte widerwillig und ging tiefer in den Wald.
In der Nähe befand sich ein kleiner Flusslauf, wo sich die wenigen Rehe gern getränkt hatten. Heute sah man kein Einziges mehr von ihnen. Es dauerte eine Weile, bis wir dort waren.
„Nehmt es in die Hände und wartet, bevor ihr trinkt, es ist sehr kalt.“ Wir tranken alle reichlich, um nicht erneut so schnell anhalten zu müssen. Mimi zog an meiner Hose, als ich dabei gewesen war, die Umgebung zu untersuchen. Ich hockte mich neben sie und mühte mir ein Grinsen ab.
„Was ist denn kleines Juwel?“ Sie zeigte schüchtern auf ihre Schuhe. Ich hob ihre zwei Kleider die sie übereinander Trug. Ein Schuh von ihr war zu eng, weshalb sie sich eine große Blase gelaufen hatte. „Mimi wieso sagst du denn nichts?“ Sie zuckte mit den Schultern. Meine kleine Schwester war den Tränen nahe, als zog ich ihr den Schuh aus. Dann drehte ich ihr den Rücken zu. „Spring auf“, sagte ich grinsend. Sie tat es gleich.
„Soll ich sie nicht besser nehmen?“, fragte Tabi, da sie mein angespanntes Gesicht sah.
„Es geht schon.“ Damit machten wir uns wieder auf. Ich bewegte mich um einiges schwerfälliger. Trotz das Mimi nicht schwer war, lag ihr Arm genau auf der verletzten Schulter und das zusätzliche Gewicht belastete auch die geprellte Rippe.
Diesmal hielten alle mit mir mit. Wir liefen den größten Teil durch, erst in den Morgenstunden, machten wir für eine Stunde rast. Wir würden noch einige Stunden laufen müssen. Tabi hatte sich Mimis Schuh genommen und versuchte ihn etwas größer zu machen. Anora, Mutter und Mimi schliefen schon seit einer Weile.
„Der ist nicht zu retten“, stöhnte Tabi und schmiss ihn frustriert in den Sack zurück.
„Es geht schon Tabi.“
„Das tut es nicht. Man sieht es deinem angespannten Unterkiefer an.“ Ich blickte hinunter zu Mimie. Es gab fast nichts auf der Welt, was ich für sie nicht auf mich genommen hätte. Vielleicht weil sie mich so stark an mich selbst erinnerte. In den unbeschwerten, schönen Jahren, bevor das Land langsam vor die Hunde gegangen war. Wie das alles passiert war, konnte ich nicht sagen.
Es gab eine Zeit, da war das Land fruchtbar und lebensfroh gewesen. Jeder hatte genug zu essen, Arbeit. Dann wurden die Jahre dunkler. Der König berief immer mehr Männer ein. Sie kehrten nie wieder zurück. Die Wälder verwilderten, manche starben aus, als wäre etwas Wichtiges verloren gegangen.
„Wie weit ist es noch?“
„Einen halben Tagesmarsch.“
„Da lang?“ und zeigte in eine richtig des Waldes. Ich korrigierte ihre Richtung.
„Nordost, zum Meer hin. Wenn man dem Pfad auf unserer Rechten folgt, kommt eine Gabelung. Man nimmt den rechten Weg immer geradeaus und kommt gleich vor das Tor im Süden der Stadt.
„Warst du schon oft dort?“
„Natürlich. Ich habe schon oft versucht, einen Weg hineinzufinden. Es ist zu verlockend, wenn man hört, wie reich diese Stadt noch sein soll.“
„Und wenn sie es nicht mehr ist?“
„Das wird sie sein.“
„Du bist dir immer so sicher.“
„Ich bin ein Sturkopf.“
„Wie Vater es war.“ Ich presste die Zähne so stark aufeinander, dass es schon weh tat. „Du hasst ihn.“
„Ich verstehe nicht, warum du ihn nicht hasst.“
„Er liebt uns.“
„Er hat uns verlassen, mit einer Mutter zurückgelassen, die aufgegeben hat und einem kleinen Kind. Er liebt uns nicht, er liebt nur sich selbst.“ Tabi sah zu Boden. Sie glaubte nach all den Jahren noch an ihn. Eine weitere Stunde schwiegen wir, bis ich alle erneut aufscheuchte und weiter trieb.

Wir gingen nun bereits mehr als einen drei Viertel Tag, die Landschaft veränderte sich bereits. Der Walt wurde lichter, wir trafen viele Weiden und Wiesen auf unserem Weg. Es grasten vereinzelnd Huftiere auf diesen.
„Wir gehen auf den Weg“, beschloss ich. Es gab nicht mehr genug Deckung, weshalb wir es nun drauf ankommen lassen mussten.
Der glatte Erdenboden Tat gut für die geschundenen Füße, dennoch war der Weg immer noch ein weiter. Ich schätzte, wir brauchten noch an die sechs Stunden eh es wieder dunkel wurde und Obino in Sicht kommen würde. Die Küstenstadt.
„Mimi hast du je den Sand am Meer gesehen?“, viel mir ein.
„Sand?“
„Ja direkt am Meer.“ Ich erinnerte mich nicht daran, dass sie je die Stadt verlassen hätte. „Obino ist eine Küstenstadt, sie lagert gleich am Meer, wo unzählige Fische drin schwimmen. Vielleicht können wir bald ein paar angeln gehen.“
„Fisch schmeckt nicht.“ Sie verzog angewidert das Gesicht. Ich musste lachen, natürlich hatte ihr der alte Fisch vom Markt nicht gescheckt, den ich vor Monaten mal angeschleppt hatte. Er war noch genießbar gewesen, dennoch nicht ganz frisch was seinem Geschmack zu urteilen schon fast überfällig gewesen war. Glücklicherweise hatte ich nicht einen Penny dafür ausgegeben, sondern hatte den stinkenden Fisch in der Tasche nach Hause geschmuggelt. Tage lang hatte ich noch nach diesem ekelhaften Scheiß gerochen.
„Das Meer wird dir gefallen.“
„Wieso?“
„Es ist Wasser, so weit das Auge reicht.“
„Wir hatten auch Wasser.“
„Aber nicht so viel und es schmeckt ganz anders.“
„Wonach denn?“
„Salz.“ Ich erinnerte mich an meinen ersten Besuch an den Mauern von Obino. Ein Dorfsjunge, ein Dieb wie ich, vielleicht drei Jahre älter als ich hatte mich hingeführt, doch als wir bemerkten, dass es kein Einlass gab, hatten wir uns entschieden, das Meer zu besuchen. Ich hatte bis dahin nicht mal eine Ahnung wie ein Meer aussah. Kago hatte mir den Sand und das Meer schmackhaft gemacht. Schon damals hatte ich immer gehofft, irgendwann jeden Tag zum Meer hinunter gehen zu können und den Sand an den Füßen zu spüren. Der Tag war so friedlich gewesen. Nur das große weite Meer und wir. Ich habe immer gehofft noch einmal mit ihm zum Meer gehen zu können, doch kurze Zeit später hatten ihn Soldaten beim Stehlen erwischt. Sie schlugen ihm beide Hände ab und er verblutete. Obwohl ich ihn nicht gut gekannt hatte, hatte ich um ihn geweint. Er hatte mir den Großteil meines heutigen Könnens beigebracht, ohne ihn wäre meine Familie viel öfter mit hungrigen Mägen ins Bett gegangen.
„Das hört sich nicht lecker an.“
„Ist es auch nicht, man sollte es nicht trinken.“
„Wozu ist es dann gut?“
„Man kann darin schwimmen, oder Sandburgen mit dem Wasser bauen.“
„Sandburgen?“
„Ja man nimmt wasser schüttet es auf den Sand und kann den Sand dann formen. Ich habe ein Kind gesehen, dass eine ganze Stadt gebaut hat.“
„Kann ich mit dem Kind spielen?“
„Bestimmt.“ Mimi grinste vor sich hin. Sie hatte bisher keine Freunde besessen, kaum das Haus verlassen und wenn nur mit Tabi und mir. Das würde sich schon bald ändern. Sie könnte das Kind sein, das sie schon immer hätte sein sollen. Fröhlich unbeschwärt und mit keinen Sorgen.

Es wurde bereits dunkel, als hinter dem Hügel ein Holzschilder am Wegrand auftauchten. Bei meinen Schwestern löste es eine Hochstimmung aus. Wir waren alle geschwächt, müde und hungrig. Die Füße brannten und auch die Muskeln tatet es ihnen nach. Ich verstand also ihre Freude bald da zu sein, auch wenn wir mindestens noch zwei Stunden brauchen würden.
Ein paar Minuten nach dem Schild hörte ich ein bekanntes Geräusch. Ein poltern und Hufe auf trokenen Boden. Ein Karren.
Ich sah mich nervös um, doch es gab nirgends ein geeignetes Versteck. Ich setzte Mimi ab und drückte sie zu Tabi. Tabiana blickte mich nervös an. Sie deutete von allen am besten meine Reaktion und verhielt sich unauffällig. Sie zog den Kopf ein und drängte sie anderen an sich. Ich legte meine Hand auf die alte rostige Machete und ging mit gesenktem Kopf weiter.
Ganz in der Nähe dann blieb der Karren stehen. Ich presste meine Zähne aufeinander. Mitten auf dem Weg waren wir zu angreifbar. Ich entschied mich für die direkte Konfrontation. In dem Moment, in dem ich mich zu dem Karren zuwendete, sagte einer der Männer etwas.
„Amara Nari?“ Ich blieb wie angewurzelt stehen. Sie suchten mich? Waren sie Gehilfen der Söldnerin? Ich sah mir die Männer genau an. Sie trugen saubere Kleidung, Schutzwesten aus Ketten und ein Wappen. Zwei schwarze gekreuzte Schwerter und ein Rabe mit ausgebreiteten Flügeln. Das Wappen des Königs. Soldaten!
Ich unterdrückte den Drang fortzulaufen und sah dem jungen Mann genau in die Augen. Er musste vor kurzem noch ein ganz normaler Dorfjunge gewesen sein, nicht viel älter als ich. Der unsichere Blick verriet mir seinen kurzen Aufenthalt in der Arme des Königs.
„Sag schon, ist das sein Name?“, forderte er zögerlich.
„Nein.“
„Sie lügt!“, knurrte ein alter Mann und sprang von Planwagen hinab. Wer wusste schon, wie viel Soldaten noch hinten auf dem Wagen versteckt auf ihren Einsatz warteten. Der alte Mann hatte seine besten Jahre bei weitem hinter sich. Doch an seiner Gangart erkannte ich das er schon weit länger ein Soldat sein musste wie der Junge. Aggressiv bäumte er sich auf, machte sich größer als er eigentlich war.
„Ich bin Tiana Mambi und das sind ...“
„Fuchskind“, unterbrach der junge Soldat mich. Ich schwieg. Was wohl schon alles verriet.
Weshalb suchten sie mich? Raub? Wegen dem Kampf? Hatte mich jemand verpfiffen?
„Sie haben die Falsche.“ Meine Familie drängte sich hinter mich zusammen. Meine Hand lag noch immer ruhig auf dem großen Messer. Es waren zwei Soldaten. Ich hatte nur eine Chance, wenn ich schnell war. Der Überraschungseffekt musste nur auf meiner Seite sein.
„Sie sind festgenommen wegen ungebührlichen Verhaltens, Raub und Missachtung der Gesetze“, fügte er an. „Sie werden zum Hof gebracht, um sich über ihre Taten zu äußern.“
„Am Hof?“ Ich runzelte die Stirn, noch nie hatte ich gehört das Diebe sich rechtfertigen durften. Auf jedes Vergehen stand die Todesstrafe. Der Soldat trat näher, und das Chaos brach los.

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