14

                                                                    MARIE

Meine Lider sind schwer. Zuerst denke ich noch, dass ich in meinem Bett liege und all dies einfach nur geträumt habe. Wieder einer dieser verrückten Träume, denke ich. Doch als ich meine Lider öffne und mit meinem Blick den dunklen Raum absuche und einen stillschweigenden Tobias entdecke, der angelehnt an einem Fensterrahmen steht, weiß ich, dass ich nicht geträumt habe. Alles ist wirklich passiert und real. So auch der Anblick von Tobias, der mit ernstem Blick aus dem Fenster starrt, durch das vereinzelt Sterne glitzern und graue Wolken zu sehen sind, die einen Teil eben dieser und den sichelförmigen Mond verdecken.

Mit einer mir fremden, rauen Stimme flüstere ich ein „Wo sind wir?“.

Er wirkt, als hätte er vollkommen auf meine Anwesenheit vergessen, als er sich ruckartig zu mir dreht und mich betrachtet, als sei ich erst jetzt hier aufgetaucht. Er war vollkommen in Gedanken verloren. Doch schneller als geglaubt kehrt er wieder zu seiner ernsten Seite zurück.

„In einem meiner Verstecke.“

„Ich dachte, das beste Versteck wäre bei Rema gewesen?“

Ich kann den Vorwurf in meiner Stimme nicht verleugnen.

„Ich konnte Alina nicht einfach hier her, in eine Lagerhalle bringen.“

Erst jetzt betrachte ich den Rest des Zimmers. Ich liege auf einem ausgedienten Feldbett und um uns herum sind kahle, teilweise rissige Betonwände zu erkennen. Ich setze mich langsam an den Rand der Liege und betrachte Tobias erneut, der nun wieder aus dem Fenster blickt.

„Wo genau sind wir?“

„Rom.“

Panik kriecht in meiner Wirbelsäule nach oben und lässt mich vollkommen perplex ein „Wie“ über meine Lippen bringen. Ich müsste mindestens zwanzig Stunden im Tiefschlaf gelegen sein und einen Flug nicht mitbekommen haben.

„Ich habe dich hier hergebracht, das WIE ist nicht wichtig. Du bist jetzt hier.“

„Tobias, wenn du jetzt nicht endgültig mit dieser Geheimniskrämerei aufhörst, dann werde ich...Fuck.“ Wütend presse ich meine Handflächen auf meine Augen. Die Erkenntnis, dass ich nichts gegen ihn oder diese Welt tun kann, trifft mich wirklich hart. Dennoch hoffe ich, dass er mir auch ohne irgendwelche „dann werde ich Drohungen“ eine Frage beantworten kann. „Sag mir wenigstens was mit Alina los ist. Geht es ihr gut?“

„Ihr kann in Eden nichts passieren.“

„Was ist Eden. Wo ist es? Wo ist Alina jetzt?“

Nun dreht er sich zu mir, blickt in meine Augen. Betrachtet mich, als würde er mich lesen wollen, bevor er drei Schritte auf mich zukommt und sich neben mir auf die Liege setzt, die ein Stück weit unter seinem Gewicht nachgibt. Er sitzt gerade so nahe, dass sich unsere Oberschenkel gerade nicht berühren. Dann, nach einem langen Seufzer spricht er endlich

„Eden ist ein Ort, wo eben nur Engel mit einer Gabe oder unschuldige Menschen eintreten können. Eine eigene Dimension, wenn du es so nennen willst.“

„Ich verstehe das ganze nicht Tobias. Du musst mir sagen, warum Alina in Gefahr ist. Ich muss es wissen.“

„Nicht nur Alina ist in Gefahr. Du bist es ebenso. Alle, die so sind wie ich, sind in Gefahr. Die Menschen. Unschuldige. Schuldige. Alle sind in Gefahr, wenn das was die Gefallenen machen, weitere Ausmaße annimmt.“

Er stoppt und mit großer Wahrscheinlichkeit kann er meine Ungeduld spüren. Ich will endlich wissen, was es mit diesen Dingen auf sich hat. Ich will ihn erneut danach fragen, da blickt er in meine Augen und wieder scheint alles in mir auf ihn zu reagieren. Seine Grünen Augen, die jetzt mehr Silber in sich tragen, betrachten mich. Sie blicken direkt in meine und plötzlich kann ich darin Gefühle erkennen. Gefühle, die ich nicht beschreiben kann. Vielleicht eine Mischung aus Trauer, Schmerz, Mitleid und irgendein kranker Teil glaubt, dass sich auch Verlangen darin spiegelt.

„Ich bin ein Halbdämon oder ein Halbengel. Ich habe noch keinen Schimmer, welcher Seite ich angehöre. Ich weiß nur, dass ich Kräfte habe. Und in letzter Zeit kommen ständig diese Erinnerungen zurück. Zuerst glaubte ich, dass es Träume sind. Doch irgendwann hat es sich so real angefühlt. So als hätte ich das Ganze wirklich erlebt. Dann habe ich begonnen nachzuforschen und bin auf Dinge gestoßen, die alles in ein anderes Licht rücken. Dinge, die die Gefallenen versucht haben zu vertuschen. Dann habe ich begonnen alles für einen Gegenschlag vorzubereiten. Doch jetzt ist alles anders als ich geplant habe.“

„Was ist anders?“

„Jetzt ist da jemand, für den es sich lohnt zu leben.“

Das Erste Mal, seit dem wir uns erneut begegnet sind, spüre ich eine Verbundenheit mit ihm. Diese Verbundenheit, Alina, ist es auch, die ihn dazu bringt, alles anders zu sehen. Darum nicke ich auch und lege ein trauriges Lächeln auf meine Lippen. In diesem Moment frage ich mich auch, wie es wohl gewesen wäre, wenn diese Sachen nicht passiert wären. Würden wir drei jetzt gerade am Tisch sitzen und uns über einen normalen Tag unterhalten? Würde Tobias sie ins Bett bringen und danach seine Arme um mich schlingen? Würde er mich anlächeln, mit diesem Lächeln, dass mir immer wieder gesagt hat, dass er nur mich sieht?

„Du hast sie Alina genannt?“

„Ich dachte mir, dass, würde sie noch hier sein, sie sich darüber freuen würde. Sie war meine beste Freundin und wenn ich den Namen ausspreche, habe ich für einen Moment das Gefühl, dass sie noch irgendwo hier ist. Dann blicke ich in Alina’s Gesicht und weiß, dass der Name für dieses Lächeln gemacht worden ist. Dieses ehrliche, vertraute Lächeln.“

Ich habe gar nicht bemerkt, dass eine Träne sich aus meinem Augenwinkel befreit hat, bis Tobias sie mit seinem Daumen von meiner Haut wischt.

„Der Name ist perfekt.“

Dies ist der erste Moment, in dem ich das Gefühl habe, dass ich ihm noch etwas bedeuten könnte. So wie ihm auch Alina etwas bedeutet und dass nach so kurzer Zeit. Er hat noch nicht einmal wirklich Zeit mit ihr verbracht und dennoch sehe ich Liebe in seinen Augen, wenn er ihren Namen ausspricht.

„Was machen wir jetzt?“

Schnell, zu schnell löst er sich von der Berührung und die Finger die gerade noch zärtlich eine Träne von meiner Wange gestrichen haben, ballen sich zu einer Faust. So, als hätte er sich an meiner Haut verbrannt. Alleine dieser Gedanke, lässt mich wieder zu meiner Kontrolle zurückfinden und mich zu zwingen, mich nicht von seiner Anwesenheit beherrschen zu lassen.

„Ich werde mich auf den Weg machen, etwas über meine Vergangenheit heraus zu finden und die Organisation der Gefallenen zerschlagen.“

„Wie?“

„Als Erstes werden wir jemandem einen Besuch abstatten, der mir helfen kann, meine Erinnerungen aufzufrischen und dann werde ich dich in Sicherheit bringen und alleine weiterziehen.“

Das ist wohl die Ernüchterung, auf die ich bereits gewartet habe. Er wird mich irgendwo alleine zurücklassen. Das Schlimmste daran ist, dass ich Angst um ihn habe. Ich habe ihn zwar gesehen. Habe gesehen, dass er es locker mit mehreren Männern auf einmal aufnehmen kann. Doch eine ganze Organisation? Auch, wenn ich nicht weiß aus wie vielen diese besteht, so weiß ich dennoch, dass es ihm das Leben kosten könnte. Sie könnten ihn umbringen. Gerade will ich ihm sagen, dass er nicht gehen soll. Dass, er sich einfach mit uns verstecken könnte. Doch da unterbricht er meine Gedanken mit seiner tiefen Stimme.

„Nicht. Sag es nicht.“

Perplex starre ich ihn an und versuche mich darauf zu konzentrieren, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich mir trotz allem gewünscht hätte, er würde meine gedankliche Frage mit einem Ja beantworten. Daraufhin wende ich meinen Blick wieder von ihm ab und blicke aus dem Fenster. Für ein paar Sekunden spüre ich seinen Blick auf mir. Spüre, wie er sich in mein Herz brennt, bevor er sich abwendet und durch die Tür verschwindet.

Ich hingegen bleibe zurück. Alleine. Die Stille umgibt mich und nicht einmal der beruhigende Anblick der glitzernden Sternen vermag mir die Angst zu nehmen.

Ich weiß nicht, wo er hingegangen ist, doch je länger ich hier nun schon sitze und den Sternenhimmel betrachte, desto unruhiger werde ich. Besonders dann, als ich einen lauten Schrei höre. Die Angst legt sich erneut um mich. Die Härchen in meinem Nacken stellen sich auf und für eine Sekunde überlege ich, ob ich mich nicht einfach unter diesem alten Bett verstecken sollte. Doch dann denke ich an Tobias und daran, dass ihm etwas passiert sein könnte. Also stehe ich auf. Langsam gehe ich auf die Tür zu und drücke den Griff nach unten. Mit einem leisen Knarren öffne ich sie vorsichtig. Deckenstrahler erhellen den großen Raum, der wohl eine provisorische Küche darstellen soll. Ein Kühlschrank neben einer alten, abgenutzten Holztheke, ein Gasherd und eine Spüle. Mehr kann ich nicht finden. Kein Tisch. Nichts was auf den Gebrauch dieser Küche hindeuten würde. Dann höre ich erneut einen Schrei. Ich muss mich wirklich konzentrieren, um herausfinden zu können, woher dieses Geräusch kommt. Doch als ich erneut ein Krachen höre, bin ich mir sicher, dass es von der Tür neben dem alten Gasherd kommt. In dem Glauben, dass sich dahinter Tobias in Schwierigkeiten befindet, reagiert mein Körper schneller, als meinen Verstand.

Dann. Als ich die Tür aufgezogen habe und in diesen dunklen Raum blicke, erstarre ich. Niemals hätte ich diesen Anblick erwartet. Tobias kniet auf dem Boden. Seine Hände sind ebenfalls auf dem kalten Betonboden abgestützt. Sein Oberkörper ist nackt. Seine Muskeln angespannt. Sämtliche Sehnen an seinen Armen sind zu sehen. Sein Kopf hängt zwischen seinen Schultern zu Boden. Sein Rücken ist von Muskeln gesäumt und dennoch ist es nicht das was mich fasziniert. Es ist dieses Silber, dass unter seiner Haut zu schimmern scheint. Doch schon werde ich wieder aus dieser Faszination gerissen, als er erneut ein dumpfer, schmerzverzerrter Laut aus seiner Kehle ausbricht.

Schnell laufe ich auf ihn zu. Ich will ihm helfen. Alles was vorhin zwischen uns gestanden hat, ist wie ausgelöscht. Ich kann einfach nicht aufhören, mich um ihn zu sorgen. Doch als ich mich ihm nähern will, hebt er seinen Kopf und ich halte inne. Seine Augen blicken zu mir auf. Ich kenne dieses Silber bereits, doch da ist etwas anderes. Dunkle Schatten unter seinen Augen und Reißzähne, die zwischen seinen Lippen hervorblitzen. Sein Blick wirkt gehetzt und dennoch so dunkel, dass ich mir selbst nicht sicher bin, ob sich hinter diesen Augen wirklich noch Tobias befindet.

Seine tiefe, wütende Stimme versetzt mir noch einen zusätzlichen Schlag.

„Verschwinde.“

Für einen Augenblick starre ich in seine Augen, bevor ich es wage einen Schritt auf ihn zu zugehen. Doch erneut trifft mich seine tiefe Stimme wie ein Blitz.

„Verdammt noch mal. Ich sagte du sollst verschwinden.“

Die Wut und das dunkle in seiner Stimme lässt mich handeln, doch ich bin zu langsam. Denn Tobias oder was auch immer er ist, ist zu schnell. Mit einem Ruck werde ich mit meinem Rücken gegen die Wand gepresst. Die Luft weicht aus meinen Lungen und für einen Moment versuche ich noch zu verstehen, was gerade geschieht, da erblicke ich bereits zwei dunkelgraue Augen vor den meinen. Spüre eine harte Brust, die sich gegen meine drückt. Sehe zwei Oberarme die sich jeweils rechts und linke neben meinen Kopf befinden. Höre ein verführerisches Flüstern, dass mich nun in eine vollkommene Starre versetzt.

„Ich habe dir gesagt, du sollst verschwinden.“

Seine Stimme klingt kaum noch menschlich. Sie ist tief und vibriert in meinem Körper, als würde unter mir der Boden erbeben. Seine Augen sind fast schon schwarz. Kein einziges Grün. Kein einziges Fleckchen Silber. Nur noch ein Dunkelgrau und ein Schwarz. Ich will nicht in diese Augen blicken, doch ich kann auch nicht von ihnen loslassen. Zu groß ist die Faszination, was sich dahinter verbirgt. Sein Atem trifft dieses Mal heiß auf meinen. Keine Kälte. So wie auch sein Körper plötzlich Hitze ausstrahlt.

Ein schelmisches Grinsen legt sich auf seine Züge, bevor er mit seinen Lippen zu meinem Ohr wandert. Die Berührung, als er dabei meine Wange streift, lässt mich für einen Moment Hitze verspüren, bevor sich wieder mein Verstand einschalten kann. Was tut er? Ist es denn überhaupt noch Tobias? Die Fragen schwirren in meinem Kopf herum, doch spätestens als er einen tiefen Atemzug an meiner Halsbeuge nimmt und ein erregtes Stöhnen von seinen Lippen gibt, ist es auch schon wieder vorbei mit meinem Verstand.

„Du riechst nicht nach Angst.“

Wieder diese tiefe Stimme, die mir eigentlich Angst machen sollte. Die mich eigentlich in die Flucht treiben sollte. Doch aus irgendeinem Grund kann ich mich nicht bewegen. Das Einzige was ich zustande bekomme, ist, seinen Namen geflüstert über meine Lippen zu bringen.

„Tobias.“

Dann geht alles so verdammt schnell. Meine Augen glauben nicht was sie sehen, aber es ist definitiv da. Der Raum wird ausgefüllt von riesigen Flügeln, die eher aussehen als würden sie aus Nebelschwaden und Rauch bestehen, bevor sie sich zu onyxfarbene Flügel formen, die so groß sind, dass ich darin mindestens sechsmal Platz haben würde. Mit einem lauten Schlag, treffen sie neben meinem Kopf in die Wand, so dass Beton davon abbröckelt und zu Boden rieselt.

„Mein. Name. Ist. Seth.“

Die Stimme besteht nur noch aus einem tiefen Bass, der das Blut in meinen Adern zum Erbeben bringt und mein Herz für einen Schlag aussetzen lässt. Die Angst steigt mit der Tiefe dieser Stimme, die mir letztendlich doch Angst macht. Ich glaube vor meinen Augen Tobias zu sehen, doch diese Augen lassen mich wissen, dass Tobias nicht hier ist. Dass ich hier einem Fremden gegenüber stehe, der unberechenbar zu sein scheint. Und dann handelt mein verdammter Mund, bevor mein Verstand ihm folgen kann und ein leises „Seth“ über meine Lippen kommt.

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