16. Türchen

Erschöpft schloss Hermine die Tür zu ihrer Wohnung auf. Das Abendessen mit Malfoy war insgesamt positiv verlaufen, sie hatten tatsächlich zivilisierte Konversation betrieben, ohne sich ständig gegenseitig zu attackieren. Trotzdem wäre es ihr lieber gewesen, die kleine Episode zu Anfang auszulassen. Was hatte sie nur geritten, so offen über ihr Gefühlsleben zu sprechen? Nicht, dass sie irgendetwas wirklich gesagt hatte, doch der wissende Blick von Malfoy, sein Erstaunen, das sich langsam in Überheblichkeit umwandelte, hatte ihr deutlich gezeigt, dass er ganz genau wusste, wer der neue Mann in ihrem Leben war. Sie betete, dass er diese Information nicht irgendwie gegen sie nutzte. Sie brauchte wirklich keine Öffentlichkeit in ihrem Privatleben, solange sie ihre Gefühle für Ron und Harry noch auseinander sortierte.

Fahrig öffnete sie die Knöpfe ihres Mantels, wickelte den Schal ab und stellte ihre Aktentasche wie immer auf das Sofa.

„Wie schön, dass du auch wieder nach Hause findest.“

Erschrocken blickte Hermine zu ihrer Badezimmertür. Dort stand Harry, mal wieder nur mit einem Handtuch bekleidet, die Arme vor der nackten Brust verschränkt, und starrte sie finster an.

„Hey“, sagte sie unsicher. Nach der gemeinsamen Nacht war sie immer noch nicht sicher, wo genau sie standen, und das letzte Gespräch, bevor sie sich am Morgen auf den Weg zur Arbeit gemacht hatten, war auch nicht hilfreich gewesen.

„Hey?“, kam es ungläubig von Harry: „Mehr hast du nicht zu sagen? Wo warst du?“

Sie stöhnte. Wollte er wirklich diesen Weg einschlagen, jetzt schon, noch ehe sie richtig zusammen waren. Frustriert trat sie auf ihn zu und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Wange: „Ich hatte noch Arbeit. Manchmal bin ich abends länger weg.“

Ungeduldig umfasste er ihr Handgelenk mit einer starken Hand: „Arbeit? Ich hatte dich zum Feierabend abholen wollen, aber deine Mitarbeiterin hat mich informiert, dass du heute früher nach Hause gegangen bist.“

Wütend wollte Hermine ihre Hand wegziehen, doch Harry hielt sie unerbittlich fest, sein finsterer Blick schien sie förmlich zu durchbohren. Unwirsch erklärte sie: „Ich bin früher gegangen, weil eine Person, die in einen meiner aktuellen Fälle verwickelt ist, überraschend vorbeikam, um mich zum Abendessen einzuladen. Ich sah eine günstige Möglichkeit, außerhalb meiner Tätigkeit als Ministeriumsbeamte näher an ihn heranzukommen.“

Der Griff von Harrys Hand wurde fester: „Näher an ihn heranzukommen? Wer ist er?“

„Harry Potter!“, sagte Hermine schrill, die langsam wirklich ihre Geduld verlor: „Willst du mir jetzt ernsthaft eine Eifersuchtsszene machen?“

Ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte Harry sie herumgewirbelt und gegen den Rahmen der Badezimmertür gepresst. Wütend wollte sie ihn von sich wegstoßen, doch er fing auch ihre zweite Hand mühelos ein. Heißes Feuer loderte in seinen Augen: „Wenn du dich von Anfang an so verhältst, wird es niemals was mit uns, Hermine.“

„Falsch“; zischte sie eisig zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Wenn DU so bist, wird es nichts! Was denkst du eigentlich, wer du bist? Ich habe mein eigenes Leben, Harry! Und dazu gehört, dass ich meiner Arbeit nachgehe und mit anderen Menschen zu tun habe. Wenn dir das nicht schmeckt, tut mir leid.“

Ohne Vorwarnung griff Harry in ihre Haare und zog sie in einen Kuss. Er war nicht zärtlich, sondern fordernd und offensichtlich voller Wut. Kurz kämpfte Hermine gegen ihn an, versuchte, ihn von sich zu stoßen, doch als sie erkannte, dass es ein aussichtsloser Kampf war, ließ sie sich auf den Kuss ein. Mit heißem Zorn, in den sich ebenso das leidenschaftliche Verlangen nach ihm mischte, erwiderte sie seinen Kuss, öffnete ihre Lippen für ihn, um seiner Zunge Einlass zu gewähren.

Mit einem wütenden Knurren packte Harry ihre beiden Handgelenke in einer Hand, pinnte sie über ihrem Kopf gegen den Türrahmen und begann, mit der anderen Hand ihre Bluse aufzureißen. Das Handtuch um seine Hüfte war inzwischen achtlos zu Boden geglitten und enthüllte so den ganzen Zustand seiner Erregung.

„Ich will dich, Hermine“, stieß er rau hervor: „Wieso machst du es uns so schwer? Es war immer so einfach zwischen uns. Du hast ich verstanden, ohne dass du fragen musstest. Und ich dachte immer, ich verstehe dich genauso.“

Schwer atmend versuchte sie, ihre Gedanken zu konzentrieren. Das hier war nicht der Harry, der voller Zärtlichkeit ihren Körper erkundet und angebetet hatte. Das hier war die Seite von ihm, die immer dann zum Vorschein kam, wenn er das Gefühl hatte, dass man ihn ungerecht behandelte. Sie kannte diese Seite nur zu gut – er konnte ganz schön ausrasten, wenn man ihm nicht gab, was er wollte. Kopfschüttelnd beobachtete sie, wie er sich am Reißverschluss ihrer Hose zu schaffen machte. So hatte sie sich das alles nicht vorgestellt.

„Das ist der Unterschied zwischen Freundschaft und Beziehung“, sagte sie langsam: „Als Freunde können wir einander verstehen, ohne alle emotionalen Untiefen kennen zu müssen. Aber in einer Beziehung muss man über alles reden. Über alles. Harry!“

Überrascht schaute Harry ihr in die Augen. Es war offensichtlich, dass er so abgelenkt davon gewesen war, die störenden Lagen Stoff zu entfernen, dass er sich kaum auf ihre Worte hatte konzentrieren können. Sie holte tief Luft und versuchte zu ignorieren, dass Harry vollständig nackt vor ihr stand oder dass ihre Hose und ihr Slip zwischen ihren Schenkeln hing oder dass ihre Bluse aufgerissen ihren spitzenbesetzten BH entblößte: „Wir sind kein Paar, Harry. Ich habe gesagt, ich will es langsam angehen. Ich weiß noch nicht, ob wir beide eine Beziehung eingehen sollten. Du hast kein Recht, jeden Aspekt meines Lebens kontrollieren zu wollen.“

„Aber du hast mit mir geschlafen!“, erwiderte Harry, der offensichtlich nicht verstand, was sie ihm sagen wollte.

„Wir sind hier nicht im Kindergarten!“, kommentierte sie ungeduldig: „Wenn ich sage, ich bin noch nicht bereit, mich auf das emotionale Abenteuer einer Beziehung mit dir einzulassen, dann hast du das zu respektieren!“

Noch immer hielt er ihre Hände über ihrem Kopf gefangen, doch sie konnte sehen, dass seine Erregung nachließ. Warum verstand er sie bloß nicht? Wärmer fügte sie hinzu: „Ich habe dich wirklich gern, Harry. Als besten Freund und als Liebhaber. Aber wenn ich mich auf eine Beziehung einlasse, dann mit hundert Prozent. Und das will ich nur, wenn ich mir wirklich sicher bin. Ich will dich nicht verletzen. Und ich will auch Ron nicht leichtsinnig verletzen. Er wird so schon genug leiden. Ich will nicht einfach so eine Beziehung mit dir eingehen und damit Ron das Gefühl geben, als würde ich ihm ein Messer in den Rücken stechen, wenn ich mir nicht sicher bin, dass etwas aus uns werden kann.“

Schnaubend ließ Harry von ihr ab. Er bückte sich, um sein Handtuch wieder aufzuheben und erneut um die Hüfte zu binden, dann entgegnete er kalt: „Also geht es wieder nur um Ron hier. Es ist okay für dich, mit mir zu schlafen, aber lieben kannst du mich nicht? Was bin ich für dich? Eine bequeme Affäre? Ein Freund mit gewissen Vorzügen? Ein Untermieter, der seinen Anteil in Naturalien bezahlt?“

Mit offenem Mund starrte Hermine ihn an. Harry konnte so gehässig sein, wenn er wollte. Verletzt und beschämt richtete sie ihre eigene Kleidung, ehe sie zu einer Antwort fähig war: „Du solltest mir zuhören, wenn ich rede. Gerade weil ich so viel für dich empfinde, will ich nichts überstürzen. Bitte, Harry. Ich will das zwischen uns nicht kaputt machen. Ich will, dass du mein bester Freund bleibst. Und wenn du mir die Zeit gibst, ein wenig mit meinen Gefühlen zur Ruhe zu kommen, dann kann ich mich auch für dich öffnen und eine ernsthafte Beziehung eingehen. Aber dafür brauche ich Zeit.“

Lange starrte Harry sie bloß an, sein Gesicht eine ausdruckslose Maske, doch schließlich ließ er seine Schultern sinken und legte ihr eine Hand auf die Wange: „Es tut mir leid, Hermine. Ich … ich kann ein ganz schönes Arschloch sein. Ich sollte dich nicht so bedrängen. Manchmal vergesse ich einfach, dass … manchmal vergesse ich einfach die Welt um uns herum. Ich habe meine ganze Jugend geopfert, um die Welt zu retten … und du auch. Ich will einfach endlich tun und lassen können, was ich will. Ich will mit der Frau zusammen sein, die ich will, ohne mich um andere Menschen kümmern zu müssen. Ich will endlich einmal egoistisch sein und tun, was ich will.“

Ein gequältes Lächeln formte sich auf Hermines Lippen. Sie verstand dieses Gefühl nur zu gut. Sie hatten wirklich jahrelang nichts anderes tun können, als sich um das Wohlergehen aller Zauberer und Hexen in England zu kümmern, und das war ermüdend. Sie verstand Harry wirklich. Aber so funktionierte sie nun einmal nicht.

„Ich kann das nicht“, erklärte sie, während sie lächelnd seinen Blick festhielt: „Ich wäre gerne in der Lage, mir ganz egoistisch das zu nehmen, was ich will. Aber ich kann nicht. Da ist immer diese Stimme in meinem Hinterkopf, die mich fragt, was wohl Ron oder Ginny oder Molly oder … sonst wer dazu sagen würde. Ich kann ihre Gefühle nicht einfach so ignorieren.“

Mit einem schiefen Grinsen wuschelte Harry ihr durch das Haar: „Ja, ich weiß. Dein verdammtes großes Herz. Eigentlich ist das ja auch einer der Gründe, warum ich dich so liebe.“

Seufzend trat er an ihr vorbei, um zu seinem improvisierten Kleiderschrank zu gehen.

„Schön“, sagte er schließlich: „Ich gebe dir Zeit. Aber ich kann nichts dagegen tun, wenn ich von Zeit zu Zeit eifersüchtig oder besitzergreifend werde. Ich will dich, Hermine. Vergiss das nicht.“

Erleichtert drehte sie sich zu ihm um: „Das könnte ich niemals. Dafür sorgst du schon.“

Sein herzhaftes Lachen zauberte Hermine ein Lächeln ins Gesicht. Sie verstand, dass es schwer für Harry war, auf sie zu warten. Und sie rechnete ihm hoch an, dass er auch sie verstand und bereit war, sich zurückzuhalten. Trotz des Vorfalls, trotz des Streits hatte sie ein gutes Gefühl bei der Sache. Harry war immer noch Harry, ihr bester Freund, der voller Verständnis und Zurückhaltung sein konnte, wenn es angebracht war.


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