1. Türchen

Angespannt spielte Hermine mit dem Strohhalm, der in ihrem Latte Macchiato steckte. Ron schwieg jetzt schon für eine lange Zeit, länger, als er es normalerweise aushielt, und sie sah deutlich, wie sich eine steile Falte zwischen seinen Augenbrauen bildete. Sie hatte mit dieser Reaktion gerechnet.

„Warum willst du mit Harry zusammenleben, aber nicht mit mir?", fragte er schließlich, ohne ihr in die Augen zu schauen.

Hermine seufzte. Sie wusste aus ihrer gemeinsamen Zeit auf der Suche nach den Horkruxen, wie unsicher Ron sich war, ob sie nicht doch Harry bevorzugte. Wie sollte sie ihm nur deutlich machen, dass nie irgendetwas auf der Ebene zwischen ihr und Harry gelaufen war? Sie ließ ihren Kaffee los und reichte eine Hand über den Tisch zu Ron hinüber: „Hier geht es nicht um meinen Willen. Harry braucht ein Dach über dem Kopf, bis er eine eigene Wohnung gefunden hat. Soll ich ihn etwa im Stich lassen?"

Ron ergriff ihre Hand nicht, sondern ließ sich in seinen Stuhl zurücksinken, die Arme vor der Brust verschränkt: „Er könnte auch bei mir wohnen."

Enttäuscht zog Hermine ihre Hand zurück und fuhr sich durch ihr Haar: „Sicher. Aber du bist zufällig der große Bruder seiner Ex-Freundin. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dich besucht, während er bei dir wohnt, ist ziemlich hoch. Und das wäre für euch alle sehr unangenehm, denkst du nicht?"

Endlich schaute er sie direkt an, doch sein Ausdruck war noch immer finster: „Du hast immer die besseren Argumente, ist dir das mal aufgefallen? Das ist echt anstrengend."

„Was?", entfuhr es Hermine ungläubig: „Wie kannst du mir daraus einen Vorwurf machen?"

Statt einer Antwort wandte Ron seinen Blick ab und sah aus dem Fenster. Genervt schüttelte Hermine den Kopf. Es war manchmal so schwer für sie, mit Rons Unsicherheiten klarzukommen. Sie konnte verstehen, dass es als jüngster Bruder von vielen schwer war, sich als eigenständiger Mann hervorzutun, und die Freundschaft zu Harry, der immerhin von Geburt an berühmt war, hatte nicht geholfen. Aber es wurde wirklich Zeit, dass er erkannte, dass sie mit ihm zusammen war und nicht mit Harry, und zwar aus freier Entscheidung.

„Es tut mir leid", kam es leise von Ron. Aufmerksam blickte Hermine ihn an, während er sich langsam entspannte und wieder ihr zuwandte. Unsicher fuhr er fort: „Ich wünsche mir einfach nur ... ich will mein Leben mit dir verbringen, Hermine. Ich wollte das schon immer. Und ... ich weiß, du willst deine Freiheit und brauchst Raum für dich. Ich verstehe das, wirklich. Aber manchmal ist es einfach so ... schwer. Und dann nimmst du plötzlich Harry bei dir auf und ich weiß doch, wie gut ihr euch immer schon verstanden habt. Und ich weiß, wie Kerle ticken."

Ein mitfühlendes Lächeln trat auf Hermines Gesicht und erneut streckte sie ihre Hand nach ihm aus. Diesmal ergriff er sie, um mit seinem Daumen ihren Handrücken zu massieren. So warm wie möglich erwiderte sie: „Ich weiß, Ron. Und ich bin dir wirklich dankbar, dass du so geduldig mit mir bist. Aber wirklich, vertrau Harry ein bisschen mehr. Er ist dein bester Freund, er würde niemals irgendetwas tun, das dich verletzen könnte. Und ich erst recht nicht. Ich will ihm nur helfen, die Trennung von Ginny ein bisschen besser zu verdauen."

Mühsam erwiderte Ron ihr Lächeln. Hermine schloss die Augen und genoss das Gefühl seiner Finger auf ihrer Hand. Es war einer dieser seltenen Momente der Ruhe und Stille, die sie so sehr genoss in ihrem Zusammensein mit Ron. Und sie klammerte sich mit allem, was sie hatte, daran, dass dies für ihre gemeinsame Zukunft genug war.

oOoOoOo


Zum dritten Mal blätterte Hermine durch die Akte, die ihr Sekretär ihr am Morgen auf den Schreibtisch gelegt hatte. Sie wusste, es war sinnlos, doch noch war sie nicht bereit, sich der unvermeidlichen Wahrheit zu stellen. Die Spuren der Vase führten so eindeutig zu der Familie Malfoy, dass es keinen anderen nächsten Schritt gab, als diese aufzusuchen. Sie war im Mittelalter verschollen, doch ihre fleißigen Mitarbeiter hatten Aufzeichnungen von Schwarzmarkt-Auktionen in die Hände bekommen, welche den Verkauf einer Vase in den fünfziger Jahren verzeichneten. Einer Vase, die von der äußerlichen Beschreibung her genau jene vermisste sein konnte.

Sie seufzte.

Lucius saß für seine Taten unter Voldemort noch in Askaban, doch Draco Malfoy und seine Mutter waren dank ihrer hilfreichen Taten auf Bewährung draußen. Wenn sie dem Anwesen also einen Besuch abstattete, würde sie unwillkürlich mit beiden zu tun haben. Ihr graute davor. Nicht nur, weil sie ungute Erinnerungen mit der Villa Malfoy verband. Sie hatte nach Ende des Krieges nur ein einziges Mal mit Draco gesprochen, kurz vor der Anhörung. Sie hatte ihm versichern wollen, dass sie für ihn aussagen würde. Statt eines Dankes hatte er sie nur verächtlich angestarrte, ohne irgendetwas zu erwidern. Sein Hass schien noch ungebrochen.

Genervt fuhr sie sich durch ihr Haar. Die Zeiten hatten sich geändert, sie war nun offiziell Ministeriumsangestellte und er musste mit ihr reden, wenn er nicht in die Handlungen seines Großvaters Abraxas Malfoy hineingezogen werden wollte. Vermutlich wusste er nicht einmal, dass er eine schwarzmagische Vase im Haus hatte.

Sie beschloss, am nächsten Tag einfach einen unangekündigten Besuch zu versuchen. Wenn Menschen nicht vorgewarnt waren, waren sie verwundbarer und gaben leichter Dinge preis, die sie eigentlich geheim halten wollten. Und sie wusste, dass Malfoy noch nie gut darin gewesen war, Dinge für sich zu behalten, wenn sein Temperament mit ihm durchging. Vielleicht würde die Mischung aus Überraschung und Hass ja irgendetwas Interessantes zu Tage fördern.

Oder, falls sie besonders viel Glück haben sollte, vielleicht wäre er morgen auch gar nicht im Haus, so dass sie mit seiner Mutter alleine sprechen konnte. Narzissa Malfoy war eine überrascht intelligente Frau, die es verstand, ihre eigenen Gefühle und Meinungen für sich zu behalten, wenn es die Gegebenheiten notwendig machten. Sie würde niemals ihr gegenüber ausfallend werden.

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