13. Der Ägypter

Als Cornelius Gefährtin schlief ich nun wieder in seiner Kammer in dem granitumrahmten Bett mit dem zweigeteilten Deckel. Von außen sah es aus, wie ein Steinquader mit Doppelbettmaßen. Gegenüber Magnus Sarkophag war das natürlich komfortabler und ich schlief lieber darin. Unser Dasein gestaltete sich nicht spektakulär. Magnus war ich nicht mehr begegnet. Es schien, als hätte er doch aufgegeben. Antonio hatte erwähnt, dass Magdalena aufgetaucht wäre und dass er wahrscheinlich mit ihr die Stadt verlassen hätte. Darüber war ich irgendwie erleichtert. Seit dem Vorfall im Konzert hatte ich keinen weiteren Spion mehr bemerkt. Entweder war mir noch niemand auf den Fersen, oder derjenige war so gut, dass ich ihn nicht wahrnahm. Diese Gedanken brachten mich auf die Idee, im Institut vorbei zuschauen. Ich wollte mit dem Leiter der Organisation reden. Vielleicht wollte ich erfahren, wie nah er mir und Magnus gekommen war, als sein Beobachter.

Diesmal traf ich meinen ehemaligen Chef nicht in seinem Büro an. Konzentriert lauschte ich auf Anzeichen eines Sterblichen im Haus und ich vernahm leisen Herzschlag irgendwo von unten. Also, stieg ich das Treppenhaus hinab und das Pulsgeräusch wurde lauter. Im Archiv sah ich zuerst nach, aber da war niemand. Das Geräusch geleitete mich noch tiefer hinab. Die Stufen schienen nicht aufhören zu wollen. Es war nur ein Herzschlag zu hören und er kam vom Fuße der Treppe.

Endlich erkannte ich unten eine Panzertür, die offen stand und nun strömte mir menschlicher Geruch in die Nase. Hinter der Tür erstreckte sich ein schwach beleuchteter Flur, an dessen Ende sich eine weitere offene Panzertür befand. Ich wusste, dass sich Magnus Beobachter dahinter aufhielt. Meine Muskeln spannten sich an und ich schlüpfte vorsichtig durch den offen stehenden Türspalt.

Eine, von einem rötlichen Licht, beleuchtete Kammer tat sich dahinter auf. In der Mitte stand ein Steinquader, dessen Hälften auseinanderklafften und zwischen diesen Hälften befand sich ein aufgebahrter Körper. Es sah wie eine Mumie aus. Ein Skelett von brauner Haut umspannt, lag da vor mir.

Mein ehemaliger Chef stand neben dem Körper und betrachtete ihn gerade, bis er mich bemerkte und sich umdrehte: »Komm ruhig näher, Jessica!« Ich trat neben diese Mumie und mir war schlagartig klar, dass das ein ausgedorrter Unsterblicher war. Unter den dünnen Lippen zeichneten sich die Reißzähne ab. Die Haut war zwar faltig, aber nicht ausgetrocknet, wie bei menschlichen Mumien. Sie war nur zusammengeschrumpft. Das Haar des Mannes war glatt, lang, pechschwarz und glänzte. Seine Nase war schmal, seine Augenbrauen fein und sogar sein Geschlechtsteil war eingetrocknet. Dieser Anblick ließ mich nicht kalt. Es rührte mich an, dass er hier liegen musste, hilflos den Menschen ausgeliefert. Das Ganze war beklemmend für mich: „Wer ist er?“

„Wir wissen es nicht. Man hat ihn in einem Grab in Ägypten gefunden. Zuerst wurde er von dem Ausgrabungsteam für eine besonders gut erhaltene Mumie gehalten. Als die Entdeckung zu uns durchsickerte, waren unsere Mitglieder schnell vor Ort um den Körper in ihren Besitz zu bekommen. Leider hat er durch das Tageslicht leichte Verbrennungen davon getragen.“ Er wies auf vereinzelte Stellen am Körper, die ein wenig dunkler waren als die übrige Haut: „Er muss sehr alt sein, wenn ihm die Sonne so wenig schadet.“ Ich fragte, während ich noch näher an den Aufgebahrten herantrat: „Wie alt schätzt du denn?“

„Nun, das Grab, in dem er bestattet war, ist älter als dreitausend Jahre. Die Frage ist, ob er später hineingelegt wurde, oder ob es seine eigene Grabstätte war. In dem Fall wäre er der Älteste uns bekannte Unsterbliche.“ Ich überlegte, wie er wohl in lebendem Zustand aussah: „Wie war er denn bestattet worden?“

„Eingewickelt, wie menschliche Mumien, lag er in einem reichverzierten Sarkophag. Die Wände der Grabkammer waren bemalt. Also, alles wie bei einem menschlichen Grab. Außer, dass die Grabbeigaben nur aus vier Krügen bestanden die nichts enthielten. Nur schwarze Rückstände, die noch analysiert werden.“ Meine Überlegungen gingen weiter. Wieso ließ sich ein Artgenosse auf sterbliche Art bestatten? Ansonsten gruben sich Vampire, die ins Koma gingen, einfach irgendwo ein. So dachte ich jedenfalls. Und ich dachte an Magnus Erwachen. Ihn hatten ebenfalls Forscher gefunden, aber zum Glück für ihn, sickerte Blut in seinen Mund und er konnte fliehen. Nun, blickte ich zum ersten Mal auf einen Komaschlafenden: „Wollt ihr ihn aufwecken?“ Mein Ex-Chef wehrte ab: „Nein, ich denke, das wäre zu gefährlich. Er ist sicher unberechenbar, wenn er aufwacht und wir wissen ja nicht, wie alt er ist. Können also seine Fähigkeiten nicht einschätzen.“ Eindringlich bat Peter mich: „Jessica, ich bitte dich, es für dich zu behalten. Dieser Fund darf unter den Unsterblichen nicht bekannt werden.“ Hatte er meine Gedanken gerade gehört? Ich stimmte zwar zu, aber Cornelius musste ich es einfach sagen. Dann sprach er meine neue Situation an: „Du hast dich ja von Magnus getrennt. Warum eigentlich?“ Kopfschüttelnd entgegnete ich: „Das ist meine Sache. Er passte nicht zu mir. Apropos! Wie nah warst du uns überhaupt?“ Er lächelte überlegen: „Auf Sichtweite, wenn ihr durch Florenz geschlendert seid, oder in einem Café saßt. Nicht jedes Mal, aber gelegentlich. Ihr gabt wirklich ein schönes Paar ab.“

„Wo ist Magnus jetzt überhaupt?“ Er drückte etwas unterhalb der Steinhälften, die sich daraufhin schlossen: „Ich recherchiere noch. Er zieht mit Magdalena umher. Sobald ich einen Aufenthaltsort erfahre, fliege ich hinterher.“ Magnus würde seinen Beobachter sicherlich töten, wenn er ihn entdecken würde. Diese Reaktion würde ich jedenfalls von meinem Prinzen erwarten. Doch meine Achtung vor meinem Boss war wieder gestiegen. Ich hatte in Florenz nie etwas bemerkt und mein Ex-Geliebter ebenfalls nicht. Außer er hätte es mir gegenüber nicht erwähnt, so wie in Siena. Wir verließen die Kammer und er schloss die beiden Panzertüren sorgfältig. Eine konnte nur per Zahlencode geöffnet werden und bei der zweiten sah ich keine spezielle Sicherung. Oben angekommen verabschiedete ich mich und begab mich nach Hause.

 

In letzter Zeit musste ich immer wieder an den Schlafenden denken. Wie alt war er? Warum hatte er sich ins Koma begeben? Ich fragte meinen Schöpfer, was er über unser Koma wusste. Cornelius gab bereitwillig Antwort: „Na ja, dass wir so schlechte Zeiten überstehen können. Um ins Koma zu fallen, müssen wir fast blutleer sein. Ich kenne niemanden, der das mal gemacht hat, aber ich denke, dass sich diejenigen die Pulsadern aufschneiden und sich ausbluten lassen. Das geht sehr schnell im Gegensatz zum Hungern.“

„Und wie funktioniert das Aufwachen? Wie kommen solche Unsterbliche ins Leben zurück?“ Cornelius entgegnete: „Durch Blut. Es genügen wenige Tropfen im Mund, um uns aufzuwecken. Das lässt uns aufstehen und wir gieren, wie eine Bestie nach allem, was es enthält. Ein Erwachender stürzt sich genauso auf uns, wie auf einen Sterblichen und saugt uns aus.“ Ich dachte dabei an den Ägypter und mein Schöpfer sah mich plötzlich eindringlich an: „Ist das wahr? Ein Unsterblicher liegt bei euch im Komaschlaf?“ Ich nickte: „Ja, aber das muss unbedingt unter uns bleiben. Ich will die Organisation nicht in Gefahr bringen. Er wurde in einem ägyptischen Grab entdeckt und man hielt ihn zuerst für eine Mumie. Jetzt liegt er im Keller des Instituts.“ Cornelius näherte sich meinem Gesicht: „Du hast ihn gesehen? Du warst ganz nah?“

„Ja, ich stand direkt neben seinem verdorrten Körper. Er besteht nur noch aus Haut und Knochen.“ Mein Gefährte murmelte: „Das hört sich sehr interessant an.“ Dann lauter: „Ich möchte ihn sehen.“ Ich schüttelte energisch den Kopf: „Es ist alles mit Codes gesichert. Da komme ich nicht rein.“ Cornelius lächelte zweideutig: „Lass mich nur machen! Führe mich einfach hin. Am besten gleich morgen.“ Verzweifelt versuchte ich, ihn von seinem Vorhaben abzubringen: „Bitte nicht! Wenn sie uns eine Falle stellen? Da unten kommen wir nie wieder raus. Das sind meterdicke Mauern.“ Er ließ nicht locker, versuchte meine Ängste, zu zerstreuen und als er dann allein gehen wollte, willigte ich ein. Ich wollte ihn auf keinen Fall verlieren.

 

Am nächsten Abend war Cornelius ganz aufgekratzt. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Er drängte mich, mich fertig zu machen, damit wir loskonnten. Das Institut lag ruhig unter uns, wie immer. Nur vereinzelt brannte Licht. Ich schwebte mit meinem Gefährten zu einem Fenster, er öffnete es sofort mit seinem Willen und wir huschten fast unsichtbar für menschliche Augen, die Treppe hinunter bis zu der ersten Panzertür. Ich hatte Cornelius noch gesagt, dass er sich geistig abschotten musste, weil die erfahreneren Mitglieder unsere Gedanken hören konnten. Mein Schöpfer inspizierte das erste Hindernis. Er strich sanft mit den Händen darüber, schloss die Augen und schien sich zu konzentrieren. Wollte er so den Code knacken?

Auf einmal trat er vor die Tastatur und begann Zahlen einzutippen. Ich war gespannt. Als er fertig war, öffnete sich tatsächlich die Tür. Nun versperrte die Zweite noch unseren Weg. Bei dieser Tür gab es keine Tastatur. Nur das Kreuz zum Aufdrehen. Cornelius entdeckte an der Seite eine Schaltfläche und meinte: „Hand- oder Fingerscanner. Dann eben mit Gewalt.“ Er ergriff das Drehkreuz, stemmte ein Bein dagegen und zog mit aller Kraft daran. Ich hörte ein Knirschen an der Tür. Sogleich zog er noch einmal, so fest er konnte und das Knirschen wurde lauter. „Hilf mir!“, sagte er. Also, packte ich mit an und wir zerrten einige Male daran, bis die Tür ein Stück aus der Wand ragte. Der Spalt reichte gerade, um hindurch zu schlüpfen. Cornelius glitt in die Kammer und ich folgte. Wir erblickten den geschlossenen Steinquader und ich sagte in Gedanken: ‚Darin ist er.‘

Wie bringen wir ihn auf?‘ Ich suchte nach dem Mechanismus unter den Hälften. Mit einer Hand tastete ich alles ab und fand eine Vertiefung, die ich drückte. Da klappten die Steinplatten plötzlich seitlich auseinander und die Bahre der Mumie schob sich nach oben.

Mein Gefährte umkreiste einmal den Stein und betrachtete den Artgenossen von allen Seiten: „Er ist wirklich sehr alt. Beeindruckend! Ich spüre seine mächtige Aura.“ Dabei berührte er den Körper und ich zuckte erschrocken zusammen. Natürlich geschah nichts. „Er ist eiskalt.“ Ich wandte mich ab, um durch die Tür zu spähen, ob uns jemand entdeckt hatte. Irgendwie wurde ich mein ungutes Gefühl nicht los. Doch alles war ruhig. Keine Schritte auf der Treppe oder Pulsgeräusche. Als ich mich wieder Cornelius zuwandte, sah ich, wie Blut von seinem Handgelenk auf den Mund des Schlafenden fiel. „Nein!“, schrie ich, stürzte auf meinen Gefährten und versuchte seinen Arm wegzureißen. Doch er stieß mich zurück, drückte sein blutendes Handgelenk an die Lippen des Unsterblichen und ich konnte nur hilflos zusehen, wie die Augen der Mumie sich plötzlich öffneten. Mit blankem Entsetzen beobachtete ich, wie sich der Oberkörper des Unbekannten langsam aufrichtete und er Cornelius mit seinen Augen anstarrte. „Was hast du nur getan? Wir müssen schnell raus hier! Er stürzt sich auf uns“, rief ich ihm zu. Mein Schöpfer stand wie angewurzelt da und betrachtete das sich aufrichtende Skelett: „Ich werde mein Blut geben. Geh vor die Tür und warte dort.“

„Bitte, Cornelius. Komm!« Der Erwachte stakste langsam auf meinen Gefährten zu, knurrte bereits und schnellte im nächsten Augenblick vor, riss Cornelius zu Boden und verbiss sich grob in seinem Hals. Mein Schöpfer ließ das alles völlig selbstlos mit sich geschehen. Der Fremde bohrte ihm seine Zähne in den Körper und ich hörte die Stimme meines Liebsten im Kopf: ‚Geh jetzt raus!‘ Ich gehorchte widerwillig und wartete vor der Tür. Was geschah nun mit meinem Gefährten? Der andere würde ihn zerquetschen. Aus der Kammer drang nur das leise Grollen der Bestie.

Nach kurzer Zeit verlor ich die Geduld und spähte neugierig durch den Spalt. Ich sah Cornelius abgemagerten Körper am Boden liegen und der Fremde stand, erblüht über ihm. Er betrachtete ihn verwundert. ‚Sein Verstand ist erwacht. Lass mich jetzt von dir trinken, Jessica.‘ Langsam schob ich mich durch die Tür und der Mann wandte sich erschrocken zu mir um. „Keine Angst. Ich gehöre zu ihm“, sagte ich und zeigte auf Cornelius. Der Fremde erwiderte etwas in einer unbekannten Sprache und ich hob unwissend die Schultern. Ich wies mit den Fingern auf meine Adern am Unterarm und dann auf meinen Gefährten: „Trinken.“ Da trat der andere Unsterbliche zurück und nickte. Ich kniete neben Cornelius nieder und reichte ihm meinen Arm. Er hauchte: „Öffne die Ader für mich. Ich bin zu schwach.“ Also, biss ich mich selbst und ließ ihn trinken. Langsam bekam er fülligere Züge und schließlich löste er sich von mir. Ich spürte Schwäche, aber er hatte mir nur das Nötigste genommen. Gerade so viel, dass er aufstehen und gehen konnte. Der fremde Unsterbliche betrachtete inzwischen alles in diesem Raum und sprach uns in dieser fremden Sprache an. Sicherlich wollte er wissen, wo er sich befand und wie lange er geschlafen hatte. Ich glaube, er war uns dankbar für seine Erweckung. Cornelius erhob sich nun und zeigte zur Tür. Der Fremde nickte und folgte uns vertrauensselig. Er schien kein Misstrauen zu kennen oder es lag an seiner Hilflosigkeit, die ich fühlte. Wir waren alle drei noch hungrig. Also mussten wir jagen. Wie würde es unser Freund in der heutigen Welt tun?

Zumindest das Fliegen beherrschte der Fremde schon einmal sehr gut, als er uns durch die Luft folgte. Cornelius steuerte auf den Park zu. Da der andere noch nackt war, wies mein Gefährte ihn an, sich in den Büschen zu verstecken. Wir setzten uns dann auf eine Bank in der Nähe des Verstecks und warteten. Es dauerte nicht lange, bis ein Pärchen des Weges kam.

Mein Schöpfer zog mich an sich und küsste mich. Ich spielte gern mit und wir knutschten, bis sie uns passiert hatten. Da schnellte Cornelius überraschend vor und packte sich den Mann. Nun musste ich schnell die Frau zum Schweigen bringen. Ihr blieb nur Zeit für einen Aufschrei, weil ich schon von ihr trank. Ich brauchte nicht viel Blut und so zerrte ich die Benommene zu dem Fremden, der sie in den Arm nahm und von meiner gerissenen Wunde trank. Er schien es voll und ganz zu genießen, so wie er genüsslich an ihrem Hals saugte. Irgendwie wusste ich, dass es eine Ewigkeit her war, dass er von einem Menschen getrunken hatte. Nun stand der Ägypter in voller Blüte. Goldfarbene Haut, ein feingeschnittenes Gesicht, blauschwarzes Haar und einen wohlproportionierten Körper.

Plötzlich stand Cornelius neben ihm und begann dem Fremden das Hemd des getöteten Mannes anzuziehen. Dieser ließ ihn gewähren und stieg auch in die Hose, die mein Gefährte ihm hinhielt. Danach blickte er an sich hinunter, strich über den Stoff und lächelte uns an. Cornelius vergrub noch die Körper, bevor wir uns wieder in die Lüfte erhoben. Unser Ägypter betrachtete alles erstaunt unter sich.

 

Endlich waren wir in unserem Haus angelangt. Im Wohnzimmer teilte mein Schöpfer ihm nun unsere Namen mit. Er zeigte zuerst auf sich und sprach seinen Namen aus und dann auf mich: „Jessica.“ Danach breitete er den Arm aus und sagte abermals: „Cornelius.“ Der andere nickte und blickte sich um. Wie seltsam musste dies alles für ihn sein? Nun legte er eine Hand auf seine Brust und sagte: „Khamutef.“ Ich lächelte und überlegte nach was dieser Name klang. Könnte schon ägyptisch sein. Khamutef sprach nicht mehr in dieser fremden Sprache mit uns, weil er sicher begriff, dass wir ihn nicht verstehen konnten. Ich spürte jedoch seine geistige Kraft in meinem Kopf. Sicher versuchte er, durch unsere Gedanken, mehr zu erfahren. Dann erregte eine Stehlampe, die brannte, seine Aufmerksamkeit. Er ging darauf zu und berührte vorsichtig die Birne. Cornelius knipste sie einmal aus und wieder an, worauf Khamutef erschrocken zusammenzuckte und wieder die Birne berührte: „Feuer?“ Mein Gefährte schüttelte den Kopf: „Licht.“

„Woher hat er dieses Wort?“, fragte ich.

„Aus unseren Köpfen. Schon die ganze Zeit forscht er in meinem herum. Er versucht, unsere Sprache zu ergründen, und da er sehr alt ist, begreift er auch sehr schnell.“

„Ja, so habe ich in Florenz auch italienisch gelernt“, fügte ich hinzu. Cornelius lächelte: „Gut zu wissen. Dann kann ich mich mit dir auch mal in meiner Muttersprache unterhalten.“ Ich verneinte:

„Das erinnert mich zu sehr an ihn. Lassen wir es lieber.“ Unser Gast schritt inzwischen durch die angrenzenden Räume und Cornelius folgte ihm. Ich überlegte was die Organisation tun würde, wenn sie feststellten, dass ihr Unsterblicher fort war. Vielleicht würden sie herkommen, denn der Boss konnte sich denken, dass ich es war, wo ich die Mumie doch kurz zuvor gesehen hatte. Zum Glück brauchten wir die Polizei nicht zu fürchten, weil die dem Institut zu viele Fragen stellen würde. Khamutef setzte sich am Pool nieder und fasste ins Wasser. Der Chlorgeruch irritierte ihn und er schüttelte sich geekelt. Dann blickte er zu mir herüber mit seinen dunklen, geheimnisvollen Augen, lächelte und winkte mich zu sich. Ich verließ die Terrasse und gesellte mich zu ihm. Als ich neben ihm saß, strich er durch mein Haar und sagte: „Schönes Haar.“

„Danke“, erwiderte ich. Dann streichelte er über meine Schulter, meinen Arm und zog mich plötzlich an sich und küsste mich. Ich war so perplex, dass ich ihn zuerst nicht zurückwies.

Erst als er unter mein T-Shirt fassen wollte, stemmte ich mich gegen ihn: „Lass das!“ Khamutef ließ sich dadurch nicht beirren und drückte mich mit seinem Oberkörper auf die Steinplatten. Ich protestierte: „Hör auf, verdammt!“ Er war viel zu stark für mich und so musste ich wohl deutlicher werden. Wütend fauchte ich ihn an und zeigte meine Zähne. Da begriff er langsam, dass ich es ernst meinte, und wich zurück. Doch er sah mich enttäuscht an und meinte: „Schöne Frau, Jessica.“ Ich zeigte auf mich und dann zum Haus: „Ich bin Cornelius Frau. Verstehst du?“ Khamutef hob beschwichtigend die Hände. Er erkannte anscheinend, dass er ins Fettnäpfchen getappt war und seine Hand legte sich entschuldigend auf meinen Arm. Ich tätschelte sie und sagte: „Schon gut.“ Das frische Blut machte ihn wohl lüstern. Ob er Cornelius ebenfalls begehrte? Gab es das zu seiner Zeit schon?

Ach, ich kam immer auf komische Gedanken. Ich stand auf: „Ich geh hinein zu Cornelius.“ Er schaute zu mir auf und nickte. Cornelius fragte sofort, als ich ins Haus trat: „Was hast du getrieben?“ Ich zuckte zusammen, wegen seinem barschen Ton: „Nichts. Er hat mich total überrumpelt. Meine Abwehr ignorierte er zuerst völlig.“ Mein Geliebter blickte mich ernst an: „Ich will, dass es nicht mehr vorkommt. Du bist meine Gefährtin und er hat seine Finger von dir zu lassen.“

„Okay. Erklär es ihm, sobald er unsere Sprache kann.“ War mein Liebster eifersüchtig? Es behagte ihm überhaupt nicht, was sich zwischen mir und Khamutef abgespielt hatte: „Kennst du keine hübsche Unsterbliche für ihn? Ich glaube, er ist nur so fixiert auf mich, weil ich die einzige Frau hier bin.“ Cornelius sah hinaus zu ihm: „Er scheint in jeder Hinsicht ausgehungert zu sein. Aber zuerst sollen die anderen noch nichts von ihm erfahren.“ Unser Ägypter durchstreifte unseren Garten und ich spürte den Morgen schon. Mit einem innigen Kuss verabschiedete ich mich von Cornelius. „Wir kommen bald nach“, sagte er in die Richtung unseres Gastes schauend. Ich schlief schon fast, als ich den Körper meines Gefährten an meinem spürte. Seine Hand streichelte über meine Seite und ich fühlte die Aura von Khamutef. Er war ganz nah. Schlief er ebenfalls in unserem Bett? Doch ich war zu schwach, um nachzusehen.

 

Am nächsten Abend suchte Cornelius unter seinen Kleidern etwas für unseren Gast aus und zeigte ihm das angrenzende Badezimmer. Er ließ Wasser in die Wanne ein, legte Handtücher auf einem Hocker bereit und zeigte dann in die Wanne: „Baden. Möchtest du?« Khamutef lächelte: „Baden.“ Körperhygiene schien ihm nicht unbekannt zu sein, denn er stieg bereitwillig ins Wasser und begann sich mit dem Schwamm abzureiben. Rührend, wie blind er uns vertraute. Schamgefühl hatte er vor uns nicht, aber das hatten Unsterbliche sowieso kaum. Unser Ägypter sagte auf einmal: „Jessica baden.“ Ich sah zuerst ihn an und dann meinen Gefährten. Der trat nun an die Wanne und zeigte auf sich: „Meine Frau.“ Khamutef blickte zu mir und dann hinauf zu Cornelius und meinte: „Cornelius glücklich.“

„Danke“, antwortete mein Gefährte und ging dann nach oben.

Ich kam kurze Zeit später nach, weil ich unseren Gast nicht länger mit meinem Anblick quälen wollte. „Hoffentlich kann er bald unsere Sprache. Ich möchte zu gern mehr über seine Vergangenheit erfahren.«, meinte ich. Cornelius erwiderte: „Sicher dauert es nicht mehr lange. Ich bin genauso neugierig, wie du.“ Nach einiger Zeit betrat Khamutef, in Cornelius Kleidern, die Wohnräume. Sein Haar war noch feucht vom Wasser und er verströmte den Duft von diversen Toilettenartikeln. Er schien einige ausprobiert zu haben. Mein Schöpfer fragte ihn, ob er sich die Gegend ansehen wolle. Dabei zeigte er auf seine Augen und amte mit der flachen Hand fliegende Bewegungen nach. Unser Gast verstand und nickte erfreut. Mein Gefährte wollte mit ihm allein gehen und sie verließen schließlich das Haus. Ich setzte mich zuerst einmal vor den Fernseher.

 

Als die beiden zurückkehrten, traute ich meinen Ohren kaum. Mein Liebster und unser Gast unterhielten sich in unserer Sprache. Khamutef lächelte freudig, als er ins Zimmer kam und sagte: „Hallo Jessica!“

„Hallo. Wie hast du so schnell gelernt?“, fragte ich erstaunt. Khamutef antwortete: „Cornelius viel erklärt. Merkwürdige Stadt.“ Ich lachte: „Ja, das kann ich mir vorstellen, dass dich diese Dinge verwundern. Weißt du, welche Zeit heute ist?“ Er zog die Stirn in Falten: „Zeit?“ Dann suchte er die Bedeutung in meinem Hirn und schüttelte betrübt den Kopf: „Nein.“ Mein Schöpfer schaltete sich ein: „Wie habt ihr die Zeit denn berechnet?“ Khamutef erwiderte: „In Jahren.“ Cornelius grübelte: „Das bringt nicht viel, weil du sicher vor unserer Zeitrechnung geboren wurdest. Vielleicht erinnerst du dich an Könige oder Bauwerke.“ Unser Gast überlegte: „Tempel. Wir Diener von Osiris.“ Ich fragte: „Wen meinst du mit „wir“?“ Er sah mich verdutzt an: „Wir Bluttrinker. In welchem Reich hier?“ Cornelius führte ihn in seine Bibliothek und holte einen Atlas aus dem Regal. Er schlug darin eine Weltkarte auf: „Schau! Hier ist Ägypten, deine Heimat und hier drüben auf der anderen Seite der Welt ist Amerika.“ Dabei fuhr er mit dem Finger hinüber auf den nordamerikanischen Kontinent, dann langsam zur Westküste und verharrte schließlich bei San Francisco: „Und dies ist unsere Stadt.“ Khamutef machte es ihm nach. Cornelius erklärte weiter: „Das ist das Mittelmeer, Griechenland, Türkei, Italien. Römisches Reich. Sagt dir das etwas?“ Unser Ägypter verneinte. Nur die beiden Flüsse Euphrat und Tigris waren ihm geläufig. Mein Schöpfer fragte noch: „Welcher Pharao herrschte zu deiner Zeit?“

„Pharao?“

„Der König“, verbesserte sich Cornelius. Khamutef nickte: „Hor Aha.“

„Ich versuche herauszufinden, wann er regierte. Dann wissen wir dein Alter.“ Und mein Gefährte schaltete den Computer an. Unser Gast näherte sich neugierig: „Was für ein Apparat?“ Cornelius erwiderte: „Eine Art Beantwortungsmaschine. Man kann sie Dinge suchen lassen, die man wissen will. Ich schreibe den Namen des Königs hinein und sie sucht, was von ihm bekannt ist.“ Der Ägypter betrachtete gebannt den Bildschirm. Nach kurzer Zeit erschien eine Latte von Ergebnissen. Ich war sehr gespannt. „Eure Schrift?“, fragte er und fuhr mit dem Finger über die Zeilen.

„Ja. Sie besteht aus Buchstaben und je einer steht für einen Laut. Mehrere Buchstaben ergeben ein Wort und einige Wörter einen Satz. Eure ägyptische Schrift wurde erst vor 160 Jahren entschlüsselt und man kennt sie heute noch.“ Khamutef lächelte stolz. Dann sah Cornelius ihn zuerst ungläubig, dann ehrfürchtig an: „Du scheinst fünftausend Jahre alt zu sein. Der König Hor Aha oder Menes lebte dreitausend vor Christus. Ist dir diese Zahl ein Begriff?“ Der Ägypter dachte nach, murmelte in seiner Sprache und blickte uns dann bestürzt an. „Du bist der älteste Unsterbliche auf der Welt.“ Dabei neigte mein Schöpfer den Kopf und sagte: „Es ist eine Ehre, dass du unser Gast bist.“ Dieses Verhalten verwunderte den Ägypter: „Alle Bluttrinker gleich vor Gott Osiris. Ob schon lange sein Diener oder kurz.“ Cornelius lächelte: „Heute nicht mehr. Die Ältesten sind die Mächtigsten und verdienen mehr Respekt. Weißt du, wie lange du gedient hast?“ Khamutef antwortete: „Zweihundert Jahre.“ Dann wollte er unser Alter wissen. Bei mir spürte er, dass ich noch sehr jung war. Also, interessierte ihn mehr Cornelius Alter. Dreihundertfünfzig mussten für ihn lächerlich klingen, aber er schien meinen Gefährten dafür zu bewundern. Er hatte sich nach diesen zwei Jahrhunderten in den Schlaf begeben müssen. „Warum solltest du das tun?“, fragte ich Khamutef. Er antwortete: „Unser Glauben starb. Für uns keinen Platz mehr unter dem Volk. Wir wollten zu Schöpfer eingehen. Ich konnte nicht in Sonne um zu sterben, weil sie zerstört. Mein Körper unversehrt für Reise in Totenreich. Dann der ewige Schlaf besser und Osiris würde wecken. Priester vorbereiten Begräbnis. Ich lag auf Holzbahre und Priester schnitten mit Messer meine Arme und Beine auf. Blut floss in vier Krüge. Dann sehr schwach und Dunkelheit. Ich glaubte, Osiris mich mit einem Schluck seines Blutes wieder aufwecken.“ Cornelius lächelte: „Darin steckt ein Funke Wahrheit, wie in den meisten Legenden. Blut erweckt uns wieder. Doch war es meines.“ Khamutef nickte: „Ich danke dir. Musste so lange warten auf Auferstehung.“ Ich bemerkte: „Wo sind deine Wunden von diesem Ausbluten? Du hattest keine, als ich dich das erste Mal sah.“ Er zuckte die Achseln, und mein Gefährte wandte ein: „Wahrscheinlich regenerieren wir uns sogar im Koma. Vermutlich sehr langsam. Nun, fünftausend Jahre haben wohl ausgereicht.“ Das alles war absolut aufregend. Welche Mächte besaß unser Gast? Sicherlich war er sich selbst nicht klar darüber. Er hatte nur zweihundert Jahre gelebt, bevor er schlief. Er wusste überhaupt nicht, zu was er fähig war. Vielleicht konnten wir ihm dabei helfen, seine Kräfte zu erproben. Unser Gast kam zu der Erkenntnis, dass sein Glaube falsch war. Kein Totengott erweckte ihn und er trat keine Reise ins Totenreich an. Die Welt war völlig fremd geworden und seine Kultur war untergegangen.

 

Als ich einige Nächte später aufwachte, hielt mich Khamutef im Arm. Zur Begrüßung küsste er meine Wange und wich dann zurück, um mich aufstehen zu lassen: „Cornelius ist fortgegangen zum Jagen. Ich musste damals nichts dergleichen tun. Die Priester brachten uns die Opfer in den Tempel. Junge, gesunde und schöne Menschen, denn wir sollten nur das beste Blut bekommen.“ Ich kramte in meinem Kleiderschrank: „Keine Sorge. Cornelius wird dir seine Plätze zeigen, wo du jagen darfst. Jeder Unsterblicher hat sein eigenes Gebiet und nur da darf er sich Menschen aussuchen. Heutzutage müssen wir unsere Art vor den Sterblichen verbergen. Sie dürfen nicht wissen, dass es uns gibt. Verstehst du?“ Khamutef wurde nachdenklich: „Seit wann ist das so?“

„Oh, schon sehr lange. Bestimmt tausend Jahre. Ich denke, es begann mit der christlichen Religion. Wir Bluttrinker, wie du uns nennst, wurden darin zum Bösen und die Menschen begannen uns zu verfolgen und zu vernichten. Jetzt heute, sind wir nur noch Fantasiegestalten. Die Mehrheit glaubt nicht an unsere Existenz und das ist auch besser so. Deswegen bemühen wir uns nicht aufzufallen.“ Er musterte meinen nackten Körper und seine Augen verrieten Erregung: „Du bist so schön, Jessica. Gibt es viele Frauen, die Bluttrinker sind?“

„Ja, ich denke, sicher genauso viele wie Männer. Wie war das bei dir damals?“ Er antwortete: „Nur Männer wurden zu Untergöttern. Es gab Konkubinen im Tempel, aber sie waren menschlich. Wir durften mit ihnen zusammenliegen.“ Irgendwie tat er mir leid, dass er seine Lust noch nicht ausleben konnte. Vielleicht sollte ich ihn mit einer Sterblichen verkuppeln. Das war er ja von früher gewohnt. Obwohl es mich selbst reizen würde mit ihm zu schlafen. Mit einem so Alten und attraktiv war er auch. Aber wie würde mein Liebster darauf reagieren, wenn ich mit unserem Gast ins Bett steigen würde? So eifersüchtig wie er schon bei der unfreiwilligen Kussszene am Pool war. Khamutef schien meine Gedanken zu hören, so wie er mich abwartend ansah. Dann sagte er: „Du bist Cornelius einzige Frau. Warum?“ Ich war verwirrt: „Wie warum?“

„Er besitzt ein großes, prächtiges Haus. Er könnte sich sicherlich einige nehmen. In Ägypten konnte ein Mann mehrere Frauen haben.“ Ich wurde ärgerlich: „Das will er nicht. Er liebt nur mich. Wir sind auch nicht verheiratet. Wir leben zusammen.“ Er nickte: „Dann bist du seine Hauptfrau. Du dürftest über die anderen bestimmen, wenn er Nebenfrauen hätte.“ Ich entgegnete mürrisch: „War das so?“ Khamutef stieg nun ebenfalls aus dem Bett: „Ja und nach den Nebenfrauen kamen die Sklavinnen. Auch die Kinder der Hauptfrau waren mehr wert, als die der Nebenfrauen.“

„Was hattest du eigentlich für ein sterbliches Leben?“ Solange ich mich anzog, erzählte er: „Ich war Schreiber und wohlhabend. Ich lebte mit meiner ersten Frau, zwei Nebenfrauen und Sklaven in einem ansehnlichen Haus. Kinder hatte ich vier. Drei Söhne und eine Tochter. Ich hatte ein zufriedenes Leben. Eines Tages wurde ich in den Tempel des Osiris nach Abydos geschickt, um religiöse Texte abzuschreiben. Die Arbeiten dauerten Wochen. In dieser Zeit sah ich, was hier vorging. An manchen Tagen kamen nachmittags reichgeschmückte Jünglinge und Mädchen an, die ich danach nie wieder sah. Nur die Priester durften den Tempel betreten. Wenn ich bis nach Sonnenuntergang in der Bibliothek arbeitete, kamen manchmal fremdartige, hellhäutige Männer herein, um in den Papyri zu lesen. Heute weiß ich, dass es die Untergötter waren. Es waren nicht nur Ägypter unter ihnen, deshalb fremdartig. Manche hatten helles Haar und blaue Augen. Als meine Arbeit endlich erledigt war, fragte mich einer der Priester, ob ich mein Leben Osiris weihen wolle. Er erklärte mir, dass ich alles aufgeben müsste und danach verwandelt wäre. Ich müsste mich vor dem Sonnengott verstecken, der mich mit seinen Strahlen töten würde und ich könnte nur Opferblut trinken. Dafür würde ich ewiges Leben bekommen, keine Krankheit könnte mich heimsuchen, ich würde sehr stark werden und ich bekäme die Gabe des Geistes. Das klang alles sehr verlockend. Aber zuerst musste ich meine Familie versorgt wissen, bevor ich zu meiner Weihe ging.“

„Hattest du Angst davor?“ Er lächelte: „Ich wusste ja nicht, wie es geschehen würde. Wie ich mich in einen Gott verwandeln sollte. Ich dachte an Zaubersprüche und Tränke. Vor der Zeremonie wurde ich reich mit Gold geschmückt, geschminkt und in das feinste Leinen gekleidet. Genauso präsentierte sich der Gott, vor den ich geführt wurde. Die Priester wurden von ihm hinausgeschickt und ich war nun mit diesem blasseren Wesen mit den funkelnden Augen allein. Er schien die paar Schritte, die uns trennten, auf mich zu zuschweben und dann stand er vor mir. Seine kalten Hände legten sich auf meine Schultern: „Willst du Osiris dienen, Khamutef?“ Als ich bejahte, presste er mich an seine harte Brust und ich fühlte den Biss in meinem Hals. Aus Reflex wehrte ich mich dagegen, aber seine gedankliche Stimme erreichte mich: ‚Beruhige dich! Du wirst nun das göttliche Blut empfangen. Dafür muss ich dir zuerst dein Menschliches rauben.‘ Ich ließ es geschehen. Ertrug die zunehmende Schwäche und als ich fast tot am Boden lag, schmeckte ich das Blut in meinem Mund. ‚Trink nun Osiris Blut, so viel du vermagst.‘ Solange ich trank, sah ich Bilder des Tempels, der Wüste, der nächtliche Nil und die Sterne.

Als mein erstes Opfer wurde mir ein schöner Jüngling dargebracht. Ich war abermals feierlich gekleidet, genauso wie er. Diesmal war ich der Gott und der junge Mann betrachtete mich ganz ehrfürchtig. Danach war ich erstaunt, dass Blut trinken, so erregend war. Die Priester führten mich nach meinem Mahl in ein Schlafzimmer. Dort erwartete mich eine wunderschöne Frau, mit der ich mich vergnügen durfte. Uns erging es sehr gut im Tempel.“

„Das glaub ich“, sagte ich grinsend. Inzwischen waren wir beide angezogen und begaben uns nach oben. Sicher war es, schön so verehrt zu werden. Trotzdem war die Vorstellung merkwürdig, dass unsere Art einmal, wie die Mönche lebte.

 

Khamutef probierte zurzeit seine Fähigkeiten aus. Er hatte im Komaschlaf weitere erlangt und wir hatten ihn ermutigt, es auszuprobieren. Gegenstände schweben lassen bereitete ihm kein Problem und er konnte Lebewesen mit seiner geistigen Kraft töten. Wenn er die unsichtbare Faust, wie diese Fähigkeit in unseren Kreisen auch genannt wurde, auf ein Tier schleuderte, zerriss es die Adern. Bei Menschen versuchte er es nicht, weil er nach seinem Glauben nur ihr Blut trinken durfte. Also, nur aus Hunger töten durfte. Papier und Holz konnte er ebenfalls in Flammen aufgehen lassen. Er begriff die moderne Welt sehr schnell. Ich denke, es lag an seiner Kultur, dass sie schon so hoch entwickelt war. Er kannte unsere Zeitrechnung, denn zu seiner Zeit rechneten die Ägypter bereits in dreihundertfünfundsechzig Tagen für ein Jahr und sie kannten Mathematik. Brüche und Formeln für ihre Bauwerke. Unser Freund war sogar älter als die Pyramiden. Er kannte sie noch gar nicht. Als sie erbaut wurden, schlief er schon Jahrhunderte. Bevor er ins Koma ging, baute sein Volk Mastabas aus Ziegelsteinen als Grabstätte. Cornelius brachte ihm gerade das Lesen unserer Schrift bei. Das bereitete ihm kaum Schwierigkeiten, sobald er das Prinzip verstanden hatte. Er versuchte auch, selbst zu schreiben. Freudig präsentierte er mir meinen Namen und meinte, dass unsere Schrift einfach wäre. Nur Linien und Bögen. Er musste früher Bilder zeichnen. Das feine Papier verdiente seine Bewunderung und dass man aus Holz so etwas herstellen konnte. Es blieb auch viel länger weiß, als Papyrus.

Seit der Frau im Park hatte Khamutef nichts mehr zu sich genommen. Wie lange er es wohl noch aushielt? Inzwischen waren bereits drei Wochen vergangen. Brauchte er womöglich gar kein Blut mehr, um zu existieren? Das wäre der Idealzustand, fand ich. Gar keine Nahrung mehr zu benötigen. Aber ich glaubte in Wirklichkeit nicht daran. Unser Gast würde irgendwann trinken müssen und wenn es erst in Monaten wäre.

 

Es verstrichen insgesamt sechs Wochen, bis Khamutef sagte, dass er hungrig sei und Cornelius begleitete ihn zur Jagd. Er würde ihm zeigen, wie wir es heutzutage taten. Jack wusste inzwischen über unseren Gast per E-Mail Bescheid. Er fand das alles genauso faszinierend wie wir und stellte viele Fragen zu dem Ägypter. Cornelius oder ich stillten seinen Wissensdurst. Die beiden Männer kehrten nach einiger Zeit zurück. Khamutef hatte seine dunklere Hautfarbe zurück, jedoch wirkte er ungeduldig und an seinen Blicken, erkannte ich seine Absichten. Ich nahm meinen Gefährten zur Seite: „Geh doch mit ihm in eine Bar und reiß eine Sterbliche für ihn auf. Er starrt mich schon wieder so an.“ Er erwiderte: „Geh du zu ihm. Wenn ich mich nicht irre, würde dir das doch gefallen.“

„Meinst du das jetzt ernst? Ich möchte dich aber nicht verletzen.“ Cornelius lächelte: „Das tust du nicht. Es ist sozusagen für einen guten Zweck.“ Irgendwie war ich mir unsicher, was ich tun sollte. Natürlich reizte mich der Beischlaf mit dem uralten Unsterblichen. Er war allein schon durch seine Aura sehr attraktiv für mich und äußerlich war er genauso ansprechend. Exotisch! Warum schlug ausgerechnet Cornelius so etwas vor? Nun ging ich zu unserem Gast, setzte mich neben ihn aufs Sofa und übermittelte ihm per Gedanken, dass mein Schöpfer es erlauben würde. Khamutef reagierte sehr stürmisch, drängte mich sofort auf die Sitzfläche, küsste mich und schob mit den Händen mein Kleid nach oben. Ich versuchte, ihn zu bremsen: „Nicht hier! Lass uns in ein Zimmer gehen.“ Er richtete sich wieder auf und zog mich mit sich empor ohne mit seinen Liebkosungen aufzuhören. Seine Zärtlichkeiten waren sehr erregend. Er trug mich dann auf seinen Armen in eines der oberen Schlafzimmer. So schnell, dass ich mich wieder als Sterbliche fühlte. Kaum lagen wir auf dem Bett, gab es für Khamutef kein Halten mehr. Er riss mir den Slip von den Beinen, drängte sich zwischen meine Schenkel und biss in meine Kehle. Oh, er war so stark. Erinnerungen an Magnus Raubtiernummer wurden wach. Ich umklammerte seine Hinterbacken mit meinen Beinen und zog ihn enger an meine Hüfte. Kurz darauf war ich schon soweit. Ich konnte mich nicht mehr länger zurückhalten. Mal was anderes, dass die Frau zu früh kam. Lag das an seinem Alter? Er bewegte sich noch kurze Zeit, bevor auch er am Ziel war. Er schien es wirklich sehr nötig gehabt zu haben. Nun lagen wir nebeneinander und er führte meine Hand über seinen Körper und seufzte genüsslich. Als er dann begann meine Brüste zu streicheln, zu küssen und seine Hand zwischen meine Beine zu schieben, wurde ich sofort wieder willenlos und schloss die Augen. Auf einmal drehte er mich auf den Bauch und zog mein Becken an seines. Ich spürte ihn hineinstoßen, als ich auf den Knien kauerte. Diesmal biss er mich in den Nacken und unser Akt dauerte auch länger. Khamutef war ein sehr stürmischer und fordernder Liebhaber. Wahrscheinlich war es zu seiner Zeit üblich, dass die Frau gefügig zu sein hatte. Cornelius hatte das Grundstück verlassen. Er wollte vermutlich von unserer Liebelei nichts hören. Ich fragte meinen Bettgenossen: „Hat es dir gefallen?“ Er lächelte: „Ja.“ Nachdem er mir einige Zeit in die Augen geblickt hatte, sagte er: „Schöne Augen. Wie bei einer Katze.“ Ich erwiderte: „Genau. Grüne Augen.“

„Ich möchte gern mehr von unserer Art sehen. Ist das möglich?“, sagte er. Ich nickte: „Ja, klar. Ich könnte mit dir zu einem Treffpunkt gehen, wo auch getanzt wird. Morgen?“ Khamutef lächelte erfreut: „Ja, morgen.“

 

Am nächsten Abend suchte ich für unseren Gast die Klamotten aus. Er durfte für den Club nicht zu edel gekleidet sein. Ich reichte ihm eine Jeans und ein helles Hemd. Darin sah er wirklich gut aus und schließlich zogen wir los. Khamutef folgte mir über die Dächer und betrachtete interessiert das Geschehen unter sich.

Bald tauchte das Flachdach unter uns auf, von dem aus, man in den Club gelangte. Die Schwingungen der Artgenossen wurden stärker, woraufhin Khamutef konzentriert nach unten sah. Wir setzten schließlich auf und er folgte mir zum Eingang. Der Türsteher musterte uns kurz und wich dann ehrerbietig zurück, als er meinen Begleiter ansah. Er spürte Khamutefs starke Ausstrahlung. Drinnen verfolgten ihn viele Augen, weil die anderen ebenfalls seine Aura spürten und es ungewöhnlich war, dass sehr Alte einen Club besuchten. Mir war das unangenehm, so beobachtet zu werden, aber Khamutef blieb gelassen. Er ließ seine Blicke interessiert über die Leute und die Einrichtung wandern.

Hier bedienen wir uns der Gedankensprache‘, sagte ich zu ihm. Er schritt zur Tanzfläche, um den Tanzenden zuzusehen: ‚Merkwürdige Musik! So hart.‘ Ich lächelte nur. Allmählich wippte er mit dem Rhythmus mit und irgendwann wagte er sich auf die Tanzfläche. Ich tat es ihm gleich.

Einige Songs später, verließ ich die Fläche wieder. Mein Begleiter schien noch nicht genug zu haben. Ich lehnte mich an eine Säule und sah, dass Khamutef mit einer Frau redete. So, so. Die erste Anmache. Unser Ägypter folgte der Frau und übermittelte mir: ‚Ich bin bald zurück.‘ Vielleicht ganz gut, wenn er eine andere fand, mit der er sein Verlangen ausleben konnte. Er schien in jeder Hinsicht ausgehungert zu sein. Nach einiger Zeit kam Khamutef strahlend zurück. Die Nummer schien ihm wohl gefallen, zu haben.

Schließlich kehrten wir nach Hause zurück. Cornelius fragte unseren Gast, was er von einer Reise in seine ursprüngliche Heimat halten würde. Er zeigte Khamutef Bilder von den historischen Stätten in einer Zeitschrift. „Ich würde mit dir hinfliegen. Das wäre sicher interessant für dich.“

Unser Ägypter betrachtete die Bilder eine Weile und nickte dann: „Ja, das würde ich gerne sehen. Mein Land!“ So machte sich mein Gefährte sogleich an die Planung der Reise. Flüge buchen, Hotelzimmer reservieren. In einer guten Woche sollte es schon losgehen. Ich blieb hier, weil Cornelius das allein mit unserem Gast machen wollte. Ich ließ ihm den Spaß und jemand musste auch ein Auge auf unser Revier werfen. So verwaist, lockte es schnell Jüngere an, die sich darin breitmachten.

 

Letztendlich war der Abend gekommen, an dem sie abreisten. Cornelius bekam innige Küsse zum Abschied und Khamutef nur einen kurzen. Dann fuhr die Limousine mit ihnen fort. Da wusste ich noch nicht, dass Khamutef in Ägypten bleiben würde und ich ihn so nie wiedersehen würde.

 

 

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