10. Obdachlos

Als ich eines Abends in unserem Sarkophag erwachte, begrüßte mich beißender Rauchgestank. Wäre ich noch ein Mensch, hätte ich sicherlich husten müssen. Magnus lag nicht mehr neben mir. Er war wohl schon aufgestanden. Auch der Deckel war entfernt. Langsam erhob ich mich und erschrak fürchterlich. Das angrenzende Zimmer war total ausgebrannt und als ich meine Finger auf den Rand des Sarkophags legte, um hinauszusteigen, spürte ich Hitze. Der Stein war siedend heiß und meine Handfläche verfärbte sich sofort knallrot und das Kribbeln der Heilung durchzog meine Finger. Was war nur passiert? War im Keller ein Feuer ausgebrochen? Magnus Ankleidezimmer hatte kohlschwarze Wände, seine Kleiderschränke waren völlig verbrannt und das Gold seines Sargdeckels war hinweg geschmolzen. An den Außenwänden des Sarkophags klebten wieder leicht erhärtete goldene Rinnsale. Während ich mich fassungslos inmitten der Zerstörung umblickte, realisierte ich, dass uns dieses steinerne Ding vor schrecklichen Verbrennungen bewahrt hatte.

Langsam wurde mir klar, warum die Meisten unserer Art, ihre Körper solchen Vorrichtungen überließen. Nur, wo steckte Magnus? Langsam machte ich mir Sorgen um ihn. Hoffentlich hatte er wirklich tagsüber neben mir geschlafen. Nun bahnte ich mir meinen Weg in den Kellerflur und ich empfing schließlich die vertrauten Schwingungen meines Liebsten. Er stand vor einem Haufen Schutt, der den Treppenaufgang versperrte und warf Steinbrocken beiseite. „Wie ist das passiert?“, fragte ich. Er packte ein weiteres Mauerstück und riss es mit einem Ruck aus dem Haufen: „Vermutlich der Ofen. Ich hatte ihn erst im Morgengrauen eingeschaltet. So wie es aussieht, ist Gas ausgetreten und die Explosion ließ das Haus einstürzen. Elender Mist!“ Ein leichter Krampf in meinen Gliedern erinnerte mich an meine Bedürfnisse. Heute wollte ich zur Jagd und nun saßen wir hier unten fest. „Wie lange brauchst du zum Wegräumen?“, fragte ich. „Keine Ahnung! Ich weiß ja nicht, wie viel Schutt im Treppenabgang liegt, aber sicher bis morgen.“

„Scheiße! Ich krieg langsam Hunger.“ Magnus hielt kurz inne: „Anstatt zu meckern, solltest du mir lieber helfen.“

„Aber dann werde ich noch schneller hungrig«, wandte ich ein. Er lächelte: „Du kannst was von mir haben, wenn du es nicht mehr aushältst. Zum Glück habe ich gestern getrunken.“ Wir boten sicherlich einen merkwürdigen Anblick. Zwei nackte Gestalten, die Steine wegräumten.

Die Arbeit nahm kein Ende. Immer neuer Schutt versperrte den Weg nach oben. Ich hätte am liebsten geheult. Das Zerren in meinen Gliedern wurde immer heftiger. Gegen Ende der Nacht ertappte ich mich immer wieder dabei, wie ich auf Magnus Adern starrte, aber ich wollte nicht von ihm trinken. Er brauchte doch seine Kräfte, um uns zu befreien. Schließlich hatte ich keine Energie mehr, um Steine zu schleppen. Ich ließ mich auf den Boden sinken und lehnte mich an die geschwärzte Wand. Magnus bemerkte meine versiegenden Kräfte und ging neben mir in die Hocke. Er wollte sich schon das Handgelenk aufbeißen, als ich kopfschüttelnd sagte: „Nein, du brauchst es mehr als ich. Irgendwie halte ich bis morgen durch.“

„Komm, Liebling! Ein wenig kann ich entbehren.“ Ich wandte mich von ihm ab: „Nein, wirklich nicht.“

„Wie du meinst“, erwiderte er und setzte seine Arbeit fort. Langsam kam die bleierne Schwäche der Müdigkeit hinzu und ich schlurfte zum Schlafplatz hinüber. Inzwischen war der Granit nur noch lauwarm und ich ließ mich entkräftet in die samtenen Decken sinken. Immer wieder durchfuhren mich krampfartige Wellen. Sie waren unangenehm, aber nicht weiter schlimm. Ich wusste allerdings nicht, wie es sich morgen Abend anfühlen würde. Der Schlaf kam schnell über mich. Ich vernahm noch das Poltern der Steine, während mir die Augen zufielen.

 

Ein schrecklicher Muskelkater erwartete mich in der nächsten Nacht. So etwas hatte ich noch nie gespürt. Jeder Muskel war verkrampft, bis unter die Haarwurzel. Der Anblick meiner Hände ließ mich entsetzt aufschreien. Meine Finger waren dürr bis auf die Knochen. Oh Gott, ging das so schnell mit dem Auszehren. Na ja, ich war auch noch sehr jung für eine Unsterbliche und da ging dieser Prozess eben viel schneller. An den Geräuschen erkannte ich, dass Magnus schon wieder fleißig war. Mit zittrigen Beinen stakste ich zu ihm. Mein Körper sah aus, wie bei einer Magersüchtigen. Meine Rippen zeichneten sich ab und die Beckenknochen. Schrecklich! Mein Anblick schien auch Magnus zu erschüttern. Er sah mich ein wenig entgeistert an, warf den Stein, den er in der Hand hielt beiseite und kam zu mir: „Jessica, Schatz. Du siehst ja furchtbar aus.“ Ich nickte nur und ein sehr heftiger Krampf durchfuhr mich, als ich seine Wärme auf der Haut spürte und sein Geruch mir in die Nase stieg. Ein leises Grollen entwich meinem Rachen. Wortlos legte er eine Hand um meinen Nacken und zog mich an seinen Hals. Sofort bohrte ich fauchend meine Zähne in sein Fleisch. Nun gab es kein Halten mehr für meine Gier. Sein Blut war zwar nur lau, aber das war mir im Moment völlig gleichgültig. Ich wollte nur diese Krämpfe loswerden, klammerte mich mit beiden Händen an seinen Schultern fest und Zug um Zug erfüllte mich sein Saft mit neuer Kraft. Ich konnte spüren, wie sie anwuchs. Dann ertönte seine Stimme im Hintergrund: „Jessica, es ist genug. Hör auf!“ Ich war so vertieft in meinem Trunk, dass ich nicht reagierte. Ich umklammerte ihn fester. Ich wollte alles. Da riss er meinen Kopf an den Haaren zurück und schrie mich an: „Hör auf, verdammt!“ Als ich abermals zubeißen wollte, schleuderte er mich wütend von sich. „Willst du, dass wir beide hier vertrocknen?“, herrschte er mich an. Allmählich klärte sich mein Verstand wieder und zum Glück war das Zerren in meinen Gliedern nun verschwunden. Ich blickte zu Magnus auf und stammelte: „Entschuldige. Es geht mir jetzt besser. Soll ich dir helfen?“ Seine Stirn zeigte immer noch die Falten des Ärgers: „Ja, dann werden wir vielleicht endlich fertig.“ Dank seines Blutes könnte ich noch eine weitere Nacht hier unten überstehen, bevor der Hunger unerträglich werden würde.

So wie es aussah, war der ganze Kellerabgang verschüttet worden. Wir befanden uns schon einigermaßen weit oben. Fast am Ende der Nacht fiel endlich schwaches Licht zwischen dem Schutt hindurch. Die Freiheit war nah und das spornte mich zum schnelleren Wegräumen an. Dann war es endlich geschafft.

Magnus hatte ein Loch nach draußen geschlagen. Er schlüpfte hindurch, aber ich konnte ihm jetzt nicht mehr folgen. Das Morgenlicht war bereits zu stark für meine empfindliche Haut. Doch ich roch die frische Sommerluft und spürte die Brise auf meinem Gesicht. Leider wurde es Zeit für mich, mich schlafen zu legen. Ich fühlte die Schwere in meine Beine kriechen und die zunehmende Enge in meiner Brust. Ich kletterte hinunter und legte mich mit einem zufriedenen Lächeln nieder. Morgen würde ich endlich zur Jagd aufbrechen können. Wie sehr vermisste ich bereits einen heißen, pulsierenden Menschenkörper. Von Artgenossen zu trinken, war einfach nicht dasselbe. Zumindest nicht aus Hunger.

Magnus hielt mich im Arm, als ich aufwachte. Seine Nähe hatte ich ihn den letzten Nächten vermisst. Er lächelte mich an und fragte: „Soll ich dir jemanden bringen?“ Zuerst wollte ich verneinen, aber wegen dem abermals heftigen Muskelkater, besann ich mich anders und nickte: „Ja, das wäre lieb von dir. Aber nur einen Bösewicht, hörst du.“ Mein Prinz erhob sich: „Ja, ich kenne deine Prinzipien. Kann aber ne Weile dauern. Schau dir solange unser eingestürztes Haus an. Es ist alles verbrannt. Ich versuche, uns später noch neue Kleider zu besorgen. Also, bis dann!“ Nun war ich gespannt auf das, was mich oben erwartete. Ich kletterte über das Geröll, dem Loch entgegen und kroch hindurch.

Ein Bild des Schreckens bot sich mir. Ich stand in einer ausgebrannten Ruine. Die Säulen vor dem Eingang waren zwar fast alle stehen geblieben, aber sonst war von dem Palazzo nicht mehr viel übrig. Unsere ganze Habe war verbrannt. Die Feuerwehr hatte wohl den Brand gelöscht. Es roch überall noch nach Mensch und die Pfützen des Löschwassers waren noch vorhanden.

Ich schritt weiter über das Ruinenfeld. Was mag Magnus durch den Kopf gegangen sein, als er sich das gestern angesehen hatte? Seine Heimat war dahin. Völlig zerstört. Allmählich wurde mir die unausweichliche Konsequenz dessen bewusst. Wir mussten fort von hier. Daraufhin brach ich schluchzend zusammen und sank auf einen Stein. Ich hatte das Gefühl, jemand hätte mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Wir konnten keine Nacht mehr länger hierbleiben, das war viel zu gefährlich. Der Weg nach unten war nun freigelegt und es trieben sich sicher noch Gutachter oder die Polizei tagsüber auf dem Grundstück herum. Vermutlich war es sogar Glück, dass wir so massiv verschüttet waren. Sonst hätten sie womöglich noch den Sarkophag entdeckt. Ich gewann meine Fassung zurück und ging weiter. Magnus war schließlich ein erfahrener Unsterblicher. Er hatte schon einmal eine Zeit ohne Wohnsitz durchlebt. Ich brauchte mir sicherlich keine Sorgen, um unsere Zukunft zu machen. Mein Prinz würde schon etwas Neues für uns finden. Bis dahin musste ich nun solch ein Leben führen, dass ich nie wollte. Wie ein Vagabund umher ziehen und in irgendwelchen verdreckten Unterschlupfen schlafen. Davor grauste mir ein wenig und ich war heilfroh nicht allein zu sein. Cornelius würde sicher lachen vor Schadenfreude, wenn er von dem Unglück wüsste. Und Jack würde sagen, dass Magnus mir nur Pech brachte. Bestrafte mich das Schicksal für den Verrat an Cornelius? Ein heftiges Zerren meiner Muskeln, unterbrach meine trübsinnigen Gedanken. Ich hörte einen Herzschlag und roch diesen himmlischen Duft. Sofort blieb ich stehen und wartete ab.

Da erschien Magnus durch die Reste der Vordertür und zerrte einen jungen Mann hinter sich her. Dieser wehrte sich kaum, blickte verängstigt zu mir und dann wieder zu Magnus. Aus seinem Kopf empfing ich nur ein Knäuel von durcheinanderwirbelnden Gedanken. Mein Prinz ließ ihn schließlich los und meinte: „Das war das Beste, was ich auftreiben konnte. Er hatte ne Panne weiter unten.“ Mir war sofort klar, dass das kein Schwerverbrecher war. Nur ein Dieb, aber wir konnten ihn nicht mehr am Leben lassen. Er hatte uns gesehen und kannte nun auch das Haus. Bevor er sinnlos starb, würde ich lieber sein Blut trinken. Magnus blickte erwartungsvoll zu mir herüber. Er hatte sich ein Stück entfernt, aber ließ uns nicht aus den Augen. Ich wusste nicht, was Magnus mit ihm gemacht hatte, aber der Bursche war gelähmt vor Angst und er zitterte. Sein Puls donnerte rasend in meinen Ohren. Ich ging zu ihm hin und er nahm mich erst wahr, als ich vor ihm stand. Seine Augen weiteten sich noch mehr. Er erkannte, wie ausgemergelt ich war und dass wir keine Menschen waren, wusste er schon längst. Diesmal konnte ich meine Gier nicht im Zaum halten. Ich packte sofort fauchend seinen Hals, umklammerte seinen Oberkörper und trank so stark ich konnte. Die Rippen knackten, ich hörte sein Wimmern und Stöhnen, aber das war mir im Moment gleichgültig. Für mich existierten im Augenblick nur das Pulsieren und die Hitze in meinen Adern. Mein Herz setzte zum Schlagen an und der Rausch stellte sich ein. Oh, was für eine Wohltat! Das war wie die Erlösung. Der junge Kerl hing tot in meinen Armen, solange ich das Toben seines Blutes in mir genoss. Endlich fühlte ich mich wieder vollständig. Ich ließ den Körper los und er sackte zu Boden. Sein Anblick war nicht angenehm für mich. Zeigte er mir doch, wie brutal ich gewesen war. Sein aufgerissener Hals, die gequetschten Glieder und sein panischer Gesichtsausdruck. Ich tröstete mich damit, dass es diesmal auch keine gewöhnlichen Umstände waren.

Magnus stand jetzt neben mir und sagte: „Ich bring ihn weg. Warte hier auf mich.“ Ich lachte: „Wo sollte ich auch hin?“ Solange Magnus nochmals weg war, betrachtete ich mich in einer Pfütze. Mein Haar hing strähnig und staubig herunter, meine Haut war verdreckt und ich war immer noch nackt. Ich hatte das dringende Bedürfnis, mich zu waschen. Auch diesen Geruch nach Staub und Rauch, der an mir haftete, empfand ich als unangenehm. Mein Gefährte hatte sich die Klamotten meines Opfers angezogen, als er zurückkehrte. Ein Hemd und eine Jeans. Allerdings war er noch genauso verdreckt wie ich. „Ich möchte irgendwo baden“, sagte ich zu ihm.  Er erwiderte: „Klar. Dann geh in den Arno.“

„Und du? Wäschst du dich nicht?“ Magnus zuckte die Achseln: „Hm, mal sehen.“ Ich schüttelte nur verständnislos den Kopf und erhob mich in die Luft. Bald hatte ich eine einsame Stelle am Fluss erreicht und stieg sofort ins Wasser. Ich wollte schleunigst den Dreck loswerden. Wie konnte Magnus das nur ertragen? Das Wasser war schön kühl. Ich stand bis zur Hüfte am Ufer und sprang dann kopfüber ins tiefere Wasser hinein. Nachdem ich ein wenig herum geplanscht hatte, erschien Magnus am Ufer und entledigte sich ebenfalls seiner Kleidung. Hatte er es sich doch anders überlegt? Mit einem Satz war er im Wasser und schwamm zu mir hin. „Na, kommst du jetzt doch?!“, fragte ich und spritzte ihm eine Ladung Wasser entgegen. Daraus wurde eine kleine Balgerei zwischen uns beiden. Wir neckten uns, zogen uns gegenseitig unter Wasser und unser Lachen, war sicherlich weithin zu hören. Na ja, dann waren wir eben ein verrücktes Pärchen, dass nachts nackt baden ging. Schließlich verließ ich endlich sauber, den Fluss wieder. Leider hatte ich weder etwas zum Abtrocknen, noch zum Anziehen. Magnus erriet meine Gedanken: „Wir werden schon noch was für dich finden.“ Und zog seine Kleidung über die nasse Haut. Ab nun waren wir auf Wanderschaft. Wir kehrten nicht mehr zum Haus zurück. Mein Liebster schwang sich mit mir in die Lüfte, um einen neuen Schlafplatz für den heutigen Morgen zu finden. Sein Weg führte ins Hinterland und damit wir schneller vorankamen, zog er mich hinter sich her. Kleine Dörfer und vereinzelte Gehöfte von Weinbergen und Olivenhainen umgeben, zogen unter uns vorbei. „Wohin willst du?“, erkundigte ich mich. Mein Prinz blickte konzentriert zu Boden: „Ich weiß nicht. Einfach weit weg.“

 

Bald hatten wir eine größere Stadt erreicht und dank einiger Reiseführer, die ich gelesen hatte, erkannte ich darin Siena. Magnus verringerte allmählich die Höhe und mir wurde es langsam unwohl. Der Morgen graute bald. Uns blieb nicht mehr viel Zeit. Zumindest mir nicht. Wir setzten schließlich unsere Füße auf den Glockenturm des Domes. Magnus meinte: „Lass uns im Innern, nach was suchen.“ Ich zögerte: „Ich weiß nicht. Ich will nicht in irgendeine Gruft steigen.“ Er lächelte: „Es gibt im Turm vielleicht ein lauschiges Plätzchen. Sehen wir mal nach!“ Das war mir um ein Vielfaches lieber, als mich zu den Gebeinen irgendwelcher Mönche zu legen. Wir zwängten uns in eine Nische in dem Glockenturm, nachdem mein Gefährte genau geprüft hatte, ob tagsüber Licht hier hereinfiel. Die Stelle schien immer im Dunkeln zu liegen und so durfte ich Magnus als Bettunterlage benutzen. Nebeneinander hätten wir keinen Platz gehabt und so lag ich nun bäuchlings auf ihm. Ihm schien diese Lage nicht unangenehm, denn er küsste mich und strich mit beiden Händen über meinen Rücken und meinen Hintern. Ich bettete meinen Kopf auf seine Brust und schloss die Augen. Die Müdigkeit kroch immer stärker in meine Glieder und allmählich sank ich in meinen todesähnlichen Schlaf, während mein Gefährte mit den Fingern, durch meine Haare strich. Ich zuckte plötzlich zusammen, als die Glocken anfingen zu schlagen. Alles bebte an mir und der Lärm war ohrenbetäubend. Fast unbewusst zählte ich die Glockenschläge. Es waren sechs gewesen. Der Morgen brach an.

 

Am nächsten Abend musste ich mir zuerst etwas zum Anziehen besorgen. Aber wo? Vielleicht ein Geschäft ausrauben. In Siena machten die Klamottenläden früher zu, als in Florenz. Ich harrte solange nackt, auf dem Dach eines Ladens aus, bis alles ruhig war. Mein Liebster war währenddessen auf der Suche nach einem sichereren Schlafplatz für die nächsten Nächte. Nun, glitt ich auf das Kopfsteinpflaster vor dem Geschäft, fixierte die Tür und konzentrierte mich auf das Schloss im Innern. Durch meine Gedankenkraft schob sich der Riegel hinter der Glastür immer weiter zurück. Als er vollständig zurückgeschoben war, musste ich nur noch das Türschloss aufspringen lassen. Auf einmal vernahm ich, sich nähernde Schritte und Stimmen. Mit einem Satz schoss ich auf das Dach hinauf und blickte in die Gasse hinunter. Zwei Sterbliche bogen gerade um die Ecke und schlenderten die Gasse entlang. Ich wartete ab, bis sie hinter der nächsten Biegung verschwunden waren, bevor ich meine Konzentrationsübungen fortsetzte. Endlich klickte das Schloss und die Tür gewährte mir Einlass. Mit dem geschulten Frauenblick glitt ich über die Regale und Ständer im Geschäft. Ganz allein inmitten von Klamotten. Wunderbar! Ich zog einige Kleider heraus und begann sie anzuprobieren. Abschätzend drehte ich mich vor den Spiegeln hin und her. Ich überlegte, was Magnus gefallen könnte, um mir die Auswahl zu erleichtern. Nachdem ich mich für vier Kleider entschieden hatte, sah ich noch die Shirts und Hosen durch. Und am Schluss natürlich die Schuhe. Schließlich häufte ich zu den Kleidern noch eine Handvoll Tops, drei Hosen und drei paar Schuhe und stopfte meine Errungenschaften in eine Einkaufstüte, die unter dem Ladentisch lagen. Eines der Kleider ließ ich gleich an und ein Paar der Schuhe.

Dann verschwand ich durch die Luft, um Magnus zu suchen. Das war allerdings nicht mehr nötig, da er mich schon aufgespürt hatte. „Du hast was gefunden, wie ich sehe“, begrüßte er mich. „Ja, gefällt‹ s dir?“, wollte ich wissen. Er lächelte: „Du gefällst mir doch immer.“ Dabei erntete ich einen Kuss. „Und du? Wurdest du fündig?“, fragte ich. Magnus nickte und nahm meine Hand: „Ja, ich zeig es dir. Nicht sehr bequem, aber einigermaßen sicher. Keine Gruft.“ Er fügte schmunzelnd hinzu: „Es ist ein Weinkeller.“ Ich nickte erleichtert. Magnus hatte die Tür zum Keller vorhin offengelassen und nun stiegen wir grob behauene Stufen aus Stein hinunter. Der Geruch von altem Holz stieg mir in die Nase und natürlich von Wein. Menschen waren keine hier. Zumindest nicht nachts. Das Haus, zu dem der Keller gehörte, lag am Stadtrand von Siena und war bewohnt. Das war ungewohnt für mich, als Untermieter bei den Sterblichen den Tag zu verschlafen. Magnus hatte eine besonders staubige Stelle hinter alten, großen Fässern ausgesucht. Mir war klar warum, aber ich wollte mich nicht schon wieder schmutzig machen. Viel Staub hieß, dass hier schon ewig niemand mehr hingekommen war. Ich suchte sogleich nach Decken, als Unterlage. Schließlich fand ich eine Abdeckplane und breitete die über dem Boden unseres Schlafplatzes aus. Magnus beobachtete mich nur lächelnd.

Dann zogen wir abermals los, um ein wenig durch die Stadt zu schlendern. Es beruhigte mich ungemein wieder Kleider und eine Unterkunft zu haben. Erst jetzt konnte ich meine neue Umgebung genießen. Siena war abends, im Gegensatz zu Florenz, ziemlich ruhig. Ich dachte an meine morgige Jagd. Hier war es schon schwerer, unauffällig zu töten. Magnus riet mir einen Touristen zu nehmen, da dieser nicht sofort vermisst werden würde, wie ein Einheimischer. Am besten einen Alleinreisenden. Ich würde den Rat beherzigen.

 

In dieser Nacht besichtigten wir noch das Innere des Domes. Mich beeindruckten die Mosaike auf dem Fußboden und die Fassade des Glockenturms aus abwechselnd schwarzem und weißem Marmor. In Florenz gefiel mir zum Beispiel die bemalte Decke der Domkuppel. Nach unserem Rundgang setzten wir uns auf die Treppen der Kirche und Magnus legte seinen Arm um meine Schultern. Ich betrachtete die Häuserfassaden und ab und zu schlenderte ein Pärchen vorbei. Genauso eng umschlungen, wie wir, oder händchenhaltend. Plötzlich fiel mir ein: „Magnus, meinst du, es gibt noch andere hier?“ Er zuckte die Schultern: „Ich weiß nicht. Bis jetzt habe ich keinen gespürt, aber es wäre gut möglich. Siena ist eine alte Stadt und auch nicht so klein. Vermutlich gibt es andere, aber sicher nicht viele.“ Das beruhigte mich irgendwie überhaupt nicht. Nun waren wir womöglich die Eindringlinge in einem fremden Revier. Seit meiner ersten Jagd hier in Siena, begleitete mich ein ungutes Gefühl. Irgendetwas war nicht so, wie es sein sollte. Das Gefühl erinnerte mich an die Empfindung, die ich bei Magnus hatte, als er mich unbemerkt verfolgt hatte. Nur Schwächer. War es ein fremder Vampir? Beobachtete er mein Tun? Als ich Magnus darauf ansprach, zerstreute er meine Ängste und meinte, dass er bis jetzt nichts bemerkt hätte. Na ja, vielleicht verfolgte ihn der Artgenosse ja nicht, da Magnus ihn spüren würde.

 

Nach weiteren Nächten litt ich langsam an Verfolgungswahn. Dieses unterschwellige Gefühl machte mich noch wahnsinnig und ich spürte es auch, wenn Magnus bei mir war. Langsam glaubte ich, dass er mir etwas vormachte. Ich hatte den Eindruck, dass er ebenfalls etwas bemerkt hatte, aber mich nicht beunruhigen wollte. Manchmal schweifte sein Blick kurz über die Dächer. „Du fühlst es auch. Hab ich recht?“, sagte ich. Magnus versuchte abzuwiegeln, aber schließlich, merkte er, dass ich ihn durchschaut hatte, und nickte schwach. „Hast du jemanden gesehen?“, fragte ich weiter. Er schüttelte den Kopf: „Nein. Nur dieses Gefühl beobachtet zu werden. Der andere sendet keine Schwingungen aus.“ Diese Tatsache machte mich noch nervöser: „Sollen wir abwarten, oder morgen lieber verschwinden?“ Mein Prinz entgegnete: „Wir bleiben! Soll sich derjenige doch zeigen, wenn er uns nicht hier haben will.“ Das war klar, dass Magnus nicht freiwillig nachgab. Langsam brauchte auch er frisches Blut und so würden wir in der nächsten Nacht, abermals getrennte Wege gehen. Ich hoffte, dass der Unbekannte dann meinen Gefährten verfolgen würde.

 

Am nächsten Abend wachte ich neben einem Hitze ausstrahlenden Körper auf. Mein Liebster begrüßte mich schon mit leidenschaftlichen Küssen und fasste an meine Schenkel. Was war denn mit ihm los? Hatte er schon getrunken? Irgendwie verhieß das alles nichts Gutes: „Magnus, Stopp! Wieso warst du schon jagen? Habe ich länger geschlafen?“ Als ich mich aufsetzte, sah ich den Grund neben unserem Schlafplatz liegen. Ein schon stinkender Körper eines Mannes, um den die Fliegen schwirrten. Der beißende Leichengeruch ließ mich die Nase rümpfen und mir wurde bewusst, dass der Mann schon viele Stunden tot sein musste. Magnus erhob sich: „Jetzt kann uns so gut wie nichts mehr passieren, wenn ich während des Tages aufwache.“ Ich wusste, dass Unsterbliche, die über fünfhundert Jahre alt waren, die Fähigkeit erhielten, sich tagsüber aus dem Schlaf zu erheben, um menschliche Eindringlinge zu töten. Dies geschah nicht bewusst, sondern wie bei einem Schlafwandler. Magnus war zwar eigentlich erst gelebte vierhundert Jahre alt, aber durch den besonderen Umstand, dass er aus dem Koma erwacht ist, nahmen seine Kräfte anscheinend schneller zu. Der Mensch hatte das Pech gehabt, unserem Schlafplatz zu nahe zu kommen, und da Magnus Körper hungrig war, hat er ihn nicht nur getötet, sondern gleich ausgesaugt. Davon zeugte auch das blutbeschmierte Gesicht meines Gefährten. Das hieß wieder einmal umziehen. Hier konnten wir nicht mehr bleiben, nachdem Magnus einen Arbeiter oder eventuell sogar ein Familienmitglied getötet hatte.

Diese neue Fähigkeit hatte einen Nachteil. Wir konnten uns keinen Unterschlupf mehr, unmittelbar bei den Menschen, suchen. Ich sah mich schon in der Erde graben und das passte mir überhaupt nicht. Meinen Prinzen schien der Tote nicht zu kümmern. Er bedrängte mich abermals mit Lippen und Händen. Seine Berührungen machten mich willig und ich vergaß meine Umgebung schnell. Wir wälzten uns auf der Plane und ich schlang meine Beine um Magnus Lenden. Solange, wie diesmal, waren wir noch nie abstinent gewesen, seit wir zusammen waren. Die ganzen Ereignisse waren ja auch nicht gerade lustfördernd gewesen. Ich genoss jedoch im Augenblick unsere Zweisamkeit und trank genüsslich von Magnus warmem Blut, solange er mich ausfüllte.

Nachdem sich unsere Gemüter wieder abgekühlt hatten, zog Magnus die Leiche unter eines der Fässer. Hier würde der Körper nicht so schnell gefunden werden. Mit meiner Plastiktüte voller Klamotten, machten wir uns auf den Weg in die Stadt. Zum Glück war das Hemd meines Gefährten dunkelblau, sonst wäre es jetzt sicher voller Blutspritzer. Ich fand sowieso, dass er sich langsam etwas Neues besorgen sollte. Bald sah er aus, wie ein Penner und dann konnte ich mich nicht mehr unauffällig mit ihm unter den Leuten bewegen. Wir gingen händchenhaltend durch die Gassen der Altstadt und ich hielt Ausschau nach einem Herrengeschäft. Als ich eines entdeckt hatte, ließ ich Magnus die Tür öffnen. Er konnte das viel schneller, als ich. Sofort machte es klack und die Tür war offen. Wir schlüpften hindurch und mein Prinz griff gleich zielstrebig nach einigen Hemden und suchte noch ein paar Hosen heraus. Die alte Kleidung sank zu Boden und während er jeweils ein Teil seiner Auswahl überzog, musste ich abermals seinen Körper bewundern. Ach, er war die Erotik in Person! Aber jetzt war für so was keine Zeit. Magnus kannte sich mit modernen Klamotten ganz gut aus, musste ich feststellen. Gerade betrachtete er die Anzüge und fischte sich einen hellen heraus. „Was willst du mit beige?“, fragte ich verwundert. Er entgegnete: „Für später. Wenn wir wieder ein vernünftiges Zuhause haben.“ Ich hob die Augenbrauen und ließ ihn gewähren. Also, so lange hatte ich in dem Damengeschäft nicht gebraucht. Nervös schielte ich immer wieder zur Tür. Aber wieso sollte auch jemand kommen? Von außen sah alles aus, wie immer.

Endlich, hatte er seine neue Garderobe beisammen und wir konnten endgültig abhauen. Wieder auf dem Campo ließen wir uns in einem der zahlreichen Straßen-Cafés nieder. In dieser lauen Sommernacht herrschte reger Betrieb. Von den Nebentischen hallten ausländische Sprachen an meine Ohren. Zu dieser Jahreszeit bevölkerten viele Touristen die Stadt und in einigen Wochen fand der Palio, das historische Pferderennen über den Campo, statt. Bis dahin würde Siena brechend voll werden. Hoffentlich waren wir dann noch hier.  Der Kellner trat an unseren Tisch und ich bestellte einen Espresso. Magnus nahm mal wieder ein Glas Rotwein. „Ich glaube, du magst das Zeug mittlerweile“, bemerkte ich lachend. Er schmunzelte: „Es riecht eben angenehm.“ Unsere Getränke wurden auf dem kleinen Tischchen abgestellt und ich nippte gleich an meiner Tasse. Der kräftige Kaffeeduft war angenehm. Magnus nahm sein Glas und prostete mir zu. Plötzlich spürte ich eine Anwesenheit. Magnus ebenfalls, denn sein Gesichtsausdruck wurde schlagartig wieder ernst. Unsicher blickte ich um mich, aber ich konnte keinen Unsterblichen entdecken. Magnus Gedanken erreichten mich: ‚Ich hab ihn gesehen. Er sitzt einige Tische von uns entfernt und schaut herüber.‘ Ich erwiderte: ‚Was machen wir jetzt?

Gar nichts. Er kommt her. Mal sehen, was er will.‘ Ein dunkelhaariger Mann, Anfang dreißig stand nun an unserem Tisch und fragte: „Ist es gestattet?“ Und wies mit der Hand auf einen freien Stuhl. Magnus nickte, musterte den Fremden allerdings sehr genau. Der andere Unsterbliche war sehr gepflegt, teuer gekleidet und seine Aura war  stark. Hatte er uns die ganze Zeit beobachtet? Unser Gegenüber stellte sich als Ronaldo vor und wir verrieten ihm unsere Namen. Ronaldo fragte: „Wie gefällt euch mein kleines Reich?“ Das hieß wohl, dass er der Reviereigentümer war. „Eine schöne Stadt«, sagte ich. Magnus hielt sich noch zurück. Was ging nur in seinem Kopf vor? Er sandte mir keine Gedanken mehr und ich konnte mir denken, warum. Ronaldo war alt genug, sie zu hören. Ich begann ein wenig Smalltalk mit dem anderen über die Stadt. Da ergriff auf einmal mein Gefährte das Wort und erzählte: „Wir haben unsere Bleibe bei einem Brand verloren und suchen etwas Neues. Gibst du uns die Erlaubnis, einige Wochen hierzubleiben?“ Mir wurde mulmig bei dieser Frage, aber Ronaldo lächelte strahlend und sagte: „Ihr seid selbstverständlich meine Gäste. Ihr könnt auf mein Gut mitkommen. Es liegt außerhalb der Stadt.“ Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Ein verlockendes Angebot! Wir hatten für den heutigen Tag noch keinen Schlafplatz. Ich blickte fragend zu Magnus. Er sah mich kurz an, dann lehnte er sich zu unserem Gastgeber vor: „Wir nehmen dein Angebot gerne an.“ Mir schien, ich hätte in Ronaldos Augen ein begehrliches Glitzern gesehen, mit denen er Magnus angeschaut hatte. Als es ans Zahlen ging, bemerkte Ronaldo schnell, dass wir kein Geld hatten, und bezahlte die Rechnung, die der Kellner auf den Teller legte, mit der Bemerkung: „Ihr seid doch meine Gäste.“ Wir schwangen uns in einer leeren Gasse zu dritt in die Luft und wir beide folgten unserem Gastgeber. Irgendwie wurde ich mein mulmiges Gefühl nicht los. Für einen Unsterblichen war er Fremden gegenüber sehr vertrauensselig. Verließ er sich auf seine überlegeneren Kräfte?

Bald tauchte ein größeres Gehöft, das auf einem Hügel thronte, vor uns auf. Ich erkannte das Haupthaus mit einem Turm und viele Nebengebäude. Das ganze Anwesen war von einer Mauer umgeben und vor dieser Begrenzung wuchsen Olivenbäume und Weinreben. Es war wohl früher ein Weingut gewesen. Ronaldo steuerte auf den Turm zu und wir setzten schließlich auf. Ich betrachtete alles von oben: „Lebst du hier ganz allein, Ronaldo?“

„Ja, Jessica. Ich umgebe mich nicht mit Sterblichen.“ Das war irgendwie beruhigend. Niemand würde uns stören. Wir stiegen hinab in die Wohnräume. Alles war sehr edel, wie in einem Schloss. Magnus nahm meine Hand und so schlenderten wir unserem Gastgeber hinterher, der mit uns eine kleine Führung veranstaltete. Später saßen wir in seinem Kaminzimmer und er erzählte ein wenig über die Geschichte seines Domizils.

Allmählich spürte ich den nahenden Morgen und wandte mich an Ronaldo: „Ich sollte jetzt gehen.“ Er erhob sich sofort aus seinem Sessel und wies mit der Hand zur Tür: «Folge mir! Ich zeige dir dein Zimmer.“ Ronaldo führte mich in eines der Gästezimmer: „Es ist sicher. Keine Sorge. Ich selbst schlafe schon lange so. Die Fenster sind zugenagelt.“ Ich nickte beruhigt: „Gut. Danke und schlaf gut.“

„Du auch“, erwiderte er und schloss die Tür. Ich setzte mich auf das Himmelbett und betrachtete zuerst das Zimmer. Stuckdecke, alte Bilder und verschnörkelte Kommoden. Dann untersuchte ich die Fenster genauer, aber es schien wirklich alles verbarrikadiert zu sein. Zur Sicherheit zog ich noch die schweren Vorhänge zu. Wie lange die beiden wohl redeten? Ronaldo war vielleicht froh, Artgenossen getroffen zu haben. Sein Leben schien sehr einsam zu sein und in diesem Landstrich gab es kaum Unsterbliche.

 

Am nächsten Abend erwachte ich in den Armen meines Liebsten. Er lächelte mich zärtlich an: „Na, bist du endlich wach?“ Ich lächelte zurück: „Wie du siehst. Warum? Hast du heute etwas Besonderes vor?“ Er schüttelte den Kopf und strich durch meine Haare. Ich genoss seine Streicheleinheiten: „Was hältst du von unserem Gastgeber, Liebling?“

„Hm, ich weiß noch nicht. Gestern hatten wir uns ganz gut unterhalten. Er lebt schon seit Jahrhunderten hier.“

„Sagte er dir, wie alt er ist?“, hakte ich nach. Mein Prinz verneinte. Dann fügte er hinzu: „Ich schätze, dass er schon sechshundert Jahre existiert.“

„Könnte sein. Auf jeden Fall ist er mächtiger, als du. Wo ist er überhaupt? Ich spüre nichts von ihm.“ Magnus entgegnete: „Auf Jagd!“ Ich dachte daran, dass Ronaldo sicher lange ohne Blut auskommen konnte. Ich würde morgen trinken müssen. Immerhin brauchte ich es nun nur alle drei Nächte zu tun. Das war immerhin schon ein kleiner Fortschritt. Vermutlich würde diese Zeitspanne in meinem ersten Jahrhundert bestehen bleiben, bis sie sich dann auf vier Nächte ausdehnte. Bei Magnus waren es bereits zehn Nächte, in denen er ohne auskam. Es kam aber immer darauf an, wie sehr wir uns verausgabten. Dank der ruhigen Nächte, hielt ich es diesmal länger aus.

Irgendwann standen wir endlich auf und begaben uns hinunter in das Wohnzimmer. Zu meiner Überraschung saß Ronaldo schon im Sessel und las in einem Buch, als wir hereinkamen. Er legte es auf das Tischchen neben sich und lächelte: „Guten Abend! Ich hoffe, ihr habt gut geruht.“

„Ja, danke“, erwiderte ich. Ronaldos braune Augen wechselten von mir sogleich auf Magnus und dieser lüsterne Blick gefiel mir überhaupt nicht. Manchmal hasste ich es, dass mein Gefährte so attraktiv war und jeder ihn haben wollte. Zum Glück bevorzugte Magnus vorwiegend Frauen, als Bettgenossen. Aber vielleicht hatte Ronaldo doch eine Chance. Er war älter und ich wusste ja nicht, was sie so trieben, wenn ich schon schlief. Mir fiel auf, dass unser Gastgeber sehr blass war. Wie es schien, hatte er noch gar nicht getrunken. Hob er sich seinen Hunger für später auf?

 

Später erkundeten Magnus und ich die anderen Gebäude und das Gelände. Das meiste war verschlossen und so spazierten wir durch den parkähnlichen Garten. Die Nebengebäude waren in schlechtem Zustand. So wie es aussah, ließ Ronaldo sie langsam zerfallen und renovierte nur das Haupthaus immer wieder. „Ich würde gern mal wieder richtig ausgiebig duschen. Meinst du, hier gibt es ein Bad?“, fragte ich Magnus. Er blickte zum Haus hinauf: „Vermutlich. Ronaldo wirkt sehr gepflegt. Also, wird er sicher auch öfters baden.“

„Hat er dir Avancen gemacht?“, platzte ich heraus. Mein Gefährte lächelte: „Wie kommst du jetzt da drauf?“

„Na, so wie er dich ansieht. Ist dir das selbst noch nicht aufgefallen?“ Magnus schüttelte den Kopf: „Nein, ehrlich nicht. Aber du brauchst dir doch keine Sorgen zu machen. Ich liebe doch dich.“ Na ja, so sicher war das bei Magnus nie. Trotz seinen Gefühlen für mich. Dazu kannte ich ihn schon zu gut.

Nach unserem Rundgang stand ich endlich wieder in einer richtigen Dusche und ließ das warme Wasser an mir herunter laufen. Ich konnte meine Haare wieder mit Shampoo waschen und meine Haut mit Duschgel abreiben. Das Waschen in irgendwelchen Gewässern, war auf Dauer nichts für eine moderne Unsterbliche, wie mich. Auf mein Drängen hin genehmigte sich mein Prinz ebenfalls eine Rundumerneuerung. Meine langen, gekrümmten Fingernägel hatten auch dringend eine Maniküre nötig und seine sowieso. Nachdem ich nun sauber war, kramte ich ein anderes Kleid aus meinem Kleiderschrank, in den ich die gestohlenen Sachen gehängt hatte. Mein Liebster schlüpfte in seinen beigen Anzug und ich war erstaunt, wie gut er darin aussah. Die restliche Nacht verbrachten wir mit Ronaldo, dem unsere Verwandlung anscheinend auch gefiel. Vor allem die von Magnus.

 

Heute Nacht war meine Jagd angesagt und ich brach sofort nach dem Erwachen auf. Mein Weg führte mich nach Siena zurück. Als Gast durfte ich jetzt ungeniert in Ronaldos Revier zuschlagen. Ich begann an der Piazza del Campo nach einem Opfer Ausschau zu halten. Ich setzte mich auf die Steinstufe, die um den Platz führte und beobachtete. Meine Augen schweiften ziellos umher, bis ich plötzlich einen blonden Mann fixierte. Ich betrachtete ihn genauer, warum gerade er mir auffiel. Er stand soeben von seinem Stuhl in dem Café auf und ging nun über den Platz. Langsam folgte ich ihm. Währenddessen durchforschte ich seine Gedanken und stellte fest, dass er Amerikaner war und auf dem Weg in sein Hotel. Sobald er in eine Gasse eingebogen war, stieg ich über die Dächer und verfolgte ihn durch die Luft. Diesmal würde ich ihn in seinem Zimmer töten und ich würde behutsam mit ihm sein. Bis jetzt konnte ich nur gemeinen Menschen Schmerzen zufügen. Außer ich war zu gierig. Kurz flammte das Ereignis in Irland auf, aber ich verdrängte es schnell wieder und lenkte meine Aufmerksamkeit auf den Blondschopf, der jetzt im Hotel verschwand. Sogleich streckte ich meine telepathischen Fühler aus, wohin er ging. Bis jetzt stand ich noch auf dem Dach des Hotelgebäudes und konzentrierte mich auf den Mann. Schließlich war er in seinem Zimmer angekommen und ich suchte nun das passende Fenster. Solange er sich im Bad aufhielt, stieg ich ein und legte mich auf dem Bett nieder. Natürlich erschrak er, als er mich entdeckte und dachte, ich hätte mich in der Zimmernummer geirrt. Ich bot ihm meinen Körper an und sagte, dass ich mich nicht geirrt hatte. Nachdem ich das Rockteil meines Kleides nach oben geschoben hatte, war er fast überzeugt. „Möchtest du nicht ein wenig meine Einsamkeit versüßen?“, säuselte ich. Er trat ans Bett: „Du scheinst es sehr nötig zu haben.“ Ich registrierte schmunzelnd seine sexuelle Gier in den Augen und er setzte sich. Vorsichtig berührte er meine Wade. Als ich ihn nur weiterhin lächelnd ansah, strich er an meinem Bein entlang. „Komm ruhig näher, mein Schöner“, forderte ich ihn auf. Das machte ihn mutiger und er kroch neben mich auf das Laken. Seine heiße Hand streichelte meine Wange, über meine Schulter und über meine Taille. Sein Puls pochte heftiger in meinen Ohren und die Hitze, die von ihm ausging, vergrößerte meinen Durst. Langsam zog ich seinen Kopf näher zu mir und schließlich trafen sich unsere Lippen. Sofort umschlang ich ihn und er stieß mir seine warme Zunge zwischen die Lippen. Sein Herz beschleunigte vor Erregung. Es war noch zu früh, um zuzubeißen. Er war noch nicht berauscht genug. Seine Hände brannten regelrecht auf meiner kühlen Haut und sein heißer Atem blies an meinen Hals. Langsam konnte ich diese Art des Jagens nachvollziehen. Irgendwie genoss ich es im Augenblick von diesem pulsierenden, warmen Menschen gestreichelt zu werden. Die Gier wurde stärker, aber ich konnte sie noch im Zaum halten. Eine seiner Hände war zwischen meinen Beinen und als er mit seinem Finger eindrang, entwich mir ein Grollen aus meiner Kehle. Ich äffte schnell auf menschliche Weise eine Raubkatze nach, um ihn nicht zu beunruhigen. Meine Hand war inzwischen ebenfalls an seinem Geschlecht und allmählich war er bereit für das Finale. Für meines. Der Herzschlag donnerte in meinem Kopf und ich verringerte meine Zurückhaltung. Da kam mir ein anderer Gedanke. Ich küsste seine Brust, seinen Bauch und mein Mund wanderte tiefer, bis meine Lippen seinen harten Schwanz umschlossen. Er stöhnte auf und krallte seine Finger in mein Haar. Ich ließ ihn einige Male durch meine Mundhöhle gleiten, bis ich wieder abließ und mich der Innenseite seines Oberschenkels widmete. Das Eindringen meiner Zähne spürte er kaum und als ich langsam zu trinken begann, erregte ihn das noch mehr. Er wühlte in meinem Haar und stöhnte lauter.

Kurze Zeit später war er völlig weggetreten. Er befand sich in seiner Phantasiewelt und ich wurde grober. Ich legte mich abermals neben ihn, bog seinen Kopf zur Seite und biss kräftig in seinen Hals. Ein kurzes Zucken seinerseits und dann begann meine Ekstase. Ich umklammerte seinen schwachen Körper fest und ließ das heiße Blut in meinen Rachen strömen. Meine Glieder füllten sich mit Wärme und meine Kräfte wuchsen wieder an. Das Pulsieren in mir, erregte mich, aber der Strom versiegte nur allzu schnell. Mein blonder Landsmann lag nun tot vor mir und ich überlegte, was ich mit ihm tun sollte. Die Bettdecke war voller Blutflecken und so beschloss ich, ihn einfach darin einzuwickeln und auf dem Rückweg zum Gut zu vergraben. So schleppte ich den Toten mit mir und verscharrte ihn außerhalb der Stadt bei einer Baumgruppe.

 

Als ich in die Wohnräume des Gutes trat, war niemand hier. Doch ich spürte schwach die Aura der beiden. Wo hielten sie sich auf? Ich dachte sofort an eine Bettszene, aber in den Schlafzimmern waren sie nicht. Nun stieg ich die Treppe zum Erdgeschoss hinunter und da witterte ich Blut. Neugierig geworden setzte ich meinen Weg ins Kellergeschoss fort. Je näher ich dem Ende der Treppe kam, umso deutlicher hörte ich Schreie einer Frau. Was trieben die beiden? Veranstaltete Magnus mit Ronaldo seine Spielchen von zu Hause? Ich wusste nicht, ob ich weitergehen sollte. Den Anblick wollte ich mir ersparen, denn es war nicht zu überhören, dass die Sterbliche geschlagen wurde und Schmerzen litt. Dabei begann ich zu zittern, machte kehrt und zog mich in mein Zimmer zurück. Total aufgewühlt kauerte ich mit angezogenen Beinen auf meinem Bett, umklammerte sie mit beiden Armen und starrte ins Nichts. Das war furchtbar! Sie quälten eine Frau. Sah Magnus nur zu? Wollte ihn Ronaldo damit herumkriegen? Ach, wer wusste schon, was in diesen perversen Köpfen vor sich ging. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Ich liebte einen Sadisten, ein Monster!

Irgendwie brauchte ich Gewissheit. Nachdem ich sicher war, dass die beiden Männer wieder im Kaminzimmer waren, schlich ich mich zurück in den Keller. In einem der Räume fand ich die nackte, tote Frau beziehungsweise ein Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren. Ihr Körper war voller Blut, der Rücken war übersät mit aufgerissenen Wunden von Peitschenhieben und auch ihre Vorderseite. Die Oberschenkel waren voller Blutergüsse und mir war klar, was das bedeutete. Ihre Handgelenke waren von den Metallspangen der Ketten, die über mir hingen, blutig gescheuert. Am Ende war ihr das Genick gebrochen worden. Ich konnte es nicht fassen, dass Magnus zu solchen Gräueltaten fähig war. In mir herrschte Ohnmacht und Leere. Mir schwante, dass Ronaldos Jagd gestern, dieses Mädchen gewesen war. Er hatte sie entführt, um sie Magnus zum Geschenk zu machen oder um einfach seine sadistischen Phantasien auszuleben. Bestimmt tat er so etwas Furchtbares öfters. Ich hatte gewisses Verständnis, wenn mein Gefährte seine Opfer grob austrank. Das taten andere auch. Aber das hier war nur die Lust am Quälen, Vergewaltigen und Töten. Da hatten sich nun zwei von der gleichen Sorte gefunden und ich würde keine Nacht länger hierbleiben. Ich konnte Magnus, unter diesen Umständen nicht mehr in die Augen sehen, geschweige denn, mich von ihm anfassen lassen. Wieder im Zimmer, stopfte ich schnell meine Klamotten in die Plastiktüte und suchte das Weite. Nur schnell weit weg von dem Gut und von Magnus. Er durfte mich nicht finden. Ich wollte nicht, dass er mich findet.

Bis zum Morgengrauen war es nicht mehr lang, aber durch das frische Blut konnte ich so schnell unterwegs sein, wie ich es fertig brachte. Als der Himmel heller wurde, musste ich ein Versteck suchen und fand eine Kate in den Weinbergen, in der Geräte für die Landwirtschaft abgestellt waren. Dort verkroch ich mich in den unzugänglichsten Winkel. Mir war egal, ob es staubig war, Hauptsache lichtdicht und sicher. Meinen Kopf bettete ich auf die Tüte und während ich auf den Schlaf wartete, dachte ich an Cornelius. Er war so anders, so rücksichtsvoll und ihn hatte ich für dieses Monster im Stich gelassen. Das würde ich mir nie verzeihen können und er mir sicher auch nicht. Jack! Ich musste zu ihm nach London. Dann wäre ich auch weit weg von Magnus. Ja, ich würde nach London gehen. Der Gedanke an Jack beruhigte mich wieder. Er war mir nicht feindlich gesonnen und ich konnte mir schon ausmalen, was er sagen würde: „Siehst du Jessica! Magnus bringt dir nur Kummer.“

 

Magnus wunderte sich, dass er Jessica nicht vorfand, als er zu Bett ging. Wo war sie noch? Er fragte Ronaldo, ob er sie gesehen hatte, aber dieser verneinte. Dann bemerkte er, dass sie ihre Klamottentüte mitgenommen hatte. Hat sie ihn etwa verlassen, oder was hatte das zu bedeuten? Er konnte sich nicht erklären warum, aber er musste sie morgen gleich suchen. Sie erwachte ja später als er und würde sicher noch nicht weit gekommen sein.

 

 

 

 

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