10. Kapitel

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Schwerfällig holperte der alte Zirkuswagen über das blauköpfig, feuchtglänzende Pflaster der Cobblestone Road von Grimsby in Richtung Waltham. Amos Fullham saß vorn auf dem Bock. Den Hut tief ins Gesicht gezogen und den Kopf geneigt, kämpfte er gegen den sich mehrenden Nieselregen. In diesem Fall half ihm auch sein selbstgezimmerter Dachüberstand nicht, zumal ihn der Wind die Nässe von vorn ins Gesicht trieb. Mit festem Griff hielt er die Zügel seiner immerhin schon 15 jährigen Stute Miranda in den Händen. Er liebte die aus Irland stammende Braunschecke. Mit einem Stockmaß von knapp  1, 70 m und ihrer üppigen Mähne, dem Schweif und dem natürlichen Behang, vorzugsweise über den Fesselgelenken beginnend, wies sie die charakteristischen Merkmale einer Drum Horse Stute auf. Sie war ein von Anbeginn zahmes Pferd, was es unnötig machte sie zu domestizieren, zudem war Miranda liebevoll und äußerst anhänglich, Beide hatten vom ersten Augenblick an einen Narren aneinander gefressen. Bis Dato gab es noch keine Situation, die das kräftig gebaute Tier nicht zu meistern wusste.  

Der wolkenverhangene Himmel, gab dem Mond keine Chance sich ihnen gegenüber durchzu- setzten, einzelne Nebelfetzen trübten zusätzlich die Sicht und der Geruch von feuchtem Waldboden, verrotteten Blättern und totem Holz lag in der Luft. Der Weg den Amos entlang fuhr wirkte im blass gelben Schein seiner seitlich auf Haken schaukelnden Petroleumlampen, Totemstarr, zeitweilig, wenn sie durch den Dunst vorbeiziehender Nebelschleier fuhren, sogar unheilschwanger. Während sich die eisenbeschlagenen Räder seines Gefährts hohl scheppernd über das unebene Straßenpflaster bewegten, vermischte sich der Regen mehr und mehr mit dem sichtverschleiertem Dunkel der herannahenden Nacht.

Wer ihn oben auf seinem Führerstand sah, könnte denken er krümme sich vor Schmerz, doch das wäre ein Trugschluss, obwohl das äußerst spärliche Licht den Eindruck verstärkte. Amos Fullham war nur einen Meter achtundsechzig groß, bei einem Gewicht von vierundsechzig Kilo und er litt seit Kindesbeinen an einer dorsal konvexen Kyphose, ein Leiden das sich mit zunehmendem Alter verschlimmert. Der Volksmund nennt es leichthin einen Buckel und den damit verbundenen Spott, hatte er mehr als einmal zu spüren bekommen. Maßgeblich daran beteiligt, waren hierbei wohl auch die häufigen Ortswechsel. Sein Vater war Artist in einem Wanderzirkus. Aufgewachsen in der artistischen Gemeinschaft hatte Amos keine Probleme, man kannte und akzeptierte ihn. Als Kind wurde Amos ohne Vorurteile betreut und später, wie alle anderen Kinder der dort lebenden Artisten, von einem privaten Lehrer schulisch unterrichtet. Sobald er jedoch den kollektiven Schutz verließ, war er mal mehr und mal weniger, den öffentlichen Anfeindungen, es kam auf  den Ort des jeweiligen Gastspiels an, ausgesetzt. Gnadenlos wurde er verspottet, gehänselte oder man grenzte ihn einfach nur aus. Während andere Kinder gemeinsam spielten, stand er abseits, irgendwo am Rande, allein gelassen mit sich und der Welt. Er gewöhnte sich daran. Außerhalb der für ihn heimischen Rotunde, wurde er mehr und mehr zum Einzelgänger, zumindest schlummerte in ihm ein kleiner Misanthrop und wäre da nicht das andere Geschlecht gewesen … wer weiß?

Beim denen, schlug seine Zurückhaltung und Unaufdringlichkeit erstaunlicher Weise ins Gegenteil um, denn für viele Mädchen wurde er, durch genannte Umstände erst interessant. Es vermittelte ihm unzählige Kontakte zum weiblichen Geschlecht, was körperliche Berührungen nicht ausschloss. Oftmals jedoch, rief seine Behinderung auch Mitleid bei ihnen hervor, doch Mitleid war das Letzte was er wollte. Er wehrte sich auf seine Art, wurde aggressiv und streitsüchtig. Manchmal jedoch, reagierte er zum Erstaunen vieler, völlig gegenteilig und zog ihr mildtätiges Bedauern aber auch ihren feisten Spott in eine abstruse Lächerlichkeit, was sie verwirrte und ihnen den Triumpf nahm. In diesem Fall, fühlte sich Amos ihnen gegenüber sogar Überlegen und es stärkte sein Selbstbewusstsein im vollen Maße.  

Heute lassen ihn heimliche Blicke und gemurmelte Kommentare kalt, er überhört … ach was, er missachtet sie kurzerhand. Ihm ist klar geworden, dass es vorwiegend ihre Hilflosigkeit gegenüber seiner Abnormität war, die sie dazu veranlassten ihn mitunter, manchmal auch unabsichtlich, zu verletzen.    

Verschiedenen Alterseinschätzungen bei Amos Fullham führten zu äußerst schlechten Ergebnissen. Kaum jemand war bereit ihn in eine Altersgruppe unter fünfzig zu schätzen. Es gab einige gravierende Punkte die ihn älter wirken ließen als er von Natur aus war. Zweifelsohne war der Hauptgrund seine Behinderung, ein Genbeeinflussten Haarausfall, eine Brille zum Ausgleich seiner Kurzsichtigkeit und zwei Nasolabialfalten auf beiden Seiten seiner Nasenflügel die im Halbkreis bis hinunter zum Kinn führten, waren die Hauptgründe für die Fehleinschätzungen. Amos Fullham war gerade sechsunddreißig Jahre alt.

Irgendwann, noch in jungen Jahren, hatte ihm eine Zigeunerin seine schon damals sichtbar hervortretenden Nasolabialfalten deutlich gemacht. Bei einer im Halbkreis bis hinunter zum Kinn verlaufenden Linie, erklärte sie ihm, besteht in den meisten Fällen ein Zusammenhang mit einem Magenproblem, welcher häufig empfindlich auf Stress und Überlastung reagiert.

Anfangs hatte Amos diese Behauptung als unsinniges Gewäsch abgetan. In späteren Jahren musste er jedoch seine Meinung revidieren Die Faltenbildung wuchs von Jahr zu Jahr und zu seinem größten erstaunen musste er sich eingestehen, dass er bei Stress oder Überarbeitung erhebliche Probleme mit dem Magen hatte. Schon erstaunlich, was diese Zigeuner so alles wissen, war daraufhin sein Gedanke.

 Amos Fullham‘ s Vater, Elliot arbeitete als Zauberer, Entfesselungskünstler und nebenher, wenn es mal wieder eng wurde auch noch als Jongleur in Shelly‘ s Open Varieté. Der kleine Zirkus besaß kaum tierische Darbietungen, nur eine Hundenummer, eine mit Papageien und zwei Affen bereicherten das Programm. Die Hauptsächlichen Attraktionen waren die Artisten. Nachdem Shelly Winter‘ s Vater, er hatte den kleinen Zirkus nach seiner Tochter benannt,  einem Herzanfall erlag, übernahm sie kurzerhand die Leitung der kleinen Menagerie. Shelly und Elliot waren die allabendlichen Hauptanziehungspunkte, er als Zauberer und Entfesselungskünstler und sie mit drei weiteren Frauen am Trapez. Das Frauen am Trapez auch  als Fänger arbeiteten war eine kleine Sensation.

 Amos‘ Vater, war nicht nur ein äußerst engagierter Künstler, er war auch vom Ehrgeiz zerfressen. Sein vorrangig angestrebtes Ziel, sollte die Gleichstellung des zu selben Zeit meistumjubelte Entfesselungs- und Zauberkünstlers, Harry Houdini sein. Um das zu erreichen, nahm er die riskantesten Experimente in Kauf. Leider scheiterte sein Vorhaben an einem Knoten, den ein Mitarbeiter falsch geknüpft und er nicht überprüft hatte, so landete er kopfüber auf den Enden mehrerer Speerspitzen. Der sofort herbei gerufene Arzt konnte nur noch seinen Tod feststellen.  

Zu diesem Zeitpunkt war Amos sechszehn Jahre alt, artistische Darbietungen blieben dem Jungen auf Grund seiner Behinderung verwehrt. Dafür konnte er sehr geschickt mit Schere und Papier umgehen. Innerhalb weniger Minuten erstellte er hinter einer weißen Leinwand agierend, die von einem Scheinwerfer ins richtige Licht gesetzt wurde, komplette Geschichten mit seinen Scherenschnitten. Eine Neuerung die das Publikum begeisterte. Zwei Jahre lang ließ er sich immer neue Variationen einfallen. Er tauschte das Papier gegen Pappe und bastelte daraus Gliederpuppen, die er mittels dünner Stäbchen bewegen konnte und hauchte so seinen Schattenobjekten künstliches Leben ein. Amos‘ kunsthandwerkliches Geschick kannte keine Grenzen, immer wieder verfeinerte er seine Gebilde, um sie noch detailgetreuer erscheinen zu lassen. Der junge Mann wurde zum Meister der Psaligraphie. Mit seinen unzähligen Figuren erzählte er Geschichten aus der Literatur oder er begeisterte die Zuschauer mit selbst inszenierten Märchenvorstellungen.

Irgendwann jedoch, kristallisierte sich bei ihm ein gewisser Charakterzug seines Vaters heraus, nämlich der, nach mehr zu streben. Auch Amos war Ehrgeizig und alsbald legte der junge Mann Schere und Papier zur Seite, griff erstmalig zum Messer und begann zu schnitzen. Eine Zeit lang probierte er die verschiedensten Holzarten aus und blieb bei der gleichmäßig gemaserten Linde und dem leichten blassen Holz der Kastanie hängen. Shelly Winters stellte ihm einen Zirkuswagen zur Verfügung in dem er ungestört werkeln konnte. Hier und da besorgte er sich ergänzendes Werkzeug, mal bei einem Tischler, ein anderes Mal bei einem Drechsler. Es dauerte nicht lange, da lagen die ersten Köpfe auf seinem Tisch – Puppenköpfe. Um daraus eine Puppe entstehen zu lassen, gab er ihr einen Körper und kleidete sie ein. Amos war immer noch nicht zufrieden, denn was hatte so ein Spielzeug für einen Sinn, wenn man mit ihm nicht spielen konnte. Für ihn war diese Puppe nichts weiter, als ein lebloser Gegenstand. Er dachte an seine beweglichen Schattengliederpuppen. Künftig gestaltete er den Puppenaufbau gliederartig und befestigte an den wichtigsten Punkten, wie Arme, Beine und Kopf entsprechende Fäden, die an einem Zentralen Holzkreuz Endeten. Jede seiner Puppen, bekam ein eigenes Holzkreuz, mit deren Hilfe er die einzelnen Fäden und somit die Figuren bewegen konnte. Im Laufe der Zeit schnitzte und feilte er immer wieder an den Figuren herum, um sie noch Perfekter aussehen zu lassen und mit der Zeit bekamen sie regelrechte menschliche Züge. Keiner konnte mehr genau sagen bei welcher Gelegenheit es aufkam, aber es kam der Tag, da nannte man Amos Fullham nur noch »The Pupped Master«.

Trotz aller Bemühungen, ließ die Wirtschaftlichkeit von Shelly‘ s Open Varieté immer mehr nach und irgendwann konnte die junge Artistin ihr familiär geführtes Unternehmen nicht mehr aufrecht erhalten. Amos bekam als Dank für seine Ideen und seinen unermüdlichen Einsatz dem kleinen Zirkus immer wieder neues Leben einzuhauchen, den Zirkuswagen … sozusagen als Abfindung.  

An diesem Abend war Amos, wie auch an allen anderen Abenden nicht allein unterwegs. Neben seinen unzähligen Marionetten, die sicher in Kisten verstaut lagen, hatte er noch zwei weitere Begleiter. Einer von ihnen hieß Jean Bourdin.  

Ja natürlich und dann war da noch Luther. Ein quirlig, lebhafter kleiner Norfolk Terrier, der im Augenblick friedlich und treu unter Amos‘ Sitzbank zu seinen Füssen lag, egal ob es feucht war oder nicht – Hauptsache Herrchen war in der Nähe.

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