10. Schutz - Samuel

Ich stürmte hinaus in den Wald, fort von Nida. Ich hatte es kaum ertragen, sie so zu sehen. Zuerst hatte ich geglaubt, es ginge um ihre Matratze. Eine blöde Spielerei, die dich mir erlaubt hatte. Wie konnte ich nur glauben so etwas Belangloses würde ihr so zuschaffen machen?
Aus dem Sichtfeld des Hauses verschunden, verwandelte ich mich. Der Wolf in mir musste raus, musste laufen. Er tobte vor Wut, wollte reißen und knurren. Ich mussten runterkommen, damit ich meinem Bruder nicht den Kopf abriss, wenn ich endlich bei ihm war. Ich lief so schnell, als ginge es um mein Leben, ließ den Wolf schnauben und ächzen.
Wieso wagte er es, ihr zu schaden? Hatte ich mich nicht klar ausgedrückt? Oder hatte ich die Situation falsch eingeschätzt?
Mein Bruder mochte sie nicht, schon vom ersten Augenblick, doch wollte er ihr deshalb Schaden? Immerhin war sie nur ... Was war sie? Das wusste weder mein Wolf noch ich selbst.
Schon bei unserer ersten Berührung war alles anders abgelaufen als geplant. So oft, hatte ich Frauen dazu gebracht zu tun, was ich wollte. Zu tun, was ich von ihnen erwartete. Doch Nida, sie warf alles nieder ... Es war nicht normal, sie war anders. Etwas was sich mir noch nicht erklärte und was der Wolf in mir unbedingt herausfinden wollte.
Jeder Gedanke, der mich umgab, hielt sie gefangen. Sie sollte nur der Sinn zum Zweck sein. Stattdessen war sie nun der Zweck selbst.
Ich hatte es bereits so oft versucht, sie aus meinem Verstand zu tilgen. Wollte, dass sie wieder wie jedes andere Weib ist, doch wurde sie es nicht. Sie fesselte mich und besonders meinen Wolf und brachte mich somit dazu, immer wieder zu ihr zurückzukehren. Wie auch immer sie es schaffte, sie sorgte dafür, dass mein Wolf tobte, wenn ich seinem Willen nicht nachkam. Als hätte sie ihre Zähne in mein Fleisch geschlagen und ließ nun nicht mehr los. Jeder verdammte Gedanke drehte sich nur noch um dieses anhängliche Weib.
Es musste aufhören. Das wusste ich selbst.
Mein Bruder hatte recht, sie veränderte mich. Ich küsste keine Fremden, küsste keine Frau, ich wollte sie leiden sehen. Sehen, wie sie aus Wonne vergingen und schließlich für mich schrien.
Doch Nida ... sie war nicht wie jede andere Frau. Bei den anderen genügte es, wenn ich sah, wie sie vor Wonne zergingen. Wie sie sich unter mir räkelten und litten. Jeder einzelne Ausdruck gehörte mir, und wenn ich mit ihnen fertig war, war diese kurze Bindung beendet.
Es ging mir nicht um die Nähe, sondern um Kontrolle und Macht. Das war es, was ich wollte, was ich brauchte, um endlich runterzukommen.
Bei Needy war dies alles belanglos. Wie sie sich bewegte. Wie sie mich berührte. Ich brannte unter ihren Fingern. Brannte bei jedem Laut und ... jedem Kuss. Sie ließ mich vergessen. All das, was ich all die Jahre für nötig befunden hatte, um mein Gegenüber zu schützen, war wie eine Wolke verblasst. Sie hatte es geschafft all das, in nur einer Nacht zunichtezumachen?
Eine einzige Reaktion und ich war ihr verfallen. Das Tier in mir hatte sich in ihr verbissen. Nur wegen einer einzigen Matratze, die sie aus dem Fenster warf und mir damit ihre Meinung ins Gesicht schlug.
Sie hatte es gehasst. Der Sex war für sie verwerflich gewesen, auch wenn das Gegenteil den Anschein gemacht hatte. Wieso sonst hätte sie diese Botschaft senden sollen? Und mit ihrem Abgang hatte sie klar gemacht, dass sie eine Tür zuschlug. Ich hasste verschlossene Türen. In dem Augenblick, hatte die jagt begonnen. Mein Wolf wollte sie, mehr als die Stunden zuvor.
Dabei war es nicht die erste Frau, die wütend auf ihre Hingabe reagierte, nur nicht auf die Art wie Nida es tat. Weshalb ich meine eigene Regel brach und diese Frau ein zweites Mal aufgesuchte.
Schon dort hätte ich mich zurückziehen sollen. Hätte meinen Wolf an die Leine nehmen, statt ihm seine Sehnsucht zu der Frau zu erfüllen, die so offensichtlich meine Sinne trübte.
Ein letztes Mal hatte er beteuert. Ein Mal, was mich den Kopf gekostet hat. Im stillen Wasser des Sees hat sie mich schließlich ganz an sich gefesselt, mir die Besinnung genommen und mir ihren Willen aufgezwängt.
Ich verfluchte sie, da sie so offensichtlich mit mir spielte. Wie sie sich gab, bewegte und schrie. Dass Frauen schrien, wenn sie kamen, war nichts Ungewöhnliches. Doch wenn Needy mir meinen Wunsch erfüllte, machte es mich wahnsinnig. Es faszinierte meinen Wolf, wenn er sah, was er auslöste, wenn er wusste, dass sie ihm gehören konnte.
Mein Tempo wurde deutlich schneller. Blanke Wut trieb mich, sie hatte mich zu Dingen getrieben, die ich vor Jahren abgeschrieben hatte.
Ihre Lippen auf meinen zu spüren, war etwas, wovon ich träumte. Sie auf mir zu spüren, ihre Hände zu spüren. Ein Ziehen begab sich meinen Rücken hinab, ich hätte mich am liebsten den nächsten Berg hinabgeworfen.
Wie würde ich diese Frau loswerden? Ich hatte es schon wieder getan. Ich war zum dritten Mal bei ihr gewesen. Es durfte nicht zur Gewohnheit werden. Wenn sie wissen würde, was ich war, was ich tue ...
Ein Schauer durchfuhr meinen Körper. Der Gedanke sie gehen zu lassen schnürte mir die Kehle zu. Wie sollte ich von ihr loskommen, wenn alles in mir nach ihr schrie? Ich wollte bei ihr sein, sie nehmen und ... Nida ihr Leid nehmen.
Ich rammte mich mit voller Wucht gegen einen Baum, um den Gedanken abzutöten. Donnernd kam ich zum Stehen. Die anderen durften davon nichts erfahren. Es war eine Schwäche, die ich verbergen musste. Es gab keine Frauen in unserem Rudel und so sollte es bleiben.
Ich knurrte bei den Gedanken an Alex. Sie hatte es gewagt, sich Needy gegenüberzustellen. Machtlos hatte ich im Wald gestanden und durfte zusehen, wie sie sich alleine, gegen dieses Weib wehren durfte. Stolz keimte in mir auf, ich wollte ihn ersticken. Sie hatte es fantastisch gemacht. Nida war eine Frau mit Stolz. Sie hatte sich Alex gegenübergestellt und ihr klargemacht, wo sie Alex sah. Ich grinste bei der Erinnerung, sie hatte Zähne gezeigt, wäre sie ein Wolf gewesen, hätte sie Alex zurückgedrängt. Doch sie war es nicht.
Noch nicht.
Ich schmiss mich erneut gegen den Baum. Solche Gedanken waren nicht angebracht. Sie würde kein Wolf werden, nicht durch mich. Ich rast erneut los, solche Gedanken durften nicht existieren. Sie würde ein Mensch bleiben, was hätte ich davon, dieses Weib an mich zu binden? Es würde nur ärger geben, geschweige denn, dass ich sie loswerden musste, wenn diese Phase vorüberzog.
Ich hoffte, diese Fesseln würden sich bald lösen. Eine solche Klette konnte mich das Leben kosten.
Ich kam an der Fabrik an, die Wut war nicht im geringsten erloschen. Ian würde dafür für seinen Fehler büßen. Ich entschied, wann sie litt und wann nicht, das war meine Macht über sie, mein Wille. Er mischte sich in Dinge ein, die ihn nichts angingen. Sie zu verscheuchen war die eine Sache, sie so gehenzulassen eine andere.
Diesen Hass in ihm verstand ich nicht. Natürlich war er mein Bruder, doch Eifersucht hatte er nie gezeigt. Bereits vor dem Rudel, hatte es nur uns gegeben. Doch deswegen ein unschuldiges Wesen verletzen? War es nicht das, was wir verhindern wollten?
Das Leid in ihrem Blick ließ meinen Wolf keine andere Wahl. Ich hatte ihr das Einzige gegeben, wonach sie sich sehnte. Zuneigung.
Begriff Ian nicht, dass es nun seine Schuld war, dass wir uns Näher gekommen waren, als ich es je gewollt hatte? Dass ich mich so auf sie einlassen musste? Was hatte ich auch geglaubt? Ein drittes Mal zu ihr zu gehen!
Ich wollte sie sehen. Mein Wolf wollte sie unterdrücken, ihr zeigen, wer wem ein Zeichen setzt. Es gefiel ihm nicht, das sie diesen Kuss erzwungen hatte und somit ein Ultimatum verhinderte, was er wirklich begehrte. Also wollte er ihr ein letztes Mal zeigen, das sie sich zwischen seinen Zähnen befand. War dieser Wille zu viel gewesen? Das Verlangen, sie unterdrücken zu wollen.
Mal wieder hatte sie die Situation an sich gerissen und mein Vorhaben zu Nichte gemacht. Je öfter ich es versuchte, desto mehr Niederlagen kassierte ich. Der Wolf knurrte bei dem Gedanken.
Wie hatte ich so sehr die Kontrolle verlieren können? Nicht nur über meine Macht, auch über die Schatten meiner Seele. Nie hatte ich mich von Gefühlen blenden lassen. Wie hatte diese Frau es geschafft, mich doch dazu zu bringen? Nida hatte nur eine Reaktion gezeigt, die mich zutiefst provozierte. Eine Einzige! Die mich komplett die Fassung verlieren ließ und ich mich selbst vergaß.
Ich verwandelte mich und ging hinein. Würde sie mich je wieder in ihre Nähe lassen? Mein Wolf erfüllte es mit Sorge. Hatte er genug abbitte geleistet?
Nick kam mir entgegen. Dieser Spion hatte mir schon einige Male ausgeholfen, um Dinge über Needy in Erfahrung zu bringen. Zum Glück konnte er genau so gut den Mund halten, wie er Informationen besorgen konnte. Was er nicht so gut verbergen konnte, war seine Verwunderung, dass gerade ich seine Hilfe in Anspruch nahm.
Führ gewöhnlich regelte ich meine Angelegenheiten Selbst. Nur dieses Mal war ich so ziellos und unkonzentriert wie nie zuvor. Ein verdammt beschissenes Gefühl, sich selbst nicht kontrollieren zu können.
Ich frage mich, wann ich zuletzt so empfunden hatte. Seit ich denken konnte, kontrollierte ich meine Gefühle, meine Sinne um gezielt zu handeln und Fehler so gering wie möglich zu halten.
Ich nickte ihm knapp zu, er grinste leicht, da er ihren Geruch an mir wahrnahm. Ich spürte es, spürte seine Empfindung. Ich ignorierte es und schnellte hoch zu meiner Tür. Den ganzen Tag schon war ich unterwegs gewesen, hatte also nicht bemerkt, was Ian für ein Spiel trieb. Die Tür stand weit offen, ich spürte ihn in meiner Wohnung. Er erwartete mich schon, hatte meine Wut bereits gespürt.
Ich ging hinein, leiser und gefasst. Als wäre ich nun wieder der Wolf, der ich einst war. Der, der immer alles unter Kontrolle hatte. Andernfalls hatte ich das Gefühl ihn töten zu müssen.
Ich blickte in Richtung Balkon, wo er stand und sich auf der Lehne ablehnte. Ich blieb in der Tür stehen und verschränkte die Arme. Mein Bruder und ich hatten bisher jeden Streit vermieden, waren immer auf der gleichen Welle geschwommen.
Bis heute.
„Du weißt, was sie ist“, begann er. Als wenn er das Recht hätte, über sie zu urteilen. Mein Bruder hasste Frauen, wenn es um sie ging, konnte er nicht objektiv denken. Doch konnte ich es momentan?
Wer würde es ihm verübeln. Frauen hatten sein Leben zur Hölle gemacht, angefangen mit unserer Mutter. Sie war es gewesen, die uns getrennt und ihn in durch die Hölle laufen ließ. Er hatte mir nie alles erzählt, auch wenn er es beteuerte.
Abgeschoben in eine andere Familie hatte die Frau ihn missbraucht. Als er endlich stark genug war, ermordete er sie. Ich hätte das Gleiche getan.
Selbst danach hielt das Schicksal kein gutes Ende für ihn bereit. Jahre lang litt er unter den schlimmsten von ihnen. Bis sein Verstand, sie alle als Gefahr einstufte. Ich wusste, wie er sie sah, konnte spüren, was sie in ihm auslösten. Ekel, Wut, Zorn und auch Hass. Hass den er jetzt gegen Nida mobilisierte.
Er hatte sein Herz vor langem verschlossen. Also benutzte er Frauen gelegentlich auf eine Art, die wohl für viele abartig wirken musste. Mir war es egal, was er mit ihnen tat. Hauptsache er brachte keine von ihnen frühzeitig unter die Erde. #
Ich erinnerte mich an die vielen Male, wo ich sie viel zu oft weinend und verletzt hinauslaufen sah. Blutig und verlassen. Was er genau mit ihnen machte, war seine Sache. Was er mit Nida machte, meine.
„Falsch?“ Dieses Gespräch wiederholte sich. Bereits vor Stunden hatten wir ein ähnliches geführt.
„Sie manipuliert dich!“, zischte er. Er wendete sich zu mir, seine Augen funkelten vor Zorn. Er hasste sie aus tiefstem Herzen, ob er sie mehr hasste, weil ich involviert war?
Ich erinnerte mich genau an dem Tag, als ich ihn aus dieser Drogenhölle hinausgezerrte. Hätte ich nur früher von ihm erfahren, hätte ich ihm vieles ersparen könne. So musste ich ihm von Boden holen, was Jahre lange Areit gewesen war. Seitdem waren wir den Weg zusammengegangen. Waren zusammen Gideon beigetreten, verfolgten ein Ziel. Bis sie kam ... Ob er sie deswegen so verachtete?
„Das weiß ich Bruder.“
„Denkst du, das hört einfach auf? Du wirst ihr nur noch mehr verfallen!“ Ich schnaubte. Seine Hassreden wirbelten meine Wut nur noch mehr auf.
„Du wirst dich von ihr fernhalten.“ Ungläubig und wutentbrannt starrte er mich an.
Es war unwichtig. Sollte er mich für diesen Moment hassen, es würde aufhören. Nun musste ich eine Grenze setzten, wie sonst sollte sie mir vertauen? Ich musste die Frau beschützen, die mein Wolf so sehr begehrte. Was wäre ich für ein Mann, wenn ich sie nicht vor meinen eigenen Leuten in sicherheit wissen konnte?
Ich hasste mich selbst dafür, das wusste Ian so gut wie ich, nur der Wolf in mir sah dies deutlich anders. Es wurde eine Grenze überschritten, die er verteidigen musste.
Um jeden Preis.
Er wollte sie und würde sie behüten. Wie sonst sollte er ihr gegenübertreten, wenn er sie nicht mal beschützen konnte? Wie würde er ihr seinen Willen aufdrängen und sie schreien lassen, wenn sie ihm nicht vertraute? All das ließ mich mir Selbst folgen und meinem Bruder einen gut gemeinten Rat verpassen.
„Ich soll was?“ Seine Stimme war nun noch ein Knurren. Er stand kurz vor der Wandlung. Ich hoffte, er würde mich angreifen. Würde er es wagen, sich meinem Willen zu wiedersetzen? Er stand unter mir. Ich würde es als Angriff auf meine Position werten, so etwas, sollte immer gut überlegt sein.
„Bruder“, begann er. Ich musste einlenken.
„Versuch es mir auszureden Ian.“ Ich ging zurück, über die Treppe zum Hinterhof. So würde es nicht um unseren Rang gehen, sondern um die Einscheidung, um die Frau, die mein Wolf so sehr begehrte.
Ian folgte mir, er würde alles tun, um zu siegen. Die Wut verblasste, an dessen Stelle trat eine bekannte Ruhe. Eine Ruhe, die ich seit Tagen vermisste. Ihm in den Arsch zu treten, würde mich runter und vielleicht endlich zu Vernunft bringen.
Trotz der Sicherheit, dass mein Bruder nicht siegen würde, schnürte sich mir der Hals zu. Würde er es schaffen, würde ich von ihr ablassen müssen. Das wäre sein Sieg, daraus bestand die Konsequenz. Ein leichtes Grinsen legte sich auf meine Lippen. Zum Nachteil meines Bruders, war ich nicht gewillt diese Frau so schnell loszulassen. Eher würde ich sterben, als mein Weib zu verlieren.

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