14. Dezember

Schlecht gelaunt saß Draco an diesem Sonntagmorgen in der Großen Halle und trank eine Tasse schwarzen Kaffees nach der anderen. Der größte Teil der Schüler war offensichtlich noch nicht wach, denn nur vereinzelt saßen Schüler an ihren Haustischen. Er hatte sich absichtlich dafür entschieden, vor seinen Freunden aufzustehen. Die Party bei Slughorn und sein Gespräch mit Snape danach lagen wie ein Schatten auf seiner Stimmung. Alleine der Gedanke daran, wie sehr er Hermines Vertrauen missbraucht hatte, bereitete ihm ein kaltes Gefühl im Magen.

„Malfoy.“

Überrascht blickte er auf. Er hatte nicht mitbekommen, wie Granger sich ihm genähert hatte – und ihr Gesichtsausdruck war alles andere als freundlich. Noch nie hatte er sie so wütend gesehen, selbst damals nicht, als sie ihm eine heftige Ohrfeige verpasst hatte.

„Wir müssen reden!“, sagte sie mit mühsam unterdrücktem Zorn und einem Tonfall in der Stimme, der keinen Widerspruch duldete: „Sofort. Steh auf und komm mit.“

Mit einem raschen Blick durch die Halle – keiner schien sich für ihr Gespräch zu interessieren – stand Draco auf und nickte. Er hatte das ungute Gefühl, dass er genau wusste, worüber sie mit ihm sprechen wollte. Hatte sie gesehen, wie er die Flasche in Slughorns Büro platziert hatte? So oder so, sie schien irgendetwas zu wissen. Mit klopfendem Herzen folgte er ihr aus der Halle, durch den langen Gang hin zum Ausgang, der zu den Ländereien führte. Gegen seinen Willen hatte er Angst vor dem Gespräch, das jetzt ganz sicher folgen würde. Er hatte nichts zu seiner Verteidigung zu sagen, aber er wollte seine aufkeimende Beziehung zu Granger auch nicht sofort wieder verlieren.

An einer Bank am See, die blickgeschützt unter einigen Bäumen stand, blieb sie stehen und drehte sich mit blitzenden Augen um: „Warum war es dir so wichtig, auf Slughorns Feier zu gehen, mh?“

Stumm blickte Draco sie an, die Hände in seinen Hosentaschen vergraben. Es war kalt hier draußen ohne seinen Mantel, doch Granger schien die Kälte nicht zu spüren. Sie glühte beinahe vor Wut. Was sollte er sagen? Es gab nichts, was er ihr erzählen konnte.

„War ja klar“, fauchte sie: „Also war es dir doch ernst mit dem Dunklen Mal, mh? Bist du stolz auf dich, einen Auftrag für Voldemort auszuführen? Und dann auch noch mich als Helferin zu haben? Fühlt sich bestimmt großartig an, was? Ausgerechnet die beste Freundin von Harry Potter hilft einem Todesser, einen Auftrag für den Dunklen Lord auszuführen! Du bist ein überragender Schauspieler, wirklich, Malfoy…“

Er konnte sehen, dass sie am ganzen Körper zitterte und offenbar dagegen ankämpfte, in Tränen auszubrechen. Es kostete ihn alle Selbstbeherrschung, seinen neutralen Gesichtsausdruck zu behalten: „Wie kommst du auf die Idee?“

„Spiel nicht den Unschuldigen!“, fuhr Hermine ihn an: „Kleiner Tipp am Rande… wenn du mit einem anderen Todesser über geheime Aufträge sprichst, solltest du das vielleicht nicht mitten im Schloss tun, wo jeder euch belauschen kann!“

Draco schluckte. Das war schlimmer, als er befürchtet hatte. Wenn sie ihn nur mit der Flasche gesehen hätte, hätte er vielleicht noch eine Ausrede finden können, doch dass sie ihn offensichtlich mit Snape gesehen hatte, ließ ihm keinen Ausweg. Immer noch darum bemüht gelassen zu wirken, gab er zurück: „Hätte dich nicht als jemanden eingeschätzt, der andere Leute belauscht.“

„Versuch ja nicht, vom Thema abzulenken!“, zischte Hermine: „Was hast du vor? Warum hast du mich darein gezogen?“

„Habe ich nicht!“, erwiderte er ungehalten. Er sah nicht ein, dass er sich vor ihr rechtfertigen musste, immerhin war sie diejenige, die ihm ihre Hilfe förmlich aufgedrängt hatte: „Du wolltest mir helfen, ich habe das abgelehnt, erinnerst du dich? Aber du wolltest ja nicht aufgeben, also! Was hätte ich tun sollen?“

„Ehrlich, Malfoy?“, jetzt schrie sie beinahe: „Ehrlich? Wenn du auch nur einen Funken Ehre in dir hättest, hättest du mich in Ruhe gelassen. Aber das kennst du wohl nicht, was? Ehre ist für euch Schlangen ein fremdes Konzept! Also, sag mir, was du getan hast!“

Sein Hass auf sie flackerte mit neuer Kraft wieder hoch. Sie benahm sich, als hätte er sie zu irgendetwas gezwungen. Zornig packte er sie mit beiden Händen an ihren Schultern und stieß sie gegen einen der Bäume: „Jetzt hör mir mal zu, Granger. Du hast dich mir an den Hals geschmissen. Komm mir nicht mit Ehre! Ich habe dir mein Dunkles Mal gezeigt und du wolltest mir trotzdem noch helfen! Was brauchst du noch, um zu verstehen, auf wessen Seite ich stehe?“

Für einen Moment starrte sie ihn nur wortlos an, Wut in ihren Augen, während seine Hände auf ihren Schultern lagen und sie unnachgiebig gegen den Baum gepresst hielten. Dann, schneller, als er es ihr zugetraut hätte, lag ihr Zauberstab in ihrer Hand und richtete sich auf seine Kehle: „Du bist zu nahe, Malfoy. Ich habe kein Problem damit, dich jetzt auf der Stelle zu verhexen, also… Lass. Mich. Los.“

Sein Blick flackerte auf ihren Stab und er musste zugeben, er war sich sicher, dass sie gerade nicht log. Sie hatte ohne zu Zögern Vögel auf ihren besten Freund gehetzt, da würde sie wohl erst recht kein Problem damit haben, ihn zu verfluchen. Seufzend ließ er sie los. Es war sowieso alles egal an diesem Punkt.

„Halt dich einfach von mir fern“, murmelte er, den Rücken zu ihr gekehrt.

„Malfoy…“

Er konnte hören, dass ihre Stimme zitterte, aber ganz offensichtlich nicht mehr vor Wut. Mit aufeinander gepressten Zähnen starrte er zu Boden und widerstand der Versuchung, sich zu ihr umzudrehen. Er hatte von Anfang an gewusst, dass eine Beziehung zu ihr alles nur komplizierter machen würde. Es war gut, dass es so schnell wieder zu Ende war.

„Ich dachte wirklich, dass du ein gutes Herz hast“, flüsterte sie leise: „Kannst du dir vorstellen, wie es sich für mich anfühlt, dass ich vielleicht… vielleicht geholfen habe, Dumbledore zu töten?“

„Was?“, fauchte er und drehte sich zu ihr um: „Hatten wir das nicht geklärt? Denkst du etwa immer noch, dass ich damit was zu tun habe?“

„Erwartest du ernsthaft, dass ich dir noch irgendetwas glaube? Irgendwas?“, fuhr sie ihn an.

„Schön“, zischte er mit zusammen gepressten Zähnen: „Denk doch, was du willst. Du bist nicht besser als alle anderen! Es ist so leicht, die Schuld an allen Vorfällen auf einen Sündenbock zu schieben. Wie praktisch, dass der böse, böse Draco Malfoy existiert!“

„Ich wollte dir glauben, Malfoy, wirklich“, schluchzte Hermine, die inzwischen endgültig in Tränen aufgelöst war: „Ich wollte dir wirklich glauben. Aber… ich kann nicht mehr.“

Sie ließ ihn stehen und ging mit hängenden Schultern davon. Wütend schaute er ihr nach. Er hatte gewusst, dass es dazu kommen würde, seitdem sie ihm das Versprechen abgenommen hatte, dass er ihre Hilfe nicht missbrauchte, und trotzdem. Trotzdem war er so wütend. Auf sie, weil sie sofort jeden Glauben an ihn wieder aufgegeben hatte. Auf sich, weil er wusste, dass sie Recht hatte.

Und dann fiel ihm etwas ein. Wenn sie ihm nicht mehr vertraue, wer sagte ihm, dass sie nicht direkt zu Dumbledore ging und ihm von dem Dunklen Mal erzählte? Fluchend lief er ihr nach.

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