13. Siebzehn

Natürlich hätte Toni jetzt sofort umdrehen und zurück zur Burg gehen müssen um seinen schon mit dem Tod ringenden Plan noch einigermaßen zu retten.

Hätte er grade einen klaren Kopf gehabt, dann wäre ihm das auch aufgefallen und dann hätte er sich Gedanken machen müssen, wie er es ohne eigene Taschenlampe und ohne sich zu verirren zurückgeschafft hätte. Aber das Einzige, wozu sein Gehirn jetzt in der Lage war, war die Szene von vorhin, obwohl sie nicht länger als zwanzig oder dreißg Sekunden gedauert hatte, immer und immer wieder vor seinem inneren Auge abzuspielen: wie er die Hand auf Gregors Arm legte, Gregors überraschter Gesichtsausdruck und dann der nur den Bruchteil einer Sekunde dauernde Kuss.

Und während er hinter Kara und Simon herstapfte wurde dieser sekundenlange Film immer und immer wieder abgespielt und erst ein etwas heftiger Stoß in die Seite ließ ihn wieder zu sich kommen. Sie waren zurück im Dorf, vor ihnen lag die Feuerstelle und Simon kniete bereits auf dem Boden und war damit beschäftigt, das Feuer in Gang zu bringen und neben Toni stand Kara, die ihn grade unsanft angestoßen hatte.

"Hallo, Erde an Toni, ist da jemand?" rief sie und es dauerte einen Moment bis Toni seine Gedanken wieder soweit unter Kontrolle hatte, dass er zu einer Antwort in der Lage war. "Ja klar ist hier jemand!" erwiderte er und Kara lachte einmal: "Aber auch erst, nachdem ich zum zweiten Mal nachgefragt hab. Der dunkle Wald scheint dir ja wirklich nicht gut zu bekommen, du Stadtkind. Komm, ich geb dir jetzt mal Medizin gegen das Gruseln." Sie hakte Toni unter und zog ihn mit sich.

Toni hatte sich inzwischen wieder völlig gefangen und fing an, sich über den Eindruck, den er auf Kara gemacht hatte zu ärgern. Er ließ sich zwar weiter von ihr mitziehen, aber erwiderte fest: "Ich grusel mich nicht, das hab ich die ganze Zeit schon nicht! Es ist halt nur viel dunkler wenn nicht überall Laternen rumstehen und da musste ich mich eben erst mal dran gewöhnen."

Kara lachte wieder. "Ok, ok. Aber willst du das Bier, das ich dir geben wollte, trotzdem?"

"Ja klar," schoss es aus Toni heraus. Alkohol wäre jetzt sicher genau das Richtige, um sein völlig aufgewühltes Innenleben wieder zu beruhigen. Er setzte sich auf einen von den drei Baumstämmen, die um die Feuerstelle herum angeordnet waren, während Kara in einer dunklen Hausruine verschwand und kurz darauf mit zwei geöffneten Flachen Bier in der Hand wiederkam. Sie drückte Toni eine in die Hand und setzte sich dann mit der anderen neben ihn. Sie stießen an und dann nahm Toni einen tiefen Schluck, nach dem er sich tatsächlich etwas besser fühlte.

Seine Finger schlossen sich um das kühle Glas. Er war froh, dass er etwas hatte, an dem er sich festhalten konnte, denn in diesem Moment kamen die anderen mit Zweigen beladen zurück und legten sie in der Nähe der Feuerstelle ab, wo es Simon inzwischen gelungen war, eine kleine Flamme zu entzünden, die rasch größer wurde.

Toni wollte Gregor eigentlich nicht ansehen, am liebsten nie wieder. Aber als er als Vorletzter mit seinen gesammelten Zweigen im Arm auftauchte, da zog er Tonis Blick wie magnetisch an und ihm wurde in dieser Sekunde klar, wie angreifbar er sich durch diesen Kuss gemacht hatte. Er versuchte verzweifelt an Gregors Gesichtsausdruck zu erkennen ob er wütend war. Denn er könnte sich jetzt einfach hinstellen und sagen, Toni habe ihn geküsst und dann würde Toni im Ansehen aller gleich auf die allerniedrigste Stufe sinken. Es würde ihm so gehen, wie dem Typen aus der Parallelklasse, der sich geoutet hatte und mit dem jetzt so gut wie niemand was zutun haben wollte und über den alle, besonders Max, immer absolut miese Witze rissen.

Und Kara und die anderen waren eigentlich total in Ordnung, sodass Toni auf keinen Fall wollte, dass sie ihn gleich hassten. Trotz des Feuers wurde ihm eiskalt und er umklammerte die Bierflasche so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Gegors Miene war in dieser totalen Dunkelheit und nur beleuchtet durch den Feuerschein nicht zu deuten und Toni saß angespannt wie eine Sprungfeder da um sofort aufzustehen und wegrennen zu können, wenn Gregor etwas sagte.

Sein Herz klopfte heftig und zwar rasten die Gedanken in seinem Kopf herum, aber kein einziger davon erinnerte ihn daran, wie Gregor gesagt hatte, dass seine Leute mit soetwas kein Problem hatte. Also saß Toni wie erstarrt da, während Gregor seine Zweige zu denen der anderen legte, ein Bier in die Hand gedrückt kam und sich dann mit Henrike unterhielt, ohne auch nur einmal den Kopf in Tonis Richtung zu drehen.

Auch später beachtete er Toni nicht aber der brauchte trotzdem noch zwei Bier, um sich wieder soweit zu entspannen, dass er sich an den Gesprächen um ihn herum beteiligen konnte.

Durch das Lagefeuer verloren die Dunkelheit und die verfallenen Ruinen ihre Gruseligkeit und sie wurde durch etwas ersetzt, für das Toni keinen Namen hatte, aber sich sehr angenehm anfühlte. Und als Phillip schließlich seine Gitarre rausholte und anfing zu spielen und die anderen mitsangen, wenn sie das Lied kannten, da wurde er endgültig von dieser Atmosphäre gefangen genommen.

Ohne, dass er sich selbst davon abhalten konnte, wanderten seine Blicke wieder zu Gregor, der ihm gegenüber saß, aber nicht, weil er Angst hatte, dass er den anderen von dem Kuss erzählte. Die Angst und die Anspannung waren verschwunden. Nein er sah Gregor einfach an, weil er ihn gerne ansah und als sich ihre Blicke dann schließlich trafen, da sah Toni nicht weg. Ebensowenig wie Gregor, sodass sie sich eine ganze Weile über das Feuer hinweg ansahen und als Gregor lächelte, da erwiderte Toni das Lächeln, während sein Herz einen Hüpfer machte. Und in diesem Augenblick war es ihm absolut egal, ob das gegen seinen Plan verstieß. Jetzt in dieser Sekunde war es einfach nur wunderbar.

Das böse Erwachen kam dann aber, als das Feuer heruntergebrannt war und Phillip seine Gitarre zur Seite legte um es zusammen mit Jens und Gregor endgültig zu löschen. Die anderen machten ihre Handytaschenlampen an um ihnen dabei zu leuchten und Toni wurde mit einem Ruck aus der kleinen unkomplizierten Welt gerissen, in der er für ein paar Stunden gewesen war. Jetzt fühlte sich die Starrerei mit Gregor mehr als unangenehm an und Toni hoffte inständig, dass sie keiner dabei gesehen hatte. Er lauschte unauffälig den Gesprächen um sich herum, aber zu seiner Erleichterung wurde es von niemandem auch nur ansatzweise erwähnt.

Vielleicht war er jetzt noch davongekommen, aber er würde das Risiko kein zweites Mal eingehen. Wenn er zuhause war, würde er erst einmal Lydia anrufen, er war erschrocken als ihm klar wurde, dass er sich, bis auf die paar Fotos, die er ihr vom Ausflug geschickt hatte, heute noch gar nicht bei ihr gemeldet hatte. In diesem Moment ärgerte er sich zum ersten Mal, dass er sein Handy vergessen hatte und er wollte jetzt nur noch so schnell wie möglich zurück zur Burg.

Das war der eine Grund wieso er, als sie auf dem Rückweg waren, ganz vorne bei Henrike und Jens lief. Der andere war, dass er unbedingt vor Gregor auf der Burg sein wollte, was hieß, er brauchte einen großen Abstand.

Er brachte den Weg aus dem Wald hinter sich, ohne groß zu stolpern und verabschiedete sich dann hastig von seinem Grüppchen. Danach ging es dann allerdings nicht mehr so schnell voran, weil er jetzt absolut kein Licht mehr hatte und die völlige Dunkelheit nicht nur erschreckend war, sondern ihm auch den Aufstieg auf den Berg etwas erschwerte.

Er verlor wertvolle Sekunden und als Gregor ihn schließlich von hinten mit seiner Taschenlampe anleuchtete und "Warte mal!" rief, da wusste er, dass er verloren hatte und es ärgerte ihm maßlos. Er blieb zwar nicht stehen, ging aber etwas langsamer, schließlich würde Gregor ihn jetzt ja sowieso einholen. Er schloß dann auch innerhalb von einer halben Minute zu ihm auf und Toni musste sich jetzt ziemlich anstrengen um das Tempo, das er die ganze Zeit gehalten hatte, auch weiterhin halten zu können, denn auf keinen Fall wollte er jetzt zurückbleiben. Seite an Seite mit Gregor zu gehen reichte schon.

Sie liefen eine ganze Weile schweigend nebeneinander her und die Geräusche ihrer Schritte waren die einzigen weit und breit.

Aber natürlich würde Gregor noch über den Kuss sprechen wollen, davon war Toni fest überzeugt. Deswegen fing alles in ihm an, sich nur noch auf Gregor zu konzentrieren und bei jedem Atemzug den er tat spannte Toni sich immer mehr an, bis er schließlich die Zähne so fest aufeinanderbiss, dass es  nach einer Weile anfing wehzutun, und seine Hände zu Fäusten ballte.

Gregor ließ sich Zeit, bis sie die Straße zur Burg erreicht hatten. "H...hast du eigentlich mal an mich gedacht?" fragte er dann schüchtern und jetzt war endlich die Gelegenheit gekommen, bei der Toni seine ganze Anspannung rauslassen konnte. "Warum um Himmelswillen sollte ich auch nur eine Sekunde an dich gedacht haben!?" schrie er Gregor an und blieb erbost stehen. "Ich habe eine Freundin, bei uns läuft alles bestens und du bist mir echt scheißegal! Und ich hab absolut keinen Bock drauf, dich noch einmal zu sehen!"

Nach diesen Worten stampfte er immer noch mit mit geballten Fäusten, an Gregor, der ein paar Zentimeter vor ihm ebenfalls stehengeblieben war, vorbei. Jetzt brauchte er kein Licht mehr, hier gab es Straßenlaternen und auch im Burghof brannten ein paar Lampen.

Leider war es noch nicht so spät, dass alle Hausbewohner schon schliefen und als Toni eintrat, wurde er von Nadja empfangen, die am Küchentisch saß.

"Da ist er ja," rief sie und strahlte ihn an. "Ich bin ganz überrascht, dass du das Abendessen ausfallen gelassen hast. Du wirst uns noch vom Fleisch fallen!"

Toni zwang sich zu einem Lächeln und bemerkte nach einem schnellen Rundumblick erleichtert, dass weder Peter noch seine Mutter zu sehen waren.

Seine Anspannung löste sich langsam wieder auf und jetzt, wo Nadja Essen erwähnt hatte, war gleich wieder ein riesiges Loch in seinem Magen und es war ihm egal, dass sie  anfing laut  zu lachen, als er fragte, ob noch etwas vom Abendbrot da war.

Sie stand auf und ging zum Kühlschrank. "Natürlich ist noch was da, schließlich kenn ich ja meinen Gast."

Also bekam Toni sein Abendessen und Nadja setzte sich zu ihm an den Tisch, während er aß. "Wo bist du denn heute gewesen?" erkundigte sie sich und Toni erzählte ihr kurz angebunden von dem Lagerfeuer.

Nadja stützte den Kopf in die Hände. "Ich hab mir schon gedacht, dass sich die Jugendlichen da rumtreiben, obwohl es eigentlich verboten ist. Aber was macht man nicht alles für Sachen, wenn man jung ist?! Wenn ich da an meine Jugend denke..." Ihr Blick schweifte ab und Toni hütete sich, sie zu fragen, was sie damals alles gemacht hatte, sondern beeilte sich, sein Brot zu essen.

Schließlich war Nadja diejenige, die seiner Mutter diese dummen Flausen mit Gregor und ihm in den Kopf gesetzt hatte, was das ganze Elend, in dem Toni sich grade befand, überhaupt erst in Gang gesetzt hatte. Das Risiko, dass ihr das jetzt wieder einfiel und sie ihn nach Gregor fragte war ziemlich hoch und Toni wollte unbedingt vermeiden, dass das passierte. Deswegen stopfte er sich die letzten Reste in den Mund und stand vom Stuhl auf.

"Ich geh ins Bett, gute Nacht," quetschte er hervor, bevor er die Treppe hochlief, in das Gästezimmer trat und die Tür leise hinter sich schloß. Dann schnappte er sich sein Handy, das auf dem Nachttisch lag. Er hatte zwei verpasste Anrufe von Lydia und ein halbes Dutzend Nachrichten von ihr und er beeilte sich, sie anzurufen.

Sie unterhielten sich fast eine Stunde lang und danach war Toni sich sicher, dass er sich jetzt besser fühlte aber das hielt nur so lange an, wie er noch nicht im Bett lag, um zu schlafen. Denn so einfach wie aus ihr herausgezogen zu werden war es nicht, in seine bröckelige Festung der Selbstverleugung zurückzukehren. Während er sich im Bett herumwälzte musste er wieder an den Kuss denken. Die Erinnerung hatte in den Stunden, die dazwischen lagen, nichts von ihrer Lebhaftigkeit verloren und auch, wenn Toni dagegen anzukämpfen versuchte fühlte es sich nach wie vor gut an. Richtig gut.

Und dann der Weg zurück, als er Gregor so angeschrieen hatte. Was Toni jetzt so unglaublich Leid tat, dass er am liebsten auf der Stelle zu ihm gegangen und sich bei ihm entschuldigt hätte. Was er natürlich nicht tat. Nicht nur, weil Gregor jetzt sicherlich in seinem Bett oben in seinem Turmzimmer lag und damit unerreichbar für ihn war, sondern auch, weil ein Teil in ihm immer noch kämpfte, diese Gefühle zu verdrängen.

Es war ein verzweifelter Kampf und es war klar, dass er verloren gehen würde. Denn sonst wäre Toni nicht zwischen diesen beiden Szenarien aufgerieben worden, bis er das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen und von den vier Wänden um ihn herum erdrückt zu werden. Er musste hier sofort raus, sonst würde er explodieren.

Er stand auf und es war ihm völlig egal, dass er seine Schlafsachen noch anhatte. Er wollte nur noch raus hier. Er schlich sich nach unten ohne Licht anzumachen, zog sich seine Schuhe an und öffnete die Tür. Die kühle Luft, die ihm entgegenschlug fühlte sich wunderbar an und Toni tat ein paar tiefe Atemzüge .

Er trat nach draußen und stand dann einen Moment vor dem Haus. Der ehemalige Burghof, der jetzt ein Parkplatz war, lag verlassen vor ihm und es brannten nur noch vereinzelt Lampen. Die hinteren Häuser wurden nicht von ihrem Licht erreicht und waren nichts als riesige schwarze Schatten. Wie die Ruinen in dem Dorf, bevor sie mit ihren Taschenlampen und dem Lagerfeuer gekommen war.

Toni vermisste die Stimmung, in der er sich befunden hatte, als sie alle auf den Baumstämmen gesessen hatten. Da war es einfach gewesen Gregor anzusehen und sich selbst einzugestehen, dass es sich gut anfühlte, aufgrund der simplen Tatsache, dass da Gefühle im Spiel waren. Was sie eigentlich die ganze Zeit schon gewesen waren, Toni hatte nur irgendwann gelernt, sie zu verdrängen und darin war er sehr erfolgreich geworden.

Denn wenn er nicht erfolgreich wäre, dann würde er seine Freunde verlieren und ganz alleine dastehen. Wie der Junge aus seiner Schule. Lydia würde dann natürlich auch nichts mehr von ihm wissen wollen und ganz alleine dazustehen war das Schlimmste, das Toni sich vorstellen konnte.

Deswegen war es vielleicht so einfach, zuhause zu verdrängen, was er wirklich fühlte, während er es hier von Anfang an nicht geschafft hatte. Und überhaupt, wenn er grade schon so ehrlich zu sich selbst war, dann konnte er sich ja jetzt auch eingestehen, dass er gar nicht mit hierher gekommen war, um sich selbst und seiner Mutter zu beweisen, dass zwischen ihm und Gregor nichts war und Toni ihm ohne Probleme aus dem Weg gehen konnte.

Das genaue Gegenteil war der Fall: er war hergekommen, um Gregor wiederzusehen. Er wollte ihm nicht aus dem Weg gehen, er wollte in seiner Nähe sein, seine Stimme hören und sein Lachen und hoffen, dass es vielleicht wie damals werden würde.

Aber das konnte er ja jetzt vergessen.

Toni fuhr sich einmal mit der Hand durchs Gesicht und als er sie wieder herunternahm, war sie feucht. Für einen Moment dachte er, er habe angefangen zu weinen, ohne es mitzubekommen, aber dann spürte er die Regentropfen auf seinem Kopf und seinen Armen und bevor es richtig anfing zu regnen ging er lieber wieder schnell ins Haus. Und jetzt, wo er gefühlsmäßig einigermaßen mit sich im Reinen war, gelang es ihm auch, einzuschlafen. Nachdem er sich fest vorgenommen hatte, sich morgen bei Gregor zu entschuldigen. Egal wie, er würde es tun!

Als er am nächsten Morgen aufwachte war das auch immer noch der einzige Gedanke, den er hatte nur leider musste er bis nachmittags warten, denn es war mitten in der Woche und Gregor war in der Schule.

Toni hatte keine Ahnung, wann er zurückkam und die Zeit verging unglaublich langsam. Er versuchte sich mit verschiedenen Dingen abzulenken, aber er schaffte es, sich maximal fünf Minuten auf eine Sache zu konzentrieren.

Zu allem Überfluß regnete es immer noch und bei diesem Wetter hatten Peter und seine Mutter keine große Lust etwas zu unternehmen, sie blieben lieber im schönen Hotel mit seiner Sauna und seinem tollen Schwimmbad. Nicht einmal auf Maja musste Toni aufpassen. Er wurde zwar eingeladen, auch die Vorzüge des Hotels zu nutzen aber dazu hatte er nicht wirklich Lust. Seine Mutter würde doch nur mal wieder merken, dass etwas mit ihm nicht stimmte und ihn darauf ansprechen und darauf konnte er gut verzichten.

Also verbrachte er den Tag damit, zwischen seinem Buch, seinem Handy und dem Fenster hin- und herzupendeln und ab und zu mal etwas zu essen, um bei Nadja keinen Verdacht zu erregen.

Gegen zwei Uhr hielt er es dann nicht mehr im Haus aus, nahm sich einen Regenschirm von der Garderobe und trat nach draußen. Ziellos schlenderte er auf dem Parkplatz zwischen den Autos herum, beobachtete die Menschen, die kamen und gingen, und es war ihm egal, dass er mit seinem gelben Schirm bestimmt auffiel. Manchmal ging er zum Tor und sah die Straße hinunter, ob Gregor vielleicht aufftauchte.

Und gegen halb vier, als Toni wieder eine von gefühlt hundert Runden um den Parkplatz beendet hatte, war Gregor plötzlich einfach da. Er hatte weder Schirm noch Kapuze und seine Klamotten und seine Haare klebten ihm am Körper.

Toni stand da im Trockenen unter seinem Schirm und als Gregor ihn entdeckt hatte, erwartete er eigentlich, dass er gleich weiterging. Nicht nur, weil er so naß war, sondern auch, weil er nach der Szene gestern auf keinen Fall mehr mit ihm reden wollte. Doch Gregor ging nicht weg. Er blieb stehen und sie sahen sich einen Moment an.

Dann holte Toni einmal tief Luft. "Ich w... wollte mich für gestern entschuldigen. Was... was ich gesagt hab tut mir so leid, ehrlich! Ich wünschte, ich könnte es zurücknehmen. Ich...ich hoffe du bist nicht sauer auf mich." Seine Finger schlossen sich fester um den Griff des Regenschirms und sein Herz fing heftig an zu klopfen. Natürlich würde Vulkan Gregor gleich ausbrechen, es konnte einfach nicht anders sein. Und natürlich würde er dann Nein brüllen und dass er seine Entschuldigung niemals akzeptieren würde, es konnte einfach nicht anders sein, bei dem Arschloch, das Toni gewesen war.

Aber Gregor stand nur klatschnass da und sah Toni ruhig an, während der seine Entschuldigung stammelte. Und als Toni fertig gestammelt hatte, fragte Gregor immer noch ruhig: "Können wir reden?"

Toni, der mit so einer Erwiderung niemals gerechnet hatte, brauchte einige Zeit um darauf zu reagieren. "J...ja klar können wir reden," rief er dann und die Erleichterung strömte durch seinen ganzen Körper.

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