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  Ende Oktober 1254

  

Er durfte nicht weinen.

Er lag auf dem Rücken und der speckige Knebel machte es ihm unmöglich, durch den Mund zu atmen. Wenn er weinte, würden die Tränen seine Nase verstopfen und dann war es nur eine Frage der Zeit, bis er in ernsthafte Schwierigkeiten geriet. Das durfte er nicht zulassen.

Tarun spannte die Muskeln an, doch es gelang ihm nicht, sich in eine bequemere Lage zu bringen. Sein Entführer hatte ihn bis zum Hals in einen schmutzigen Mantel eingerollt und wie einen Tuchballen verschnürt. Die Fesseln ließen ihm keinerlei Spielraum. Im Gegenteil. Sein fruchtloses Herumwälzen hatte dazu geführt, dass sich der Mantel an einem scharfkantigen Gegenstand verfangen hatte, der ihm nun schmerzhaft in den Oberschenkel stach.

Du verfluchter Mistkerl!

Die Worte hallten in seinem Kopf wie Donner. Er dachte jedes Schimpfwort, jeden Fluch, den er je gelernt hatte und er erfand neue, ganz besondere Bosheiten für seinen Entführer, der ihn in diese Lage gebracht hatte. Er fluchte, um seiner Furcht Herr zu werden und vor allem, um nicht in Tränen auszubrechen. Er musste hart gegen sich selbst bleiben, wenn er sich nicht innerhalb kürzester Zeit in ein wimmerndes Häuflein Elend verwandeln wollte. Um ihn herum war es finster. Ein modriger Geruch hing in der Luft, den er nicht einordnen konnte. Verstohlenes Trappeln und Rascheln drang an seine Ohren. Mäuse?

Tarun schloss die Augen und zwang seinen Verstand, sich auf die Geräusche zu konzentrieren. Etwas klatschte leise gegen die Seiten seines Gefängnisses. Seine Welt schaukelte. Holz knarrte. Seltsam vertraute Laute und Bewegungen. Wohin brachte man ihn?

Er konnte nicht schätzen, wie lange er schon hier lag, wusste nicht, wie viel Zeit tatsächlich vergangen war, seit man ihn an diesen Ort verfrachtet hatte. Es war dunkel gewesen, als er angekommen war, und seitdem war nicht ein Hauch von Licht zu ihm hereingedrungen. Inzwischen knurrte sein Magen und er hatte Durst. Seine Augen brannten. Nur nicht weinen!

Über seinem Kopf erklangen leichte Schritte. Kehrte sein Entführer zurück? Der Mann bewegte sich so leise und verstohlen wie ein Fuchs. Seine Männer nannten ihn Ash´abah, den Geist. Doch Tarun war sich sicher, dass er den Mann unter einem ganz anderen Namen kannte. Es wollte ihm nur nicht einfallen, woher. In seinem Kopf hörte er sogar die passende Stimme, weich und samtig, mit einem Anflug von Sarkasmus, obwohl sein Entführer kein Wort mit ihm gesprochen hatte. Warum waren seine Erinnerungen nur so schrecklich vage?

Über ihm ertönte ein Scharren, dann wurde eine Klappe geöffnet. Gleißendes Sonnenlicht stach ihm in die Augen und blendete ihn. Er blinzelte. Für einen kurzen Moment füllte eine dunkle Silhouette die Öffnung vollkommen aus. Ein Mann mit der Statur eines Bären kam polternd die Leiter herunter. Hände packten ihn an den Oberarmen und hievten ihn auf die Füße. Tarun betete, der Mann möge den Knoten des Lumpens lösen, mit dem man ihn geknebelt hatte. Doch der Ankömmling griff wortlos nach ihm, warf ihn sich über die Schulter wie einen Sack Getreide und stieg die Leiter wieder hinauf.

Tarun schoss das Blut in den Kopf. Im nächsten Moment packten die Pranken erneut zu, er wurde herumgewirbelt und unsanft auf die Füße gestellt. Tarun taumelte und fiel auf die Planken eines Bootes. Da er seinen Sturz nicht mit den Händen abfangen konnte, landete er auf der Brust. Schmerz schoss durch seine Rippen und für einen Moment konnte er sich nicht rühren. Sein Herzschlag raste.

»Zur Hölle, nun nimm ihm schon den Knebel aus dem Mund!«, sagte die Samtstimme.

Wieder wurde Tarun gepackt und auf die Füße gestellt. Im Handumdrehen löste der Seemann den Knoten und zog den Lumpen fort. Erleichtert schnappte Tarun nach Luft. Er wagte nicht, den Kopf nach dem Sprecher umzudrehen, aber er wusste instinktiv, dass Ash´abah hinter ihm stand. Plötzlich spürte er einen Schauer seinen Rücken hinabrieseln. Der Geist war ein Teil seiner Vergangenheit, an die er sich nicht erinnern konnte. Sein Leben, so wie er es kannte, hatte vor vierzehn Monaten begonnen, als er auf der Burg Rocca d´Aquila aus einem schweren Fieber erwacht war. Der Junge, der er einmal gewesen war, war verschwunden; verloren im Nebel, seiner Fähigkeit zu sprechen beraubt; ohne Erinnerung an das Gesicht seiner Mutter oder seines Vaters. Selbst der Name, den er jetzt trug, war nicht sein eigener.

Der Geist schlenderte näher. »Ist die Kette vorbereitet?«

Der Seemann nickte und deutete auf eine Stelle neben dem Mast des Bootes. »Ja, Herr. Die Krampe ist doppelt befestigt, die Kette mit einem Schloss gesichert, genau, wie Ihr befohlen habt.«

»Gut.« Der Geist öffnete seinen Beutel, zog ein Paar Fußeisen heraus und warf sie dem Mann zu. »Hier, leg ihm die an. Und dann häng ihn an die Kette. Meinetwegen kannst du ihm danach die Fesseln abnehmen. Wir wollen ja nicht, dass die Ware verdirbt, bevor sie bei ihrem Käufer ankommt.«

Der Seemann ging neben Tarun in die Hocke, legte ihm die Fußeisen an und befestigte die Kette am Verbindungsstück. Erst dann trat er hinter ihn und begann den Knoten seiner Fesseln zu lösen.

Tarun schüttelte den Mantel ab und starrte über das silbrig glitzernde Wasser auf die vorbeigleitenden Berghänge. Düstere Tannen stiegen von den Höhen fast bis zum Ufer hinab und ließen keinen Raum für menschliche Behausungen. Es war ein Fluss, wie er durch beinahe jedes Tal der Alpen fließen konnte, ohne besondere Erkennungsmerkmale, die ihm eine Orientierung möglich gemacht hätten.

Entsetzt sank er auf das Deck, schlang die Arme um die angewinkelten Knie und bettete den Kopf darauf. Er wollte nicht, dass der Geist die Feuchtigkeit in seinen Augen sah. Er war einsam und er fürchtete sich. Vor dem Ort, an den man ihn verschleppen würde, aber mehr noch vor den Andeutungen, die der Geist gemacht hatte. Wenn er verkauft wurde, verlor sich jede Spur von ihm. Weder Nael noch Ravena, seine Ziehmutter würden ihn dann jemals finden. Vielleicht war dieser Fall ja schon längst eingetreten, jede Spur seiner Entführung verwischt. Dann war er wahrhaft verloren. Die Panik war fast überwältigend. Tarun legte sich auf die Planken, rollte sich zusammen, bis seine Knie an sein Kinn stießen, und weinte lautlos.

 

 

Kommentare

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    Deshalb also bist du eine solche Kerkermeisterin XD Wahnsinn! Irre dynamischer Schreibstil! Man ist gut im Lesefluss und kann sich alles richtig bildlich vorstellen, spürt fast selbst schon die Ketten (vielleicht ist das bei mir auch nur so, weil du mich schon mal virtuell gefesselt hast XD) 5 von 5 Sternen!

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Feenstaub

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