1.8 Tag um Tag, Aug um Aug ...

Schuldig im Sinne der Anklage

Ich zückte die Machete. Kampflos würde er mich nicht bekommen. Im gleichen Augenblick stürmte Mutter um mich herum, viel auf die Knie und nahm die Hände flehen zusammen.
„Bitte nicht meine Tochter, sie hat es nie böse bemeint. Sie musste es doch tun, nehmen sie mich. Lassen sie meine Familie gehen!“, flehte sie tränenüberströmt. Selten hatte sie so schöne Worte für mich übrig. Der junge Soldat war etwas überrumpelt, dafür war der Alte ganz Herr seiner Sinne. Mit brennenden Augen stieß er meine Mutter brutal zur Seite, zückte sein Schwert und kam auf mich zu.
Meine Reaktion darauf war instinktiv. Ich stürmte auf ihn zu, auch wenn meine Mutter oft zu nicht zu gebrauchen war, so, würde niemand mit ihr umgehen. Vor allem nicht ein Mann.
Die Machete fest in der Hand, erreichte ich ihn schnell. Er schwang das Schwert, verfehlte mich jedoch da ich einen Schritt zurück und zur Seite auswich. Mit einem kraftvollen Hieb erwischte ich seine Wade. Er schrie auf, ging jedoch nicht auf die Knie wie erwartet, stattdessen schwang er das Schwert erneut und erwischte mich an der Schulter. Ich schrie schmerzerfüllt auf.
„Du sollst sie nicht töten!“, brüllte der Jüngere. Meine Schulter blutete wie Sau, war jedoch nicht so schwer getroffen wie erwartet. Die Klinge hatte mich gestreift. Der Schnitt lief von der Schulter nicht ganz hinab zur Brust und schien oberflächlich.
Er stürzte erneut auf mich los. Diesmal blieb ich stehen, ich wartet den Schlag ab, doch so weit kam es nicht. Mutter stürzte sich vor mich, der Mann hatte bereits ausgeholt und erwischte sie am Hals. Meine Schwestern schrien auf. Mutter viel stark blutend zu Boden.
„Nein!“, schrie ich flammend vor Zorn und stürzte mich auf ihn. Er schupste mich und ich viel über Mutter, doch das war egal, ich schmiss die Machete nach ihm, stürzte im gleichen Moment hoch. Er stieß sie weg, war eine Sekunde abgelenkt, sodass ich das Messer in meinem Schuh zog und es ihm mit voller Wucht ins Herz rammte. Seine Hand fest im Griff, damit er nicht das Schwert ausholte.
Mit aufgerissenen Augen starrte er mich an. Meine Hand zitterte. Töten war nie leicht. Weder das Blut, noch das Leben, was aus den Körpern floss. Was allein meine Schuld war. Ich nahm ihm das Leben. Ich. Niemand sonst. Erneut würde eine Seele mehr in meinen Albträumen auftauchen und mich verurteilen.
Die Wut verblasste aus seinen Augen, zurück blieb angst. Er wollte nicht sterben, doch es war zu spät. Die Klinge steckte tief in seiner Brust, hinderte sein Herz vom schlagen ab.
Ich wurde mit gewallt von dem Soldaten fortgerissen. Statt mich auf den Jüngeren zu stürzen, der sich um seinen sterbenden, zusammengebrochen, Kameraden kümmerte, krabbelte ich zu Mutter.
Meine Schwestern waren bereits bei ihr, weinten und schluchzten. Tabi versuchte ihr die Wunde zuzuhalten, presste die Hände auf ihren Hals. Mit angsterfüllten Augen blickte sie mich an, röchelte und versuchte etwas zu sagen. Doch statt Ton floss Blut aus ihrem Mund. Ich nickte, denn ich wusste, was sie hätte sagen wollen. Ihre Hand packte meine. Dann zuckte sie und das Leben floss aus ihrem Körper. Ihre Augen wurden starr und es war zu Ende. Es ging viel zu schnell. Nie hätte ich geglaubt, sie auf diese Art zu verlieren. Etwas dunkles erfüllt meine Seele. Wieder hatte man mir etwas genommen.
Ich stand schwer atmend auf. Ihr Tod musste jetzt nach hinten rücken, denn es war noch nicht zu Ende ...
Ich wendete mich zu den beiden Soldaten und beobachtete den Jungen, der sich gerade von seinem Kameraden erhob, ebenfalls leblos.
„Du hast ihn getötet. Ich muss dich festnehmen.“
„Versuch es.“ Ich deutete auf seinen Freund. „Wir haben beide etwas verloren. Geh, nimm deinen Kameraden mit. Sag ich wäre entkommen oder lande neben ihm.“ Er sah zu seinem Kameraden runter. Es war offensichtlich, dass er noch nicht lange ein Soldat war.
Ich ging zur Machete, worauf er sein Schwert zog.
„Sie werden mich töten.“ Seine Stimme brach.
„Oder du wirst hier sterben. Sie hingegen werden dich noch brauchen.“
Er sah an mir hinab, das Schwert auf mich gerichtet. Sein Blick lag starr auf meinen Füßen. Er stand unter Schock. Das musste ich ausnutzen. „Hast du was dagegen, wenn wir dir den Wagen klauen?“ Ich schwang die Machete und lehnte sie mir auf die gesunde Schulter. Der Soldat sah unsicher von mir zum Wagen.
„Gestohlen“, antwortete er, womit seine Entscheidung gefallen war.
„Dachte ichs mir.“ Damit war unser Pakt erledigt. Sie würden ihn nicht töten, bis sie wussten, wo er mich verloren hatte, doch mein Problem war es nicht. Vielleicht würde er auch einfach nicht zu seinem Lager zurückkehren.
Ich ging zu Mutter und nahm sie hoch. Meine Schwestern weinten alle noch bitterlich, doch dafür war keine Zeit.
„Auf den Wagen. Jetzt.“ Ich musste jegliche Gefühle unterdrücken, wenn ich nicht noch meine übrige Familie verlieren wollte.
Ich legte Mutter hinten hinein, und faltete ihr die Arme. Schon bald würde sie steif werden und wir müssten sie verlassen. Mitnehmen konnten wir sie auf unseren weiterem Weg nicht.
Ich ging nach Forne und setzte mich. Das pechschwarze Pferd schien kräftig und war wohl das Größte, was ich je erbeutet hatte. Der Soldat stand verloren da, jetzt erst fiel mir die Farbe seiner Tracht auf. Ein leichtes Grau während der Alte eine Schwarze trug. Er war ein Lehrling. Kein Wunder, dass er nicht den Kampf suchte.
Ich trieb das Gaul an, bleib jedoch direkt bei ihm wieder stehen.
„Das Messer“, sagte ich und deutet auf die Brust des Soldaten. Der jüngere schluckte schwer, zog es aus der Brust und reichte es mir. „Wenn ich du wäre, würde ich weit weglaufen und nie zurücksehen.“ Er nickte. Dummer junge. Er würde keine Woche mehr überleben. Damit ritt ich los und ließ den Schrecken hinter mir.

Ich ließ das Pferd schnell reiten, weshalb wir schnell vorankamen, erst nach einer Stunde ließ ich es langsam den Weg entlang traben. Ich öffnete hinter mir die Abdeckung. Meine Schwestern saßen verstört in der Ecke, blickten auf die Leiche unserer Mutter.
„Tabi.“ Sie blickte zu mir auf. „Ich brauche was Sauberes, wir alle.“ Das Blut unserer Mutter hatte unsere Klammotten besudelt. Wenn wir nicht auffallen wollten, brauchten wir frische Sachen und auch meine Schulter sollte einmal genau betrachtet werden. Obwohl es aufgehört hatte zu bluten, juckte der Stoff fürchterlich und klebte an der frischen Wunde.
„Amara ...“ Ihre Stimme brach. Sie hatte Mutter geliebt, das hatten wir alle. Sie hatten jeden Tag unzählige Stunden mit ihr verbracht, während meine Gefühle zu ihr von Tag zu Tag eisiger geworden waren. Dennoch hatte ich sie im Herzen. Auch wenn ihr Tod mich nicht so berührte, wie es meine Schwestern taten. Ich hatte sie gerecht und zum zweiten Mal in meinem Leben getötet. Es musste genug sein.
Die Erinnerung schmerzte.
Ich hatte gehofft, es nie wieder tun zu müssen. Nie wieder das Leben eines anderen zu beenden. Doch ich hatte es getan und ein weiteres Mal war es ein Mann gewesen. Zugegeben, beide hatten es verdient und beide sollten dafür im Nichts schmoren.
Ich erinnerte mich gut. Es war erst drei Monate, nachdem Vater uns verlassen hatte. Ich hatte auf der Straße gebettelt bis spät in die Nacht und nicht einen Penny verdient. Bis ein Mann auftauchte und mir eine Silbermünze bot, ich müsste nur mitkommen und sie holen. Gutgläubig, wie ich war, war ich mitgegangen. Ich war erst vierzehn und der Hunger nagte unentwegt an meinen Knochen.
In einer Ecke dann viel er über mich her. Wollte mir nehmen, was noch keiner hatte. Er war alt und dürr dennoch stark genug im Gegensatz zu einem Mädchen. Ich hatte in der Not und voller Panik eine Scherbe ertastet und sie ihm mit aller Kraft durch den Hals gezogen. Ich hatte nie mehr in meinem Leben eine solche Angst gespürt. Die Angst, wenn sich jemand anderes das Recht nahm, über deinen Körper und Geist zuherrschen.
Ich hatte zugesehen, wie er über mir ausblutete. Hatte beobachtet, wie das Licht aus seinen Augen verschwand und sein Köpper erschlaffte. Seltsam faszinierend war es gewesen. Das Blut. Es schimmerte auf meiner Haut, in ihm spiegelten sich die Sterne. So wichtig und doch so unbedeutend. An jedem Abend ist das Feuer entbrannt, was in meinem Innern loderte. Ich schwor, nie wieder schwach zu sein. Also lernte ich zu stehlen, lernte zu kämpfen und meinen Schmerz zu verdrängen. Um zu überleben.
Ich bog am Waldrand ein. Ließ das Pferd den Wagen holprig über den unbefahrenen Boden ziehen, bis wir an einem kleinen Fluss ankamen. An diesem spannte ich das Tier aus und ließ es trinken und fressen. Zögerlich stiegen meine Schwestern aus dem Wagen.
„Und was jetzt?“, fragte Anora mit festem Blick auf den hölzernen Wagen.
„Wir werden den Wagen verbrennen und abseits vom Weg unser Glück versuchen.“ Mehr konnte ich ihr nicht bieten. Ihr ein Loch zu schaufeln würde Stunden dauern. Die Zeit hatten wir nicht ...
„Wir gehen nicht nach Obino?“, Tabis Augen füllten sich erneut mit Tränen. All die Hoffnung war erlsochen. Wir hatten Mutter verloren und hatten kein Heim.
„Dort würden sie uns zuerst suchen. Wir halten uns bedeckt. Suchen uns ein Dorf, wo wir neu anfangen können. Ein besseres wie unseres.“
„Aber wieso?“
„Weil sie unsere Namen kennen. Sie wissen, wie wir heißen, wissen, wohin wir wollten. Wir brauchen neue Namen“, viel mir ein. Mit unseren Alten, würde man uns überall erkennen. Tabi nickte und ging zum Fluss. Abwesend begann sie, ihr Kleid auszuwaschen. Meine anderen Schwestern schwiegen. Mit aufgerissenen Augen standen sie da, noch zu sehr unter schock.
Ich nahm die übrigen drei Beutel, die ich in den Wagen gelegt hatte, und zog mich um. Mimi und Anora taten es mir nach. Ich untersuchte die Wunde, die sich schon ans Hemd geklebt hatte und somit erneut blutete, als ich es entfernte. Es war nur ein leichter Schnitt, nicht sehr tief, trotzdem würde eine Narbe bleiben. Ich wusch sie aus und bedeckte sie dann mit einem Stück Stoff, dass ich aus einem alten Hemd von mir riss. Es musst reichen, bis wir ein größeres Dorf erreichten. Dann suchte ich trockenes Holz. Zog ein paar Späne ab und begann mit Reibung durch einen dünnen Stock Feuer zu erzeugen. Tabi zog sich währenddessen ebenfalls um, versuchte auch die übrigen Kleider sauber zu machen, während sie bitterlich weinte.
„Du willst sie verbrennen?“, fragte Anora jammernd und kam zu mir. Verbrennen tat man für üblich nur die Kranken, doch ein ehrenvolles Begräbnis brauchte zu viel Zeit.
„Wir haben keine andere Möglichkeit. Wir müssen schnell Land hinter uns und die Soldaten bringen.“ Mimi klammerte sich an Anoras Bein, sah mich mit großen Augen an. Ich kniete mich zu ihr, doch sie wich vor mir zurück. Sie hatte gesehen, wie ich mordete, hatte gesehen, zu was ich im Stande war, natürlich hatte sie Angst, trotzdem brach mir das Herz. Das Einzige Licht in meiner Welt hatte Angst vor mir.
Also entfernte ich mich von ihr. Nahm einen gut brennenden Ast und schmiss ihn hinten in den Wagen. Tabi, Anora und Mimi kamen an meine Seite. Wir sahen ein letztes Mal hinein, eh ich mich abwand und wir unsere tote Mutter zurückließen.
Ich setzte Anora und Mimi auf das Pferd genau wie die drei Beutel. Es war riesig und hätte sicher auch Tabi tragen können. Doch diese zog es vor, zu laufen. Im Wagen brannte mittlerweile leicht. Eineinziges Mal sahen wir alle zurück. Damit ließen wir das vergangene Leben hinter uns.

Es verging einige Zeit, ohne dass einer von uns den Mund öffnete. Wir hielten uns vom Weg fern, hielten uns querfeldein in eine ungewisse Zeit. Wo würden wir landen? Wie weit müssten wir gehen? Wie sehr musste ich mich verstecken? Eine drückende Ungewissheit legte sich auf meine Seele. Ich konnte meinen Schwestern keine Hoffnung geben, wobei sie diese nun am meisten brauchten.
Ich dachte zurück an die Soldaten. Sie kannten meinen Namen. Doch woher? Und woher wusste sie, wo ich war? Mein Magen zog sich zusammen. Niemand hatte gesehen, wie wir aufbrachen und in welche Richtung. Woher wussten es dann die Soldaten? Mehr als die Hälfte des Weges waren wir durch den Wald gegangen. Wir hätten praktisch überall sein können. Egal wie lange ich darüber grübelte, es viel mir keine Erklärung dafür ein. Mit dem Karren hätten sie nicht einmal unsere Spur durch den Wald folgen können.
„Ich finde Amara schön“, sagte Mimi und riss mich damit aus den Gedanken.
„Mimi du hast gehört wir brauchen Neue, um nicht gefunden zu werden“, rügte Anora unsere kleine Schwester.
„Ich mag aber keine neuen Namen haben. Ich mag die Alten“, schmollte sie und machte einen Schmollmund.
„Du wirst einen schöneren finden“, versicherte ihr Tabi und tätschelte ihr das Bein.
„Nein“, blieb sie bei ihrer Meinung.
„Und was ist mit Juwel“, warf ich ein. Sie zögerte, bevor sie mir antwortete. Sie schien noch nicht vergessen zu haben, falls sie das je würde.
„Kann ich so heißen?“
„Warum nicht? Wir dürfen heißen wie wir wollen.“
„Dann will ich so heißen!“ Plötzlich strahlte sie übers ganze Gesicht. Tabi grinste mich mit müden Augen von der anderen Seite an. Doch das Leuchten ihres Grinsens errichte ihre Augen nicht.

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