13. Vierzehn

Wieder in seinem Zimmer kroch Toni zurück ins Bett, zog sich die Decke über den Kopf und starrte in die Dunkelheit. Natürlich kannten seine Gedanken kein anderes Thema als den Kuss und die unglaublich angenehme Wärme und das Kribbeln wechselte sich ab mit unangenehmen Stichen und der immer noch sehr peinlichen Tatsache, einen Jungen geküsst zu haben.

Irgendwann bekam er dann unter der Decke, unter der es inzwischen auch viel zu warm geworden war, Zustände. Er schlug sie zurück und schnappte einmal nach Luft. Als er merkte, wie sich das Gedankenkarussell wieder zu drehen begann, nahm er sich sein Buch vom Nachttisch und schlug es bei der umgeknickten Ecke auf. Er las eine Seite, um am Ende festzustellen, dass er zwar die Wörter gesehen aber nicht begriffen hatte, was sie bedeuteten. Er las die Seite nochmal und biss die Zähne dabei zusammen in dem Bemühen, sich nicht mehr von seinen Gedanken ablenken zu lassen.

Aber am Ende lag er wieder da, starrte auf den Schrank, der gegenüber dem Bett stand, den Finger im Buch und sein Kopf war voll mit Gregor. Mit seinem Lachen, seiner Stimme, wenn er erzählte, sich die Haare aus dem Gesicht strich.... Allerdings war das auch nicht besser, denn irgendwann tat es einfach nur noch weh, weil er all das nie wieder sehen oder hören würde. Der Schmerz hüllte ihn von Kopf bis Fuß ein wie eine schwere Decke, das Atmen fiel ihm schwer und die Tränen drängten sich ihm so heftig auf, dass er wieder die Zähne zusammenbiss.

Doch dann rettete ihn ausgerechnet Nadja vor einer erneuten Heulattacke, als sie an die Tür klopfte. Toni wischte sich einmal hastig über die Augen, falls doch ein paar Tränen durchgekommen waren und setzte sich auf, bevor er ,Herein' rief.

Nadja trat ein und stutzte einmal kurz, als sie ihn sah. "Na, du nimmst das mit dem .Früh ins Bett gehen' aber sehr ernst, was?", meinte sie dann und lachte. "Ich muss dich jetzt allerdings wieder hochscheuchen, denn es gibt Abendessen und das willst du ja sicher um nichts in der Welt verpassen." Sie lachte wieder und Toni wurde wütend. Auf der einen Seite wollte er auf keinen Fall, dass sie auch nur ansatzweise mitbekam, was grade in ihm los war, auf der anderen Seite sollte sie gefälligst aufhören zu lachen, während er hier lag und litt.

Aber das konnte er ihr natürlich nicht sagen. Und ebenso wenig konnte er das Abendessen ausfallen lassen, obwohl sein Magen wie zugeschnürt war. Denn das würde ihn nur noch verdächtiger machen als überhaupt schon. Er versuchte einmal den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken, was nicht klappte und sagte dann mit krächzender Stimme: "Ja, ich komme."

"Gut, dann bis gleich", erwiderte Nadja, zwinkerte ihm zu und schloss die Tür wieder.

Das Abendessen wurde für Toni zu einer echten Herausforderung. Nicht nur, dass er eine für ihn üblich große Portion an dem Kloß in seinem Hals in seinen unwilligen Magen zwingen musste, er musste sich auch an den Gesprächen beteiligen, weil er das immer tat, auch wenn er sich jetzt kaum darauf konzentrieren konnte. Er war erleichtert, als er endlich aufstehen und in seinem Zimmer verschwinden konnte. Aber anstatt sich wieder ins Bett zu legen setzt er sich auf den Stuhl am Fenster und starrte hinaus. Um diese Uhrzeit war draußen nichts mehr los, ein krasser Gegensatz zu dem Gewimmel, das tagsüber hier herrschte.

Als dann eine Gestalt mit rötlichem Haar um die Ecke bog und direkt am Haus vorbeiging, setzte Tonis Herz einen Schlag aus, um dann umso heftiger weiterzupumpen als er erkannte, dass es nicht Gregor sondern Johann war. Er hatte sich halb von seinem Stuhl erhoben und ließ sich jetzt mit einem Seufzer wieder zurücksinken. Und selbst wenn es Gregor gewesen wäre, was wäre dann schon passiert? Er wäre sicher nicht hergekommen oder hätte hochgeguckt und Toni am Fenster gesehen. Und wenn doch, dann hätte er ihm sowieso nur einen seiner Todesblicke zugeworfen und wäre weitergegangen.

Toni seufzte noch einmal und kroch wieder zurück ins Bett, denn nach dem Gedanken hielt ihn jetzt nichts mehr am Fenster.

Wie vor einiger Zeit schon mal hatte er sich irgendwann müde gedacht und schlief schließlich ein, ohne es zu merken. Allerdings wachte er gefühlt nach einer Minute wieder auf, weil er furchtbare Bauchschmerzen hatte. Das gezwungene Abendessen war natürlich nicht ohne Folgen geblieben.

Bei Bauchschmerzen machte seine Mutter ihm immer Pfefferminztee und nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand mehr unten war, ging er in die Küche, machte das Licht über der Arbeitsplatte und den Wasserkocher an und durchsuchte leise die Schränke nach Teebeuteln. Er fand glücklicherweise ziemlich schnell welche und ließ den Tee dann nur ein paar Minuten ziehen, denn es war inzwischen wirklich schlimm geworden.

Nicht nur der Tee tat unglaublich gut, denn er hatte schon nach den ersten drei Schlucken das Gefühl, dass die Schmerzen nicht mehr so schlimm waren, es hatte auch etwas Beruhigendes, in der dunklen stillen nur von dem kleinen Licht über der Arbeitsplatte erhellten Küche zu sitzen. Auch seine Gedanken kamen endlich einmal zu Ruhe und er konnte auch wieder an etwas Anderes denken als an Gregor. Zum Beispiel daran, dass es nur noch drei oder vier Tage waren, bis es für ihn wieder zurück nach Hause ging. Und zuhause würde er Gregor ganz schnell vergessen und dann würde er irgend ein süßes Mädchen finden, genau wie Max Marie gefunden hatte. Und dann sollte er vielleicht auch endlich anfangen, sich auf morgen zu freuen, denn in einen Freizeitpark zu fahren war wirklich eine ganz tolle Sache.

Mit diesen Gedanken und beinahe komplett schmerzfrei ging er zurück ins Bett und brauchte gar nicht lange, bis er eingeschlafen war.

Doch so einfach, wie er dachte, war es dann doch nicht, Gregor zu vergessen.

Das Wetter war schön und warm und es waren Ferien, also war der Park voll. Die Schlangen vor den einzelnen Attraktionen waren entsprechend ziemlich lang, sodass sie stets einige Zeit warten mussten und Toni genug Muße hatte, sich umzusehen. Und immer, wenn er jemanden mit rötlichem Haar sah, egal wie groß oder wie alt, war Gregor sein erster Gedanke. Tonis Herz fing dann jedes Mal heftig an zu klopfen und er musste sich zusammenreißen, sich nichts anmerken zu lassen. Vor allem gegenüber Nadja, die ihn die ganze Zeit mit Argusaugen beobachtete.

Aber er machte definitiv eine unglückliche Figur, so oft, wie sie ihn ansprach und es einige Zeit dauerte, bis er aus seinen Gedanken zurück war, um ihr zu antworten. Und es war auch nicht von Vorteil, dass sein Magen nach wie vor wie zugeschnürt war und er sich zum Essen zwingen musste. Aber diesmal war er vorsichtiger, denn er wollte auf keinen Fall wieder so schlimme Bauchschmerzen bekommen. Vor allem hier nicht. Denn wenn man mal von dem irgendwie allgegenwärtigen Gregor absah, war es ein toller Tag. Dank Kamilla, die Toni wirklich überraschte, denn egal, wie bedrohlich die Achterbahn sich vor ihnen auftürmte, oder das Fahrgeschäft aussah, sie war überall mit dabei, etwas, mit dem Toni nicht gerechnet hatte.

Sie blieben, bis der Park schloss und dann war es noch eine zweistündige Fahrt nach Hause, die Toni größtenteils verschlief. Erst, als sie von der Autobahn abbogen und sie die Burg schon in der Ferne sehen konnten, fing er an, sich darüber Gedanken zu machen, wie er die letzten Tage hier verbringen wollte. Er wollte auf keinen Fall nur noch auf seinem Zimmer sitzen und schließlich war die Burg groß und er kannte inzwischen bestimmt alle Orte, an denen Gregor sich rumtrieb - es dürfte deswegen eigentlich nicht besonders schwer sein, ihm aus dem Weg zu gehen.

Mit leichtem Herzen stieg er aus dem Auto und wollte sich Kamilla und Nadja anschließen, die zur Haustür gingen, als hinter ihm eine erboste Stimme sagte: "Da bist du ja!"

Er drehte sich um und da stand wirklich Gregor mit einem Buch in der Hand. "Den ganzen Tag hock ich schon hier und warte auf dich, weil du einfach abhaust, ohne irgendwas zu sagen!", schrie er Toni an. Seine Augen funkelten und er verschränkte wütend die Arme vor der Brust. Es gab keinen Zweifel, dass Vulkan Gregor ausgebrochen war.

Toni war für einen Moment so schockiert, dass Gregor da so einfach vor ihm stand, wo er sich doch so sicher gewesen war, ihn nie wieder zu sehen, dass er für einen Moment unfähig war, sich zu bewegen oder zu denken. Und als sein Gehirn dann seinen Betrieb wieder aufnahm, da wurde ihm klar, dass es besser war, hier auf der Hut zu sein. Der Grund, wieso Gregor hier war, lag auf der Hand und vermutlich würde er auch nicht lange zögern und Toni zeigen, was er von dem Kuss hielt.

Toni sah sich über die Schulter nach Kamilla und Nadja um, denn solange sie da waren, würde Gregor sicher nicht auf ihn losgehen, aber beide waren schon im Haus verschwunden.

Tonis Mut sank auf ein Minimum und er ballte schon einmal vorsorglich die Faust, um sich wenigstens etwas zu verteidigen.

"Jetzt sag gefälligst mal was!", fuhr Gregor ihn an. Toni zuckte zusammen und trat einen Schritt zurück. "Ähm", begann er, die Worte tanzten in seinem Kopf, aber es gelang ihm einfach nicht, aus ihnen einen vernünftigen Satz zu formen.

Gregor runzelte die Stirn. "Was ist dein Problem?!", rief er. "Hast du Schiss vor mir!?"

Nach dieser Aussage hatte Toni auf einmal keine Lust mehr darauf, sich hier wie das Opfer zu fühlen. Und warum hatte er eigentlich Angst davor, sich mit Gregor zu prügeln? Er war vielleicht nicht stärker, aber dafür größer und das war bestimmt auch ein Vorteil. Er schob das Kinn vor und erwiderte mit fester Stimme: "Warum sollte ich Schiss vor dir haben?"

Gregor zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Du hast ja auch vor Geistern Schiss, die es gar nicht gibt."

"Ach, halt die Klappe", erwiderte Toni, dem die Szene an der Treppe teilweise immer noch unangenehm war.

"Halt du die Klappe", echote Gregor. Sie sahen sich für einen Moment stumm an und dann grinsten sie beide. Und dann war auf einmal alles vergessen. "Bock zu zocken?", erkundigte sich Gregor und Toni nickte eifrig. Es war zwar schon acht Uhr und Gregors Mutter würde ihn bestimmt wieder genau um neun Uhr rauswerfen, aber Nein zu sagen hätte er jetzt absolut nicht geschafft.

Sie gingen los, Seite an Seite und Toni erzählte Gregor von seinem Tag im Freizeitpark.

Ganz wie Toni es wartet hatte, tauchte Gregors Mutter Punkt neun Uhr auf und bat ihn, freundlich aber bestimmt, jetzt zu gehen. Es war eine komische Stunde gewesen. Am Anfang war Toni sich absolut sicher gewesen, dass Gregor wegen der Sache in der Kirche noch ausrasten würde. Er konnte sich kaum auf das Spiel konzentrieren. Aus dem Augenwinkel sah er, dass Gregor ihm häufiger einen kurzen Seitenblick zuwarf, was dafür sorgte, dass er ständig angespannter wurde und sich noch weniger konzentrieren konnte.

Aber als die Zeit verging und absolut nichts weiter passierte als ihre üblichen Neckereien und das Gefluche, wenn es nicht so lief, wie sie es haben wollten, hatte Toni irgendwann die Nase voll von der Anspannung. Als er merkte, wie Gregor ihn wieder ansah, drehte er den Kopf und erwiderte den Blick. Zuerst herausfordernd, um Gregor zu zeigen, dass er von seinem kleinen Spielchen wusste, aber die Herausforderung verschwand sehr schnell aus seinem Blick. Denn Gregor sah ihn einfach nur an, ohne gerunzelte Stirn oder funkelnde Augen oder sonstigen Sachen, die zeigten, dass er wütend war.

Als sich ihre Blicke trafen, schenkte er Toni ein beinah scheues Lächeln und sah wieder weg. Wieder war Toni zuerst überrascht, weil alles ganz anders lief, als er erwartet hatte, aber gleichzeitig löste das Lächeln ein unglaublich angenehmes Gefühl in seinem ganzen Körper aus.

Es war nicht das letzte Mal, dass sich ihre Blicke trafen und jedes Mal war Toni so erfüllt von etwas, für das er keine Worte hatte, dass ihm manchmal fast der Atem stockte. Alles um sie herum war auf einmal ganz weit weg, der Controller in seiner Hand, die Musik aus dem Fernseher, das Gefühl des weichen Teppichs, auf dem er saß, das Einzige, was er überdeutlich wahrnahm, war Gregor.

Dass sie aufgehört hatten zu reden, verstärkte noch den Eindruck, dass sie sich grade in ihrer ganz eigenen Welt befanden und als Gregors Mutter an die Tür klopfte, zuckten sie beide erschrocken zusammen und Toni fühlte sich für einen Moment, als habe man ihn aus einem Traum gerissen.

Seine Knie waren ziemlich weich, als er danach hinter Gregor die Treppe hinunterstieg.

Gregor öffnete die Tür und Toni trat nach draußen, aber es war ihm unmöglich, jetzt einfach zu gehen. Er drehte sich um und sah Gregor an, der seinen Blick kurz erwiderte und dann wieder weg sah. "I...ich komm dann morgen zu dir", murmelte er.

"Ok", erwiderte Toni mit nicht mehr ganz so fester Stimme und nachdem ihre Blicke noch einen Moment ineinander gehangen hatten, stieg er auf unsicheren Beinen die Treppe runter und machte sich auf den Weg zum Haus.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media