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                                                                    MARIE

Für eine Ewigkeit herrscht Stille in der kleinen Küche. Für einen Augenblick herrscht Frieden zwischen uns. Doch ich weiß bestens, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Denn seine Stimme ist wie der Sturm, der die Ruhe plötzlich durchbricht.

„Wie?“

„Du weißt wohl ebenso wie ich, wie ein Kind entstehen kann.“

Er macht mich wütend und auch wenn sein Gesichtsausdruck ehrlich interessiert wirkt, so kann ich meine Gefühle in diesem Moment nicht unter Kontrolle halten.

„Wieso hast du es mir nicht gesagt?“

„Soll ich dir das jetzt auch noch erklären? Du bist abgehauen. Du hast eine andere gefunden. Und wenn du es genau wissen willst, habe ich es selbst nicht gewusst. Du warst schon lange weg, als ich es erfahren habe.“

Jetzt kann ich meine Wut kaum noch in Worte fassen. Meine Finger ballen sich zu Fäusten und meine Atmung beschleunigt sich.

„Wenn sie wirklich meine Tochter ist, dann seid ihr in Gefahr.“

„Was Tobias?“ , meine Stimme ist mittlerweile einige Oktaven zu hoch, doch wenn es um Alina geht, kann ich mich nicht im Zaum halten, „Willst du mir jetzt weiß machen, ich komme nicht klar? Ich bin die letzten sieben Jahre bestens klar gekommen. Ohne dich. Somit brauchst du jetzt nicht damit anfangen, dass wir in Gefahr sind.“

„Sie werden euch finden. Sie finden alle...irgendwann.“

„Wer, Tobias...wer findet alle? Meinst du die zwei Agenten, die in Wirklichkeit keine waren? Die sind schon lange weg.“

„Nein. Die Agenten sind nicht so gefährlich wie die Gefallenen.“

„Ich weiß ja nicht, was du die letzten sieben Jahre getrieben hast, aber ich glaube kein Wort von diesem Zeug.“

Er macht mich sowas von wütend, dass ich kaum noch meine Stimme kontrollieren kann. Ich will Alina nicht wecken, aber noch eine Minute länger und ich explodiere hier vor seinen Augen. Vor diesen verdammten Augen, die von noch dunkleren Wimpern und perfekten Augenbrauen umrahmt werden. Verdammt. Er hat noch immer diese Wirkung auf mich. Ich hasse es.

„Glaub mir, du willst nicht mal annähernd wissen, was ich die letzten sieben Jahre erlebt habe. Sie ist auch meine Tochter und vielleicht hattet ihr bis jetzt Glück, doch wenn sie es herausfinden, werden sie euch finden. Sie werden Alina mitnehmen und ihre kranken Versuche mit ihr machen. Du wirst ihr Lächeln nie wieder sehen, wenn sie es schaffen. Ich weiß, ich war nicht da und um ehrlich zu sein, hätte ich auch, wenn ich es gewusst hätte, nicht für euch da sein können. Aber jetzt bin ich es und ich werde euch mit Sicherheit nicht eurem Schicksal überlassen.“

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dich hasse.“

Auch wenn ich die Worte gefährlich leise über meine Lippen bringe, zuckt er dabei zudammen. Wenn ich mir noch mehr Blödsinn von ihm anhören muss, dann werde ich noch vollkommen verrückt. Ich brauche dringend Ablenkung. Also stehe ich auf und beginne die trockenen Teller wegzuräumen. Für eine gefühlte Ewigkeit herrscht Stille. Ich drehe ihm den Rücken zu und versuche ihn nicht anzusehen. Doch ich höre gleich darauf den Stuhl, wie er am Boden zurückgeschoben wird und die Schritte der schweren Boots auf dem alten Boden. Er kommt näher und mein verdammter Körper reagiert auf ihn, indem sich eine Gänsehaut auf meiner Haut bildet. Fast schon hoffe ich, dass er es so macht wie früher. Dass, er sich einfach vor mich stellt und ich ihm nicht mehr böse sein kann. Doch er scheint zu realisieren, dass es nichts bringen würde. Denn meine Wutskala ist mindestens bei zwölf von zehn angelangt und dennoch reißt mich die tiefe Stimme aus meiner Wut.

„Ich verstehe dich. Aber ich könnte nicht einmal sagen, dass es mir leid tut. Ich weiß ich bin ein Arschloch, aber ich erzähle keinen Scheiß. Marie. Hör mir jetzt einfach nur zu...“ , mit einem Ruck hat er seine Finger an mein Kinn gelegt und dreht meinen Kopf so, dass ich ihn ansehen muss. Dabei fühlt sich seine Berührung so ungewohnt und dennoch vertraut an. Sofort schüttle ich seine Finger von meinem Kinn ab und weiche einen Schritt zurück. Dann nicke ich. Denn ich will ihm zuhören. Will wissen, was er glaubt, was uns geschehen könnte.

„Wenn ich könnte würde ich manche Sachen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, gerne aus meinem Gedächtnis streichen. Aber das geht leider nicht. Umso wichtiger ist, dass du mir jetzt zuhörst, damit dir nicht dasselbe widerfährt...du und Alina seid in Gefahr. Es gibt Wesen, Engel, Dämonen die sich zum Ziel gesetzt haben, alle anderen, die zwischen eben diesen Wesen und Menschen gezeugt wurden, auszulöschen. Sie stehlen ihre Macht in kranken Experimenten und letztendlich werden sie getötet und jeder, der sich weigert, sich ihnen anzuschließen wird gejagt und zur Strecke gebracht. Wenn sie erfahren, dass Alina mein Kind ist, werden sie mit ihr dasselbe machen. Vielleicht noch schlimmer, jetzt, nachdem ich sie hintergangen habe.“

Er presst seine Lider aufeinander und es scheint, als würde er tief in seinem Herzen Schmerz spüren, was jedoch, als er seine Augen wieder öffnet, von dieser Härte verdrängt wird. Ich bin noch immer perplex über seine Worte. Weiß nicht, ob ich ihnen Glauben schenken soll. Doch was, wenn ich es nicht tue und Alina stößt irgendetwas zu?

„Ich verstehe kein Wort von dem was du von dir gibst. Ich weiß nicht mal, ob du einfach nur vollkommen verrückt geworden bist oder ob du wirklich die Wahrheit sagst. Aber wenn Alina etwas zustoßen würde, dann wäre diese mein Ende.“

„Ich will dir nicht wehtun. Aber ich kann euch mit diesem Wissen jetzt nicht zurücklassen. Ihr müsst in Sicherheit, bis ich es beendet habe.“

„Was, Tobias...was wirst du beenden?“

„Die Ungerechtigkeit. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen. Je weniger du weißt, desto besser ist es für dich. Wir müssen hier weg. Du wirst mit Sicherheit beobachtet. Vielleicht nicht von den Gefallenen, aber von den Jägern.“

„Jäger? Gefallene?“

Ungläubig schüttle ich meinen Kopf. Ich bin hin- und hergerissen zwischen den Worten und meinem Verstand.

„Deine Agenten zum Beispiel sind Jäger. Ich wette mit dir, dass sie dein Haus keine Sekunde aus den Augen lassen, so wie dich und Alina. Sie haben dich nur im Glauben gelassen, dass du in Sicherheit bist. Sie warten darauf, dass irgendetwas passiert. Ich vermute, dass sie jedoch keine Ahnung haben, dass Alina mein Blut besitzt. Sie warten nur darauf, dass ich wieder bei dir auftauche.“

„Sehr hilfreich Tobias...also wissen sie jetzt, dass du hier bist?“

Der Ansatz eines Lächelns stiehlt sich auf seine Lippen und er schüttelt seinen Kopf.

„Ich bin äußerst vorsichtig gewesen. Keine Chance, dass sie mich gesehen haben.“

Und dann zerstört eine dunkle Stimme unsere Sicherheit.

„Vielleicht nicht die Jäger, Seth. Aber ich habe dich gesehen.“

Erschrocken drehe ich mich um und blicke in noch dunklere Augen, in denen sich nichts Gutes befindet. Wie ist er hier rein gekommen? Was macht er hier? Fragen schwirren in meinen Kopf herum und das Erste was ich machen will, ist zu Alina zu laufen. Meine Füße bewegen sich, doch plötzlich, schneller als ich reagieren kann, hält mich eine Hand zurück. Tobias hat sich so schnell bewegt und ich konnte ihm mit meinem Blick nicht einmal folgen.

Der riesige Fremde mit den dunklen Augen legt ein höhnisches Lächeln auf seine Lippen. Seine Haare sind zu einem Knoten hinter seinen Kopf gebunden und er trägt dieselbe Kleidung wie Tobias. Ich will mich losreißen. Doch vielleicht hat Tobias recht. Vielleicht verrate ich damit, dass Alina hier ist.

„Elisier.“

Tobias`s Blick verdunkelt sich. All seine Muskeln sind angespannt und bereit zum Angriff. Er scheint meine Panik zu spüren und streicht mit seinen Fingern über mein Handgelenk. Eine Geste, die es schafft, mich zu beruhigen, obwohl es nicht so sein sollte.

„Glaubst du, dass du dich einfach unbemerkt aus dem Staub machen kannst, nur um hier mit irgendeiner Fotze zu ficken?“

Die Wortwahl lässt mich zusammenzucken. Lässt mich noch mehr Angst vor ihm haben.

„Lass sie aus dem Spiel. Hier geht es doch nur um dein Ego.“

„Nein. Hier geht es um Verrat. Und dieser wird nur mit dem Tod beglichen. Also entweder tötest du dich selbst und sie gleich mit und ersparst dir unnötiges Leid oder aber ich mache es und lass dich dabei zusehen, wie ich mich vorher noch ein wenig mit ihr vergnüge, bevor ich dir deinen Schwanz abhacke und ihn an sie verfüttere.“

Gänsehaut breitet sich auf meinen Körper aus. All meine Muskeln sind in Alarmbereitschaft. Bei Tobias scheint hingegen nun eine Sicherung durchzubrennen. Er stürzt sich mit irrsinniger Geschwindigkeit auf diesen Elisier, der durch Tobias’s Kraft nach hinten an die Wand geschleudert wird und sich dadurch einige Brocken von ihr lösen und zu Boden fallen. Dieser Eliesier wirkt hingegen unbeeindruckt und legt erneut ein Lächeln auf seine Züge. Schneller als meine Augen den Beiden folgen können, werfen sie sich hin und her. Zerstören die Möbel, die unter ihrem Gewicht zerbersten und schlagen aufeinander ein, als wäre es ein Kampf auf Leben und Tod. Was es wohl auch ist. Für mich zählt jetzt nur noch eines. Ich muss zu Alina. Ich muss mit ihr hier weg. Was, wenn dieser Elisier gewinnt und es schafft Tobias zu töten? Ein Schmerz macht sich in mir breit und sofort wünsche ich mir, dass Tobias aus dieser Sache gut hervortritt. Auch, wenn ich ihn gerne hassen würde, so könnte ich nicht ertragen, wenn ihm etwas zustößt. So wie ich es auch nicht ertragen könnte, wenn dieser Typ seine dreckigen Finger an Alina legt.

Ich nütze einen Moment, indem die Beiden sich am anderen Ende der Küche die Fäuste in ihr Gesicht schlagen und laufe mit schnellen Schritten zu Alina’s Zimmer. Doch bevor ich bei der Tür ankomme, erblicke ich ihre Gestalt. Die Augen weit aufgerissen und ihr Blick voller Angst. Ich will sie davor beschützen. Doch einige Meter bevor ich meine Hände schützend um sie schlingen kann, werde ich an meinen Haaren schmerzvoll nach hinten gerissen. Mit meinem Rücken lande ich hart auf dem Boden und für einen Augenblick scheinen meine Lungen zu versagen. Keuchend hole ich nach einigen Sekunden Luft und will mich wieder auf die Beine stellen, um zu Alina zu gelangen. Doch ich werde von einem schweren Fuß wieder zu Boden gedrückt. Ich versuche dagegen anzukämpfen, doch die belustigt wirkenden Augen von diesem Elisier, lassen keinen Zweifel daran, dass dies meine letzten Sekunden sind.

Ich will nicht aufgeben. Ich will ihm Alina nicht überlassen. Es wäre mein schlimmster Alptraum. Also rufe ich mit meiner letzten verbliebenen Kraft, „Alina. Lauf. Lauf weit weg.“

Daraufhin drückt er mich fester zu Boden und die Erkenntnis, dass, wenn er hier ist, Tobias es nicht mehr sein wird, trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Tränen bahnen sich aus meinen Augenwinkel und ich blicke nochmals zu Alina, die noch immer wie erstarrt an demselben Platz steht.

„Lauf. Alina.“

Ich brülle es heraus, als würde ich damit die Wände zum Einsturz bringen wollen. Doch sie bewegt sich nicht. Verzweiflung macht sich in mir breit. Bevor ich meinen Blick noch weiter auf sie richten kann, spüre ich Finger, die sich um meine Kehle legen und mich nach oben ziehen. Mit meinen Fingern, versuche ich an seinen kräftigen Armen zu kratzen, um ihm damit zum Aufhören zu bewegen. Doch er scheint es nicht einmal zu spüren. Mit seinen Mund kommt er ganz Nahe an mein Ohr und flüstert mit leiser bedrohlicher Stimme, „Ich werde sie mir nach dir vornehmen und bald wirst du sie in der Hölle wieder sehen.“

Doch dann höre ich eine kleine und dennoch starke Stimme.

„Lass meine Mum los.“

Ich drehe meinen Kopf, um nach Alina zu sehen. Diese ist jetzt einen Schritt näher gekommen, was mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Ich möchte ihr gerne nochmals zurufen, dass sie laufen soll. Doch sie kommt noch einen Schritt auf uns zu. Panisch blicke ich in ihre Augen. Doch sie beachtet mich nicht. Wen sie hingegen beachtet ist Elisier. Dieser festigt noch einmal seinen Griff, bevor ich mit einer ungeheuren Wucht gegen einen harten Gegenstand geschleudert werde. Ich möchte so gerne meine Augen offen halten. Möchte so gerne meine Tochter beschützen. Doch ich kann die Dunkelheit nicht aufhalten, die sich plötzlich über mich legt. Sie hüllt mich ein. Lässt mich nicht los, auch wenn ich so stark dagegen ankämpfe. Sie ist stärker als ich.

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