12. Dezember

Als Hermine an diesem Freitagmorgen die Augen aufschlug, hatte sie die Antwort auf ihre Frage, warum ihr die Worte von Malfoy so wehgetan hatten. Sie hatte in der Nacht einen sehr lebhaften Traum gehabt, der sie direkt wieder nach Hogwarts zurück geführt hatte: Da war Malfoy gewesen, der ihr vor seinen Freunden und so ziemlich allen anderen Schülern, an die Hermine sich erinnern konnte, ins Gesicht gesagt hatte, dass sie ein wertloses, kleines Schlammblut sei. Kurz darauf hatte sie Ron gesehen, wie er sich darüber lustig gemacht hatte, dass sie gar keine Freunde hatte, weil alle sie mega ätzend fanden. Schweißgebadet war sie aufgewacht und starrte nun nachdenklich an die Decke.

Malfoy war vor einer Woche beinahe schon freundlich zu ihr gewesen. Sie selbst war es gewesen, die einen großen Teil dazu beigetragen hatte, nachdem sie beschlossen hatte, einen Waffenstillstand anzustreben und freundlich zu ihm zu sein. Und sie hatte gedacht, er hätte das angenommen. Am Samstag bei dem gemeinsamen Kaffee hatte sie wirklich gedacht, dass Draco Malfoy sie endlich als umgängliche Frau akzeptiert hatte. Umso tiefer hatte es sie getroffen, als sie seine abfälligen Worte gehört hatte.

Entschlossen schlug sie die Decken zurück, marschierte zu ihrem Adventskalender und öffnete das zwölfte Türchen. Schön. Sie hatte ihm die Hand hingehalten, er hatte sie nicht akzeptiert. Dumm gelaufen. Aber kein Weltuntergang. Sie konnte genauso gut damit fortfahren, ihn wie zu Schulzeiten einfach mit Nichtachtung zu strafen. Sie sah selbst ein, dass der Versuch, ihn mit Professor Malfoy anzusprechen, ein wenig lächerlich gewesen war. Das konnte sie besser.

oOoOoOo

Misstrauisch blickte Draco immer wieder zu dem Tisch, an dem Hermine ihr Mittagessen einnahm, hinüber. Sie hatte ihn am Morgen auf dem Gang mit einem kurzen Kopfnicken gegrüßt, ihn aber sonst nicht weiter beachtet. So, wie er es von ihr erwartet hätte, bevor sie sich den Zirkus mit dem Professor-Gehabe ausgedacht hatte. Welche neue Zickerei brütete sie gerade in ihrem Kopf aus? Und vor allem: Sollte er vielleicht besser klar stellen, dass seine Worte zu Lydia tatsächlich einfach nur als charmanter Übergang gemeint gewesen waren, und entsprechend eigentlich gar nichts mit ihr zu tun hatten?

„Was ist, Malfoy? Habe ich Dreck im Gesicht?“, fragte sie plötzlich quer durch den Raum so laut, dass die restlichen Anwesenden es schwerlich überhören konnten. Er zuckte zusammen ob ihrer für die Öffentlichkeit unhöflichen Anrede, doch zu seiner Erleichterung waren keine anderen Professoren und kaum Schüler anwesend. Insbesondere Lydia. Er hatte keine Ahnung, wo sie steckte, aber wenn er ehrlich war, kümmerte es ihn auch nicht.

„Mensch, meinst du nicht, dass du zumindest für die Öffentlichkeit ein gewisses Maß an Respekt mir gegenüber an den Tag legen könntest?“, fragte er, nachdem er aufgestanden und zu ihr rüber gegangen war. Hermine schüttelte jedoch nur lächelnd den Kopf: „Nein, ich denke, die meisten hier wissen, dass wir gemeinsam zur Schule gegangen sind. Außer Lydia Bennet wird wohl kaum einer so ignorant sein, die Beziehung zwischen uns nicht zu kennen.“

Kurz wollte Draco nachhaken, ob Lydia tatsächlich nicht wusste, dass sie gemeinsam in Hogwarts gewesen waren, doch dann besann er sich eines Besseren: „Wo wir gerade von ihr sprechen … darf ich mich setzen?“

„Ich kann dich schwerlich dran hindern.“

„Zu freundlich. Also“, setzte er wieder an: „Bild dir bloß nichts drauf ein, was ich jetzt sage, aber ich möchte etwas klar stellen. Was auch immer du da zwischen Lydia und mir belauscht hast, das hatte nichts mit dir zu tun.“

„Oh?“, gab Hermine mit erhobener Augenbraue zurück: „Beleidigungen gegen mich haben also nichts mit mir zu tun?“

„Hör mir doch erstmal zu!“, erwiderte er ungeduldig: „Was ich sagen will, ist, dass ich da einfach nur charmant zu einer schönen Frau sein wollte. Und in solchen Situationen sagt man eben alles Mögliche. Vor allem Dinge, von denen man weiß, dass sie die Frau hören will. Und ich wusste, dass Lydia hören wollte, dass ich mich nicht für dich interessiere. Ich hätte das also auch gesagt, wenn wir zwei beste Freunde gewesen wären.“

Verächtlich schüttelte Hermine den Kopf: „Ist das deine Vorstellung von Freundschaft? Oder vom Flirten, wenn wir gerade dabei sind? Jede erdenkliche Lüge erzählen, um die Frau ins Bett zu kriegen?“

Draco machte eine wegwerfende Handbewegung: „Wenn ich eine Frau nur ins Bett kriegen will, ist doch völlig egal, was ich ihr erzähle, Hauptsache, ich gelange ans Ziel. Glaub mir, ich habe kein gesteigertes Interesse an Miss Bennet, was auch immer sie sich einbilden mag. Für ernsthafte Beziehungen bevorzuge ich meine Frauen intelligent.“

Gegen ihren Willen musste Hermine grinsen. Sie hatte sich schon die ganze Zeit gefragt, warum ein Mann, der eigentlich gar nicht so dumm war sich mit schöner Regelmäßigkeit die dümmsten Frauen aussuchte. Bei dem Gedanken fiel ihr etwas anderes ein: „Das klappt ja auch immer wahnsinnig gut, was? Diese kurzen Onenightstands verstehen alle immer direkt deine Absichten, nicht wahr? Deswegen hat dich Pansy auch in Ruhe gelassen, nachdem ihr das erste Mal miteinander geschlafen habt. Weil deine Masche so gut klappt und du nie den Fehler machst, dir anhängliche Mädchen rauszusuchen.“

Säuerlich verschränkte Draco die Arme vor der Brust: „Man kann ja vorher nicht wissen, wie eine Frau tickt. Das mit Pansy ist halt dumm gelaufen.“

„Oder vielleicht sehr klug?“, konterte Hermine immer noch grinsend: „Sie war sehr gut darin, dich an sich zu ketten. Ich glaube, du hast dich erst im siebten Jahr endgültig von ihr getrennt?“

„Sie war eben … ganz gut im Bett“, murmelte Draco, doch die leichte Röte in seinem Gesicht sagte Hermine deutlich, dass ihm seine langjährige Beziehung zu Pansy rückblickend ziemlich unangenehm war. Ihr Grinsen wurde nur noch breiter: „Ein intelligenter Mann hätte daraus vielleicht die Lehre gezogen, bei weiteren Eroberungen vorsichtiger und langsamer vorzugehen, selbst wenn er nur schnellen Sex will.“

Da er keine Lust hatte, weiter über seine Missgriffe bei Frauen zu diskutieren – und schon gar nicht mit Hermine Granger! – wechselte Draco rasch das Thema: „Du hast ja auch Stimmungsumschwünge wie eine Frau während ihrer Tage. Wieso plötzlich so fröhlich?“

„Ich hasse es, wenn Männer sich über die Hormonschwankungen von Frauen lustig machen!“, sagte Hermine langsam und betont, ehe sie auf seine Frage einging: „Ich hab nur einfach beschlossen, nicht länger das verletzte Reh zu spielen. Und … naja. Du hast deine Worte ja gerade eben selbst erklärt. Wenn du das tatsächlich ernst gemeint hast, dann will ich dir das gerne glauben. Ich streite eh nicht gern. Wenn du mir also die Hand zum Frieden reichst, ergreife ich sie nur zu gerne.“

Sie lächelte ihn vorsichtig an und Draco musste zugeben, dass ihr ein schüchternes Lächeln definitiv besser stand als ein verletztes, in Tränen aufgelöstes Gesicht.

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