12. Kapitel

In der Nacht war Victor Sander wieder auf die Intensivstation verlegt worden. Sein Zustand hatte sich noch immer nicht gebessert, obwohl das Zimmer ständig geheizt wurde. Der Arzt war etwas aufgebracht gewesen, da er Victor für tot gehalten hatte. „So etwas darf doch nicht passieren. Mir doch nicht“, hatte der Arzt vor sich hin gesagt. Völlig fassungslos hatte er dann das Zimmer verlassen.

Als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster schienen, wurde die Tür geöffnet und Julia betrat das Zimmer. Langsam ging sie zu dem Stuhl, der in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes stand. Dort setzte sie sich und sagte zunächst nichts. Nach einigen Minuten der Stille begrüßte sie den Patienten schließlich: „Guten Tag, Herr Sander. Oder darf ich Victor sagen? Ich dachte, dass ich einmal bei Ihnen vorbeischauen sollte. Wie ich hörte, war es nicht leicht für dich.“ Sie war unbewusst zum 'du' gewechselt, doch Victor hatte nichts dagegen und konnte sich ohnehin nicht beschweren. „Erst in der Intensivstation, dann für tot gehalten und jetzt wieder hier“, sagte die Bäckereiangestellte und ließ den Blick durch den Raum schweifen. „Ich weiß nicht genau, wie es dir gerade geht. Es muss ziemlich unbequem sein, sich nicht bewegen zu können. Ich dachte, dass du dich freust, wenn mal Besuch für dich kommt. Es scheint sich ja sonst kaum einer um dich zu kümmern.“ „Ist der Arzt eigentlich nett?“, fragte Julia plötzlich, „Ich hoffe es.“ Sie machte eine Pause. „Irgendwie ist es ein wenig seltsam, mit dir zu sprechen“, nahm sie dann das Gespräch wieder auf, „es ist so eine einseitige Unterhaltung, du kannst ja momentan nicht sprechen. Aber ich hoffe, dass du mich verstehst und dich über meinen Besuch freust.“ Julia schaute auf ihre Armbanduhr. „Oh, ich habe nicht mehr viel Zeit. Ich wollte nur kurz vorbeikommen und nach dir schauen. Die Pause ist bald vorbei, dann muss ich wieder arbeiten. Ich wünsche dir eine gute Besserung. Bestimmt besuche ich dich nochmal. Mach's gut“, verabschiedete sich die junge Frau und stand auf. Zögernd die Hand zum Gruß hebend verließ sie kurz darauf das Zimmer.

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