1. Kapitel

                                                                    1


 

Der falbe Glanz der alten Straßenlaternen dezimierte die rasch voranschreitende Dunkelheit und verwandelte die kleine Mulberries Road zunehmend in ein Licht-Schatten-Kabinett. Wer hier nach glanzvollen Vorstadtvillen Ausschau hielt, der suchte vergebens. Die farblos im Halbdunkel liegenden Häuser dieser kleinen Straße machten eher einen schlichten bürgerlichen Eindruck, waren überwiegend in rotem Backstein gehalten, meist einstöckig und mit kleinem Vorgarten.

Einsam und verlassen, fast wie ausgestorben erstreckte sich diese, nördlich des Cumberland Park Drives gelegene schmale Straße, die dem Betrachter nach zirka zweihundert Meter durch eine südlich einbrechende Kurve aus dem Blickfeld entschwand. Eine streunende Katze huschte mit einem fast wehmütigen miauen, dass sich in der Stille schnell wieder verlor, auf samtenen Pfoten über den Fahrdamm um in einem der unzähligen Vorgärten zu verschwinden, in denen sie Mäuse oder ähnlichem Getier aufzulauern gedachte.

Unbemerkt und lautlos, bewegte sich ein Schatten seitlich am Haus mit der Nummer      dreiunddreißig entlang, der bisher vergeblich versuchte sich Zutritt zum Haus zu verschaffen. Der Mann trug einen schwarzen Overall. Seine Taille zierte ein schwarzer Gürtel an dem mehrere Utensilien befestigt waren und auf seinem Rücken befand sich ein kleiner Rucksack.

Der Unbekannte trug eine elastische Kopfmaske die lediglich seine Augen frei ließ. Eisgrauwaren sie und sie wirkten kalt, beinahe rücksichtslos, wie der hypnotisch, lauernde Blick einer tödlichen Kobra. Schwarze Lammleder Slipper mit Kreppsohlen, ermöglichten ihm sich fast Geräuschloses fort zu bewegen. Der Mann war über einen Meter achtzig groß, hatte einen leichten federnden Gang und seine Figur war schlank. Er machte einen gut durchtrainierten Eindruck.

Der Gitterrost über einem Kellerschacht an der Rückfront des Hauses schien endlich das Objekt seine Begierde zu sein. Ein Schwachpunkt, nachdem er die ganze Zeit Ausschau gehalten hatte. Das durch den jahrelangen Witterungseinfluss brüchig gewordene Zementbett, schien seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen. Die behandschuhten Hände des Fremden griffen in die Öffnungen und zogen das Gitter mit sanftem aber stetigem Druck nach oben. Eine geraume Weile geschah nichts. Die Abdeckung schien sich nicht zu rühren. War seine Mutmaßung falsch? Der Atem des in schwarz Gekleideten wurde hörbar, nur ganz minimal aber man merkte ihm durchaus einen gewissen Aufwand an Kraft an, doch dann, ganz allmählich hielt es dem gleichmäßigen Druck nicht stand und gab nach. Mit einem kaum wahrnehmbaren knirschen löste sich die Verankerung aus seiner spröden Halterung und wurde von dem Mann zur Seite gelegt. Er atmete einmal tief durch, verharrte noch einen Moment, um anschließend mit einer katzenhaften Elastizität in den Schacht hinab zu gleiten. Als ein zusätzliches Glück empfand er, den nicht ganz eingerasteten Griff des Kellerfensters, das sich durch den nur leichten Druck seiner Hand ohne spürbaren Wiederstand öffnen ließ. Mit einem eleganten Schwung schlüpfte er durch die sich ihm nun bietende Öffnung. Bei dem Versuch sich zu orientieren, bediente er sich einer bleistiftgroßen Taschenlampe die mittels eines Karabinerhakens an seinem Gürtel befestigt war.

Der Raum war klein, vielleicht zwei und einen halben Meter breit und höchstens drei bis drei ein halb Meter lang. Eine Art Abstellkammer aber eine von der Sorte, die nicht unübersichtlich zugestellt wurde. Ein hölzernes Regal mit unnützem Tand, eine alte Regenwassertonne, vier übereinander gestapelte Winterreifen und eine Kiste mit alten Lumpen gaben dem Raum eine saubere übersichtliche Struktur. Geschmeidig bewegte sich der Eindringling in Richtung Tür, doch diesmal verließ ihn sein Glück – sie war verschlossen. Das schien den Fremden aber nicht zu Stoppen, er zog ein kleines Etui aus seiner Tasche am Gürtel, entnahm zwei flache etwa fingergroße metallene Werkzeuge mit deren Hilfe er das nicht mehr ganz so neue Sicherheitsschloss zu überwinden gedachte. Nach wenigen Sekunden verriet ihm ein leises klicken, dass er es geschafft hatte. Sorgsam steckte er das Werkzeug wieder zurück ins Etui, öffnete vorsichtig die Tür, die mit einem sanft widerstrebenden stöhnen nachgab.

Er lauschte hinaus in die Dunkelheit. Den Schein seiner Taschenlampe folgend betrat der Mann in schwarz einen Raum der gut und gerne seine neun Quadratmeter aufzeigte und auf Grund seiner Ausstattung als Wasch-, Näh-, und Bügelzimmer dienen durfte. Der Boden war gefliest und hatte mittig eine vergitterte Fußbodenentwässerung, die unliebsame Nager fernhalten sollte. Die Wände waren Tür hoch gekachelt und auch hier konnte der Mann vor dem Fenster das eine Gardine zierte, einen Kellerschacht ausmachen, der aber nach vorn in den Vorgarten führte. Die übrige Ausstattung zeigte Waschmaschine, Kondensat-Trockner, Bügelstation, Nähmaschine, Wäscheschränke, Körbe, Waschmittel und was sonst noch ein Raum dieser Art enthält. Rechter Hand führte eine ebenfalls mit Fliesen belegte Treppe hinauf ins Erdgeschoss, an dessen Ende eine weitere Tür auf den Eindringling wartete.

Lautlos erklomm er die wenigen Stufen, drückte behutsam die Türklinke nieder, öffnete sie einen winzigen Spalt und lauschte abermals hinaus. Stimmen drangen leise an sein Ohr die, wie er vermutete, aus einem Fernseher im oberen Stock stammen könnten. Erneut benutzte er seine Taschenlampe als Wegweiser und während er den Aufgang ins obere Geschoss suchte, glomm ein böses Leuchten in seinen Augen.

Nachdem er die Treppe hinauf gefunden hatte, trennten ihn noch drei Stufen vor dem Eintritt in die nur leicht angelehnte Tür zur ersten Etage. Hier machte er kurz halt, streifte den Rucksack ab und entnahm ihm eine Pistole. Geschickt schnallte er sich den Rucksack wieder auf den Rücken und wiegte das Todbringende Teil in der Hand. Eine Parabellum, manche sagen auch 08 oder auch Luger, gewidmet dem gleichnamigen Erfinder. Sie ist eine Ordonnanzwaffe die beim Militär offiziell eingeführt und an Soldaten als persönlicher Ausrüstungsgegenstand ausgegeben wurde. Dem Mann in Schwarz war das egal wie die Leute dieses Mordinstrument Bezeichneten, für ihn war und blieb es eine Parabellum. Er liebte diese 9 mm Pistole und das hatte einen besonders perfiden Grund. Die Bezeichnung Parabellum wird von einem lateinischen Ausspruch abgeleitet, der da lautet »Si vis pacem, para bellum«, Wenn Du Frieden willst, bereite Dich auf den Krieg vor, was er getan hatte und zwar gründlich.

Die Tür war gut geölt und gab keinen laut von sich als der Unbekannte Eindringling sie jetzt behutsam aufschwingen ließ. Er betrat einen schmalen sich nach beiden Seiten ersteckenden Korridor, der vier Türen aufwies. Linker Hand befand sich eine Tür mit einer im oberen drittel eingepassten Milchglasscheibe, dass war vermutlich die Küche und ebenfalls links, ihm gegenüber, könnte das Schlafzimmer sein. Zu seiner rechten schräg vis-à-vis, befand sich ohne Frage das Wohnzimmer in dem sich der Gesuchte aufhielt. Bei dem letzten noch verbleibenden Durchgang zu seiner rechten, muss es sich um das Badezimmer handeln.

Vorsichtig, jeden Schritt prüfend ob nicht eine der Dielen knarrte, schließlich sollte sein mutmaßliches Opfer nicht schon frühzeitig gewarnt werden, näherte sich der Mann im schwarzen Overall der Tür. Er wollte den Überraschungseffekt ausnutzen und seinen Triumpf in vollem Maße genießen, jede Sekunde seiner Rache wollte er auskosten und zusehen wie langsam das Leben in den Augen seines Widersachers erlischt. Ein fast schon frevlerisches, für ihn aber befreiendes Gefühl hatte ihn erfasst, nach all den Jahren der Suche, endlich sein erstes Ziel erreicht zu haben und mit einem unmerklichen grinsen das seine Mundwinkel umspielte, streckte er die Hand nach der Türklinke aus. Das bizarre Lichtspiel des Fernsehbildschirms zeichnete sich unter der noch geschlossenen Tür des vor ihm liegenden Wohnzimmers ab, während er dabei war sich dem letzten Hindernis Zentimeter um Zentimeter zu nähern.

Plötzlich, der Fremde hielt inne. Ein gerahmtes Foto, links von ihm an der Wand erweckte sein Interesse. Mit seiner Bleistiftlampe leuchtete er die Postkarten große Aufnahme an. Das Bild zeigte sechs Männer vor einer Baracke in einem Gefangenen Lager. Trotz aller Strapazen denen sie sicher Ausgesetz waren und der sicherlich auch schlechten Ernährung, sie wirkten knöcherig und ausgemergelt, trugen alle ein Lächeln auf den Lippen. Die Betrachtung des Fotos schmerzte ihn, denn er kannte es genau, jedes verdammte Detail darauf hatte sich in seinem Gehirn festgebrannt.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media