1. Siebzehn

Der Schlag war heftig, der Schmerz schoss heiss durch Tonis Oberarm und er konnte den Impuls, laut ,Aua' zu rufen grade noch unterdrücken.

"Alter!" ertönte Max' vorwurfsvolle Stimme. "Hör mir gefälligst zu, wenn ich dir was erzähle!"

Toni sah ihn an und zwang sich zu einem entschuldigenden kleinen Lächeln. "Tut mir Leid. Aber reg dich mal ab! Erzähl's eben nochmal."

Max ließ sich da natürlich nicht zweimal bitten, denn schließlich ging es in seinen Geschichten meistens um ihn und eine seiner Glanzleistungen. Diesmal waren es die komplizierten Sprünge, die er gestern mit seinem BMX-Rad auf der Rampe hinbekommen hatte. Bestimmt schmückte er alles ein bisschen weiter aus, um noch besser da zu stehen, aber das bekam Toni nicht mit. Denn so sehr er sich auch Mühe gab, sich auf Max zu konzentrieren, seine Worte wurden von seinen inneren Vorwürfen aber komplett übertönt. Denn wieder einmal war es Oliver gewesen, der ihn so beschäftigt hatte, dass die Welt um Toni herum für einen Moment ausgeblendet worden war. Was erneut ein Misserfolg in seiner Mission, so normal wie alle anderen zu werden, bedeutete.

Bis vor vier Wochen hatte er von Olivers Existenz gar nichts gewusst. Bis er dann unvermittelt vor Unterrichtsbeginn bei Toni auftauchte, der alleine auf dem Schulhof stand.

"Sag Max, er soll endlich aus seinem Rattenloch rauskriechen und seinen feigen Arsch heute nach der sechsten Stunde zum Fussballplatz schleifen! Und wenn er das nicht tut, erzähl ich allen, wie er sich letzte Woche peinlich mit seinem lächerlich kleinen Fahrrad auf die Fresse gelegt hat!" zischte Oliver mit zur Faust geballten Händen.

Danach ging er, aber Toni hatte für einen kurzen Moment in seine grünen Augen gesehen, seine tiefe zornige Stimme gehört und er war wie in Trance.

Er hatte folgsam die Nachricht überbracht und so erfahren, dass Max' neue Freundin Lena vorher Olivers Freundin gewesen war, die Max ihm ausgespannt hatte, Die beiden hatten sich einen kurzen aber heftigen Kampf geliefert, der dann von einem Lehrer unterbunden wurde, der zufällig vorbeigekommen war. Lena war von diesem Verhalten absolut nicht begeistert gewesen und wollte danach weder mit Max noch mit Oliver etwas zu tun haben. Aber kein Problem für Max, er hatte drei Tage später schon wieder eine neue gehabt.

Toni beneidete ihn um diese Kunst, denn er beherrschte sie absolut nicht. Die Mädchen, die er kannte, fand er unglaublich fade. Er wusste nicht genau, worüber er sich mit ihnen unterhalten sollte und meistens waren sie ihm einfach zu anstrengend, redeten viel über lauter uninteressantes Zeug, lachten zu aufgesetzt und kleisterten sich mit zuviel Schminke zu. Bei keiner hatte sein Herz bis jetzt schneller geschlagen und er hatte sich gedacht, wie toll sie war und dass er sie unbedingt näher kennenlernen wollte. Klar, er hatte schon ein paar Mal rumgeknutscht mit solchen Mädchen, aber weil er einfach das Gefühl hatte, er müsste es tun um irgendwie auf den Weg zurückzukommen, den alle um ihn herum eingeschlagen hatte, nur er irgendwie nicht.

Und dann tauchte Oliver auf und ohne, dass er es wollte, verlor Toni diesen Weg noch weiter aus den Augen. Was ihm grade wieder mehr als deutlich gemacht worden war.

Max hatte seine Geschichte inzwischen beendet und Toni nickte anerkennend und sagte: "Wow, echt super!" Was die Reaktion war, die Max erwartete hatte, er grinste stolz, badete sich in seinem Glanz und hatte keine Ahnung, dass Toni ihm gar nicht zugehört hatte.

Allerdings hatte Max heute einen der seltenen Tage, an denen er sich nicht nur für sich, sondern auch für andere interessierte. "Wo hast du eigentlich grad die ganze Zeit hingestarrt?" wollte er wissen und drehte den Kopf, bis ihm Oliver ins Blickfeld geriet, der bei seiner Clique stand. Denn natürlich war es Oliver, den Max sah, da war Toni sich sicher. Er spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Etwas in ihm wartete schon die ganze Zeit darauf, dass Max Verdacht schöpfte, weil Toni noch nie eine Freundin hatte, geschweige denn sich mal mit einem Mädchen getroffen hatte. Außer Lydia, aber die kannte er seit dem Kindergarten und er war unfähig, in ihr mehr zu sehen als einen Kumpel.

Einige sehr unfreundlich endende Szenarien rasten durch seinen Kopf während Max zu Oliver rüber sah und als er den Mund öffnete, stellte sich Toni schon einmal innerlich auf Verteidigung ein.

"Hast du etwa Tatjana angeglotzt?! Die Perle vom groooßen Oliver?" Max quiekte einmal vergnügt. "Pass bloß auf, der liebe Olli hat einen üblen rechten Haken."

"Ich weiß, ich war ja dabei als er ihn dir verpasst hat," neckte Toni, während die Erleichterung seinen ganzen Körper durchströmte. Er hatte eigentlich erwartet, dass Max jetzt sofort einwarf, dass er Oliver auch ein paar ziemlich harte Schläge verpasst hatte und er vergaß, worüber sie vorher gesprochen hatten, aber diesmal hatte er Pech. Max legte ihm den Arm um die Schultern. "Alter, ich sag dir, diese Tatjana ist zwar n echt heißer Feger, aber von der solltest du besser die Finger lassen. Weißt du, wer total auf dich steht und bei der du es versuchen solltest? Unsere liebe Lydia."

Toni starrte ihn entgeistert an. "Lydia?" wiederholte er ungläubig und Max nickte eifrig. "Jap. Sie hats mir vorgestern erzählt, als sie schon n bisschen was intus hatte. Und hups," er schlug sich einmal gespielt entsetzt die Hand vor den Mund. "Ich hab versprochen, es dir auf keinen Fall zu sagen." Er zuckte mit den Schultern. "Tja, so ein Pech aber auch."

Toni schwieg einen Moment, weil er erst seine Gedanken ordnen musste. Nie hätte er erwartet, dass Lydia auf ihn stand. Sie waren beste Freunde und konnten sich alles erzählen. Ein paar Mal hatte Toni sogar schon mit dem Gedanken gespielt, ihr das zu sagen, aber es hätte sich in ihm dann vermutlich zu festgesetzt, wenn er es erst einmal ausgesprochen hätte. Denn noch bestand ja die Möglichkeit, auf den Weg der Normalen zurückzukehren.

Nachdem Toni, der natürlich jede der raren Informationen über Oliver, die er in die Finger bekam, aufsog, erfahren hatte, dass er Handball spielte, hatte er ebenfalls seine Leidenschaft für diesen Sport entdeckt und besuchte jedes Spiel, das hier in der Halle neben der Schule stattfand. Er redete sich ein, dass es wirklich das Spiel war, das ihn fesselte und nicht Oliver, der in seinem Trikot und der Hose einfach nur gut aussah. Er hatte Lydia von seiner neuen Leidenschaft erzählt und seitdem war sie immer mit zu den Spielen gekommen und saß neben ihm auf der Tribüne. Toni hatte sich zuerst nichts dabei gedacht, sie waren eben Freunde, die Sachen zusammen unternahmen, aber jetzt erschien ihm das alles natürlich in einem anderen Licht. Es fühlte sich sehr komisch an, so über Lydia zu denken, noch komischer als bei anderen Mädchen.

Max, der Lydia ja genau so lange kannte, wie Toni, war anscheinend den gleichen Gedankengang gegangen, denn er meinte: "Ist vielleicht komisch, weil du sie ja schon kennst, als sie noch in die Windel geschissen hat, aber ich sag dir, die hat ein paar ziemlich geile Möpse bekommen." Er lachte einmal. "Als wir letztens am Kanal schwimmen waren, haben Marcel und ich uns mal die Freiheit genommen, den Mädels n bisschen beim Umziehen zuzugucken." Er klopfte Toni einmal jovial auf den Rücken. "Also ich würde es machen. Wird sowieso Zeit bei dir. Nicht, dass die anderen noch denken, dass du schwul bist." Er lachte wieder und Toni fühlte sich, als hätte er grade einen Schlag in den Magen bekommen.

Er war ausnahmsweise mal richtig froh, dass Lydia nicht mit Max und ihm zusammen Abi machte, sondern eine Ausbildung zur Industriekauffrau in einer Firma am anderen Ende der Stadt. Nach dem, was Max ihm grade erzählt hatte, hätte Toni keine Ahnung gehabt, wie er sich ihr gegenüber jetzt verhalten sollte.

Normalerweise tauschten sie am Tag mindestens zwei Textnachrichten aus, um den anderen zu fragen, wie sein Tag war und von seinem eigenen zu erzählen. Telefonieren taten sie gar nicht, ein Umstand, der Toni jetzt sehr zugute kam, denn er war jetzt schon überfordert, ihre simple Textnachricht zu beantworten, sie sie ihm in ihrer Mittagspause geschickt hatte.

Er hatte immer noch nicht zurückgeschrieben, als er vor der Haustür stand und als er die Treppe hochgestiegen, an der Wohnungstür angekommen war und das Geschrei hörte, da wusste er, was jetzt gleich kommen würde und er war dankbar für die Ablenkung, die hoffentlich eine Gedanken endlich beruhigen würden, die immer noch durch sein Gehirn jagten.

Er war grade in den Hausflur getreten, als seine Mutter schon um die Ecke bog, das Telefon ans Ohr geklemmt und auf dem Arm die heulende Maja. Sie warf Toni einen bittenden Blick zu, als sie ihm das Kind hinhielt und Toni, der das Prozedere schon kannte, ergriff seine Schwester, die ihn für eine Sekunde stumm und mit großen Augen anstarrte, um dann gleich wieder loszubrüllen und an seiner Jacke zu zerren.

Toni seufzte einmal innerlich. Nach Majas Geburt vor fast einem Jahr hatte seine Mutter sich zwar zwei Jahre Elternzeit genommen, aber Toni hatte den Eindruck, dass sie jetzt noch mehr zu tun hatte, als vorher. Da Peter immer erst abends von der Arbeit wiederkam war die Konsequenz daraus eben, dass Toni inzwischen bestens mit kleinen Kindern umgehen konnte. Er konnte Windel wechsel, Fläschchen vorbereiten, Strumpfhosen anziehen und Sabber wegwischen wie ein Weltmeister. Und während er jetzt in Majas Zimmer ging um, je nach Bedarf, eines dieser Dinge zu tun, trat leider nicht das ein, was er gehofft hatte. Er musste weiter an Lydia denken und wie zum Teufel er jetzt auf diese Situation reagieren sollte. Oder besser, er fing mit den kleinen Dinge an, zum Beispiel wie er jetzt auf ihre unverfängliche Nachricht genau so unverfänglich anworten sollte. Denn das konnte ja nicht allzu schwer sein.

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