1. Kindsfresser

Ich starrte in die Sterne. Sie schienen heute blass und dunkel. Der Ganze Tag war schon grau in grau verlaufen. Erst hier an diesem Ort hatte es Farben gegeben.
Tief rote Farben.
Ich dachte nicht zurück an die vergangene Stunde. Zu viel böses war geschehen, was die Nacht vergessen lassen würde. Nur einen Moment noch wollte ich sitzen und in die Sterne starren. Nur einen Moment die Ruhe genießen, bevor die Arbeit rief.
Mein Atem ging langsam, ich versuchte Kraft zu sparen. Kraft die ich für den letzten Gang brauchten. Ich sah zur Seite. Leblos lag sie da, mit aufgerissenden Augen. Ihr Mund verzerrt. Die war eine schöne Frau, wie sonnst, hätte sie ihre Ziele erreicht. Doch nun war ihre Schönheit verblasst. Verflogen wie der Wind und nun starr wie ein Stein.
Hatte sie es verdient? Um diese Frage zu beantworten, musste man erst wissen, was das Böse überhaupt war.
Ein Mensch, ein Wesen, ein Tier? Wann ist etwas Böse? Wenn es tötet, wenn es verletzt. Wann hatte jemand den Tod verdient? War böse überhaupt böse oder bestand dieses Wort aus so vielen Facetten, das man es nicht einmal fassen konnte.
Egal was für das Individuum böse war. Ich hatte meines. Genau deswegen hatte ich diese rothaarige Frau ermordet. Sie hatte gut gekämpft, geschrien und gejammert doch ich hatte sie nicht verschont. Hatte ihr das Leben aus dem Körper gepresst, bis sie leblos zusammengefallen war, als das, was sie war.
Dreck.
Mehr war sie nie mehr gewesen, nachdem sie diesen einen Weg eingeschlagen hatte. Ich bezweifelte schwer, dass sie je etwas anderes getan hatte. Meiner Überzeugung nach, trug man das Böse bereits bei der Entstehung in sich. Ich hatte es auch und irgendwann, würde mich jemand dafür ermorden.
Es trieb mir ein Lächeln ins Gesicht. Wer würde es sein? Ein Kollege, ein vermeidlicher Freund? Ob sie überhaupt in der Lage waren mich aufzuhalten, wenn ich einmal Blut geleckt hatte?
Ich machte mir nichts vor. Ich würde es tun. Ich würde einen Unschuldigen ermorden. Genau das würde der Punkt sein, an dem es kein zurück mehr gab. Dass was ich jetzt tat, befand sich auf dieser großen roten Linie, die die Grenze darstellte. Doch würde ich es wagen, aus Affekt oder sogar aus voller Absicht, diese zu übertreten ... Würde ich ins Dunkle fallen. Dort wo es kein Entrinnen mehr gab.
Nicht für jene wie mich.
Ein Schmerz fuhr durch meine Glieder und es wurde kalt. Es riss mich aus meinen Gedanken und brachte mich ins, hier und jetzt. Ich sah hinab auf mein Bein. Meine Hand lag auf einer tiefen Schnittwunde und versuchte die Blutung zu stillen, doch die Schnepfe hatte mich besser erwischt, als ich dachte. Mein Blut vermengte sich mit ihrem. Was eine dunkle Pfütze ergab. Leicht schimmernd rot spiegelte es das Licht des Himmels.
Ich kam mühsam hoch. Mein Bein schmerzte, sodass ein Ächzen aus meiner Kehle fuhr. Es war nicht das erste Mal und würde sicherlich nicht das letzte Mal sein. Es würde nur eine Narbe mehr auf meiner Haut bedeuten.
Langsam schleppte ich mich hinaus aus der alten verlassenden Fabrik mitten in einem stillgelegten Gebiet. Bäume und Sträucher hatten sich längst ihr Land zurückerobert. Ein perfektes Versteck für ein Monster aus Kinderalpträumen.
Es dauerte eine Weile, doch ich kam an der heruntergekommenen Straße, an der mein Jeep parkte, an. Ich öffnete den Kofferraum und ließ mich fallen. Schnell schnappte ich mir meinen eigens Zusammengestellten erste Hilfe Kasten und begann mit der Arbeit.
Schweißnass war ich eine halbe Stunde später fertig. Die Naht sah gut aus, die Blutung war gestoppt. Noch einen Schuss Alkohol drüber und ein Pflaster. Mehr würde es nicht brauchen. Außer selbst noch einen tiefen Schluck aus der Flasche zu nehmen. Das Gebräu atzte mir fast die Speiseröhre weg, doch es half. Es kehrte langsam stille in mein inneres.
Ich stand auf und schnappte mir einen Kanister aus dem Wagen. Nun war der letzte Weg fällig. Zurück bei der leblosen Leiche blickte ich Gefühlslos auf sie hinab. Bevor sie ihre Lebensgeister verloren hatte, Waren meine Gefühle zu ihr ganz anderer Natur gewesen. Keines Wegs war ich kühl ihr gegenüber, im Gegenteil ich war wütend und voller flammendem Hass. Hatte sie für die vielen Leben bestraft, die sie genommen hatte. Zu viele davon waren Kinder gewesen. Einige Schädel lagen immer noch herum. Teilten mir still ihre Qualen mit, zeichneten mir ihr grausames Ende. Zahnabdrücke waren auf den kleinen Schädeln deutlich sichtbar. Wie sie abgenagt und achtlos weggeworfen wurden. Bei lebendigem Leib hatte man ihnen schlimmeres als nur den Tod angetan.
Wie sollte man keine Wut für solch ein Monster empfinden? Keinen Hass, der ihr den Tod brachte? Leider war dies nicht der grausamste Fall in meiner langen Laufbahn. Es gab viele weitere, bei denen mir Galle und Saft die Kehle hinaufgekroch.
Ich öffnete den Deckel und schüttete den leicht brennenden Sprit über sie. Es würde garantieren, das sie nie wieder einem Kind das Leben aushauchen würde. Nie wieder eine Mutter in der Hoffnung zurückließ, dass ihr Kind eines Tages zu ihr zurückkehren würde. Denn das taten sie nicht, würden sie nie. Keines der Elf Kinder und drei Jugendlichen. Niemand von ihnen würde je wieder in die Arme der Eltern finden. Denn sie Lagen hier und verbrannten mit den letzten Resten der Hexe.

Ich fuhr los. Im Rückspiegel die brennenden Überreste des einstigen Gebäudes. Es würde sich niemand so tief im Wald über die Wolke scheren. Ein Ranger würde vielleicht nach dem rechten sehen. Aus Angst der Walt könnte brennen. Doch dafür war es zu feucht und doch zu weit von den nächsten Bäumen entfernt. Übrig bleiben würde eine schwarze Ruine, die sich der Wald in ein paar Jahren vollkommen einverleibt hätte.
Es dauerte eine Weile, bis ich eine Landstraße erreichte. Eines musste ich der Hexe lassen, sie hatte gewusste wie man seine Spuren verwischt und seinen Unterschlupf sichert. Nur hatte sie nicht mit mir gerechnet. Viele hatten vor mir aufgegeben, nur ich nicht. Ich hätte Monate lang gewartet. Glücklicherweise waren es nur Wochen, sodass ich mir nun einen neuen Fall suchen konnte.
Mein nächstes Ziel war klar. Eine Bar. Zwei Stunden entfernt. Und doch würde ich die Zeit und den Weg in kauf nehmen. Nirgendswo anders gab es einen so großen Sammelpunkt meinesgleichen. Nur dort trafen sich Familiengenerationen, Einzelgänger und Neulinge.
Ich drückte ordentlich auf die Tube und erreichte mein Ziel in kürzester Zeit. Bevor ich in die Bar ging, entschied ich mich für ein Motelzimmer in der Nähe und zog mich um. Nicht alle Seelen unter diesem Dach durften wissen, was ich die letzten Stunden getrieben hatte. Es gab auch Uneingeweihte, die sich hin und wieder in unsere Hallen verirrten. Normale Menschen die keine Ahnung hatte, was in der Dunkelheit lauerte. In seltenen Momenten beneidete ich diese Menschen. Die Tag ein Tag aus, ihr Leben lebten. Mit Problemen, von denen ich nicht einmal träumen konnte.
Meine waren düster und verlassen. Erinnerungen der Vergangenheit, als es noch nicht so sein sollte, wie es nun war. Damals war ich normal. Ein Säufer und Spieler, aber normal. Hatte eine Frau, eine Familie. Nun hatte ich nichts mehr und schuld waren diese Monster.
Es durfte nicht noch einmal passieren. Nie wieder. Diese Gedanken quälten mich jede Sekunde.
Ein ewiger Kreislauf.
Ich wusste, dass ich nicht die Macht hatte, sie alle zu töten, und doch musste ich es versuchen. Ich schlug die Motelzimmertüre zu und ging hinaus. Damit unterband ich jeglichen weiteren Gedanken. Sie hatten mich schon zu oft geplagt. Führ heute sollte es reichen. Also begab ich mich in die Bar.
Reichlich gefüllt herrschte in ihr eine heitere Stimmung. Das die meisten schon Schwierigkeiten hatten sich auf den Beinen zu halten, wahr wohl ein Grund für die ausgelassene Stimmung. Ich ging vorbei an bekannten Gesichtern, denen ich kurz zunickte, um dann an die Theke zu verschwinden. In Empfang nahm mich John, der Besitzer des einzigartigen Lokals. Er grinste, als er mich sah.
„Haste doch überlebt.“ Ich würdigte dem keine Antwort und setzte mich auf einen freien Hocker. Vor mir setzte John das Übliche. „Gut, dass ich nicht gegen dich gewettet habe“, sagte er, während er sich leicht über die Theke beugte. Ich zog die Augenbrauen hoch und sah zur Tafel.
Die Reaper´s List.
„Wann hört ihr endlich mit dem Scheiß auf?“, fragte ich, während ich auf Platz eins blickte. Fett gedruckt stand dort Hunter, dahinter das Wettgeld von stolzen zehntausend Euro. Mal wieder ein Rekord. Wohlbemerkt auf meinen Kopf. Wie oft ich schon dort gestanden hatte, konnte ich nicht sagen, nur dass es zu einem massiven Wettsport ausartete. Jede Woche wurde diese Liste erneuert. Namen wurden Gestrichen, andere stiegen auf. Je gefährlicher der Auftrag, so höher die Punkte. Dass es Neulinge verleitet, immer gefährlicher und unvorsichtiger zu werden, musste hier niemand erwähnen. Seit diese Liste existierte, waren die Todesfälle gefühlt gestiegen.
„Wie viele Punkte hast du?“, fragte ich, nachdem ich mich ihm wieder zuwendete.
„Das bleibt schön mein Geheimnis.“ Ich nickte. John hatte dieses Sport ins Leben gerufen. Die Regeln waren einfach. Man zahlt einen gewissen Betrag auf den Kopf, den man Tod oder lebend sah. Gewann man, bekam man Punkte. Das ging das ganze Jahr so bis zur letzten Woche im Jahr. Hatte man überlebt, konnte Mann einen Teil des Preisgeldes beanspruchen. Der Rest wurde denen ausgeteilt, die am besten gewettet hatten. Über das ganze Jahr verteilt ergab dies eine hübsche Summe. Viele wollten damit aufhören, andere steckten es wieder hinein. Ich hingegen hielt mich raus. Zu viele gute Männer waren dabei draufgegangen. Wurden zu übermütig, zu gierig.
Man schlug mir auf die Schulter, was meine Aufmerksamkeit erregte.
„Owen.“
„Hunter.“ Er setzte sich neben mich. „Du bist wohl nicht Todzukriegen.“ Ich sah mir meinen wohl einzigen Freund an. Was hatten sie nur alle mit diesem Auftrag. So schwer war die Hexe nicht zu bezwingen und trotzdem taten alle so, als wäre sie Satan persönlich gewesen. Ich schnaubte und blickte in meinen Drink. Ein billiger Whisky, der seinen Zweck nicht verfehlte.
„Schon was Neues in Aussicht?“ Ich nahm mein Handy aus der Tasche. Mit nur einem Fingerdruck blinkte das Display auf. Dreiundvierzig neue Nachrichten.
„Einiges.“ Damit steckte ich es wieder zurück.
„Mein Vater ...“
„Komm mir nicht wieder damit Owen“, unterbrach ich ihn genervt. Owen lachte auf, sein Lächeln ließ es nicht sterben. Diesen Kerl traf man nur lächelnd an. Ich konnte mich nicht mal daran erinnern, wann ich das letzte Mal gelächelt hatte. Bei dem Kerl schien es reine Heuchlerei zu sein. Zeig nur allen, das du glücklich bist und sie wissen nicht wie zerstört du eigentlich bist. Und das war er. Das waren wir alle. Sonst wären wir nicht an diesem Punkt. Auch wenn der Kerl behauptete, es sei sein Familienauftrag. Das seine Mutter und seine Schwester bestialisch ermordet wurden erzählte er dabei nicht.
„Ich sag ja nur.“
„Und ich antworte nein, egal wie oft du fragst.“ Er zuckte mit den Schultern und wendete sich John zu. Die beiden verwickelten sich sofort in ein belangloses Gespräch. Ich war nur froh, dass ich aus der Sache raus war. Owen versuchte seit Monaten mich davon zu überzeugen, dass Rudeljagen eine der sichersten Methoden war, das böse in der Welt zu vernichten.
Er zählte dauernd die Vorteile auf, wie es war gemeinsam zu jagen. Dass ich dafür kein Typ war, wollte er einfach nicht verstehen.
Ich sah mich in der Bar um. Einige Männer spielten Billard, andere saßen und tranken, wieder andere baggerten eine der drei wenigen daueranwesenden Frauen an.
Ich nahm mein Handy erneut zur Hand und sortierte die Nachrichten. Wie so oft, hatten einige öfter angerufen, als andere und mehrmals eine Nachricht hinterlassen. Nur um mir ihre Dringlichkeit zu beweisen. Ob es so war, würde ich beurteilen.
Mit einem weiteren Fingerdruck hörte ich die Mobilbox ab. Einige Nachrichten löschte ich, da es belangloses Zeug war. Wieder andere behielt ich. Ich schnappte mir eine Serviette von der Theke und einen Kugelschreiber. Dann begann ich, zu notieren. Drei Fälle schienen interessant, wie dringend. Fünf andere konnte ich hintenanstellen. Lebensbedrohlich war keiner der Fälle. Nicht so wie der letzte Einsatz.
Ich sah hoch auf die Tafel. Diese Woche hatte ich gewonnen. Ob er mich in der Nächsten erwischen würde, würden wir noch sehen. Doch bevor er das tat, würde ich noch einige Monster zu Hölle jagen, das hatte ich geschworen, bei meinem eignenden Blut.

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