12

"So kann es nicht weiter gehen!"

Verwirrt schaute Ron von seinem Bett zu Harry rüber: "Was meinst du?"

"Hermine! Merkst du eigentlich, wie schlecht es ihr geht oder hat Lavender dir das letzte bisschen Verstand geraubt?", fuhr Harry seinen Freund wütend an. Er hatte lange genug mit angesehen, wie Ron ihre gemeinsame Freundin ignorierte, hatte sich sogar auf seine Seite gestellt und ebenfalls nicht mit ihr geredet, doch langsam war es ihm genug. Seinetwegen musste Ron nicht einmal einsehen, dass Eifersucht der Grund für seine übertriebene Wut war, aber eine Entschuldigung war trotzdem angebracht.

"Mensch!", gab Ron aufgebracht zurück: "Wieso tut jeder so, als wäre es dumm von mir, mit Lavender zusammen zu sein? Ich verstehe nicht, was ihr alle gegen sie habt!"

"Hier geht es nicht um Lavender! Ich will, dass du dich bei Hermine entschuldigst. Was du gesagt hast, war nicht richtig!"

Kleinlaut blickte Ron auf seine Hände: "Du hast ja Recht. Es hat mich einfach so wütend gemacht, dass sie mit einem Slytherin zusammen in Hogsmeade war. Und auch noch Zabini."

Genervt erhob Harry sich von seinem Bett und lief in dem Schlafsaal auf und ab. Er war froh, dass die anderen beiden Jungs noch nicht da waren, andernfalls hätte er nicht mit Ron sprechen können. Warum war er nur so stur?

"Ich bin auch überrascht darüber", meinte er schließlich: "Aber wenn irgendjemand hier seine fünf Sinne beisammen hat und weiß, was er tut, dann Hermine. Denkst du nicht?"

Noch immer konnte Ron den Blick nicht heben. Er hasste sich selbst für sein hitziges Temperament und die hässlichen Gefühle, die manchmal in ihm hochkamen, aber er konnte sich nicht dagegen wehren und dann waren die bösen Worte ausgesprochen, ehe er wusste, wie ihm geschah. Warum war er so?

"Komm schon, gib dir einen Ruck. Ich vermisse Hermine und ich wette, du tust es auch!"

Langsam nickte Ron: "Ist ja nicht so, dass ich nicht selbst schon dran gedacht habe. Aber das ist so schwer. Ich habe Angst, dass ich irgendwas Dummes sage und dann streiten wir nur wieder."

"Dann sag halt nichts Dummes", kommentierte Harry grinsend, wofür er sofort einen bösen Blick erntete. Erleichtert, endlich zu Ron durchgedrungen zu sein, ließ Harry sich wieder auf sein Bett fallen.

oOoOoOo

"Hermine? Können wir ... können wir mal reden?"

Mit großen Augen starrte Hermine ihren besten Freund an. Sie hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, dass er jemals zu ihr kommen würde, und nun stand er neben ihr am Frühstückstisch, hochrot im Gesicht und sprach sie vor aller Augen an. Sie konnte das Lächeln, das sich auf ihren Lippen ausbreitete, nicht unterdrücken und so nickte sie einfach nur, legte schnell ihren angebissenen Toast auf den Teller, um mit ihm aus der Großen Halle zu gehen.

Gemeinsam setzten sie sich auf eine der Fensterbänke im Gang vor der Halle. Während Hermine geduldig darauf wartete, dass Ron das Gespräch begann, betrachtete sie ihren Freund genauer. Sie kannte ihn inzwischen lange genug, um jedes Detail seines Gesichtes zu kennen, und doch war ihr, als schaute sie ihn zum ersten Mal richtig an. Sie mochte sein rotes Haar und die typischen Weasley-Sommersprossen in seinem Gesicht, sie liebte es, wenn er breit grinste, er wirkte dann immer wie ein kleiner Junge, der keine Sorgen auf der Welt kannte, und das half ihr, ihre eigenen Sorgen zu vergessen.

"Ich hab am Sonntag was Blödes gesagt, glaube ich", kam es schließlich langsam von ihm. Offen blickte Hermine ihn an und ermunterte ihn mit einem Lächeln, weiter zu sprechen: "Ich weiß auch nicht, es fällt mir schwer, irgendeinen Slytherin zu mögen. Und ausgerechnet Zabini. Naja. Tut mir Leid, was ich gesagt habe, ich weiß, dass das Blödsinn war."

"Wurde aber auch Zeit", gab Hermine streng zurück, doch lange konnte sie den ernsten Gesichtsausdruck nicht aufrechterhalten, ehe das erleichterte Lächeln zurückkehrte: "Nein, wirklich. Ich bin unendlich froh, dass du wieder mit mir sprichst."

"Ich auch", stimmte Ron ihr zu. Schweigen legte sich über beide, während Hermine versuchte herauszufinden, warum sie hier so ruhig neben ihm sitzen und sich seine Entschuldigung anhören konnte. Hätte sie nicht Herzklopfen haben müssen, sich wahnsinnig freuen oder zumindest rot werden? Sicher, sie war erleichtert, dass der Streit aus der Welt geschafft war, aber während sie ihn ansah, kam nichts von der Befangenheit, die sie sonst immer verspürt hatte, zurück. Was war nur los mit ihr?

"Ron", setzte sie an: "Kannst du ... kannst du mich kurz in den Arm nehmen?"

Interessiert beobachtete Hermine, wie ihr Freund knallrot anlief, doch er kam ihrer Bitte ohne zu zögern nach. Sie rückte enger an ihn heran, legte ihren Kopf auf seiner Schulter ab und schlang selbst beide Arme um ihn, so wie er sie mit seinen starken Armen festhielt. Nachdenklich schloss sie die Augen und konzentrierte sich ganz auf das warme Gefühl seiner Umarmung. Von irgendwoher sprang ihr das Bild von Blaise, der sie fest an sich zog, in den Kopf. Ihr Herz schlug schneller bei der Erinnerung, die so viel anziehender wirkte als die reale Umarmung von Ron. Verwirrt und genervt schob sie das Bild aus dem Kopf und versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, Ron jetzt zu küssen. Wieder kam eine Erinnerung in ihr hoch, diesmal jedoch an den leidenschaftlichen Kuss mit Malfoy. An beide. Was war nur los mit ihr? Wo waren ihre großartigen Vorstellungen über wahre Liebe jetzt? Warum konnte sie sich nicht vorstellen, Ron zu küssen, warum konnte sie die Umarmung nicht als leidenschaftlich empfinden? Sie liebte ihn doch! Das mit Malfoy und Blaise waren Moment leidenschaftlicher Eitelkeit gewesen, die nichts mit echten Gefühlen zu tun hatten. Mit einem Mann, den man liebte, mussten diese Dinge doch automatisch aufregender sein. Und sie liebte Ron!

Oder nicht?

Verwirrt und überfordert löste Hermine sich aus der Umarmung. Mit einem hastigen "Danke!" erhob sie sich und stürmte davon. Sie war zu sehr mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt, als dass sie das erhitzte Gesicht von Ron bemerkt hätte. Oder das Zittern seiner Hände. Oder den hungrigen Ausdruck seiner Augen.

oOoOoOo

"Na, habt ihr euch ausgesprochen?"

Überrascht blickte Hermine von ihrem Buch auf. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass an einem Freitagabend außer ihr noch jemand in der Bibliothek auftauchen würde, doch offensichtlich hatte sie Theodore unterschätzt.

"Ja."

Sie konnte sehen, wie er eine Augenbraue hochzog und sie ob ihrer kurzen Antwort skeptisch musterte, doch sie war nicht in der Stimmung, mehr dazu zu sagen.

"Lief es nicht gut?", hakte er trotzdem nach, während er sich auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder ließ. Seufzend klappte Hermine ihre Lektüre zu.

"Doch, sicher. Er hat sich entschuldigt, ich habe die Entschuldigung angenommen, alles ist wieder gut."

Ein mitfühlender Ausdruck trat in seine Augen: "Aber er ist immer noch mit Lavender zusammen, richtig? Du hast dir mehr erhofft? Dachtest du, er macht Schluss, um mit dir zusammen zu sein?"

"Das ist es nicht!", erwiderte Hermine rasch. Wieder wanderte eine Augenbraue von Theodore nach oben, doch er schwieg und wartete, dass sie sich von alleine erklärte. Schließlich gab sie nach: "Schön, ich kann es genauso gut erzählen, vielleicht wirst du ja schlau aus mir."

"Du erwartest, dass ein Junge wie ich ein Mädchen wie dich besser versteht als du dich selbst verstehst?", fragte er lachend, doch der strenge Blick von Hermine brachte ihn zum Schweigen: "Das ist nicht lustig. Ich verstehe mich wirklich gerade selbst nicht. Ich saß mit Ron alleine auf einer Fensterbank und habe ihn sogar umarmt. Ziemlich lange. Mit geschlossenen Augen. Und da war nichts, gar nichts. Sonst war ich immer so ... befangen, schüchtern ... was auch immer. Wenn wir alleine waren, hatte ich immer das Gefühl, rot werden zu müssen. Und jetzt war da gar nichts."

"Das ist in der Tat überraschend. Ich dachte, er wäre die Liebe deines Lebens?", erwiderte Theo nachdenklich. Hermine war ihm dankbar, dass er sie nicht weiter aufzog, sondern sie ernst nahm: "Eben. All meine selbstgerechten Worte gegenüber Harry und Ginny ... selbst zu Malfoy. Und jetzt stehe ich hier und frage mich, ob ich wirklich jemals in Ron verliebt war. Ich verstehe das einfach nicht, wo ist das alles hin?"

Theo schwieg lange, ehe er langsam sagte: "Hattest du jemals das Gefühl, dass Weasley in dich verliebt sein könnte?"

"Ja!", antwortete Hermine heftig: "Das ist es ja. Ich war mir immer sicher, dass er mich mag. Also, mehr als es zwischen Freunden üblich ist. Und alle um uns herum haben das auch gedacht. Es hat zwar keiner gesagt, aber da war immer diese unausgesprochene Erwartung. Beim Ball letztes Jahr war es besonders auffällig. Erst fragt er mich ewig nicht, ob ich mit ihm hingehe, und dann war er plötzlich richtig wütend, dass ich mit seinem Idol Viktor Krum hingegangen bin. Hat irgendwas von wegen Feind geredet. Es hat mir den ganzen Abend verdorben, vor allem, weil er nicht mal eingesehen hat, dass er einfach nur eifersüchtig war."

"Und als er jetzt mit Lavender zusammen gekommen ist, was hast du da gedacht?"

"Ich war total verletzt", erwiderte sie ehrlich: "Ich glaube, ich habe noch nie so sehr geweint. Und ich war wütend. Dass er schon wieder nicht gesehen hat, was zwischen uns ist. Ich glaube ja nicht, dass er Lavender wirklich liebt, aber sie ist halt hübsch und hat ... naja, andere Vorzüge. Aber das ist bestimmt nicht dauerhaft."

"Weißt du, Hermine", meinte Theo, während er sich weiter zu ihr vorbeugte und ihr direkt in die Augen sah: "Kann es nicht sein, dass du nie in ihn verliebt warst?"

"Bitte?"

"Alles, was du hier erzählst, klingt eher so, als ... naja, als hättest du erwartet, irgendwann mit Ron zusammen zu sein. Die Anzeichen, dass er dich mag, waren ja wirklich da. Und wenn du sagst, dass alle anderen auch erwartet haben, dass ihr mal zusammen kommt, ist es verständlich, dass du das irgendwann auch denkst. Und wenn der Junge dann auch noch nett ist und man ihn gut kennt, da denkt man schon mal schnell, dass man verliebt ist."

Hermine konnte nicht fassen, was sie da hörte: "Ich habe mir also die Augen aus dem Kopf geheult wegen gar nichts? Willst du das damit sagen?"

Theo ließ sich von ihrer Wut nicht aus der Fassung bringen: "Meinst du nicht, dass das einfach nur verletzter Stolz war? Du bist immer davon ausgegangen, dass Weasley dich mag. Und dass ihr mal zusammen sein werdet. Und plötzlich ist da eine andere, eine, die mehr oder weniger das Gegenteil von dir ist. Klar, dass dich das verletzt. Aber hast du wirklich geweint, weil du in Weasley verliebt warst? Oder war es vielleicht nur deine Eitelkeit? Er könnte dich haben, er sollte dich haben, aber er entscheidet sich für die hirnlose Brown? Klar, dass einen das verletzt."

Ungläubig starrte Hermine den Jungen vor ihr an. Sie hatte gut Lust, ihn zu schlagen für diese ungeheuerlichen Vorwürfe, doch sie war viel zu überrumpelt, um irgendwie reagieren zu können.

"Ich verurteile dich gar nicht, Hermine, und du solltest das auch nicht so eng sehen", fuhr er fort, als er merkte, dass er keine Antwort bekam: "Es ist eine ganz natürliche Sache, dass man seine eigenen Gefühle falsch versteht und denkt, dass man verliebt ist, obwohl man sich in Wirklichkeit nur geschmeichelt fühlt von den Andeutungen anderer. Und wenn man dann mit der Realität konfrontiert wird und merkt, dass es nichts gab, für das man sich geschmeichelt fühlen könnte, kommt man sich natürlich dumm vor, man schämt sich ... der Stolz ist verletzt. Denk einfach mal drüber nach. Meinst du nicht, dass das in Wirklichkeit das war, was in dir vorging?"

Hermine wollte ihm ein heftiges "Nein!" an den Kopf werfen, doch sie zwang sich dazu, seinen Worten zumindest einen Moment Beachtung zu schenken. War sie vielleicht wirklich auf sich selbst herein gefallen? Hatten all diese Andeutungen von Molly und Ginny sie blind werden lassen? Und Rons Eifersucht vor einem Jahr, die ja eigentlich deutliche Worte gesprochen hatte - war sie wirklich nur ihrem eigenen Stolz zum Opfer gefallen? Je länger sie darüber nachdachte, umso mehr wurde ihr bewusst, dass für sie nie außer Frage gestanden hatte, dass sie eines Tages mit Ron zusammen sein würde. Sie konnte nicht einmal genau sagen, wann sie sich in ihn verliebt hatte, es war einfach schon immer so gewesen, jeder hatte es erwartet und sie auch. Hatte sie sich überhaupt in ihn verliebt? War sie wirklich so ein eitles Mädchen, dass ihr Stolz sie blind gemacht hatte?

"Warum bist du so clever?", fragte sie leise, während sie beschämt den Kopf hängen ließ. Sie hatte sich unmöglich aufgeführt. Ihr Worte zu Malfoy, dass sie wahrhaft liebte, klangen wie Hohn in ihrem Kopf. Am liebsten wäre sie im Boden versunken.

"Na, na, nun sei mal nicht so streng mit dir!", gab Theodore zurück, der deutlich sah, wie Hermine mehr und mehr rot anlief und offensichtlich in Selbsterkenntnis und Scham versank: "Wie ich schon sagte, es ist völlig normal, sich bei sowas zu irren. Ich weiß das auch nur aus eigener Erfahrung. Kennst du Tracey Davis? Ich kenne das Mädchen seit meiner Kindheit und ich glaube, meine Eltern wollten immer, dass ich sie mal heirate. Sie hat immer furchtbar viel gekichert in meiner Nähe und ich dachte auch, dass ich total verliebt in sie war. Bis sie dann irgendwann stolz rumerzählt hat, ihr erstes Mal mit Draco gehabt zu haben. Ich war zuerst total wütend und hab mich betrogen gefühlt, aber je länger ich drüber nachdachte, umso mehr hab ich gemerkt, dass es mir eigentlich völlig egal war. Da traf es mich wie ein Schlag, dass ich gar nichts von diesem dummen Ding will."

"Ich hätte nicht gedacht, dass ein Kerl auf diesem Gebiet so klug sein kann", gestand Hermine: "Ich dachte immer, ich hätte ziemlich den Durchblick und würde meine Gefühle und die aller anderen gut verstehen. Kein guter Tag für mich."

"Ach komm, es hat auch sein Gutes", meinte Theo grinsend: "So kannst du endlich deine Augen auf machen und andere Jungs wahrnehmen. Wir Slytherins sind übrigens gar nicht so übel, wie ihr alle immer denkt."

Misstrauisch lehnte Hermine sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust: "Was willst du damit sagen?"

"Och, gar nichts", erwiderte er in einem betont unschuldigen Tonfall: "Aber es könnte doch sein, dass eine Schlange sich für eine Löwin interessiert, meinst du nicht?"

"Wenn du damit auf Malfoy anspielst", zischte Hermine mit gespielter Genervtheit: "Dann lass dir sagen, dass er mit seiner Masche bei mir nicht landen kann. Keine Ahnung, was er sich einbildet."

"Oh, aber ich meinte gar nicht Draco!", kam es immer noch auffällig unschuldig von Theo: "Wieso sagst du seinen Namen? Es gibt noch andere außer ihm."

Sie öffnete den Mund, um ihm den Kopf zurecht zu setzen, doch dann klappte sie ihn wieder zu. Das Bild eines dunkelhäutigen, leidenschaftlichen Jungen tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Mit vor Überraschung weit aufgerissenen Augen sagte sie schließlich: "Spielst du etwa auf Blaise an?"

"Wie käme ich denn dazu?", gab Theo zurück, doch das breite Grinsen verriet Hermine, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. Neckte er sie nur oder wusste er mehr? Meinte Blaise es etwa tatsächlich ernst mit ihr? Sicher, er hatte am Vortag ziemlich ernst geklungen und sie hatte das Gefühl gehabt, dass ihre Abweisung ihn wirklich verletzt hatte. Trotzdem war sie nicht auf die Idee gekommen, dass seine Gefühle tiefer gingen, dass da mehr war als seine üblichen Versuche, ein Mädchen ins Bett zu bekommen. War da etwa doch mehr? Und wenn ja - was sollte sie tun?

War sie in Blaise Zabini verliebt?

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