12. Vierzehn

Glücklicherweise gab es in Tonis Gehirn einen Teil, in dem nicht die komplette Panik ausgebrochen war, sondern der noch einigermaßen nachdenken konnte und ihn darauf hinwies, dass sie vom See weg ja eigentlich nur geradeaus gegangen waren. Wenn er also einfach geradeaus zurücklief, dann würde er auch bald beim See ankommen.

An seinem Problem mit dem Unterholz hatte sich natürlich nichts geändert und weil er jetzt eine ziemliche Geschwindigkeit drauf hatte und kein Gregor da war, um ihn aufzufangen, schlug er ein paar Mal lang hin und schrammte sich die Hände und Knie noch mehr auf. Allerdings brachte ihn das nicht dazu, langsamer zu werden, im Gegenteil, er rannte danach nur noch schneller. Gregor konnte ja dicht hinter ihm sein. Auch, wenn Toni neben dem Geräusch seiner eigenen Schritte und dem rasenden Klopfen seines Herzens in seinen Ohren nichts weiter hörte. Aber er könnte trotzdem da sein! Und Toni konnte ihm jetzt auf keinen Fall gegenüber treten. Und das eigentlich nicht nur jetzt, sondern nie wieder. Die ganze Sache mit dem Kuss war ihm so unglaublich peinlich und sein Kopfkino sorgte dafür, dass es während des ganzen Rückwegs auch nie aufhörte, peinlich zu sein. Es spielte ihm die Szene nicht nur immer wieder vor, sondern dazu sang eine Stimme mit einer Mischung aus Tadel und Spott auch stets , Du hast Gregor geküsst! Du hast Gregor geküsst!' bis er die Hände gegen die Ohren presste und einmal laut aufschrie, in der Hoffnung, sie so endlich zum Schweigen zu bringen.

Ihm kam es irgendwann so vor, als wäre er schon eine Ewigkeit durch den Wald gelaufen, ohne beim See angekommen zu sein und für eine Sekunde verscheuchte die Vision von ihm nachts ganz allein in diesem Wald, aus dem er vielleicht doch nicht wieder herausfinden würde, alles andere. Er blieb keuchend stehen, holte ein paar Mal tief Luft und blickte sich um, in der Erwartung, dass alles gleich aussehen würde. Allerdings kam es ihm so vor, als würde er zwischen den Bäumen ein Glitzern sehen und als er darauf zuging, fiel ihm ein Stein vom Herzen, als es wirklich der See war.

Der Weg zurück zur Burg war jetzt natürlich kein Problem mehr und Toni war heilfroh, als er endlich die Tür zum Haus öffnete. Unten war niemand und Kamillas Schuhe fehlten. Sie war sicher wieder für sich unterwegs. Was sie häufiger war, wie Toni festgestellt hatte, als er einmal in ihr Zimmer gesehen hatte, in der Erwartung, sie dort zu finden, aber sie nicht da gewesen war und auch nirgendwo sonst im Haus oder im Garten.

Diesmal verzichtete er darauf, nachzusehen, sondern ging ins Gästezimmer, warf seinen Rucksack in die Ecke, kroch ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Ihm tat alles weh, seine Hände, seine Knie, seine Füße, aber ganz besonders sein Inneres. Er verbot sich zu weinen, obwohl er es gerne getan hatte. Aber das wäre dann nur noch peinlicher gewesen und er war ja auch kein Baby mehr. Stattdessen biss er ins Kissen und presste die Augen so fest zusammen, dass vor seinen Lidern bunte Funken tanzten. Er lag eine ganze Weile so da und versuchte gleichzeitig so verzweifelt, an gar nichts zu denken, dass sein Körper schließlich gnädigerweise entschied, dass es Zeit für eine Pause war und einfach abschaltete.

Als Toni nach fast zwei Stunden wieder aufwachte, lag er auf der Seite und hatte sich ziemlich in die Decke verheddert. Arme und Beine taten ihm immer noch weh und sein Kopf schmerzte so heftig, dass er sich einmal über die Stirn rieb, ohne wirklich dran zu glauben, dass es helfen würde. Tat es auch nicht. Und dass er sicher gleich wieder über nichts anderes als Gregor und den Kuss nachdenken konnte, würde es sicher noch schlimmer machen. Allerdings kam Toni das alles plötzlich vor, als wäre es weit weg. So, als wäre es eigentlich gar nicht passiert. Auch, wenn es doch passiert war.

Und es war ihm immer noch so peinlich, dass er spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Aber jetzt, wo alles so weit weg war, fing er an sich zu fragen, wie es überhaupt passieren konnte. Vorgestern war Gregor doch einfach nur Gregor gewesen. Mit seinem tollen Zimmer im Turm. Seinen Geschichten. Und seinen Ausrastern und seinem Gemecker, was Toni manchmal einfach nur anstrengend fand. Wenn er in seiner Klasse gewesen wäre, dann wären sie sicher keine Freunde und hier waren sie welche, weil sonst niemand da war. Wenn man überhaupt von Freundschaft reden konnte, denn eigentlich war es für Toni doch auch nur Mittel zum Zweck gewesen.

Bis gestern. Als aus Gregor irgendjemand anderes geworden.

Toni seufzte einmal tief, drehte sich auf den Rücken, starrte an die Decke und musste wieder an die Treppe denken und wie Gregor ihn festgehalten hatte. Er spürte einen heißen Stich und das Kribbeln war wieder da. Es fühlte sich an, als würde er auf einer kleinen Wolke schweben, als er an Gregor dachte und zwar nicht an das, was peinlich gewesen war. Sondern einfach an Gregor. Seine Stimme, wenn er irgendetwas erzählte oder sich selbst begeistert beim Zocken anfeuerte. Wie er lachte. Wie er auf seinem Handtuch gelegen hatte. Als Toni zu der Szene kam, in dem er ,Nicht schlecht, Mann' zu ihm gesagt hatte, wurde er wieder rot, allerdings war ihm gleichzeitig überall ganz warm. Und dann der Kuss, der, ohne das ganze unangenehme Drumherum, einfach nur unglaublich gewesen war.

Aber für Gregor bestimmt nicht. Weswegen Toni ihn ja jetzt nie wieder sehen konnte. Die Erkenntnis war ihm zwar schon vorher gekommen, aber jetzt tat sie richtig weh. Mehr als seine Schrammen und die Kopfschmerzen zusammen. Seine Augen brannten und diesmal konnte er nicht verhindern, dass er anfing zu weinen. Aufschluchzend vergrub er sich wieder unter der Decke.

Das Geräusch der in Schloß fallenden Haustür schreckte ihn auf und er fuhr sich einmal hastig durchs Gesicht. Es wäre eine echte Katastrophe, wenn ihn jemand so sehen würde. Er stieg hastig aus dem Bett und als er an sich heruntersah, wurde ihm wieder bewusst, dass er immer noch seine Badeshorts und sein völlig verdrecktes T-Shirt trug, das einmal weiß gewesen war. Nadja hatte seine Klamotten erst gestern gewaschen und sauber gefaltet in den Schrank gelegt. Toni zog achtlos eine kurze Hose und ein frisches T-Shirt heraus, ließ das Chaos Chaos sein und schloß die Schranktür wieder.

Dann steckte er vorsichtig den Kopf aus seinem Zimmer und als niemand da war, schlich er schnell aufs Badezimmer und schloß die Tür hinter sich ab. Als er in den Spiegel sah, starrte ihm sein dreckiges Gesicht entgegen. Und seine Arme und Beine sahen auch nicht viel besser aus. Zeit für eine Dusche.

Danach war ihm absolut nicht mehr anzusehen, dass er geheult hatte. Er sah aus wie immer und zwang sich, sein Spiegelbild anzulächeln. Auch, wenn er sich innen drin einfach nur beschissen fühlte.

Um sich abzulenken ging er nach unten, um zu sehen, wer da gekommen war und ob er nicht vielleicht Hilfe brauchte. Toni hatte keine Lust auf irgendeine Arbeit, aber rausgehen konnte er nicht und im Haus konnte er ja nichts anderes machen als rumliegen und lesen oder fernsehen. Und nichts davon würde ihn besonders ablenken.

Er hörte die leise Unterhaltung schon, als er die Treppe runterstieg und ihm fiel wieder ein, dass Kamilla ihn vielleicht verpetzt hatte. Sein Herz machte einen Hüpfer. Er fühlte sich innerlich so kaputt, wenn Nadja und Thorsten oder gleich beide jetzt mit ihm schimpfen würden, dann würde er bestimmt wieder anfangen zu heulen und alles wäre umsonst gewesen.

Er war kurz davor, wieder umzudrehen und zurück in sein Zimmer zu gehen, aber in diesem Moment ging Nadja mit einer Tüte im Arm an der Treppe vorbei und sah ihn da stehen. Sie lächelte ihn an. "Ach guck an, was machst du denn hier? Um diese Uhrzeit hab ich eigentlich noch nicht mit dir gerechnet."

Toni zwang sich, sie anzusehen und zuckte nur mit den Schultern. Das Bedürfnis, behilflich zu sein, war mit einem Schlag verschwunden.

Nadja machte eine Kopfbewegung Richtung Küche. "Na komm mal runter. Dann kann ich euch beiden ja gleich die große super Neuigkeit mitteilen."

Toni überlegte, ob das vielleicht irgendetwas mit seinem Besuch in dem verbotenen Dorf zu tun hatte, obwohl in Nadjas Tonfall nichts darauf hindeutete, dass es hier um eine Bestrafung ging. Aber als Kamilla, die in der Küche stand und Einkäufe in die Schränke räumte, ihm einen ihrer undefinierbaren Blicke zuwarf, stieg eine unangenehme Vorahnung in ihm auf. Er lehnte sich gegen den Küchentisch, verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte sich innerlich gegen das, was gleich kommen würde, zu wappnen.

Aber anstatt ihm Hausarrest oder sonst irgendeine ätzende Strafe aufzubrummen, sagte Nadja fröhlich: "Also Toni, wir haben uns überlegt, dass wir ja eigentlich keine besonders guten Gastgeber gewesen sind. Du warst hier ja die meiste Zeit einfach dir selbst überlassen. Aber jetzt haben wir es mal geschafft, uns ein paar Stunden freizuschaufeln und deswegen werde ich mit Kamilla und dir morgen in den Freizeitpark fahren, der gar nicht mal so weit weg von hier ist. Auch, wenn man denken könnte, wir leben hier komplett ab vom Schuss." Sie lachte einmal und Toni, der mit etwas ganz anderem gerechnet hatte, hob den Kopf und starrte sie an. Er wusste nicht so ganz, was er von der Sache halten sollte. In einen Freizeitpark zu fahren war eigentlich eine super Sache, aber das hieß, den ganzen Tag weg von der Burg und weg von Gregor zu sein. Aber dann fiel Toni ein, dass er ihn ja sowieso nicht mehr sehen konnte und obwohl er sich in diesem Moment wieder unglaublich elend fühlte, zwang er sich zu sagen: "Das ist ja 'ne tolle Idee!" und hoffte, dass es auch genau so begeistert klang, wie er es wollte.

Aber das schien der Fall zu sein, denn Nadja sah ihn nicht komisch an, sondern zufrieden. "Sehr schön. Aber denk dran, das heißt heute früh ins Bett gehen und morgen früh aufstehen!"

Toni nickte nur und merkte, wie seine Gedanken wieder Richtung Gregor abdriften wollten und dass es vielleicht besser war, zurück in sein Zimmer zu gehen. Allerdings riss ihn Nadja mit voller Wucht wieder zurück in die Gegenwart, als sie ihn einmal von oben bis unten musterte und "Ist alles in Ordnung mit dir?" fragte.

"Na klar," erwiderte Toni, krampfhaft bemüht, lässig zu klingen. "Warum sollte was nicht in Ordnung sein?"

"Erst mal, weil du ganz schön zerschrammt bist, dunkle Ringe unter den Augen hast und du bist ziemlich blass," zählte Nadja auf.

"Ach was!" sagte Toni wegwerfend, konnte aber nicht verhindern, Kamilla einen schnellen Blick zuzuwerfen. Sie sah ihn zwar mit gerunzelter Stirn an, aber wenn sie vorgehabt hätte, ihn zu verpfeifen, dann hätte sie das ja bis jetzt schon getan.

Nadja lächelte ihn immer noch an und legte den Kopf schräg. "Ich weiss, ihr hört sowas nicht gerne, aber wenn du Probleme hast, dann kannst du darüber immer mit deiner super coolen Tante reden!" Jetzt grinste sie und Toni war das alles so unangenehm, dass er spürte, wie er wieder rot wurde. Deswegen wandte er den Kopf zur Seite und sagte nur: "Ja, ja." Dann stieß er sich vom Küchentisch ab und ging zurück auf sein Zimmer.

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