1. Gesang

Ich summte fröhlich vor mich hin. Seit Kurzem war der Frühling in unser kleines Dorf eingekehrt. Die Laune der Leute hob sich merklich, trotz der vergangenen Wochen. Es gab kein Gesicht, das nicht mit einem Grinsen den Tag begrüßte. Was auch mir ein fröhliches Grinsen auf die Lippen zauberte.
Mit meinem Korb voller Blumen ging ich gemütlich über den morgendlichen Markt. Mein erster Stopp war bei der Bäckersfrau Mara. Wie jeden Montag tauschte ich zwei Gefäße voll Honig, gegen zwei Leib Brot.
„Ein wunderschöner Morgen.“
„Wurde Zeit“, knatterte sie. Mein Grinsen wuchs, sie war eine sehr eigenwillige aber besondere Person. Die schon grau werdende Frau hatte viel zu tun mit ihren sieben Kindern und dem verwirrten Bäckersmann, der stets seine Schuhe vergaß. „Kann ich sonst etwas einpacken?“
„Danke. Jo wartet auf meinen Besuch.“ Sie nickte und ließ mich damit ziehen. Sie wirkte wie immer gestresst, wohl auch, weil sie die einzige Bäckersfrau im Dorf war und ihre Gebäcke allseits beliebt.
Weiter summend ging ich hinüber zum nächsten Stand. José erwartete mich schon, einer der wenigen Andersländer im Dorf. Vor sehr langer Zeit war seine Familie hier gelandet, aus einem fernen Land, dessen Name ich nicht einmal aussprechen konnte. Seine Haut hatte einen so samtigen Ton, dass man meinte, er wäre von der Töpferstochter hergestellt worden. Ich errötete bei den Gedanken, doch mal seine samtige Haut berühren zu wollen.
„Morgen.“
„Nicht wahr.“ Er sah mit einem breiten Grinsen auf, was meine Wangen weiter erröten ließ. Er war ein schöner Mann und anders als all die anderen, wodurch er bei vielen jungen Mädchen Schmetterlinge im Bauch auslöste. Mir erging es da wohl nicht anders ...
„Viel zu tun?“, fragte ich wie jeden Morgen.
„Beliebte Ware.“ Womit er recht hatte. Oft wurde seine Familie wegen ihrer Andersheit angestarrt, doch ihre Ware war überall beliebt. Ein fruchtiges Gelee, das sogar weit über die Grenzen des Dorfs, seinen Ruf besaß. „Wie immer?“, fragte er und ich nickte. Mit einem Schmunzeln packte er mir zwei Gefäße ein. Ich hingegen gab ihm nichts, die Honiglieferung an seine Familie würde mein Vater tätigen.
Vertrauen war ein Bestandteil des Dorfs, denn wir waren eine Familie. Mussten wir sein, um das Überleben aller zu sichern.
„Hast du von dem Unfall gehört?“, flüsterte Jo. Ich blinzelte, Unfall? Ich verneinte kaum merklich. „Im Nachbarsdorf. Es wurde ein Kind gefunden, es war bleich, bleich wie der Schnee.“ Meine Atmung beschleunigte sich. Man hatte Gerüchte gehört, Schatten huschten durch die Nacht. Man hatte die Sperrstunde bereits vorgeschoben. Doch nie war es so nah gewesen. Die Gerüchte kamen immer von Wanderern, von ganz weit her. Menschen, die verschwanden, Schatten, die ganze Familien abschlachteten. Frauen mit gelbglühenden Augen und Männer die mit Blutroten. Immer in der Nacht.
Bleib zu Hause.
Geh nicht hinaus.
Hör nicht auf das Kratzen an den Wänden.
Sätze, die mein Vater wieder und wieder wiederholte. Die Sorgen es könnte uns erreichen, quälte ihn bereits seit Wochen.
„Was ist passiert?“
„Es hatte Wunden am Hals. Tiefe Fleischwunden und keinen Tropfen Blut.“
„Unsinn.“
„Wirklich wahr. Mein Onkel hat es selbst gesehen. Meine Schwester darf unser Heim nun nicht mehr verlassen.“
„Ob es unser Dorf erreichen wird?“
„Lass uns beten, dass es unbemerkt an uns vorbeizieht.“
„Danke Jo.“ Ich packte die zwei Gefäße ein und entschied mich meinen Weg fortzuführen. Wir waren eine der wenigen Familien, die etwas weiter vom Markt entfernt wohnten. Und nach den Neuigkeiten wollte ich schnellstens nach Hause, durch den Wald zu unserem Heim.
Doch vorher musste ich einer alten Freundin einen Besuch abstatten. Zu der ich mich schnellen Schrittes aufmachte. Mitten im Dorf hatte sie ihr Heim bezogen. Sie war wohl die älteste Dame im ganzen Dorf, weshalb sich viele Familien an sie wendeten, wenn sie einen weisen Rat brauchten.
An ihrer Tür angekommen, klopfte ich leise und trat ein. Manchmal schlief sie um die frühe Zeit noch. Weshalb ich sie nicht stören wollte. Doch heute stand sie bereits am Tisch, den Rücken leicht gebeugt, rückte sie ihr weißes Haar zurecht.
„Kind, schon so früh.“
„Heute war mir nicht nach Trödeln.“
„Wie ist es dir?“
„Mulmig. Ich hörte Gerüchte.“
„Ja dunkle Zeiten brechen an“, bestätigte sie.
„Du hast davon gehört?“
„Jeder im Dorf hat das.“ Ich setzte den Korb auf den Tisch ab und entnahm die Blumen, die ich in der früh vom Feld geholt hatte. In einem Krug mit Wasser setzte ich ihr den Stauß auf den Tisch. Schon lange brachte ich ihr unsere Blumen von den Feldern mit. Vor langer Zeit, als Mütterchen noch besser zu fuß war, war sie jeden Morgen zu den Blumen gekommen. Und jeden Morgen war ich zu ihr gegangen, um den alten Geschichten von Lichtern alter Zeit zu lauschen.
„Du bist ein Licht mein Kind.“
„Mütterchen, sag gab es schon einmal so dunkle Zeiten?“ Sie atmete tief ein und setzte sich beschwerlich auf den Stuhl. „Nicht solche.“ Ich nickte bedrückt.
Die Angst der Familie könnte etwas passieren war groß. Jeder der Menschen war wie vom eigenen Blut. Würden wir nur einen verlieren, würde es uns alle schmerzen. Denn jeder hatte seinen Platz und dessen Aufgabe zu erledigen. Das Überleben aller hing davon ab.

Ich war eine Weile bei ihr, um ihr noch Gesellschaft zu leisten. Am Mittag verließ ich sie dann, um Zuhause Bericht zu erstatten. Vater musste davon erfahren. Wenn er es nicht schon wusste.
Auf dem Weg über den Pfad vom Markt hinaus in den Wald, war mir mulmig zumute. Jeder Schatten schreckte mich auf. Angst füllte meine Brust. Durch das Blätterdach, strahlte die Sonne. Doch erhellte es nur den Weg, alles andere schien im Dunkeln des Waldes verborgen zu liegen.
Jedes Knacksen bekam meine Aufmerksamkeit. War der Wald je so dunkel gewesen? Schnellen Schrittes ließ ich das Waldstück hinter mir und kam an den Wiesen an. Hinter dem nächsten Hügel würde mein Heim liegen.
Ein Schrei aus dem Wald ließ mich jedoch hinfallen. Erschrocken blickte ich zurück. Mein Herz donnerte und mein Blick zuckte, von Stelle zu stelle, doch nichts war zu entdecken.
Schnell packte ich den Korb und rannte los. Waren es die Schatten, oder nur mein eignender Verstand? Bis vor die Haustür rannte ich. Mit brennenden Lungen knallte ich die Tür hinter mir zu.
„Natura!“ Mutter rügte mich streng. „Die Tür.“
„Verzeih.“
„Was ist los Kind?“ Fragte sie, als sie mein wohl bleiches Gesicht erblickte. Nun kam es mir von Sinnen vor, Mutter damit zu belasten, wenn es sicherlich nur mein Verstand war, der mir streiche spielte.
„Ich habe mich nur erschreckt. Wo ist Vater?“
„Im Wald.“ Mir gefror das Blut.
„Den Honig ernten.“ Sie nickte. Damit setzte ich den Korb ab und rannte hinaus. Panik breitet sich in meiner Brust aus. Wenn es Vater erwischte ...
Ich rannte über den Pfad hinterm Haus in den Wald hinein. Das lange Kleid brachte mich fast zu Fall, weshalb ich es hochnahm, um schneller den Weg zu überwinden.
Meine Lunge brannte, schrie nach einer Pause, doch ich machte kein Halt. Ich rannte ohne Umwege zum Häuschen, wo Vater den Honig aufbewahrte. Denn er im Wald erntete.
Dort eingetroffen fand ich ein schreckliches Bild vor. Der Tisch, auf dem mein Vater den Honig in die Gefäße füllte, war umgefallen. Tonscherben lagen verteilt auf dem moosigen Boden.
„Vater!“, schrie ich panisch. Ein Rumpeln in der kleinen Hütte ließ mich zurücktreten.
Schritt für Schritt. Ein Schatten huschte zur Tür und hervor kam ...
„Vater!“
Erstaund blickte er mich an. Kam zu mir und packte beruhigend meine Arme.
„Natura, was tust du hier?“
„Der Tisch, ich dachte ...“
„Was dachtest du? Kind rede mit mir.“ Er sah zum Tisch. „Ein Unfall. Ich stieß ihn um.“ Ich blinzelte, einfach so? Mein Vater ging mit all seinen Sachen sorgsam um. Noch nie war ihm etwas wie ein Tisch umgefallen, vor allem nicht mit der Ware, mit der wir unsere Leben sicherten. Er sah nervös in den Wald. „Nun geh zurück zu deiner Mutter. Ich komme gleich nach.“
„Aber Papa ...“
„Kein aber, geh Kind.“ Damit drückte er mich in Richtung des Pfads und ging zurück hinein. Ich verstand nicht recht, immerhin hatte er mir nicht einmal die Zeit gelassen, mich zu erklären.
Ich gehorchte und ging zurück. Was auch immer meinen Vater erschreckt hatte, er würde es mir wohl nicht berichten, wohl um mich nicht zu beunruhigen.

Am Abend saßen wir beim Abendbrot. Vater hatte bisher nichts gesagt, sich nur angehört, was ich auf dem Markt erfahren hatte. Meine zwei Schwestern sowie mein Bruder, tauchten immer wieder blicke aus und kicherten. Mutter war sichtlich abwesend, genau wie Vater. Worüber sie eben wohl in der Kammer geredet hatten.
„Kinder“, begann er schließlich, als das Abendmal sich dem Ende nährte. „Ich möchte, dass ihr nicht mehr alleine das Haus verlasst.“ Meine Geschwister nickten gehorsam. So blickte er mich an. Am liebsten hätte ich widersprochen. Ich hatte zu viele Aufgaben, als das ich ein Klotz am Bein gebrauchen könnte. Da es sich so gehörte, nickte ich ebenfalls.
Nach dem Abwasch waren meine jüngeren Geschwister bereits zu Bett gegangen, Mutter und Vater saßen noch am Tisch, als ich den Rest des Abwaschs erledigte.
„Natura.“ Ich wendete mich zu den beiden. Mutter sah auf den Tisch, während Vater mich ansah.
„Wie wäre es, wenn du eine Zeit lang, zu deinem Onkel im nächsten Dorf ziehst, um ihm zur Hand zu gehen.“
„Zu Onkel Jonatan?“ Vater wusste genau, dass ich unseren Onkel nicht ertragen mochte. Er war der Wirt und Brauer des Dorfs und ständig selbst von seinem Gebräu besudelt.
„Dort soll der Schrecken noch nicht eingekehrt sein.“
„Ich will hier bleiben, bei meiner Familie. Bei Euch.“
„Kind. Versteh doch, es ist zu deinem Besten.“
„Das Beste. Wie du willst Vater.“ Damit ging ich einfach hinauf. Ohne mich in die Nacht zu verabschieden. Mein Bauch war zu sehr mit Wut gefüllt.
Im Zimmer angekommen, schlief meine Schwester Winter längst. Sie sah so friedlich aus, mit dem weißblondem Haar das so sehr dem meiner Mutter glich. Sie war gerade zwei Jahre jünger als ich, dennoch sah man ihr dies nicht an. Sie hatte mich längst eingeholt, war sogar fast größer als ich. Doch im Gegensatz zu mir war Winter dürr, man konnte fast sagen, zerbrechlich. Vielleicht war sie deswegen immer so still und in sich gekehrt. Im Gegenteil zu unserer dritten Schwester. Summer, mit einem Jahr Abstand zu Winter war sie die Sonne in Persohn, strahlte Tag für Tag und wirbelte herum als gäbe es keinen Morgen. Ihre Energie war bemerkenswert. Zu den beiden passte unser bisher jüngster Bruder, Autumn. Er wirbelte schon mal gerne herum wie Summer oder war still wie Winter. Er zeigte gern immer wieder eine andere Seite von sich, als wäre er ein Haufen Blätter mit hundert verschiedenen Farben.
So leise ich konnte, legte ich mich in das vierte Bett und sah hinaus in die Nacht, in den klaren Sternenhimmel, der die Nacht erhellte.
Würde ich gehen müssen? Die Tage und Nächte bei meinem dauerbetrunkenen Onkel verbringen? Wieso wollten sie gerade mich fortbringen? Was war mit meinen Geschwistern? Tränen rannen mir die Wange hinab. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, von ihnen getrennt zu sein.

Am Morgen stand ich früh auf. Vater war bereits bei den Bienen. Mutter stand in der Küche und bereitete das Frühstück vor. Meine Schwestern waren noch oben, weshalb ich das Gespräch mit ihr suchte.
„Schickt mich nicht fort. Bitte Mutter.“
„Natura.“ Sie war es bereits leid, obwohl ich es erst angesprochen hatte. „Dein Vater will“, sie unterbrach. Wusste nicht genau was er wollte.
„Er glaubt, ich sei dort in Sicherheit. Dem ist nicht so, nicht in diesem Dorf.“ Dort waren die Schatten doch längst eingekehrt, wenn auch in einer andern Form. Betrug, Diebstahl, Verrat, weshalb genau dieses Dorf schon seit langem im Verruf lag.
„Bitte“, flehte ich. Sie schnaubte. Sah mir traurig in die Augen, auch sie wollte nicht, dass ich gehe. Nicht zu Onkel Jonatan.
„Ich versuche mit ihm zu reden, wenn du dich aus dem Wald fernhältst.“ Ich nickte. Versuchte es mit aller Macht aufrichtig wirken zu lassen, denn wenn ich etwas nicht konnte, dann mich vom Wald fernzuhalten ...

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