1. Vierundzwanzig

Auch nach fast vier Jahren mochte Toni seinen Studentenjob im Kino eigentlich immer noch genau so wie am Anfang. Auch, wenn er drei Tage die Woche für jeweils vier Stunden da war, hatte das Kino absolut nichts von seiner wunderbaren Atmosphäre verloren und das Popcorn, das er sehr häufig für umsonst bekam, nichts von seinem Geschmack. Und die monatlichen Freikarten nahm er auch immer gerne in Anspruch.

Allerdings gab es manchmal auch vier Stunden wie heute, in denen drei Leute krank waren, von denen er gefühlt zwei ersetzen sollte, was ziemlichen Stress bedeutete. Und wenn dann irgendein Halbwüchsiger an der Theke sich einfach nicht entscheiden konnte, ob er nun süßes oder salziges Popcorn haben wollte und sein Vater absolut kein Problem mit seinem wählerischen Söhnchen und der Tatsache hatte, dass Toni dreimal die Tüte auskippen und wieder neu befüllen musste war es alles andere als schön.

Als Vater und Sohn endlich mit einer Tüte salzigen Popcorns im Arm abzogen, kribbelte Toni es auf der Zunge, ihnen irgendeinen Spruch hinterher zu schicken, aber schließlich arbeitete er hier in der Dienstleistungsbranche also ging das nicht. Stattdessen wandte er sich mit einem perfekt einstudierten Lächeln den Nächsten in der Schlange zu, die aufgrund des Vorfalles von grade schon ziemlich konsterniert drinblickten.

Und als die vier Stunden endlich um waren, konnte Toni sich dann auch nicht, wie er es nach stressigen Tagen immer tat, in sein Zimmer verkriechen, den Schlüssel im Schloss drehen und für den Rest des Tages niemanden mehr sehen. Um dann bis zum Schlafengehen alles noch einmal im Kopf durchzugehen und sich weiter darüber zu ärgern, bis er dann irgendwann ins Bett ging.

Natürlich wusste er, dass es unglaublich ungesund war, seine Probleme einfach nicht loslassen zu können und er hatte schon verschiedene Methoden von Atemtherapie bis Yoga ausprobiert, aber es hatte einfach nichts funktioniert.

Nein, heute hatte Anna entschieden, dass es doch nett wäre, abends noch Essen zu gehen, mit Xenia, die sie im Rahmen irgendeines Studienseminars kennengelernt und sich sofort supertoll mit ihr verstanden hatte.

Und Xenia hatte auch einen supertollen Freund, mit dem Toni sich bestimmt auch supertoll verstehen würde!

Nichts lag Toni ferner, als nach der Arbeit noch irgendwelche supertollen Leute zu treffen, aber ganz der perfekte Freund, der er versuchte zu sein, hatte er zwar protestiert, aber dann kurz danach schon nachgegeben. Denn auch, wenn Anna immer wieder neue Leute anschleppte, mit denen Toni meistens absolut gar nichts anfangen konnte, so wusste er doch auch, dass die meisten sehr schnell wieder unter ,oberflächliche Bekanntschaft' liefen und Tonis Berührungspunkte mit ihnen sich ab dann auf ein flüchtiges Treffen auf irgendeiner Party beschränkten. Also konnte er im Grunde auch damit leben. Nur heute musste es nicht wirklich sein.

Er seufzte einmal abgrundtief, als er den Spind im Umkleideraum öffnete und das Hemd herausholte, das er heute vormittag mitgebracht hatte. Er sebst hätte kein Problem damit gehabt, in seinem Kino-Mitarbeitertshirt am Tisch zu sitzen, aber das hatte Anna dann gleich kategorisch ausgeschlossen.

Gleich, nachedem er den letzten Knopf geschlossen hatte, griff er nach seiner Tasche und sah zu, dass er hier verschwand. Die nächste Schicht würde gleich eintreffen und er hatte absolut kein Bock auf irgendwelche Späßchen, wieso er sich denn jetzt so in Schale warf.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle fing er wieder an, sich über Vater und Sohn aufzuregen und sich gleichzeitig zu befehlen, damit aufzuhören. Aber ausnahmsweise gelang das auch mal wirklich, dann es wurde nahtlos von dem sich verspätenden Bus abgelöst.

Drei Minuten stand auf der Anzeigetafel und da die Straßen sicherlich ziemlich voll sein würden, wie eigentlich immer um diese Zeit, bedeutete das, das Toni auf jeden Fall zu spät kommen würde. Was wiederrum hieße, dass Anna, Xenia und ihr supertoller Freund schon am Tisch saßen, wenn er da ankam. Und dann war er auf dem Präsentierteller, denn natürlich würden ihn alle anstarren, bis er zum Tisch gekommen war.

Noch so etwas, über das er sich aufregen konnte. Das, der Bus und Vater und Sohn würden eindeutig dafür sorgen, dass er gleich nicht der perfekte Freund sondern absolut ungenießbar sein würde. Was er aber defintiv nicht wollte, so sehr ihn dieses Essen auch nervte. Also versuchte er wieder, sich abzulenken, in dem er darüber nachdachte, was er gleich essen würde, denn er kannte das Restaurant schon, in dem sie sich trafen, und beobachtete die Leute, die auf der anderen Seite an der Haltestelle standen. Dort, wo er eigentlich auch jetzt stehen würde, um nach Hause zu fahren. Bei dem Gedanken musste er wieder seufzen.

Als der Bus nur noch eine Minute Verspätung hatte, fiel ihm ein, dass er ja Anna auch mal darüber informieren konnte, dass er später kam. Also schickte er ihr eine Nachricht, die sie mit genau dem beantwortete, mit dem er gerechnet hatte: nämlich, dass sie dann schon einmal reingingen und drinnen auf ihn warteten.

Der Bus kam dann auch tatsächlich nach einer Minute und war so voll, das Toni sich nur mühsam hineinquetschen konnte und seine Tasche ganz eng an seine Brust drücken musste, während der Bus durch den Feierabendverkehr kroch. Was nicht dazu führte, seine Laune zu steigern.

Mit weiterer Verspätung erreichte der Bus endlich seine Haltestelle und auch das Aussteigen war ein ziemlicher Kampf. Als er endlich draußen war, blieb Toni für einen Moment stehen, wo er war, schloss die Augen und atmete einmal tief ein und versuchte, seinen Geist von aller Wut und allem Stress zu leeren, wie er es auf einer Meditationsseite im Internet gelesen hatte. Natürlich klappte es nur bedingt, aber zumindest fühlte er sich jetzt soweit, sich ins soziale Leben zu stürzen.

Das Restaurant war voll und während Toni zwischen den Tischen herumlief und nach Anna Ausschau hielt, musste er mal wieder feststellen, dass er, auch, wenn er zehn Autostunden von seiner Heimat weg war, die auch noch doppelt so viele Einwohner hatte, die Großstadt eigentlich nie verlassen hatte. Denn genau wie in der Großstadt waren auch hier überall Menschen, Menschen, Menschen.

Er fand schließlich Annas Tisch in einer abgelegenen Ecke, er machte einen Schritt darauf zu und dann fühlte es sich plötzlich so an, als würde der Boden unter ihm weggerissen, weil die Welt einfach zur Seite kippte.

Denn an diesem Tisch saß nicht nur Anna und ein dunkelhaariges Mädchen, das natürlich Xenia war....Nein, da saß auch noch Gregor. Absolut nicht mehr pausbäckig und mit einem Drei-Tage-Bart, aber immer noch rotblond und eindeutig Gregor.

Toni war für einen Moment wie erstarrt. Das konnte doch nicht sein! Einen so wahnwitzigen Zufall konnte es einfach nicht geben! Er blinzelte einmal, aber es änderte nichts an der Tatsache, dass Gregor da, keine fünf Schritte von ihm entfernt, am Tisch saß. Und jetzt wurde Toni wieder bewusst, dass er hier mitten im Restaurant stand, ihn vermutlich schon irgendwelche fremden Leute anstarrten und vielleicht sogar bereits ein Kellner zu ihm auf dem Weg war, um ihn zu fragen, ob mit ihm alles in Ordnung war.

Oder Anna würde plötzlich den Kopf wenden und ihn sehen und egal, welches Szenario eintreffen würde, er stände auf jedenfall für einen Moment im Mittelpunkt und würde sich dann vor den dreien erklären müssen. Und dastehen und nach Worten suchen, während er von Gregor angestarrt wurde ging absolut nicht! Also holte Toni einmal tief Luft und ging zum Tisch, an dem ihn gottseidank bis jetzt keiner bemerkt hatte, weil sie ganz ins Gespräch vertieft waren.

Erst, als er direkt neben Anna stand und einfach nicht in der Lage war, etwas zu sagen, weil sein Mund absolut ausgedörrt war, fiel er ihr auf, sie schoss hoch und drückte ihm einen schnellen Kuss auf die Wange. "Da bist du ja endlich!" rief sie fröhlich und wandte sich dann den anderen beiden zu. "Das ist Xenia," sagte sie und zeigte auf das dunkelhaarige Mädchen, das Toni einfach nur freundlich anlächelte und "Hallo" sagte. Und wäre Toni nicht grade mit den Gedanken ganz woanders gewesen, dann hätte er das jetzt sympathisch gefunden, denn er war absolut kein Händeschüttler.

Xenia legte Gregor liebevoll die Hand auf den Arm. "Das ist Gregor," erklärte sie und erst jetzt drehte Gregor den Kopf und sah Toni an. Tonis Herz machte einen heftigen Sprung als sich ihre Blicke trafen und er wusste genau, dass er sich nicht so sehr verändert hatte, dass Gregor ihn nicht mehr erkennen würde. Aber außer einem kurzen Anheben der Augenbrauen ließ er sich das absolut nicht anmerken. "Hallo," sagte er beinahe unbeteiligt, als wären sie wirklich zwei Fremde, die sich heute zum ersten Mal sahen.

Toni schluckte einmal, um seine völlig trockene Kehle wenigstens einigermaßen anzufeuchten, um seinerseits einen Gruß zustande zu bringen, denn genau das wurde ja jetzt von ihm erwartet. "Hallo," bekam er dann auch heraus und hörte sich dabei absolut nicht nach sich selbst an. Aber das reichte den anderen, denn sie wandten sich wieder einander zu, um das unterbrochene Gespräch weiterzuführen, während Toni seine Tasche umständlich über den Stuhl hängte und sich dann auf den Stuhl neben Anna fallen ließ. Danach atmete er einmal tief ein und schloss für einen kurzen Moment die Augen, in der Hoffnung, dass das niemandem auffiel.

Diese völlig unvorhersehbare Begegnung mit Gregor hatte ihn komplett aus der Bahn geworfen und er hatte keine Ahnung, wie er den Abend hinter sich bringen sollte. Glücklicherweise wusste Anna schon, dass er nicht der größte Redner war und sie hatte ihn zwar auch schon mehrfach damit aufgezogen, aber ihm nie gesagt er solle mehr reden oder versucht, ihn in großer Runde dazu zu bringen, sich am Gespräch zu beteiligen.

Allerdings, ein oder zwei Sätze hatte er sich bis jetzt immer abringen können, auch, wenn es meistens nur absolut belangloses Zeug war. Aber er hatte sich eingebracht. Doch jetzt würden ihm auch ein oder zwei Sätze nicht gelingen. Hier zu sitzen und etwas zu sagen, während Gregor ihn ansah, war einfach komplett unmöglich. Vermutlich würde er dann auch stottern und sich verhaspeln und dann rot werden, was die ganze Sache nur noch peinlicher machen würde.

Den Großteil der Unterhaltung wurde dann auch von Anna und Xenia bestritten, während Gregor nur ab und zu einmal eine Bemerkung fallen ließ. Und Toni sagte gar nichts, nicht nur, weil er dazu nicht in der Lage war. Sondern er schaffte es auch gar nicht, dem Gespräch länger als fünf Sekunden zu folgen, denn immer wieder wanderte sein Blick zu Gregor. Eigentlich wollte er es gar nicht, aber er konnte es auch nicht verhindern und er war auch die ganze Zeit in Alarmbereitschaft, um den Blick sofort wieder abzuwenden, sobald Gregor den Kopf auch nur ansatzweise in seine Richtung bewegte.

Aber er tat es nicht, denn seine Augen klebten an Xenia und die Art, wie sie sich ansahen und wie sie ihre Hände auf dem Tisch miteinander verschränkt hatten, zeigte Toni deutlich, dass das zwischen ihnen definitiv was Ernstes war. Und er wusste nicht, wieso er sich deswegen irgendwie verarscht vorkam. Vielleicht wegen der großen Reden, die Gregor damals immer geschwungen hatte und die Toni nun, zusammen mit vielen anderen bis jetzt verdrängten Erinnerungen, wieder einfielen. Allerdings, hatte er nicht damals gesagt, dass es mit Kerlen zwar besser, aber mit Mädchen auch nicht schlecht war? Toni meinte, sich da ganz dunkel an etwas erinnern zu können. Was aber das Gefühl des Verarschtwordenseins in keiner Weise minderte.

Und warum sollte Gregor ihn auch ansehen? Schon die Begrüßung war absolut kühl gewesen und im Grunde waren sie ja auch wirklich Fremde füreinander, nachdem sie sich jetzt sieben Jahre nicht gesehen hatten.

Nach dem Essen, das soweit für Ablenkung gesorgt hatte, sodass Toni sich ein wenig hatte sammeln können, kam dann der Moment, vor dem er irgendwann angefangen hatte, sich zu fürchten. Anna erklärte, dass sie einmal kurz auf die Toilette musste und Xenia begleitete sie natürlich, sodass er schließlich mit Gregor alleine da saß.

Gregor zeigte ihm konsequent die kalte Schulter, wie er es schon die ganze Zeit vorher getan hatte und sagte natürlich auch nichts und je mehr Zeit verging, desto unwohler fühlte Toni sich. Die Zeit, in der sie miteinander hatten schweigen können und es hatte sich mehr als gut angefühlt waren schon lange vorbei. Und irgendwann war die Situation für ihn so unerträglich geworden, dass er beschloss, aus seinem Schneckenhaus herauszukommen. Er räusperte sich einmal, was in der Stille gefühlt die Lautstärke eines Pistolenschusses hatte, und sagte dann: "Cooler Ring." Wobei es eher ein Krächzen war, denn er durfte feststellen, dass er absolut nicht Herr über seine Stimme war.

Der Ring war ihm fast sofort aufgefallen denn er war ungewöhnlich groß und bei der dritten Musterung hatte Toni erkannt, dass sich darauf irgendwelche Symbole befanden und danach war es für ihn nicht schwer zu erraten gewesen, dass es sich dabei um Gregors Familienwappen und bei dem Ring um einen Siegelring handelte. Da Gegor ja immer stolz auf seine Familie gewesen war, erschien der Ring Toni daher als ein gutes Thema, um die eiskalte Atmophäre zwischen ihnen ein wenig aufzutauen. Jedenfalls so lange, bis Anna und Xenia wieder da waren und er sich wieder in sein Schneckenhaus verkriechen konnte.

Für eine Sekunde, die Toni wie eine halbe Ewigkeit vorkam, schwebte der grammatikalisch nicht besonders korrekte Satz in der Luft bis Gregor schließlich darauf reagierte. Indem er den Kopf drehte, Toni mit einem ganz flüchtigen Blick streifte und in genau dem gleichen unbeiligten Tonfall wie bei der Begrüßung "Ist er." erwiderte. Dann wandte er den Kopf wieder ab und das Schweigen kehrte zurück..

Und Toni saß da, die Hände im Schoß verschränkt und wünschte sich in diesem Augenblick ganz weit weg.

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