16. Erwachen aus einem Traum

„Huch.“ Ich sah zu ihr, sie blickte aus dem Fenster.
„Was?“
„Ich glaube, du hast besuch.“ Ich stand auf und legte die Decke zur Seite. Als ich in ihre Nähe trat, erblickte ich wie Samuel und Ian am See standen. Sie blickten hinauf zu uns. Also hatte ich doch recht gehabt? Intuition? Anders konnte ich mir das nicht erklären.
„Mam würdest du später wiederkommen?“ Sie sah mich mit großen Augen an.
„Du schmeißt mich raus, schon wieder?“ Ich zuckte mit den Schultern.
„Du sagtest, ich soll mit ihm reden.“ Sie sah zurück.
„Welches Zuckermäulchen ist es denn?“ Welches was!?
„Mam!“
„Nida!“ Sie riss die Augen auf und strafte mich mit einem bösen Blick.
„Rechts.“
„Lecker, jetzt wird mir einiges klar. Ein Blondchen.“ Ich stöhnte genervt auf.
„Ist ja gut. Bei Gelegenheit kannst du die Sachen anprobieren, ja? Bis später.“ Damit gab sie mir einen Kuss und machte sich auf zur Tür. Ganz beruhigt sah sie dennoch nicht aus.
Ich selbst konnte mir die Welt nicht mehr erklären. Ich sah Monster in der Nacht und schien verbunden mit einem Mann der Menschen die Seele aus dem Leib prügelte.
„Ich habe bestimmt nichts Besseres zu tun, als eine Modenschau zu veranstalten.“
„Zeig ihm, was du hast!“ Sie knallte die Tür zu und ich war für einen kurzen Moment alleine. Erleichtert war ich dennoch nicht.
Ich atmete tief durch und entschied erstmal ins Bad zu gehen. Dort kämmte ich mir das Haar und cremte meine gereizte Haut ein. Danach sah ich schon ansehnlicher aus. Die Blauen Flecken wurden immer blasser und auch die Wunde am Hals war nur noch eine rote Narbe. Ich verstand die Welt nicht mehr, weshalb ich sie mir genau von Sam erklären lassen würde.
Auch wenn ich mich scheußlich fühlte, zeigte mein Äußeres nichts sonderlich viel davon. Mit frischen Sachen trat ich hinaus.
Wo ich beinah einen Herzinfarkt erlitt. Beide standen in meinem Wohnzimmer. Ich hielt mich vor Schreck an der Tür fest und mir standen erneut die Haare zu Berge.
Ian grinste belustigt, Samuel war ganz kühl. Er stand mit verschränkten Armen vor der Couch, die beiden sahen sich so ähnlich, jetzt wo Ian genau neben Samuel stand. Ian hatte die Hände tief in die Hosentasche gesteckt. Beide sahen nicht sehr begeistert aus. Was für mich wohl auf in den Kampf hieß.
Ich hatte verstanden, dass ich eine hysterische Zicke war! Unter die Nase reiben konnte ich mir das Selbst, außerdem hatte das meine Mutter schon getan. Ich richtete mein Hemd und ging kurz in die Küche. Mein Körper war dermaßen ausgetrocknete, dass ich noch umkippen würde, bevor das ganze Spiel anfangen würde.
Nach drei großen Glas Wasser, fühlte ich mich in der Lage, Samuel und Ian gegenüberzutreten. Das es ein Drama werden würde musste mir niemand sagen.
Ich ging um die Ecke. Samuel hatte sich in den Sessel gesetzt, Ian stand an der Tür, als wollte er gleich wieder flüchten. Ich hätte es ihm gern nachgetan. Doch war Flucht keine Option mehr.
Ohne ein Wort ging ich zum Sofa und ließ mich fallen. Keiner der beiden sagte etwas oder nahm den Blick von mir. Sollte ich mich schämen? Immerhin hatte ich doch zum Teil recht. Sie schwiegen, ein unangenehmes auf der Haut kribbelndes Schweigen.
Samuel starrte mich weiter an, Ian begann sich umzuschauen. Ich fragte mich, was er hier sollte und räusperte mich, als keiner von beiden Anstalten machte.
„Das ist doch Blödsinn.“ Ich rückte vor und faltete die Hände. „Zu aller erst, danke. Sam.“ Er antwortete weder, noch stellte er Fragen, also fuhr ich fort. „Ich meine für gestern Nacht. Den letzten Teil, nicht den Ersten. Ich weiß nicht, was es war, nur, dass es mir fast mein Licht ausgeknipst hätte, wärt ihr nicht gewesen.“ Ich war ruhig, gefasst und professionell. Genau richtig. Seine Hände krallten sich in die Lehne. Oder nicht?
Ich horchte in mich hinein, ich spürte Belustigung, Wut, Verwirrung, Sorge konnte jedoch nicht zuorden, von wem sie kam. Kurz blickte ich zu Ian rüber, er fixierte mich mit seinem Blick. Diesmal lag keine Wut in ihnen, versuchte er mich zu deuten? Als wieder niemand etwas sagte, öffnete ich erneut den Mund, nur um von Samuel mit einer einzigen Handbewegung gestoppt zu werden.
„Wie geht es dir?“ Ich blinzelte. Wie es mir ging? Fragte er das ernst? Ich wusste es nicht, mir ging es schlecht und gut zugleich, ich war außerordentlich verwirrt und ziemlich ... in sorge? In sorge, er könnte mir nicht verzeihen.
Ich öffnete er erneut den Mund nur um ihn wieder zu schließen. Ich konnte es nicht sagen. Andererseits hatte ich das Gefühl, er wusste es längst.
Ich sah auf zu ihm. In seinem Blick lag nichts, er sah mich nur an. Ruhig und gelassen. Ich blinzelte. Dieses Gefühl.
Es war so angenehm wie ungewohnt. Er saß dort, doch war er mir viel näher als jemals zuvor. Es machte mir Angst und es machte mich glücklich zugleich. Ich wusste nur eins, er war in mir, in meinem Kopf. Wie das möglich war und ob ich nicht einfach den Verstand verloren hatte, wusste ich nicht. Er wartete auf meine Antwort, wollte das ich es aussprach.
„Gut. Verwirrt aber gut, denke ich.“ Ian schnaubte. „Wenn du ein Problem hast, kannst du gern mein Haus verlassen!“, fuhr ich ihn plötzlich brennend vor Wut an. Es war offensichtlich, das er mich provozierte. Das folgende passierte zu schnell, genau wie letzte Nacht verlor ich die Orientierung. Im einen Augenblick fuhr ich Ian an, im Nächsten stand Samuel schützend vor mir. Ich Stand auf, musste blinzeln. Die beiden standen fast Nase an Nase, sahen sich nur an.
„Ich glaube, es wäre besser, wenn du draußen wartest, Bruder.“ Er bewegte sich nicht. Nur eine Sekunde später, warf Ian die Arme in die Luft und ging durch die offene Verandatür fluchend hinaus. Gleich an der Verandatreppe blieb er stehen und murmelte weiter irgendwas vor sich hin. Er lehnte sich ans Geländer und blickte verärgert zurück.
Samuel wendete sich nun zu mir um. Ich blickte fort, ich konnte ihm nicht in die Augen sehen. Seine Hand legte sich auf mein Kinn und hob es leicht an. Ich ließ ihn gewähren und blickte in seine Augen. Er sah gequält aus.
„Sam ...“
„Mach das nie wieder.“ Das hatte ich sicherlich nicht vor.
„Aber - das - der Mann.“ Er lachte auf. Es ließ mich nicht los, ich musste es wissen. Er drückte mich zurück, ich ließ mich auf die Couch sinken. Dann folgte er mir. Wollte ich es wirklich wissen?
„Was weißt du von der Nacht, dem Angriff?“ Ich blinzelte, wieso fragte er? Was hatte es mit dem Mann zu tun? „Nida. Bitte sag mir, was du weißt.“ Ich nahm ein Bein auf die Couch und rückte näher zu ihm. Seine Nähe tat mir gut, linderte meinen inneren Sturm. Ich rückte so nah an ihn heran, wie es nur ging.
„Es war ein Mann. Denke ich. Seine Augen waren anders. Er zischte. Zumindest glaube ich, dass er es war.“ Er nickte, seine Hand legte sich in meine, gab mir Halt und Kraft das Erlebte erneut zu erleben.
„Diese Augen.“
„Was für Augen?“ Ich atmete tief ein. Ich sah sie genau vor mir, sie verfolgten mich.
„Blutig Rot. Aufgerissen, wild. Wie ein Tier.“ Ich sah ihn hilfesuchend an, er legte eine Hand in meinen Nacken. Er hielt mich nicht für verrückt. „Er hockte eigenartig auf der Bank, dann stürzte er sich auf mich und plötzlich, war ich an einer Säule einige Meter weiter. Es war wie ein Blackout oder einfach der Schock. Er presste mich dagegen, ließ mich nicht los. Als er ausholte und seine Zähne in meinen Hals presste.“ Meine Hände begannen zu zittern. Es war grausam. Die Augenblicke spielten sich immer und immer wieder in mir ab. Sam verzog keine Mine.
„Weiter.“
„Ich dämmerte weg.“
„Davor.“ Worauf wollte er hinaus?
„Ich sah dich.“
„Und weiter, was hast du noch gesehen, versuch dich zu erinnern.“
„Ich war schwach Sam, ich verlor Blut, glaube ich. Danach kamt ihr hinein und ...“ Ich verlor die Fassung. Das Zittern erstarb. Erstaunen kam an dessen Stelle. Die glitzernde Wolke. Der bekannte Wolf. Die fast schwarzen Augen. „Ian ... Das kann nicht wahr sein.“
„Tu es nicht. Verdräng nicht das Offensichtliche.“
„Aber es ist verrückt Samuel. Es ...“ gibt keine menschlichen Wölfe. Es ging nicht, schrie mein Verstand lauthals, doch etwas in mir, der Teil der Samuel in mir wohl voll und ganz wahrnahm, sagte es ging. Es blieb mir im Hals stecken, wenn Ian ein Wolf war, war es Samuel auch. „Erkläre es mir“, flüsterte ich verloren. Nein ich verstand die Welt nur nicht, ich erkannte sie nicht mehr. Als hätte ich ein Leben gelebt, das nicht existierte. Eine Sicherheit erfahren, die einer Lüge glich. Seine Hand knetete mir den Nacken, es war das Einzige, was mich abhielt, nicht gleich hier den Verstand zu verlieren und durchzudrehen. Seine Hand, sein Halt. Ohne ihn verloren. Im unmöglichen ertrunken.
„Mythen und Legenden entstanden nicht nur aus Fantasie. Dein Leben Nida, es wird sich ändern.“ Der Biss. Sein Biss.
„Zeig es mir“, hauchte ich. Er atmete schwer ein.
„Nida.“
„Bitte.“ Das Monster war real und auch der Wolf, der in ihnen wohnte, der durch diese Wolke ans Licht kam.
„Er sollte es dir erst erklären.“ Ian stand in der Tür. Ich stand langsam auf, sah zu Ian hinüber. Ich fühlte mich so verloren. Wenn ich es nicht sehen würde, wie konnte ich es denn Glauben. Vergangene Nacht war ich im Delirium gewesen. War dabei zu sterben, also wie sollte ich wissen, was mein Verstand mir für ein Spielchen spielte, wenn ich es jetzt nicht mit eignenden Händen fühlen konnte.
„Ich muss es sehen.“ Ian sah zu seinem Bruder.
„Hätte es nicht etwas Folgsameres sein können?“ Ich schnaubte. Für mich war das Ganze schwer zu ertragen und sicherlich nicht witzig. Ich war dabei meine ganze Welt unter den Füßen zu verlieren.
Samuel atmete tief ein. Stand auf und nahm meine Hand. Ich blickte sie erst an und dann zu ihm hoch.
„Versprich mir nicht fortzulaufen.“
„Ich verspreche es.“ Und hoffte es inständig. Er ließ von mir ab und ging um den Tisch herum. Er blickte mich genau an, als ein Nebel aus dem nichts um ihn herum entstand. Ein leichter, farbenfroher Nebel, der seine Formen verschwimmen ließ und etwas anders entstand. Die funkelnden Farben nahmen Samuel seine Größe und begannen zu verblassen.
Übrig blieb der Wolf. Ein großer wunderschöner Wolf. Ich viel auf die Knie. Es gab sie. Er war es. Er war so oft bei mir gewesen. Eine Träne rannte mir die Wange hinab. Er war es, mein Wolf mit den grünen Augen. Er kam hinüber zu mir. Es waren Sams Augen, wie hatte ich dies nicht sehen könne? Sie waren so menschlich. Er stand genau vor mir, imposant und mächtig. Er war so ein schönes Wesen. Ohne nachzudenken, fuhr ich mit der Hand durch sein weiches farbenfrohes Fell. Er war warm und lebendig. Es war real. Ich bis mir auf die Lippen, um nicht zu schluchzen.
Ich sah, wie sich seine Brust hob und senkte. Es war so real, es war mein Sam. Der dort in diesem Wolf verweilte. Es war unmöglich zu erklären und doch wahr. Ich musste lachen, auf der Lichtung, er hatte mich beschützt. Er hatte mich immer beschützt.
Er drückte seinen Kopf leicht gegen meinen. Ich umarmte ihn und irgendwas in mir akzeptierte es. Es akzeptierte, was Sam war, was sie alle waren, was sie getan hatten und warum auch immer sie es getan hatten. Ich würde es wissen wollen, doch war die Angst, die mich vorher noch gelähmt hatte, bereits erloschen.
Es war mein Sam, den ich dort in den Armen hielt und ich würde den Teufel tun und ihn je wieder loslassen.
Ich ließ von ihm ab und schon einen Augenblick später hockte Sam vor mir. Seine Verwandlung ging unglaublich schnell, viel zu schnell. Langsam hob er mich hoch und schloss mich in die Arme. Seine Hände strichen über mein Haar, zeigten mir das er bleiben würde. Mein Wolf, mein Sam. Ich krallte mich in ihn. Egal was kam, ich würde dem Wolf folgen, bis ans Ende der Welt.

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