12. Siebzehn


Die Gruppe, die am Waldrand auf sie wartet bestand aus fünf Leuten: Kara, Henrike und drei Kerle, die zwar auch auf der Party gewesen waren, aber von denn Toni die Namen nicht kannte. Und einfach zu fragen kam ihm irgendwie doof vor, deswegen nickte er ihnen nur zu und sagte: "Hi."
"Hallo," war das Echo und Kara hängte sich an seinen Arm. "Echt cool, dass du mitkommst!" rief sie

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und unter den Bäumen war es schon richtig dunkel, weswegen einer der Jungs eine mitgebrachte Taschenlampe anknipste, bevor sie losgingen.
Kara war die ganze Zeit an Tonis Seite und redete. Das meiste, was sie sagte, rauschte aber ungehört an ihm vorbei, weil er viel zu sehr mit beschäftigt war, Gregor im Auge zu behalten, der neben einem von den Kerlen ging und sich eifrig mit ihm unterhielt.

Toni spürte einen Stich und identifizierte ihn als Eifersucht. Aber worauf sollte er eifersüchtig sein? Es war doch ganz egal, dass Gregor ihn gefragt hatte, ob er mitkommen wollte und ihn jetzt einfach links liegen ließ! Er war ja nicht wegen ihm hier!

Er wandte den Blick ab und beobachtete seine Umgebung, was aber auch keine gute Idee war denn die dunklen Bäume, die Geräusche, von denen er nicht alle identifizieren konnte, die dunklen Gestalten um ihn herum, das leise Stimmengewirr, der tanzende Lichtkegel der Taschenlampe- das alles führte dazu, dass Toni sich etwas mulmig fühlte und jetzt war er dankbar für Karas Anhänglichkeit. Er räusperte sich einmal um nicht Gefahr zu laufen, dass seine Stimme zitterte. "Was macht ihr eigentlich in dem Dorf so?" erkundigte er sich, als Kara grade einmal eine Redepause machte.

"Ach ganz vieles unterschiedliches Zeug," antwortete sie. "Jens macht immer Fotos, von den alten Häusern und uns und er fotografiert echt gut. Er hatte sogar mal eine Ausstellung in der Schule. Ich wette, er wird später mal Fotograf. Und Philipp kann Gitarre spielen und manchmal nimmt er sie mit und dann singen wir ein paar Lieder, was auch cool ist. Vorallem jetzt, wo es dunkel ist und wir das Lagerfeuer anzünden. Und die Jungs haben da auch immer einen Kasten Bier stehen und dann trinken wir eben auch was."

"Klingt gut," erwiderte Toni und versuchte das mulmige Gefühl in seinem Bauch loszuwerden. Er war hier mit Leuten zusammen, die nicht zum ersten Mal bei Dunkelheit im Wald waren und denen nichts passiert war und so begeistert wie Kara gewesen war musste es echt eine tolle Sache sein.

Doch als Kara dann von Henrike gerufen wurde, die ein Stück vor ihnen ging, sie ihn losließ und er dann plötzlich ganz alleine war, da war das mulmige Gefühl sofort wieder zurück. Hatte da hinter ihm nicht grade was geknackt? Er konnte sich selbst nicht davon abhalten, einmal kurz über die Schulter zu schauen.

"Alles in Ordnung?" ertönte da plötzlich eine Stimme vor ihm und erschreckte ihn fast zur Tode. Er keuchte einmal auf und fuhr herum und es dauerte einen Moment, bis er die Gestalt vor ihm als Gregor identifizieren konnte. Sein rasender Herzschlag beruhigte sich langsam wieder. "Ja klar, warum sollte nicht alles in Ordnung sein?" erwiderte er spitzer, als er es geplant hatte.

"Na ja, ich dachte nur, weil du früher doch eher ein Angsthase gewesen bist," sagte Gregor und Toni hörte das Lächeln in seiner Stimme.

Verschwunden war das mulmige Gefühl und machte einer leichten Angefressenheit Platz. "Das war vor drei Jahren," entgegenete er würdevoll. "Jetzt hab ich natürlich keine Angst mehr.

Gregor seufzte einmal. "Oh das ist gut. Natürlich gibt es auch in dem Dorf einen kleinen Geist, aber wenn du ja keine Angst mehr hast, dann macht dir das ja nichts aus."

Toni schluckte einmal. "N...nein tut es nicht," stotterte er und damit war er enttarnt.

Gregor lachte. "Ich wusste es doch! Manche Dinge ändern sich eben einfach nie."

"Du bist also auch immer noch der gleiche Blödmann," rief Toni und schubste ihn einmal leicht.

"Vielleicht bin ich das," erwiderte Gregor und schubste genau so leicht zurück. "Aber ich werd dich auch vor allem Bösen beschützen, genau wie damals!"

Jetzt war die Anspielung definitiv keine Anspielung mehr und Toni merkte, wie sein Gesicht wieder heiß wurde. Und eine angenehme Wärme breitete sich in seinem Bauch aus. Alle weiteren dummen Sprüche blieben ihm im Hals stecken und heraus kam nur ein Wort: "Danke."

"Immer wieder gerne," sagte Gregor und aus seiner Stimme war auch alles Neckisches verschwunden. Im Gegenteil, die Art, wie er es gesagt hatte, jagte Toni einen kleinen Schauer über den Rücken.

Schweigend und ziemlich eng nebeneinander gingen sie hinter den anderen her und obwohl das Licht der Taschenlampe ziemlich weit weg war fühlte Toni sich nicht mehr unwohl.

Glücklicherweise war der Weg zum Dorf hin jetzt schon so oft belaufen worden, dass sich ein kleiner Trampelpfad gebildet hatte und Toni keine Angst mehr haben musste, über irgendetwas zu stolpern, so wie es damals gewesen war. Überhaupt, je länger sie unterwegs waren, desto drängten sich Toni die Erinnerungen an früher auf. Vielleicht wusste er nicht mehr, was Gregor ihm damals erzählt hatte, aber wie sie bei Regen auf dem Dachboden zusammengekuschelt im Bett gelegen hatten, das wusste er noch genau. Oder wie sie Hand in Hand durch den Wald gegangen waren...

Je länger er an diese Sachen dachte, desto merkwürdiger fühlte er sich und er wusste nicht so wirklich, wie er dieses Gefühl deuten und was er davon halten sollte und war deswegen froh, als sie am Dorf angekommen waren. Obwohl die dunklen eckigen Umrisse der Häuserruinen dann doch wieder etwas ziemlich Gruseliges an sich hatten und Toni musste einmal tief durchatmen. In diesem Moment spürte er Gregors Hand ganz leicht auf seiner Schulter und dann ging es ihm gleich besser.

"So, ihr wisst ja Bescheid," sagte der, der die Taschenlampe hatte und dann machten zu Tonis Erstaunen alle anderen die Lichter  ihrer Handys an und zogen in verschiedenen Richtungen ab. Wieder war das mulmige Gefühl da, bis Gregor dicht neben ihm sagte: "Komm, wir gehen Holz sammeln. Unser Vorrat ist alle und ohne Holz kein Feuer."

"Ja klar," erwiderte Toni fest, als war er genau davon ausgegangen. Auch Gregor hatte inzwischen das Licht an seinem Handy angemacht und Toni tastete in seinen Taschen nach seinem und musste dann feststellen, dass er es vergessen hatte. Was nicht besonders vorteilhaft war, denn jetzt gab es keinen Trampelpfad mehr und er musste aufpassen, dass er nicht stolperte. Glücklicherweise leuchtete Gregor auf der Suche nach geeigneten Ästen über den Boden, sodass er heimtückische Stolperfallen sofort ausmachen konnte.

Wieder gingen sie schweigend und blieben nur hin und wieder stehen, damit Gregor sich nach einem vielversprechenden Ast bücken konnte.

Irgendwann wurde Toni die Stille zu viel. Das ganze unidentifizierbare Geknacke und Geraschel um ihm herum und dazu dieses Gefühl, dass da zwischen ihm und Gregor irgendetwas war, das immer stärker wurde...

"Weißt du denn schon, was du nach dem Abi machen willst?" setzte er deswegen das Gespräch von vorhin fort.

"Absolut!" antwortete Gregor ohne lange zu überlegen. "Geschichte studieren. Oder Archäologie. Ich wette, um die Burg herum und hier im Wald kann man noch Einiges ausgraben und das würde ich echt gerne machen. Aber mein Vater hat schon gesagt, weil das angeblich ein brotloses Studium ist würde er das nicht unterstützen. Er will, dass ich BWL oder Hotelmanagement studiere, aber da hab ich echt keinen Bock drauf!" Es entstand eine kleine Pause und Toni wusste, ohne es zu sehen, dass Gregor jetzt wieder die Lippen zusammenkniff und die Stirn runzelte. "Und du?" wollte er dann wissen.

Toni zuckte mit den Schultern. "Ich hab keine Ahnung. Ich bin erst mal froh, wenn ich das Abi überhaupt geschafft hab."

"Ich bin sicher, das packst du ohne Probleme," sagte Gregor und da war wieder etwas in seiner Stimme, das Toni erschauern ließ.

Und auf einmal prallte alles über Toni zusammen: das, was Gregor auf der Wiese gesagt hatte, die Gefühle, die er in ihm auslöste, diese komische Atmosphäre, die da grade zwischen ihnen herrschte und die Tatsache, dass Toni keine Möglichkeiten hatte, das alles abzuwehren, indem er kurz mit Lydia telefonierte. In diesem Moment fühlte er sich gepackt und aus der doch ziemlich bröckeligen Festung gezogen, in der er all die Jahre versucht hatte, sich zu verschanzen.

Und als Gregor das nächste Mal stehenblieb um einen Ast aufzusammeln, da küsste Toni ihn einfach. Gregor erwiderte den Kuss sofort und dass sie beide alles hineinfließen ließen, alle Erinnerungen, alle Gefühle füreinander, die in all den Jahren nie verschwunden waren und die besondere Atmosphäre, die sie beide gespürt hatten, sorgte dafür, dass es gleich richtig heftig wurde.

Erst, als Gregor seine Hand ganz sanft auf Tonis Schulter legte, war für Toni schlagartig alles vorbei. Dieser Kuss zusammen mit dieser liebevollen Berührung konnte er dann doch noch nicht stemmen. Er machte einen hastigen Schritt zurück. "E...entschuldigung," stotterte er und dann ging er einfach los, egal wohin, nur weg von Gregor. Es war genau wie damals nachdem sie sich zum ersten Mal geküsst hatten mit dem Unterschied, dass Toni jetzt keine Angst hatte, dass Gregor ihm nachsetzte, um ihn zu verprügeln.

Glücklicherweise bestand in diesem Moment gar nicht die Chance für Toni, sich zu verlaufen, denn direkt vor ihm sah er ein weiteres Handylicht aufleuchten, auf das er einfach zuhielt und auf Kara und einen der unbekannten Jungs trafen.

"Ach Gott Toni, was machst du denn hier?" rief Kara, als er plötzlich aus einem Busch gestampft kam. "Du hast mich ganz schön erschreckt. Ich dachte schon, es wäre der Waldgeist." Sie lachten beide einmal laut.

Toni, der noch halb in Trance befand, blinzelte in das Licht, das direkt auf ihn gerichtet war. "Ich...ich," stammelte er und suchte in seinem leeren Hirn nach den passenden Wörtern und erst, als es anfing peinlich zu werden, fielen sie ihm ein. "Ich bin wohl irgendwie vom Weg abgekommen. Gut, dass ich euch gefunden hab!"

"Alles in Ordnung mit dir?" erkundigte sich der Typ, der für Toni jetzt einfach Jens hieß. "Du siehst echt aus, als hättet du grad einen Geist gesehen."

Toni schluckte einmal. "Nein, alles ok. Ich bin ein Stadtkind," fügte er als Erklärung hinzu und das reichte den beiden, denn sie stellten keine weiteren Fragen.

"Wir haben schon einiges an Holz gesammelt," sagte Kara stattdessen und tätschelte den Arm von dem Kerl. "Simon ist ein echtes Naturtalent. Wir sind schon auf dem Rückweg."

"Das bin ich definitiv!" stimmte Simon ihr unumwunden zu und klopfte sich auf die Brust. "Wir sind bestimmt wieder als erstes da. Los kommt, keine Müdigkeit vortäuschen!"

Sie gingen los und Toni stolperte hinter ihnen her.

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