15. Dezember

Die Angst war zurück, aber in anderer Form. Den ganzen Sonntag über war Draco nicht in der Lage gewesen, Hermine wiederzufinden. Sie war weder in der Bibliothek zu finden gewesen noch hatte sie irgendeine der anderen Mahlzeiten in der Großen Halle eingenommen. Und jetzt war schon Montag. Er wurde das Gefühl nicht los, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er in Dumbledores Büro gebeten wurde. Ihm war klar, dass es ihm nicht helfen würde, sich auf der Toilette von Myrte zu verstecken und den Unterricht zu schwänzen, doch er fand einfach nicht die Kraft, sich der Öffentlichkeit zu stellen.

Verzweifelt vergrub er sein Gesicht in seinen Händen. Er war selbst mehr als naiv gewesen, als er Hermine sein Mal gezeigt hatte. Was hatte er gedacht, würde dann passieren? Hatte er ernsthaft erwartet, dass sie nicht früher oder später doch zu Dumbledore gehen würde? Und selbst wenn nicht, sie würde es ganz sicher Potter erzählen und dann würde er auf jeden Fall zu seinem geliebten Schulleiter gehen. Resigniert schlug er seinen Kopf mehrmals gegen die Wand hinter sich.

„Mal wieder schlecht drauf, Süßer?“

Die hohe Stimme von Myrte war ihm beinahe willkommen. Zumindest konnte sie ihn für einen Augenblick ablenken. Ohne sie weiter anzuschauen, murmelte er ein schwaches „Hey“ zurück.

„Ist Julia davon gelaufen?“, fragte sie neckend.

Böse schaute er sie an: „Du scheinst das ja sehr zu genießen.“

Sofort ließ sie ihr Lächeln verschwinden und gesellte sich stattdessen neben ihn auf den Boden: „Oh, tut mir leid, ich wusste nicht, dass es so ernst ist. Also, was ist passiert?“

Er konnte nur den Kopf schütteln. Wie sollte er jemals vernünftig erklären, was in ihm vorging? Seufzend schaute er sie an: „Ich habe dir schon mal von meinem Auftrag erzählt, erinnerst du dich?“

„Ja, Liebster“, gurrte sie begeistert: „Du tust mir so leid. Ich kann total mit dir mitfühlen, wie es dir gehen muss.“

Wie schon beim ersten Mal, als er ihr davon erzählt hatte, fragte er sich, wie sie wissen wollte, wie er sich fühlte, doch er sagte nichts darauf. Stattdessen fuhr er langsam fuhr: „Meine Julia hat von meinem Auftrag erfahren. Und sie fühlt sich benutzt, weil ich ihre Hilfe in Anspruch genommen habe, obwohl sie… naja, nicht auf meiner Seite ist. Jetzt hasst sie mich.“

„Oh“, seufzte Myrte, die gar nicht besorgt, sondern vielmehr begeistert klang: „So tragisch! Mein armer Romeo! Mein Herz schlägt für mich!“

Sein Blick verfinsterte sich: „Das ist nicht lustig, Myrte. Sie hat alle nötigen Beweise, um zu Dumbledore zu gehen. Was meinst du, was dann mit mir passiert? Irgendwo da draußen wartet einen Dementor darauf, mir einen Kuss zu geben. Verstehst du?“

Ihre Augen wurden groß wie Teller: „Meinst du? Niemand würde dich dazu verurteilen, Liebster! Du bist doch so jung. So unschuldig!“

„Eben nicht!“, schrie er sie an: „Hörst du mir eigentlich zu? Ich bin nicht unschuldig. Ich habe versucht, Dumbledore zu töten! Und ich habe Her… meine Julia benutzt, um einen neuen Versuch zu starten! Ich bin schuldig!“

Erschöpft ließ er den Kopf hängen. Das Schuljahr war eh schon nicht gut gelaufen und seit er Granger an sich heran gelassen hatte, war es nur schlimmer geworden. Hatte sie zuerst wie ein Lichtblick gewirkt, war sie nun der Henker, der ihn früher oder später zur Schlachtbank führen würde.

„Ich verstehe dich nicht“, sagte Myrte langsam: „Seit du mir von dem Auftrag erzählt hast, kriege ich das Gefühl, dass du ihn nicht wirklich ausführen willst. Willst du ihn ausführen?“

„Natürlich!“, fauchte Draco ungeduldig: „Ich habe dir doch erklärt, warum ich das tun muss! Ich bin tot, wenn ich das nicht tue!“

„Hattest du nicht gesagt, dass dir ein anderer Weg eingefallen ist? Irgendwas, was die Gunst deines Meisters erneuern könnte, wenn du Dumbledore nicht tötest?“

„Ja“, flüsterte er mit geschlossenen Augen: „Das ist meine Hoffnung. Aber ich muss trotzdem an meinem Auftrag arbeiten.“

„Musst du das wirklich?“, hakte Myrte nach und dabei klang sie nicht mehr so unbeschwert wie vorher. Interessiert wandte er den Kopf zur Seite und starrte direkt in ihr leicht durchsichtiges Gesicht. Sie schaute ihn ebenso aufmerksam an, völlig ernst, vollkommen aufrichtig. Skeptisch hob er eine Augenbraue: „Wie meinst du das?“

„Ich schlage nur vor“, erwiderte sie, jetzt wieder ihr altes, verspieltes Selbst: „Was weiß ich schon davon?“

Darauf hatte er keine Antwort. Er schloss die Augen und ließ seinen Kopf zurück gegen die Wand sinken. Konnte er es riskieren? Was, wenn der Auftrag wirklich nur eine Art der Bestrafung Voldemorts für seinen Vater war? Dann wäre alles egal, was er täte, er würde so oder so sterben!

Er legte den Kopf schräg. Wenn er die Wahl hatte zwischen Tod und dem Kuss des Dementors… er würde sogar den Tod bevorzugen. Fluchend fuhr er sich durch sein Haar. Gab es einen Weg, dass die Flasche mit vergiftetem Alkohol nicht in die Hände von Dumbledore gelang? Wenn er das rückgängig machen konnte, konnte er dann vielleicht Granger davon überzeugen, nicht zu Dumbledore zu gehen? Sie schien ja eh zu zögern, sonst wäre schon am Vortag irgendetwas geschehen.

Doch wie sollte er das anstellen? Es war eh schon schwer genug gewesen, einmal in Slughorns Büro zu kommen und dazu hatte er Hermine gebraucht. Das war jetzt nicht mehr möglich. Er musste es selbst irgendwie schaffen.

Oder musste er?

Stöhnend fuhr er sich durch sein Haar. Er hasste diese Angewohnheit, immer nach seinem Haar greifen zu müssen, wenn er gestresst war, aber es war so ein Reflex, dass es ihm manchmal nicht einmal mehr auffiel.

Konnte er Hermine noch einmal um Hilfe bitten? Würde sie ihm verzeihen, wenn sie aktiv mitbekäme, dass er versuchte, seine Handlung rückgängig zu machen? Und im Gegensatz zu ihm vertraute Slughorn ihr. Sie konnte ihn in seinem Büro aufsuchen, ohne dass er etwas dagegen sagen würde.

„Meinst du, ich habe noch eine Chance, das wieder gutzumachen?“, fragte er an Myrte gerichtet. Das tote Mädchen lächelte ihn aufmunternd an: „Wenn sie wirklich deine Julia ist, dann wartet sie nur darauf, dass du zu ihr kommst und ihr die Gelegenheit gibst, dir zu verzeihen.“

Draco lachte auf. Ja, wenn das hier eine Liebesgeschichte wie Romeo und Julia wäre, hätte er fraglos noch alle Chancen der Welt. Doch dies war keine Liebesgeschichte. Und trotzdem. Dies war Hermine Granger. Er schätzte sie nicht als jemanden ein, der niemals vergeben konnte. Vielleicht, wenn er es richtig anstellte, konnte er irgendetwas wieder gut machen. Zumindest soweit, dass sie ihn nicht an Dumbledore oder Potter verriet.

Er musste es einfach versuchen.

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