11. Siebzehn

Kurz, nachdem Gregor verschwunden war meldete sich auch Tonis Handy. Seine Mutter hatte ihm eine Nachricht geschickt, dass sie jetzt bei Nadja und Thorsten waren und dass er Maja gerne wieder bei ihnen abliefern konnte.

Also sammelte Toni seine Schwester auf, die inzwischen ein ganzes Stück von ihm weggekrochen und nicht sehr begeistert war, als sie plötzlich hochgehoben wurde. Aber jetzt störte Toni sich nicht an dem Geschreie, denn gleich konnten sich damit ja wieder Peter und seine Mutter rumschlagen. Und außerdem war sein Kopf grade viel zu voll als dass das Geschreie nennenswert zu ihm durchdringen konnte.

Seine Eltern saßen mit Nadja und Thorsten in der Couchecke und Maja streckte schon die Arme nach ihnen aus, kaum, das sie zur Haustür reingekommen waren.

Toni wurde die kleine Fracht los und fing sich dann eine Rüge von Peter ein, dass er die ganze Zeit mit ihr draußen gewesen war, wo es doch schon so kalt war.

Toni hatte in diesem Moment absolut keine Lust, ihm dafür irgendeinen Spruch zurückzuschicken, deswegen mühte er sich nur ein verzerrtes Grinsen ab und stand dann ein paar Sekunden planlos herum, weil er nicht wusste, was er machen sollte. Alleine bleiben wollte er auf keinen Fall, denn das hätte Nachdenken bedeutet, worauf er gut verzichten konnte. Doch dann fiel ihm Lydia ein und wenn er erst mal mit ihr gesprochen hatte, dann würde alles wieder gradegerückt sein. Gut, dass sie auch die zwei Wochen Urlaub hatte und nicht die Gefahr bestand, dass er sie nicht erreichen konnte, weil sie in der Firma war.

Seine Mutter hatte seine Planlosigkeit inzwischen auch gespürt und klopfte auf den freien Platz neben sich. "Komm, setz dich zu uns. Wir wollten gleich eine kleine Spielerunde starten."

Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte Toni so ein Angebot schon in der Sekunde abgelehnt, in der es ausgesprochen worden war, aber diesmal dachte er darüber nach, es anzunehmen. Denn seine Mutter, Peter, Nadja und Thorsten waren besser als gar keine Gesellschaft. "Ich rufe nur eben Lydia an und dann mach ich gerne mit," erwiderte er deswegen und seine Mutter sah ihn groß an. "Guck mal an," meinte sie. "Dieser Urlaub macht ja einen ganz neuen Menschen aus dir."

Toni zuckte nur mit den Schultern, zog seine Schuhe aus, hängte seine Jacke  an die Gaderobe und ging in sein Zimmer.

Lydia nahm schon beim zweiten Klingeln ab, sodass Toni auch jetzt keine Zeit zum Nachdenken hatte. Gespräche mit ihr, mochten sie auch nie besonders lang sein, schafften es immer wieder, dass Toni sich besser fühlte. Er schaffte es sogar, ihr von Gregor zu erzählen und es ihr als die Belanglosigkeit zu verkaufen, als der er es gerne empfunden hätte.

Am Ende versicherte Toni ihr, wie sehr er sich auf die Woche gemeinsamen Urlaub freute und wie verdammt er sie vermisste. Und nach dem Gespräch fühlte er sich wieder absolut unangreifbar für alles, was da kommen mochte. Trotzdem riskierte er es jetzt nicht, alleine zu bleiben sondern ging wieder runter zu den anderen.

Es wurde sogar ein richtig angenehmer Abend, zu dem sich auch Kamilla irgendwann gesellte. Toni konnte sogar Bier trinken, ohne von Peter schief angesehen zu werden und Nadjas lockere Art sorgte dafür, dass er sich keinen Moment so fühlte als würde er hier mit den langweiligen Erwachsenen sitzen. Sie bestellten sich schließlich sogar Pizza, etwas, das Peter sonst auch immer gerne verurteilte, aber er schien echt einen ziemlich guten Tag zu haben.

Als Toni und Kamilla einen Stoß Gläser in die Küche brachten, damit der Tisch nicht ganz so überfrachtet war, bekam er sogar die Gelegenheit sie zu fragen, wo sie gestern gewesen war.
Allerdings war ihre Antwort die nur aus dem Wort "Unterwegs" bestand, genau so informativ wie das meiste andere, was sie bis jetzt zu ihm gesagt hatte. Aber Toni, der so jemanden wie sie noch nie vorher getroffen hatte und jetzt wirklich neugierig war, ließ sich davon nicht abspeisen. "Bist du  im Wald rumgelaufen? Alleine? Hast du da keinen Schiß?" hakte er nach.

Sie sah ihn an und dann lächelte sie sogar leicht. "Ja bin ich. Es gibt da einen kleinen Hügel von da aus kann man die Sterne richtig gut sehen, da bin ich gewesen. Es ist wirklich schön da, man ist ganz alleine und außer den Waldgeräuschen hört man absolut nichts und es gibt auch kein störendes Licht," antwortete sie. "Und nein, ich habe keinen Schiß. Ich hab einenn guten Schutzgeist." Mit diesen Worten ließ sie ihn stehen und ging zurück zu den anderen, während Toni sich fragte, was sie mit Schutzgeist gemeint hatte. Schutzengel hätte er verstanden aber Schutzgeist? Kamilla war schon echt merkwürdig.

Die Spielrunde endete weit nach Mitternacht und Toni hatte mehr Spaß gehabt, als er sich eingestehen wollte.

Er verabschiedete sich von Peter und seiner Mutter mit der tief schlafenden Maja im Arm und half danach noch Nadja und Kamilla dabei, das Chaos zu beseitigen.

"Du bist ja ein richtiger Kavalier geworden," meinte Nadja, als er ihr mit den Armen voller Flaschen entgegenkam.

"Tja, da hat meine Mutter mit ihrer Erziehung dann ja doch etwas richtig gemacht," erwiderte Toni grinsend.

"Ich werde dich morgen lobend bei ihr erwähnen," versicherte Nadja und klopfte ihm einmal auf die Schulter. "Aber ihr könnt jetzt ruhig auch nach oben gehen, mit dem Rest werd ich locker selbst fertig."

"Nein, nein, ich bleib bis alles weg ist!" beeilte Toni sich zu sagen. Er wollte es so lange es ging herauszögern alleine zu sein, denn der Lydia-Effekt war schon lange wieder verschwunden und er spürte schon wieder die Gedanken lauern.

Nadja zog die Augenbrauen hoch. "Oh ok. Dann werde ich dich morgen doppelt lobend erwähnen!"

Leider dauerte es danach nur noch fünf  Minuten bis alles an seinem Platz war, da Kamilla natürlich auch geblieben war, und Toni nichts anderes übrig blieb, als nach oben zu gehen. Ein Blick auf die Uhr die ihm kurz nach zwei anzeigte wies ihn darauf hin, dass es jetzt definitiv zu spät war, Lydia noch einmal anzurufen um den Effekt wieder aufzufrischen.

Er schickte ihr trotzdem eine hoffnungsvolle Nachricht und legte sich dann aufs Bett, um auf eine Antwort zu warten. Die aber nicht kam. Stattdessen kamen die Gedanken und überfielen ihn ohne Chance, sich dagegen zu wehren. Er sah Gregor ganz deutlich vor sich auf der Wiese sitzen, er musste dazu gar nicht mal die Augen schließen. Und er hörte noch einmal die Worte, die ihn so aufgewühlt hatten. Dass er eigentlich lieber was mit einem Kerl anfangen würde. Und dass er ja nichts an dem ändern konnte. Und das seine Freunde das auch akzeptierten.

Vorallem bei dem Teil mit dem ,Nichts dran ändern können' regte sich Tonis Protest. Natürlich konnte man das ändern. Er hatte es geschafft, er war glücklich mit Lydia zusammen und ihm fehlte nichts.

"Wirklich?" sagte eine Stimme spöttisch in seinem Kopf, die er ärgerlich wieder verscheuchte. Nein, er war glücklich mit Lydia, Ende der Diskussion. Gregor wusste eben gar nicht, wovon er redete.

Dass Toni manchmal ein paar Ausrutscher hatte, wie Gedanken an Oliver, wenn er mit Lydia schlief, oder dass Gregor in seiner Jacke gut aussah, waren eben Ausnahme von der Regel. Das hatte sicher jeder Mal. Also absolut kein Grund, sich zu fühlen, als würde etwas innerlich an einem zerren, so wie es grade bei ihm der Fall war. Er würde morgen einfach noch einmal mit Lydia telefonieren und dann war die ganze Sache erledigt!

Mit diesem Entschluß drehte er sich auf die Seite und konnte endlich einschlafen, aber als er diesmal wieder gegen 8 Uhr geweckt wurde war das Aufstehen doppelt so schwer wie gestern weil er gefühlt nur drei Stunden geschlafen hatte.

Heute stand eine Wanderung in irgendeinem Nationalpark auf dem Programm. Toni hatte absolut nichts übrig für Wanderungen aber er behielt es für sich.

Und auch diesmal war es gar nicht mal so schlimm. Das Wetter war wunderbar herbstlich und die Landschaft richtig schön. Wieder schoß Toni viele Fotos die er mit Lydia teilte, er tobte mit Maja auf einem Spielplatz herum und ließ sich nachher das Essen in einem Restaurant an einem See schmecken.

Und als sie dann, diesmal gegen vier Uhr, wieder bei Nadja waren und er diesmal nicht auf Maja aufpassen musste lag der Nachmittag völlig frei vor ihm, aber wieder hatte er keine Lust alleine zu sein- Denn alleine sein bedeutete bloß wieder nachdenken und das wollte er nicht, denn er spürte, wie brüchig die Wand zwischen ihm und dem Bedürfnis, alles in Frage zu stellen geworden war.

Er hätte jetzt sogar gerne etwas mit Kamilla gemacht, vorallem sich erklären zu lassen was ein Schutzgeist war und woher sie einen hatte, aber sie half schon in der Gärtnerei aus und so blieb ihm eigentlich nichts übrig, als mit Nadja, Peter und seiner Mutter Kaffee zu trinken, Grade, als er seinen Platz in der Küche, von dem aus er Nadja und seiner Mutter beim Kaffeekochen und Kuchenschneiden zugesehen hatte, verlassen und zu Peter und Maja auf der Couch gehen wollte, klopfte es.

Natürlich hätte es jeder sein können aber Tonis Herz hatte sich dafür entschieden, dass es nur Gregor sein konnte, denn wieder machte es diesen dummen kleinen Hüpfer und Toni erstarrte in seiner Bewegung. Dann wurde ihm aber bewusst, wie merkwürdig er aussah und er bemühte sich, einfach lässig weiterzugehen, während Nadja an ihm vorbei zur Tür eilte.

"Hey Gregor," kam dann auch prompt die Bestätigung von Tonis Verdacht. "Du willst doch bestimmt zu Toni, oder?"

Natürlich wollte Gregor das und Toni atmete einmal tief durch und straffte die Schultern. Seine Mutter war nicht weit weg und ohne hinzusehen wusste er ganz genau, dass sie zur Tür blickte. Jetzt konnte er endlich ihr Bild von ihm geraderücken. Ruhig und beherrscht ging er zur Tür.

"Hallo," sagte er und auch, wenn Gregors Lächeln für ein angenehmes Gefühl in seinem Bauch sorgte, ließ er sich nichts anmerken.

"Hey," nickte Gregor ihm zu. "Wir wollen ins verlassene Dorf und ich dachte, ich frag mal, ob du nicht mitkommen willst. Du fandest das damals ja ziemlich cool da."

Toni wusste nicht, ob das eine Anspielung sein sollte, aber selbst, wenn es keine war, konnte er nicht verhindern, dass er rot wurde weil er unweigerlich an ihren ersten Kuss denken musste. Seine Mutter konnte es gottseidank nicht sehen, aber Gregor und Toni war das grade unglaublich unangenehm. Aber wenn er sich jetzt entsprechend benahm würde es nur noch unangenehmer werden. Also sagte er genau so gelassen wie vorher: "Ja klar, ich komm gerne mit."

Gregor, der die gesamte Aufmerksamkeit aller Leute im Raum auf sich gezogen hatte, meinte: "Ok, super. Ich warte dann draußen auf dich.", und verschwand wieder.

Toni zog sich rasch seine Schuhe an und als er nach seiner Jacke griff tauchte plötzlich seine Mutter neben ihm auf. "Das war also Gregor mal wieder," sagte sie. "Er sieht ja ganz schön gut aus, nicht wahr?" Sie stupste ihn leicht mit dem Ellenbogen in die Seite.

Und damit war die Situation da, die Toni die ganze Zeit herbeigewünscht hatte. Jetzt galt es, trotz innerem Gefühlschaos die richtigen Worte zu finden und genau so ruhig und gelassen zu bleiben wie grade bei Gregor. "Wenn du das sagst, dann ist es sicher auch so," meinte er kurz angebunden und tat noch eine Prise Genervtheit dazu.

"Ja, meine ich," erwiderte seine Mutter und dann drückte sie ihn einmal kurz an sich. "Aber ich weiß ja, dass es für dich nur noch Lydia gibt." Sie ließ ihn wieder los und kehrte zu Nadja in die Küche zurück.

Während Toni sich seine Jacke anzog überlegte er, ob das jetzt ein Volltreffer gewesen oder sie den letzten Satz irgendwie ironisch gemeint hatte. Er wiederholte ihn noch einmal vor seinem inneren Ohr, entschied, dass da nirgendwo auch nur der Hauch Ironie beigewesen war und es deswegen der Voltreffer geworden war, den er haben wollte.

"Was ist los?" wollte Gregor wissen, als Toni mit einem breiten Grinsen aus dem Haus trat. Er zuckte mit den Schultern: "Ach, ich hab nur n kleines Spielchen gegen meine Mutter gewonnen."

"Na dann Glückwünsch," sagte Gregor und ging los. "Wir treffen die anderen am Wald.

Genau wie gestern war es nicht so leicht für Toni, mit Gregor Schritt zu halten. Was vermutlich teilweise auch daran lag, dass er es einfach nicht verhindern konnte, ihn hin und wieder anzusehen. Nur ganz kurz und bei jedem Seitenblick schwor er sich, dass es der letzte war, aber es funktionierte nicht.

"Und, was hast du heute gemacht?" erkundigte Gregor sich, als sie über die Wiese gingen, auf der sie gestern noch gesessen hatten.

"Ich war mit Peter und meiner Mutter wandern," antwortete Toni etwas außer Atem. "Ich hasse Wandern, aber ich wusste ja, dass das hier ein Familienurlaub wird also hab ich mich auf so ödes Zeug eingestellt." Dass es dann wider seines Erwartens doch nicht so schlimm gewesen war behielt er für sich. "Und du?"

Gregor lachte. "Oh, mein Tag war total spannend. Erst acht Stunden Schule, dann fast ne Stunde in nem vollen Zug nach Hause fahren und jetzt müsste ich eigentlich noch Hausaufgaben machen, aber da hab ich jetzt echt keinen Bock drauf."

"Also machst du auch Abi," vermutete Toni und Gregor nickte.

Und das war dann das Ende ihrer Unterhaltung, weil jetzt der Berg kam, dem Toni dann doch etwas mehr Aufmerksamkeit schenken musste, um nicht hinzufallen. Dabei hätte er Gregor gerne noch ein paar Dinge gefragt. Wie zum Beispiel was er studierte. Oder ob er schon einmal was mit einem Kerl gehabt hatte. Vielleicht war er ja sogar schon mal mit einem ins Bett gegangen und Toni hätte gerne gewusst, wie sich das angefühlt hatte. Er war so erschrocken über seine Gedanken, dass er fast ins Rutschen geraten wäre und sich grade eben noch fangen konnte.

"Da sind sie," rief Gregor dann und ging noch schneller als vorher obwohl sie den Berg noch gar nicht runter waren, sodass jede weitere Unterhaltung im Keim erstickt wurde, weil Toni viel zu sehr damit beschäftigt war, mit ihm mitzuhalten und gleichzeitig nicht hinzufallen.

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