13. Türchen

Unentschlossen stand Hermine vor ihrer eigenen Wohnungstür. Sie konnte hören, dass Harry inzwischen wieder da war und offensichtlich in ihrer Kochnische an irgendetwas bastelte. Sie fühlte sich nicht bereit, ihm unter die Augen zu treten, doch sie wusste, sie musste sich dem Gespräch mit ihm früher oder später stellen. Mit einem unguten Gefühl im Magen schloss sie die Tür auf.

„Oh, Hermine“, wurde sie kühl begrüßt, „schön, dass du in deine Wohnung zurückfindest.“

Sprachlos starrte sie Harry an. Er schien tatsächlich erneut Abendessen zuzubereiten, doch seine kalte, beinahe schon herablassende Begrüßung irritierte sie. War er etwa immer noch wütend, dass sie den Kuss abgebrochen hatte?

„Es ist in der Tat meine Wohnung, Harry, du tust gut daran, das nicht zu vergessen“, erwiderte sie entsprechend verärgert, während sie ihren Mantel aufhängte und die Aktentasche auf dem Sofa ablegte.

Langsam drehte er sich zu ihr um: „Möchtest du mich loswerden?“

Mit zwei großen Schritten war sie auf ihn zu getreten und funkelte ihn wütend an: „Nein. Ich will bloß meinen besten Freund wiederhaben und hier in Ruhe leben.“

Seine einzige Reaktion bestand darin, dass er eine Augenbraue hochzog und sich wieder dem Kochtopf zu wandte, in welchem, wie Hermine nun riechen konnte, eine Gemüsesuppe vor sich hin köchelte.

„Ich habe bei Ron übernachtet“, erwähnte Harry wie beiläufig, doch sofort gefror Hermine das Blut in den Adern. Sie musste keine Hellseherin sein, um zu wissen, worauf das hinauslief.

„Er hat mir interessante Dinge erzählt“, fuhr er fort, noch immer so unbeeindruckt und nachlässig, als würde er über das Wetter plaudern: „Anscheinend habt ihr gerade eine Beziehungspause eingelegt, weil es nicht so gut läuft.“

„Ich weiß, was du sagen willst, Harry, aber …“, setzte sie an, doch sofort wurde sie von ihm unterbrochen. Er hatte sich wieder zu ihr umgedreht und war noch näher an sie herangetreten.

„Du hörst jetzt mal mir zu, Hermine!“, fuhr er sie wütend an: „Du hast eine Pause mit Ron! Hast du überhaupt verstanden, warum er die wollte?“

Verwirrt blinzelte sie: „Ja, natürlich. Er hofft, dass wir … naja, eher ich … zu unseren alten Gefühlen zurückfinden, wenn wir ein wenig auf Abstand gehen.“

Hart packte Harry sie an den Oberarmen: „Das ist nur die eine Hälfte der Wahrheit! Himmel, Hermine, du bist doch sonst so schlau! Diese Pause dient dazu, damit du realisierst, dass du nur Ron willst. Nur ihn! Und dazu gehört, dass du deine Gefühle für andere Männer austestest! Ron ist nicht bescheuert, okay? Er weiß nichts Genaues, aber er hat angedeutet, dass er denkt, dass du dich vielleicht für andere Männer interessierst! Und er will, dass du da mal ernsthaft drüber nachdenkst. Er will, dass du dir absolut sicher bist, dass du dein Leben mit ihm verbringen willst, bevor ihr heiratet!“

Nur am Rande bemerkte Hermine, dass Harrys Griff um ihre Oberarme schmerzhaft fest war. Sie konnte nicht glauben, was er ihr da erzählte. Es machte keinen Sinn, weder, dass Ron so denken würde, noch dass irgendeiner so etwas zulassen würde! Wütend zischte sie Harry an: „Du erwartest doch nicht ernsthaft, dass ich mit allen möglichen Männern rummache, nur weil wir Pause haben? Wofür hältst du mich?“

In offensichtlicher Frustration ließ er von ihr ab und warf die Hände die Luft: „Frau! Hörst du dir selbst zu? Wenn du während eurer Pause treu zu Ron bleibst, könntet ihr die Pause auch gleich sein lassen! Der Sinn ist doch, andere Menschen auszuprobieren, um dann mit der Erkenntnis, dass Ron eben doch der Beste ist, zurückzukehren!“

Hermine senkte den Blick. Den Teil verstand sie durchaus. Das Problem war nur …

„Und was, wenn ich diese Erkenntnis am Ende nicht habe?“, fragte sie leise.

Diese Frage schien Harry kurzzeitig aus dem Konzept zu bringen, denn er blieb bloß stumm vor ihr stehen. Dann, mit einer Zärtlichkeit, die sie ihm niemals zugetraut hätte, legte er ihr zwei Finger unter das Kinn, zwang sie so, den Kopf wieder zu heben, und umschlang sie mit dem anderen Arm: „Dann ist es so. Dann ist es gut, dass du deine Gefühle sortiert hast, bevor ihr irgendeine Form von dauerhafter Beziehung eingegangen seid.“

Mit großen Augen starrte sie ihn an. War es wirklich gut, Ron zu betrügen, nur um ihn dann am Ende endgültig zu verlassen? Die Aufrichtigkeit, die ihr aus Harrys grünen Augen entgegenstrahlte, zeigte ihr, dass er seine Worte vollkommen ernst meinte.

„Ich kann nicht“, flüsterte sie, ohne den Blick abzuwenden: „Wenn ich … wenn ich Ron jetzt aufgebe, dann ist es aus. Für immer.“

Etwas flackerte auf in Harrys Augen, etwas, das ihr Angst einjagte und gleichzeitig einen wohligen Schauer über ihren Körper laufen ließ. Seine Hand wanderte von ihrem Kinn auf ihre Wange: „Dann ist es vielleicht richtig, das jetzt zu tun. Ron ist mein bester Freund, Hermine. Aber wenn du ihn nicht genug liebst, um ohne zu zögern den Rest deines Lebens mit ihm verbringen zu wollen, dann solltest du es lieber früher beenden als später. Er hat dir die Tür selbst geöffnet. Auch, wenn er hofft, dass du zurückkommst … er hat es getan in dem Bewusstsein, dass du vielleicht für immer gehst.“

Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Ron war so ein guter Mensch. Unter all dem Fröhlichkeit, den Streichen und Dummheiten, die er ständig im Kopf hatte, hinter all dem steckte ein unendlich gutes Herz, das hatte sie schon immer gewusst. Und sie liebte ihn dafür. Er wärmte ihr Herz, gab ihr das Gefühl, dass es wirklich gute Menschen auf der Welt gab, und schenkte ihr immer wieder aufs Neue so viel Freude.

Bloß …

Sie war nicht in ihn verliebt. Vielleicht war sie es früher einmal gewesen, doch hier, in den Armen von Harry, nach dem Kuss, den sie geteilt hatten, wusste sie mit absoluter Sicherheit, dass sie nicht länger in Ronald Weasley verliebt war.

Sie schloss die Augen und lehnte sich in seine Hand. Als habe er nur auf ein Zeichen von ihr gewartet, presste Harry sie noch enger an sich und begann, mit seinem Daumen über ihre Lippen zu streichen. Ein Seufzen entfloh ihr.

„Hermine“, sagte er leise: „Gefühle sind, wie sie sind. Ron versteht das. Er wird es verstehen.“

Langsam öffnete sie ihre Augen wieder. Harrys Blick war dunkler geworden, deutlich gezeichnet von dem Verlangen, das er für sie empfand, und sie konnte sich nicht dagegen wehren. Wie ein Spiegel flammte auch in ihr die Leidenschaft hoch.

Und endlich erwiderte sie seine Umarmung.

„Ich möchte nichts kaputt machen“, gestand sie leise, ihre Stirn auf seiner Schulter abgelegt: „Ich habe Angst.“

Beruhigend streichelte er ihr über den Kopf: „Ich habe auch Angst, Hermine. Lass uns zusammen Angst haben.“

 

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media