15

"Und wehe, ihr packt die Geschenke aus, bevor Weihnachten ist! Ich warne euch! Ich habe deiner Mutter geschrieben, dass sie den Zustand aller Geschenke überprüfen soll, sobald ihr im Fuchsbau angekommen seid!"

Mit gespielter Strenge und erhobenem Zeigefinger stand Hermine vor ihren beiden besten Freunden am Bahnsteig und grinste sie an. Sie war froh, dass endlich wieder alles in Ordnung war zwischen ihnen, aber trotzdem bereute sie ihre Entscheidung, dieses Mal über Weihnachten im Schloss zu bleiben, nicht. So hatte sie wenigstens Zeit, ihre völlig durcheinander geratenen Gefühle zu sortieren.

"Ist ja gut, Hermine!", gab Ron lachend zurück: "Die Drohung mit meiner Mutter ist echt nicht nötig. Wir sind geduldige, anständige Jungs!"

"Wer's glaubt!"

Wehmütig, aber trotzdem fröhlich umarmte Hermine ihre beiden Freunde und drückte dann beiden gerade, als sie einsteigen wollten, noch jeweils einen Zettel in die Hand: "Hier, das ist euer Lernplan für die Ferien, damit ihr nicht vergesst, dass bald Prüfungen sind. Tut euch selbst einen Gefallen und haltet euch dran!"

"Hermine!", rief Harry gequält aus: "Es sind Ferien! Weihnachten! Du glaubst doch nicht wirklich, dass wir lernen werden?"

Sie lachte nur als Antwort, denn der Zug setzte sich bereits in Bewegung und alle Worte gingen im Lärm der schweren, alten Lok unter. Winkend blieb sie am Gleis stehen, bis der Zug hinter der Kurve verschwunden war. Als sie sich umdrehte, stand Theo hinter hier, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben.

"Du bleibst also tatsächlich hier!", stellte er fest. Hermine nickte: "Offensichtlich. Und du? Hast du dich anständig von Pansy verabschiedet?"

Theodore seufzte tief. Das hatte er tatsächlich, doch das Gespräch, das sie gerade noch geführt hatten, war alles andere als zu seiner Zufriedenheit verlaufen. Pansy hatte ihm erzählt, dass sie Draco und Hermine bei einem gemeinsamen Spaziergang beobachtet hatte - und ihn gebeten, ein Auge auf beide zu haben. Er bezweifelte, dass da tatsächlich irgendwelcher Anlass zur Sorge bestand, aber es betrübte ihn, dass Pansy auch im Augenblick des Abschiedes von ihm nur an Draco denken konnte. Zumal der gar nicht am Bahnhof aufgetaucht war.

"Dein Gesichtsausdruck sagt schon alles", murmelte Hermine leise: "Wenn du nicht willst, reden wir einfach nicht drüber, okay?"

Dankbar nickte Theo. Schweigend liefen sie durch das dichter werdende Schneegestöber zum Schloss zurück. Bis zum Heiligen Abend waren nun nur noch wenige Tage und Hermine war froh, dass sie all ihre Geschenke bereits zuvor eingekauft hatte. Das Wetter versprach, nur noch schlechter zu werden und es war fraglich, ob sie vor Weihnachten überhaupt noch einmal ins Dorf kommen würde.

oOoOoOo

 

Unschlüssig rang Hermine mit sich selbst. Sie saß alleine an der großen Gryffindor-Tafel, offensichtlich die einzige aus ihrem Haus, die am Heiligen Abend so früh aufstehen wollte, und trank ihre erste Schale Milchkaffee. Auf der anderen Seite der Großen Halle saßen Draco, Blaise und Theo beisammen, während auch bei ihnen der Rest des Hauses noch zu schlafen schien. Sollte sie sich zu ihnen rüber setzen? Oder würde das merkwürdig wirken? Entschieden beschloss Hermine, dass Ferien waren und da die strikte Häusertrennung ruhig aufgehoben werden konnte. Sie griff nach ihrer Schale und schlenderte rüber.

"Guten Morgen, darf sich eine einsame Löwin zu den Schlangen gesellen?", fragte sie, ohne jedoch an einer Antwort interessiert zu sein, und ließ sich auf der Bank neben Theo nieder.

"Einen wunderschönen guten Morgen auch an dich", gab Blaise zurück: "Wenn die Löwin sich traut und keine Angst hat, von den Schlangen gebissen zu werden, ist sie herzlich in der Runde willkommen."

"Ich vertraue darauf, dass du mich nicht beißen würdest und dass du mich gegen alle anderen verteidigst!", erwiderte Hermine spielerisch und blinzelte dem dunklen Slytherin zu. Sie bemerkte nicht, dass sich Dracos Miene verfinsterte, oder dass Theodore plötzlich sehr nachdenklich zwischen ihr und Blaise hin und her schaute. Munter fuhr sie fort: "Was haltet ihr davon, wenn wir zum Mittagessen alle gemeinsam nach Hogsmeade runter gehen? Es hat heute endlich aufgehört zu schneien und ich wäre froh, den Schlossmauern mal für ein paar Stunden entfliehen zu können."

Es kam nicht sofort eine Antwort, und das führte dazu, dass Hermine sich mit einem Mal bewusst wurde, wie angespannt die Stimmung am Tisch war. War es ein Fehler gewesen, sich zu ihnen zu setzen? Sie war inzwischen mit Theo gut befreundet und trotz aller Gefühlsverwirrungen verstand sie sich auch mit Blaise gut. Höchstens zwischen ihr und Draco gab es Komplikationen, warum also hatte sie den Eindruck, dass alle drei Männer überfordert waren mit ihrer Anwesenheit?

"Hey, falls ist unwillkommen bin, kann ich auch wieder gehen!", sagte sie locker, obwohl sie innerlich plötzlich ebenfalls unheimlich angespannt war.

"Unter keinen Umständen!", kam es wie aus der Pistole geschossen von Blaise, während Draco gleichzeitig sagte: "Du störst nicht!"

"Dann ist ja gut", murmelte sie. Irgendetwas stimmte hier nicht, irgendein Detail war ihr entgangen, das dazu führte, dass die drei Jungs hier nicht wirklich glücklich über ihre Anwesenheit schienen. Sie warf Theo einen fragenden Blick zu, doch der hob darauf nur die Augenbraue, als wolle er ihr mitteilen, dass sie jawohl wissen müsste, was los war. Entschlossen, die Spannungen aus der Luft zu schaffen, fuhr sie so unbeschwert wie möglich fort: "Bin ich eigentlich die einzige, die in den letzten Tagen gelernt hat, obwohl Ferien sind?"

Ein hörbares Aufatmen ging durch die Runde, als alle drei Slytherin sich begeistert auf ein Thema stürzten, das so völlig harmlos und bequem erschien. Zu Hermines Erleichterung konnte sie eine Unterhaltung in Gang bringen, die tatsächlich locker und freundschaftlich erschien. Das letzte, was sie wollte, war, die Freundschaft der drei Männer zu belasten, auch wenn sie keine Vorstellung hatte, wieso das überhaupt in ihrer Macht liegen sollte.

oOoOoOo

 

Erleichtert ließ Hermine sich auf den Stuhl sinken. Sie hatte beschlossen, die Geschenke für ihre drei neuen Freunde beim gemeinsamen Mittagessen zu überreichen, und der Weg über den verschneiten Pfad vom Schloss hinunter hatte sich mit der beladenen Tasche als äußerst gewagt herausgestellt. Zum Glück war sie nie ernsthaft ausgerutscht, denn die Vorstellung, von einem der drei Männer ganz ritterlich aufgefangen zu werden, war auf zu vielen Ebenen äußerst unangenehm.

"Ich bestelle uns erstmal eine Runde Butterbier, in Ordnung?", bot Theo an, der sich als einziger noch nicht gesetzt hatte. Die anderen drei nickten und griffen nach den kleinen Mittagskarten, um sich für eine richtige Mahlzeit zu entscheiden. Der Gastraum war recht leer, was aber ob der Weihnachtsferien nicht verwunderlich war. Nur vereinzelt saßen anderen Hogwartsschüler in kleinen Gruppen an den Tischen.

"Ich glaube, ich probiere mal aus, wie gut sie hier Steak zubereiten können", murmelte Hermine, nachdem sie die Karte gründlich studiert hatte.

"Du isst Fleisch?", fragte Blaise mit erhobener Augenbraue.

"Ja, am liebsten Rind, am liebsten blutig", gab Hermine mit einem breiten Grinsen zurück. Sie wusste, dass die meisten Männer überrascht davon waren, wenn eine Frau - und dann auch noch eine wie sie - offen zugab, dass sie gerne blutiges Steak aß.

"Das hört man selten", kam auch die erwartete Antwort von Blaise, während er so unauffällig wie möglich näher an Hermine ranrückte. Ihr wurde plötzlich bewusst, dass links von ihr an dem runden Tisch Blaise, rechts von ihr Draco saß und sie mehr oder weniger gefangen war zwischen zwei Jungs, die auf ganz unterschiedliche Art Interesse an ihr hatten. Sie wünschte sich, dass Theo bald wiederkommen würde, um sie aus dieser unangenehmen Situation zu befreien.

"Und was nimmst du?", erkundigte sie sich, um die angespannte Stille, die sich am Tisch auszubreiten drohte, zu überbrücken. Blaise lächelte sein umwerfendstes Lächeln und erwiderte: "Dasselbe wie du."

Er lehnte sich noch näher zu ihr hin, so dass ihre Schultern sich beinahe berührten, doch Hermine war nicht gewillt, zur anderen Seite auszuweichen - denn dort wartete Draco. Der, wie sie mit einem raschen Seitenblick feststellte, wieder äußerst finster drein schaute. Genau in diesem Moment kam Theo mit vier großen Gläsern Butterbier an den Tisch zurück. Ehe Hermine aktiv werden konnte, war Draco aufgestanden und hatte seinem Freund zwei Gläser abgenommen, von denen er eines vor Hermine stellte: "Hier, schöne Dame, es soll ja nicht heißen, die einzige Frau in der Runde würde nicht angemessen behandelt."

Hermine zwang sich, seinen Kommentar nicht ernst zu nehmen, und antwortete ebenso freundlich: "Oh, danke, werter Herr, zu aufmerksam!"

Ein winziges Lächeln huschte über Dracos Lippen, während er sich wieder auf seinen Stuhl setzte, doch die Erleichterung, die Hermine darüber verspürte, dass sie seine Laune hatte bessern können, wurde getrübt dadurch, dass ein Blick zur anderen Seite einen Blaise zeigte, der aussah wie ein getretener Hund. Sie fragte sich plötzlich, ob es vielleicht eine schlechte Idee gewesen war, mit Blaise und Draco zusammen herzukommen. Der eine hatte ganz offenbar romantische Gefühle für sie, der andere wollte mit ihr schlafen, gleichzeitig waren sie beste Freunde - eine explosive Mischung, wie ihr mit einem Mal bewusst wurde. Warum ihr das nicht bereits beim Frühstück aufgegangen war, konnte Hermine beim besten Willen nicht nachvollziehen. Und nun hatte sie den Salat.

"Also, Jungs, ich habe mir sehr viel Mühe gegeben und für jeden von euch ein Geschenk dabei!", verkündete sie, um die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf etwas anderes zu lenken: "Wenn ihr brav seid, bekommt ihr sie jetzt und dürft sie sogar sofort auspacken."

"Ich bin immer brav", meinte Blaise schnurrend, während er sich noch näher zu ihr lehnte. Jetzt berührten sich ihre Schultern wirklich.

"Ich sowieso", stimmte Theo zu, dem nicht entgangen war, dass sein Freund jede Gelegenheit nutzte, um Hermine nahe zu sein. Sein Blick wanderte zu Draco, doch der verhielt sich zu seiner Erleichterung völlig normal. Wie vermutet konnte er keinerlei übermäßiges Interesse von ihm an Hermine oder andersherum feststellen. Er würde Pansy Entwarnung geben können.

"Nunja, brav ist nicht unbedingt mein zweiter Vorname", gab Draco zu, was allen am Tisch ein Lachen entlockte. Hermine wollte sich gerade mit erhobener Augenbraue zu ihm umwenden, da spürte sie plötzlich seine warme Hand auf ihrem rechten Oberschenkel. Sie hielt mitten in der Bewegung inne. Sie konnte ihm jetzt unmöglich in die Augen sehen. Mit leichter Röte auf den Wangen griff sie nach ihrer Tasche, um die Geschenke hervor zu holen.

"Zuerst ... zuerst bist du dran, Theo", stotterte sie, während sie sich bemühte, die Hand auf ihrem Schenkel zu ignorieren. Warm war der falsche Ausdruck. Glühend heiß traf eher zu. Und zu ihrem Entsetzen begann Draco, ganz langsam die Innenseite ihres Schenkels hochzufahren. Sie räusperte sich vernehmlich, während sie ein kleines Päckchen über den Tisch reichte. Es kostete sie alle Konzentration, um ihren Blick auf Theo zu halten, während dieser sein Geschenk auspackte.

"Trüffelpralinen!", rief dieser dann begeistert aus: "Wie konntest du wissen, dass ich die liebe?"

"Ein Schuss ins Blaue", erklärte Hermine mit einem verkrampften Lächeln. Dracos Hand begab sich definitiv in Regionen, in die sie nicht gehörte. Darum bemüht, nicht weiter rot anzulaufen, wandte sie sich zu Blaise: "Und das ist für dich."

Es dauerte nur einen Augenblick, bis Blaise das flache Päckchen ausgepackt hatte: "Eine Formelsammlung für Arithmantik?", fragte er verwirrt. Hermine schüttelte den Kopf: "Nicht einfach eine Formelsammlung. Ich habe sie verzaubert. Du hast hier vorne auf der ersten Seite ein Eingabefeld, in das du Zeichen oder Formeln oder ähnliches eintragen kannst und das kleine Heft sucht dir dann die Seitenzahlen mit passenden Formeln raus. Du musst also nicht blättern und du musst auch nicht wissen, wie eine Formel heißt oder in welcher Formel ein bestimmtes Zeichen vorkommt."

Seine Augen weiteten sich: "Wow, das ist wahnsinnig nützlich. Danke, Hermine!"

Verzweifelt nutzte diese den Moment, um die lästige Hand loszuwerden: Sie sprang auf und gab Blaise eine ausführliche Umarmung. Dann, nach einem Moment, der selbst ihr zu lang erschien, setzte sie sich wieder hin und wandte sich zu Draco: "Und nun du, auch wenn du definitiv nicht brav bist!"

Sie hatte fast damit gerechnet, dass er diese Worte als Anspielung auf seine Hand verstehen würde, doch der Ausdruck in seinem Gesicht war nicht freundlich. Er riss ihr das Geschenk aus der Hand, entfernte das Papier und starrte ausdruckslos auf das Buch in seinen Händen: "Bram Stokers Dracula?"

"Ja", erklärte Hermine unsicher: "Weil wir uns doch letztens über Vampire unterhalten haben. Das ist das Muggel-Buch, mit dem die Beliebtheit von Vampiren in der Literatur angefangen hat."

"Aha", war alles, was er dazu sagte. Mit einem Schulterzucken legte er es auf den Tisch, dann stand er auf und ging nach vorne an die Bar. Mit aufgerissenen Augen starrte Hermine ihm nach: "Welche Laus ist dem denn jetzt über die Leber gelaufen?"

"Ich habe keine Ahnung", sagte Theo ebenso verwirrt. Falls Draco doch an Hermine Interesse haben sollte, war diese Reaktion auf ihre Umarmung für Blaise verständlich. Aber nichts, was er zuvor beobachtet hatte, ließ diesen Schluss zu. Misstrauisch blickte er seinem Freund hinterher, nur um zu sehen, wie er mit einer älteren Schülerin aus Ravenclaw an der Bar sprach. Schnaubend meinte er: "Ich glaube, das jetzt lag nicht an dir. Sieht eher so aus, als habe er ein neues Opfer gefunden."

Hermine und Blaise folgten seinem Blick. Sie konnte gerade noch sehen, wie Draco der hübschen, schwarzhaarigen Schülerin eine Hand auf die Hüfte legte und sie zur Treppe geleitete, die zu den Zimmern über dem Gastraum führte. Ihr Herz machte einen entsetzten Satz: Warum hatte er sie erst beinahe unanständig berührt, nur um dann mit irgendeinem Mädchen auf einem Zimmer zu verschwinden. Sie kämpfte darum, sich ihre Enttäuschung nicht ansehen zu lassen, ehe sie sich wieder zu den beiden anderen umdrehte: "Na, dann sind wir eben nur zu dritt."

"Zu zweit, um ehrlich zu sein", fiel ihr Theo ins Wort: "Mir ist gerade eingefallen, dass ich heute unbedingt noch etwas erledigen wollte und die Geschäfte schließen bald. Also, esst ihr ruhig ohne mich."

Hermine konnte deutlich sehen, dass er beim Aufstehen Blaise verschwörerisch zublinzelte. Sie erinnerte sich, wie Theo erst vor kurzem eine Andeutung gemacht hatte, dass er vermutete oder wusste, dass Blaise mehr als nur Freundschaft von ihr wollte. War das hier etwa ein geplanter Kuppelei-Versuch von ihm? Ehe sie jedoch dagegen protestieren konnte, hatte Theo sich bereits seinen Mantel angezogen, zum Abschied kurz auf den Tisch geklopft und das Wirtshaus verlassen.

"Das war ja richtig unauffällig", murmelte Blaise verunsichert. Amüsiert stellte Hermine fest, dass er genau dieselben Absichten hinter Theos plötzlichem Abgang vermutete wie sie selbst. Sie beschloss, Draco einfach zu ignorieren und dafür Blaise ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Nachdem sie sich über ihre Gefühle für Ron klar geworden war, war es eventuell an der Zeit, ihrer Schwärmerei für den großen, dunkelhäutigen Slytherin nachzugehen. Immerhin hatte Draco ihr gerade relativ deutlich zu verstehen gegeben, dass es ihm doch nicht so ernst war, wie er am See vorgegeben hatte. Wenn es ihm gegen den Strich ging, dass sie seinen besten Freund nähern kennen lernen würde, dann hatte er jetzt einfach Pech gehabt.

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