10

Erschlagen legte Hermine einen Stapel Bücher vor Pansy auf den Tisch. Die letzten zwei Tage waren eine Qual für sie gewesen und langsam fragte sie sich, wie lange sie es noch überstehen würde, dass ihre beiden besten Freunde nicht mit ihr sprachen. Sicher, sie hatte bemerkt, dass Ron seine Worte offensichtlich bereute und dass er sich gerne mit ihr aussprechen würde. Aber wann immer sie absichtlich irgendwo in seiner Nähe alleine rumstand, ganz offensichtlich unbeschäftigt und darauf wartend, dass man sie ansprach, wurde er nur rot und lief weg. Harry warf ihr zwar ab und an entschuldigende Blicke zu, aber natürlich blieb er an Rons Seite. Er würde sich immer für Ron entscheiden. Und offensichtlich war auch er noch nicht darüber hinweggekommen, dass sie ihm einen kritischen Ratschlag über Cho erteilte hatte.

"Alles in Ordnung bei dir?", erkundigte sich Pansy vorsichtig, "Du siehst aus, als ob du gleich einen Mord begehen willst."

Kurz schaute Hermine ihre neue Freundin an, dann brachen alle Dämme und sie sank weinend auf ihren Stuhl: "Gar nichts ist in Ordnung! Gar nichts! Ich habe die dümmsten Freunde auf dieser Welt! Sie verdienen diesen Namen gar nicht!"

"Du weinst wegen Weasley?", hakte Pansy nach, unsicher, ob sie sagen sollte, dass sie nie verstanden hatte, was Hermine mit diesem Trottel wollte, doch sie entschied sich dafür, vorerst den Mund zu halten. Stattdessen legte sie ihr mitfühlend eine Hand auf den Arm.

"Es ist einfach so frustrierend! Wir sind ja nicht erst seit gestern befreundet. Und wir haben so viel zusammen durchgemacht! Du würdest mir vermutlich kein Wort glauben, wenn ich dir das alles erzähle, aber wir haben wirklich schon Todesgefahr gemeinsam ausgestanden. Im ganz wörtlichen Sinne. Wie er das alles einfach vergessen kann. Und Harry auch! Wie können sie einfach so andere Mädchen über unsere Freundschaft stellen?"

All die Energie, die Hermine nach ihrem kleinen Intermezzo mit Malfoy gewonnen hatte, war am Montagmorgen verpufft, als sie gesehen hatte, dass Ron zwar offensichtlich schuldbewusst war, aber nicht mutig genug, sie anzusprechen. Da sie ihn kannte, hatte sie ihm Zeit gegeben, aber auch den ganzen Dienstag über hatte er sich nicht gerührt. Nun war es bereits Abend und sie hatten ihren Streit immer noch nicht beigelegt, obwohl sie sich sicher war, dass er seine Worte bereute.

"Ich habe nie verstanden, warum du ausgerechnet in ihn verliebt bist!", kam es vorsichtig von Pansy, "Ich meine, ich darf vermutlich selbst nicht viel sagen, aber er ist echt keine Leuchte."

"Er hat andere Qualitäten!", schluchzte Hermine, "Du kannst dir nicht vorstellen, wie unglaublich liebevoll er sein kann. Und treu. Für seine Freunde würde er sogar Spinnen essen und er hat panische Angst vor denen. Er ist ein durch und durch guter Mensch, der nur manchmal seine Gefühle nicht versteht und Dinge sagt ohne zu überlegen."

"Das sind alles keine Qualitäten, die ich in dem Mann suche, in den ich mich verliebe", erwiderte Pansy nachdenklich, "in einem besten Freund ist das alles schön und gut, aber attraktiv finde ich das nicht."

"Ja, du stehst mehr darauf, wenn der Mann dich schlecht behandelt!", fuhr Hermine sie an, doch sofort schlug sie ihre Hände über den Mund und murmelte: "Tut mir leid. Das war unfair. Wirklich, tut mir leid."

"Schon gut", gab Pansy mit einem freundlichen Lächeln zurück, "du hast ja recht, ich muss masochistisch sein, dass ich Draco immer noch nachlaufe. Aber ich kann einfach nicht anders."

Hermine atmete mehrmals tief durch, trocknete ihre Tränen an einem Taschentuch und versuchte sich dann an einem Themenwechsel: "Kommst du denn gut voran bei ihm?"

"Oh, ich denke schon. Zumindest behandelt er mich wieder so wie vor unserem Sex. Das ist ein deutlicher Fortschritt. Ich denke, seinen Respekt habe ich wieder."

Hermine versuchte, nicht schuldbewusst dreinzuschauen. Sie fühlte sich schlecht, dass sie wusste, dass Draco sich gerade gar nicht für Pansy interessierte - sondern für sie selbst. Wenn sie die ehrliche Person gewesen wäre, für die man Gryffindors gemeinhin hielt, hätte sie Pansy davon erzählen müssen, doch die Tatsache, dass sie Draco zurück geküsst hatte, ließ sie stumm bleiben. Sicher, es hatte ihr nichts bedeutet, es war nur Balsam für ihr Herz gewesen, dennoch fühlte sie sich, als habe sie Pansy verraten. Sie hoffte sehr, dass die Nachhilfe am Ende wirklich die erhoffte Wirkung zeigte - denn wenn Pansy und Malfoy erst einmal ein Paar waren, interessierte niemanden mehr, was er vorher mit wem getrieben hatte.

"Das freut mich zu hören", sagte sie unsicher, ehe sie ihre geschäftsmäßige Miene aufsetzte und meinte: "Dann erwarte ich von dir noch mehr Einsatz! Wollen wir loslegen und den Stoff von heute wiederholen?"

oOoOoOo

"Wir sollten das Ganze abblasen!"

"Was?"

Entsetzt sah Blaise seinen Freund an, der gerade neben ihn auf dem Sofa Platz genommen hatte. Der Gemeinschaftsraum war leer um diese späte Zeit, einer der Gründe, warum er zum Nachdenken gerne her kam. Und jetzt störte ausgerechnet sein bester Freund seinen Seelenfrieden. Wie kam Theodore plötzlich auf die Idee, ihren Plan aufzugeben? Er war doch derjenige gewesen, der ihn um Pansy Willen dazu überredet hatte, mit Granger zusammen für Arithmantik zu lernen. Und gerade, als er anfing, die Gesellschaft dieser besserwisserischen Gryffindor zu genießen, wollte Theo alles beenden?

"Das führt doch sowieso zu nichts. Du hast Draco gehört letztens, er hat zwar Respekt für Pansys Lerneifer, aber von Liebe fehlt jede Spur."

"Wir sind doch gerade erst ein paar Wochen dabei!", widersprach Blaise heftig, "Liebe passiert halt nicht sofort, das dauert."

"Blaise", sagte Theo ernst, "für uns mag das ja alles ein Spaß sein, aber es geht hier immer noch um Pansys Gefühle."

"Ja, eben!", fuhr der ihn an, "Gerade darum sollten wir sie jetzt nicht hängen lassen! Das war doch deine Idee!"

"Ja, und es war eine schlechte. Es wird zu nichts führen. Je länger wir das Spielchen spielen, umso mehr wird Pansy am Ende verletzt sein, wenn sie merkt, dass es doch nichts bringt."

"Aber das können wir doch jetzt noch gar nicht wissen!"

Wenn er ehrlich war, spielte es für ihn gar keine Rolle, ob Pansy bei Draco Erfolg haben würde oder nicht. Er brauchte lediglich die Ausrede, um mit Hermine zusammen lernen zu können. Bestimmt würde sie nicht weiter mit ihm Zeit verbringen, wenn sie durch diese Kuppelei nicht mehr verbunden waren. Er war noch nicht bereit, den Kontakt zu ihr aufzugeben. Er wollte immer noch mehr.

"Blaise", flüsterte Theodore sehr leise, "ich will Pansy nicht verletzen. Verstehst du das nicht? Ich bin in sie verliebt."

Verblüfft hielt Blaise inne: "Bitte was?"

"Ich sagte, dass ich in Pansy verliebt bin. Kannst du jetzt verstehen, warum ich nicht mehr will?"

"Junge", kam es langsam von ihm, "was ist denn in deinem Kopf nicht richtig, dass du das Mädchen, das du anhimmelst, mit einem anderen Kerl verkuppeln willst?"

Stöhnend vergrub Theo sein Gesicht in den Händen: "Ich weiß doch. Aber ich konnte einfach nicht mehr mit ansehen, wie sie ständig wegen ihm geweint hat. Was hätte ich denn tun sollen?"

"Wie wär's mit der Wahrheit?", erkundigte Blaise sich fassungslos, "Warum hast du ihr nicht einfach gesagt, was Sache ist?"

"Aber sie will mich doch gar nicht! Sie will Draco! Wenn ich ihr was gesagt hätte und sie hätte abgelehnt, dann wäre unsere Freundschaft danach ... einfach nur noch komisch gewesen. Ich wollte sie nicht alleine lassen! Sie braucht mich!", entgegnete Theodore, "Sie brauchte einen Freund! Ich kann doch nicht so egoistisch sein und gerade dann, wenn sie ihren besten Freund am meisten braucht, plötzlich mit meinen Gefühlen ankommen."

Schweigen breitete sich zwischen den beiden Männern aus, während Blaise verarbeitete, was er gerade gehört hatte. Er hätte nicht gedacht, dass Theo es so ernst mit Pansy meinte. Sicher, er hatte schon oft in der Vergangenheit vermutet, dass Theo sich für ihre gemeinsame Freundin interessierte, aber dass seine Gefühle solche Ausmaße annahmen, war eine Überraschung. Er merkte, dass er ihm keinen Rat geben konnte, was zu tun sei, da er selbst noch nie so verliebt gewesen war. Und obwohl er jetzt verstand, warum Theodore die Sache mit der Nachhilfe abblasen wollte, war er nicht bereit dazu.

"Du glaubst mir vermutlich kein Wort", fing er langsam an, "aber ich will das Ganze wirklich nicht beenden. Ich will nicht ... im Moment habe ich einen guten Grund, mich regelmäßig mit Granger zu treffen. Wenn wir die Sache jetzt aufgeben, hat sie vielleicht keine Lust mehr, sich mit mir zu treffen. Und es sähe merkwürdig aus, wenn ich nicht sofort aufhören würde, mit ihr zu lernen."

"Du willst dich mit Hermine treffen?", hakte Theodore misstrauisch nach, "Warum? Ist dir die Wette mit Draco so wichtig? Wichtiger als Pansys Gefühle?"

"Es ist nicht nur die Wette", murmelte er leise, doch natürlich hatte Theo ihn gehört. Ein weiteres Stöhnen entfuhr ihm, während er sein Schläfen massierte. Die erhobenen Augenbrauen seines Freundes zeigten Blaise nur zu deutlich, dass Theodore eine weitere Erklärung verlangte, doch was sollte er schon sagen? Er war nicht in Granger verliebt, aber Interesse an ihr hatte er trotzdem.

"Ist schon irgendwie ironisch, dass wir Draco einen Streich spielen wollten und im Endeffekt er der einzige ist, der nicht an der Situation verzweifelt", stellte Theo schließlich trocken fest. Blaise kam nicht umhin, über diese sarkastische Bemerkung zu lachen, doch heben konnte auch das seine Stimmung nicht. Warum musste Theo gerade jetzt, wo er sich selbst eingestanden hatte, dass eine Gryffindor vielleicht interessant sein könnte, mit seinen Gefühlsproblemen ankommen?

"Meinst du nicht, wir sollten Pansy die Entscheidung überlassen?", fragte er schließlich in einem Versuch, den Kuppel-Versuch nicht abzubrechen und trotzdem Pansys Gefühle zu beachten: "Ich meine, sie macht ja freiwillig mit. Vielleicht hilft es ihr auch, wenn sie am Ende erkennt, dass sie mit Fleiß und Anstrengung bei Draco nichts erreichen kann, weil sie nicht sein Typ ist. Wenn sie alles gegeben hat und er sie trotzdem nicht mehr mag als jetzt, vielleicht kann sie dann abschließen. Einen Schlussstrich ziehen. Weißt du, was ich meine?"

"Aber wie lange sollen wir warten?", entgegnete Theodore aufgebracht: "Wie lange sollen wir zusehen, wie sie ihm nachläuft, sich abmüht, Tränen vergießt ... und am Ende ist alles umsonst und wir wussten es von Anfang an."

"Trotzdem ist es ihre Sache", sagte Blaise mit fester Stimme, inzwischen überzeugt davon, dass er Recht hatte, "wie soll Pansy denn jemals über Draco hinweg kommen, wenn sie für immer das Gefühl haben wird, nicht alles in ihrer Macht stehende getan zu haben, um ihn zu bekommen? Wenn wir ihr schon nicht helfen können, Draco zu kriegen, können wir ihr vielleicht helfen, ihn zu vergessen."

Theo verstummte. Blaise konnte verstehen, dass die Sache für seinen besten Freund nicht so einfach war, doch er ließ nicht locker: "Und vielleicht ist das ja auch für dich gut. Wenn Pansy Draco aufgeben kann, dann kann sie danach auch ihre Augen für andere öffnen. Vielleicht sieht sie dann ja von selbst, was sie in dir hat. Oder denkst du echt, dass sie sich in dich verlieben kann, solange die Sache mit Draco nicht richtig geklärt ist?"

"Wenn dir was an einer Sache liegt, warst du schon immer wortgewandt, mein Lieber!", kommentierte Theo scherzend, doch sein Gesicht blieb traurig und verschlossen. Blaise, der nicht wusste, was er noch sagen sollte, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er war nicht gemacht für tiefsinnige Gespräche über Gefühle. Wenn er ein Mädchen interessant fand, machte er ihr den Hof, bis sie entweder nachgab oder ihn abwies. Auf jeden Fall hielt er mit seinem Interesse nie hinter'm Berg. Wie Theodore es aushalten konnte, offensichtlich seit geraumer Zeit einem Mädchen nachzuschauen, das sich für seinen besten Freund interessierte, war ihm ein Rätsel. Wenn ein Mädchen nicht wollte, dann wollte es eben nicht, und gut. Es gab genug hübsche Dinger in dieser Schule, um schnell Ablenkung zu finden.

"Schön", durchbrach schließlich Theo das Schweigen, "wir machen erstmal weiter. Aber wenn Pansy das nächste Mal in Tränen aufgelöst vor mir steht und Draco der Grund dafür ist, dann war's das, okay?"

"Okay!", stimmte Blaise zu, innerlich betend, dass Draco sich in den nächsten Wochen ausnahmsweise mal halbwegs anständig gegenüber ihrer gemeinsamen Freundin verhalten würde.

oOoOoOo

Nachdenklich blätterte Hermine in den Zeitschriften der Bibliothek. Sie wusste, dass Snape einer der wenigen Lehrer in Hogwarts war, der selbst regelmäßig in den großen Fachzeitschriften publizierte, und sie war immer gespannt, wenn ein neuer Artikel von ihm erschien. In diesem Jahr jedoch hatte er noch nichts veröffentlicht, zumindest nicht in jenen Zeitschriften, die in der Schulbibliothek auslagen. Das wunderte und frustrierte sie, immerhin hatte sie in der Vergangenheit schon häufiger seine Ansichten aus den Artikeln rauslesen können, was für den Unterricht immer wieder hilfreich war.

Außerdem brauchte sie dringend Ablenkung und die versprachen die anspruchsvollen Berichte von Snape stets. Auch am heutigen Mittwoch hatte Ron keine Anstalten gemacht, ein Gespräch mit ihr anzufangen. Sie hatte zwar mehrfach mitfühlende und aufmunternde Blicke von Harry bekommen, doch auch er schien im Moment lieber einen Bogen um sie zu machen, um seinen besten Freund nicht zu provozieren. Es war zum Mäuse melken.

"Immer noch am Trübsal Blasen?"

Erschrocken wirbelte Hermine rum. Sie war so in ihre Gedanken vertieft gewesen, dass sie nicht mitbekommen hatte, wie Malfoy sich hinter sie geschlichen hatte. Nun starrte sie ihm aus viel zu geringer Entfernung ins Gesicht, unsicher, was sein hinterhältiges Grinsen zu bedeuten hatte.

"Ich habe dich beobachtet", fuhr er fort, ohne sich von ihrem ablehnenden Gesichtsausdruck stören zu lassen, "und ich kam zu der Feststellung, dass du immer noch ein wenig Aufmunterung vertragen könntest. Ich stehe dir gerne zur Verfügung."

"Malfoy...", begann sie genervt, doch er unterbrach sie sofort, indem er einen großen Schritt auf sie zu machte und sie damit erneut zwischen sich und einem Bücherregal einsperrte. Als ahne er, dass sie zu fliehen versuchen würde, legte er beide Hände rechts und links von ihrer Hüfte ab.

"Hast du mich nicht verstanden?", schleuderte Hermine ihm eingeschüchtert entgegen: "Ich will nichts von dir. Ich werde nicht mit dir schlafen und noch einen Kuss kriegst du auch nicht. Du vergeudest nur deine Zeit, wenn du mir weiter nachläufst."

"Warum?", fragte Draco mit ernster Miene, während er sich ihr noch weiter näherte: "Warum weißt du mich immer ab? Was ist so verkehrt an mir?"

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