15. Vierzehn

Auch als aus dem Gewitter nur noch ein leises Grollen in der Ferne geworden war und der Regen auch soweit nachgelassen hatte, dass das Trommeln auf dem Dach nicht mehr ganz so laut war, lagen sie immer noch genau so da. Irgendwann hatte sich Gregors Hand in Tonis Haar gegraben, wo sie jetzt immer noch war.

Toni hatte die Nase in Gregors T-Shirt und fühlte sich wie damals, als er sich so heftig betrunken hatte, aber bevor der furchtbare Kater gekommen war: irgendwie schwebend und angenehm beduselt. Allerdings hatte sein Gehirn nicht ganz abgeschaltet und er traute sich nicht, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen, aus Angst, Gregor damit irgendwie aufzuschrecken und darauf zu bringen, dass das hier doch irgendwie komisch war.

Denn auch, wenn Toni sich vorher noch nie so gut gefühlt hatte, wie in diesem Moment, konnte er das komische Gefühl nicht so ganz loswerden und wenn er es nicht konnte, dann Gregor doch sicher erst recht nicht. Schließlich hatte er so wütend die Stirn gerunzelt, als Toni ihn in der Kirche geküsst hatte, sodass er sich sicher gewesen war, dass er nie wieder ein Wort mit ihm reden würde.

Allerdings hatte er das dann ja doch. Sie hatten sich danach dann sogar noch zweimal geküsst. Bei dem Gedanken musste Toni einmal breit grinsen. Und letztendlich war es doch ganz egal, ob das hier komisch war. Es fühlte sich einfach super an und das war das Einzige, was wichtig war.

Doch als Gregor sich dann plötzlich abrupt aufsetzte und Toni zwangsläufig mit hochgezogen wurde, machte sein Herz einen enttäuschten Hüpfer, dass sein Szenario jetzt anscheinend doch eingetroffen war. Aber dann hörte er Stimmen und Gepolter und das war es sicher, was Gregor aufgeschreckt hatte.

Gregor schob Toni ganz sanft von sich, sprang vom Bett und lief in den Korridor. Er verschwand um die Ecke und kam einen Augenblick später mit wutzblitzenden Augen und der Toni sehr bekannter gerunzelter Stirn wieder. Bevor er nachfragen konnte, was passiert war, brüllte Gregor auch schon los: "Ich hasse diese verdammten Renovierungen! Dauernd laufen hier irgendwelche Menschen rum und gehen mir auf die Nerven und machen Krach! Warum brauchen diese ätzenden Touristen ein verdammtes Restaurant?! Oder ein verdammtes Schwimmbad?! Sollen sie doch in dem scheiss See schwimmen gehen. Meine Eltern können dafür dann ja auch Eintritt verlangen! Und wehe, sie machen hier in diesem Raum auch irgendwas für die blöden Leute!" Er trat mit solcher Wucht gegen den Bettpfosten, dass das Bett für einen Moment erzitterte.

Toni, der wusste, dass jetzt jedes Wort falsch gewesen wäre, saß nur stumm da und sah ihm bei seinem Wutausbruch zu. Doch dann kamen die Stimmen und das Gepolter näher und jetzt hielt er es auch für besser, aufzustehen.

Gregor starrte ihn wütend an, als ob er an allem Schuld war, aber das tat er in solchen Situationen immer und wie an vieles andere, was Vulkan Gregor betraf, hatte Toni sich inzwischen auch daran gewöhnt und ließ sich nicht mehr provozieren. Stattdessen lächelte er Gregor an, was vermutlich falsch war und ihn nur noch mehr auf die Palme bringen würde, aber Toni konnte einfach nicht anders.

Doch zu seiner Überraschung erwiderte Gregor das Lächeln und es war ganz und gar nicht gezwungen. Und wie die Male vorher, die er ihn anlächelte, hatte Toni auch jetzt wieder dieses warme Gefühl im Bauch, er beugte sich vor und küsste Gregor einmal kurz. Danach grinste der nur noch mehr und nahm Tonis Hand: "Komm, wir hauen hier ab!"

Er zog ihn zum anderen Ende des riesigen Raums, wo sich im Boden eine Falltür befand, ergriff den Ring in der Mitte und hob sie hoch. Toni, der von der Tatsache entzückt war, dass diese Falltür aussah wie im Film, blickte durch die entstandene Öffnung und sah auf den Steinboden des Raumes darunter. "Du zuerst", sagte Gregor und Toni, der das Ganze wegen der Falltür jetzt unglaublich aufregend fand, ließ sich das nicht zweimal sagen.

Allerdings landete er in keinem hinter der Wand versteckten Gang oder einem geheimen Zimmer, wie er gehofft hatte, sondern einfach in einem leeren Raum, der sich nur dadurch von den anderen unterschied, dass er kein Fenster hatte.

Mit einem leisen Plumps landete Gregor neben ihm. In der Hand hielt er ein Seil und als Toni nach oben blickte, zog er daran und die Klappe fiel mit einem dumpfen Knall wieder zu.

Er hätte Gregor jetzt gern nach der Falltür gefragt, wieso es sie gab und ob dieser Raum hier, trotz seines gewöhnlichen Aussehens, vielleicht einmal etwas Besonderes gewesen war, aber nach seinem Ausbruch von grade verkniff er sich die Fragen lieber. Er hatte keine Lust, dass Gregor sich wieder aufregte. Wie er es eigentlich meistens tat, wenn Toni ihn irgendetwas über die Burg fragte. Und da er sich in den meisten Fällen in seine Wut hineinsteigerte, kamen die Themen Johann und Renovierung auch immer gerne dran und auf die hatte Toni noch weniger Lust.

Also ging er wortlos hinter Gregor her, der mit riesigen Schritten losstürmte, dann aber anhielt, als er merkte, dass Toni nicht ebenso schnell hinterherkam. Er drehte sich zu ihm um und hielt ihm seine Hand hin. Toni ergriff sie, sie verflochten ihre Finger miteinander und gingen etwas langsamer zum Ausgang.

Sie hörten zwar noch den Krach der Handwerker, begegneten aber auf ihrem Weg niemanden und kamen natürlich an einer ganz anderen Stelle heraus, als der, an der sie hineingegangen waren.

Als ob sie sich abgesprochen hätten, ließen sie sich los, als sie nach draußen getreten waren und schlugen den Weg zum Wohngebäude ein. Am Ende landeten sie, wie so oft, in Gregors Zimmer vor der Konsole. Aber was diesmal anders war, war, dass sie sich öfters einmal einfach nur ansahen und lächelten. Oder Gregor legte den Arm um Tonis Hals, zog ihn zu sich heran und sie küssten sich einen Augenblick, diesmal schon viel sicherer als die ersten Male.

Um kurz vor neun ließen sie dann das Spiel Spiel sein, Toni legte den Kopf auf Gregors Schulter und schloss die Augen. Gregor nahm seine Hand und sie saßen so schweigend da während die ruhige Musik des Autorennspiels sie einhüllte und genossen die letzten Minuten, die ihnen noch blieben. Bis Gregors Mutter an die Tür klopfte und Toni daran erinnerte, dass es Zeit war, zu gehen.

Wie sonst auch brachte Gregor ihn noch zur Tür, aber anstatt sie nach einem kurzen Abschiedswort zu schließen, lehnte er sich gegen den Rahmen und sah Toni mit einem bedauernden Lächeln an. "Echt scheisse, dass du schon gehen musst." Er räusperte sich einmal und sah auf den Boden. "Also... ich kann ja meine Mama mal fragen, ob du morgen hier pennen kannst. W...wenn du das auch willst."

Natürlich musste Toni keine Sekunde darüber nachdenken. "Klar will ich das!", rief er und bei dem Gedanken, morgen bei Gregor zu schlafen, erfüllte wieder dieses angenehme Gefühl seinen ganzen Körper.

Gregor strahlte. "Super." Er sah einmal über die Schulter, dann beugte er sich vor und küsste Toni schnell. "Gute Nacht", sagte er liebevoll.

"Bis morgen", erwiderte Toni und dann sahen sie sich noch einen Moment an, bevor Toni sich umdrehte und die Treppe herunterstieg.

Seine Knie waren weich, sein Herz klopfte und er hatte das Gefühl, als würde er auf einer kleinen Wolke schweben. Als er sich dem Haus näherte, wurde er sich des breiten Lächelns auf seinem Gesicht bewusst. Er versuchte, es abzustellen, aber es war unmöglich. Ihm blieb deswegen nur die Hoffnung, dass gleich niemand da war, der ihn fragen würde, weswegen er so breit lächelte. Vor allen Dingen nicht Nadja.

Nadja, Thorsten und Kamilla waren zwar alle da, aber sie saßen auf der Couch vor dem Fernseher, mit dem Rücken zur Treppe und Toni gelang es mit einem flüchtigen ,Gute Nacht' an ihnen vorbei zu huschen. Er sah zwar aus den Augenwinkeln, dass Nadja sich umdrehte, aber dann war er auch schon oben.

In seinem Zimmer angekommen, schloß er die Tür sorgsam hinter sich, zog sich seine Schlafsachen an und kroch ins Bett unter die Decke. Aber diesmal, um in der kompletten Dunkelheit selig vor sich hinzuträumen.

Am nächsten Morgen wachte Toni um halb neun auf und eigentlich hätte er sich jetzt noch einmal umgedreht und weitergeschlafen, aber seine Gedanken waren sofort wieder bei Gregor gelandet und die Vorstellung, heute vielleicht bei ihm zu übernachten, sorgte dafür, dass er nicht mehr einschlafen konnte.

Er stand auf und ging zum Fenster. Am ansonsten blauen Himmel waren zwar noch ein paar Wolken, aber es waren weiße Schäfchenwolken und keine grauen Schlechtwetterwolken. Ein weiterer Grund für Toni, trotz des, für seine Verhältnisse, frühen Aufstehens einfach nur gut gelaunt zu sein.

Doch dann knurrte sein Magen und von jetzt auf gleich bestand er nur noch aus Hunger. Er hatte gestern ja weder mittags noch abends etwas gegessen, einfach, weil er gar nicht hungrig gewesen war. Wenn er mit Gregor zusammen war, gab es auch nur Gregor. Für so etwas Profanes wie Hunger und Essen war kein Platz. Aber jetzt, ohne Gregor, war nichts mehr, das den Hunger zurückhielt und am liebsten wäre Toni gleich nach unten gelaufen und hätte sich den Bauch mit irgendwas vollgeschlagen. Allerdings bestand um diese Zeit die Möglichkeit, dass Kamilla, Nadja, Thorsten oder vielleicht sogar alle zusammen unten waren. Toni hatte absolut keine Lust, sich zu ihnen zu setzen und gefragt zu werden, wieso er gestern so gegrinst hatte, denn das hatte Nadja bestimmt gesehen.

Also legte er sich zurück aufs Bett und griff nach seinem Buch, um dann Seite um Seite zu lesen, ohne mitzubekommen, was dort stand. Ihm war vor Hunger mittlerweile sogar richtig schlecht und schließlich war auch der letzte Rest Willensstärke aufgebraucht und er konnte nicht anders, als nach unten zu gehen, wo, wie erwartet, Nadja und Kamilla am Tisch saßen und aßen.

"Sieh an, sieh an, wer kommt denn da?!", rief Nadja lachend. "Um diese Uhrzeit hatten wir gar nicht mit dir gerechnet."

Der Satz rauschte beinah ungehört an Tonis Ohren vorbei, denn alle seine Sinne waren auf den Frühstückstisch mit dem Korb Brötchen, dem Marmeladenglas und dem Teller mit Aufschnitt gerichtet. Zu einem ,Guten Morgen' war er noch in der Lage, bevor er sich auf einen Stuhl fallen ließ, zwei Brötchen auf einmal nahm, unkoordiniert aufschnitt und sich gar nicht damit aufhielt, sie mit Margarine zu bestreichen, sondern einfach vier Scheiben Wurst verteilte und anfing zu essen.

Nach der dritten Brötchenhälfte ging es ihm besser und er nahm auch wieder die Dinge um sich herum wahr, die nichts mit Essen zu tun hatten. Wie Nadjas Blick, mit dem sie ihn ansah. Er erwiderte ihn natürlich nicht, sondern starrte angestrengt auf sein Brettchen, während er darauf wartete, dass sie etwas sagte.

Aber sie schwieg, genau wie Kamilla, bei der Schweigen ja nichts Ungewöhnliches war. Aber bei Nadja schon und irgendwann war Toni so angespannt, dass es ihm auf einmal lieber gewesen wäre, wenn sie etwas sagen würde, worauf er dann mit irgendeinem Spruch reagieren konnte.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach die Stille und Toni zuckte zusammen, während sein Herz einen freudigen Hüpfer machte. Es war zwar noch nicht mal ansatzweise elf Uhr, sondern grade einmal zehn, aber das war natürlich Gregor.

Toni merkte, wie sich das breite Grinsen zurück auf sein Gesicht schlich- während Nadja ihm gegenüber saß. Er versuchte, seine Muskeln zu entspannen was ihm auch so lange gelang, wie Kamilla brauchte, um zu Tür zu gehen, sie zu öffnen und Gregor hereinzulassen.

Toni stopfe den letzten Rest Brötchen in sich hinein, stand auf und ging zu Gregor, sodass er mit dem Rücken zu Nadja stand. Er spürte zwar weiterhin ihren Blick auf sich gerichtet, aber sie konnte ja nicht sehen, wie er Gregor anstrahlte.

Gregor strahlte zurück. "Hej", sagte er. "Lust, schwimmen zu gehen?"

"Na klar", quetschte Toni an dem Brötchen in seinem Mund vorbei. "Ich hol nur eben meine Badesachen." Er warf sich herum und rannte die Treppe hoch in sein Zimmer. Jetzt, wo seine kleine Welt wieder voll mit Gregor war, war die Bemühung, sich vor Nadja betont lässig zu geben, vergessen. Auch die Tatsache, dass sie sich, als er wieder herunter kam, über die Küchentheke beugte, ihn mit einem undefinierbaren Lächeln ansah und "Viel Spaß ihr zwei", trällerte, beachtete er nicht sonderlich.

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