16. Vierzehn

Schweigend gingen sie nebeneinander über den Hof zum Burgtor. Eigentlich hätte Toni ja gerne Gregors Hand genommen aber irgendwie ging das hier, wo sie jemand sehen konnte, nicht. Der Gedanke, seine Hand festzuhalten fühlte sich hier nicht einmal ansatzweise so gut an, wie sonst. Und auch Gregor machte keinen Versuch, nach seiner Hand zu greifen.

Allerdings konnte Toni nicht damit aufhören, ihn hin und wieder anzusehen. Und Gregor ging es anscheinend genau so, so oft, wie sich ihre Blicke trafen. Wenn das passierte, bekam Toni von Gregor jedes Mal dieses scheue Lächeln, bei dessen Anblick er sich einfach nur wunderbar fühlte.

Toni konnte inzwischen mühelos mit Gregors schnellem Schritt mithalten und so dauerte es nicht lange, bis sie den Hof überquert hatten und durch das Tor getreten waren. Sie wandten sich nach rechts um an der Mauer entlang zu gehen und waren grade um die Ecke gebogen als Gegor plötzlich so abrupt stehenblieb, dass Toni vor Überraschung beinahe gestolpert wäre, als er sich bemühte, ebenfalls anzuhalten.

Er drehte sich um und ging zu Gregor hin, in der Erwartung, dass wieder irgendetwas passiert war, das ihn aufgeregt hatte und er sich wieder auf Gemecker einstellen konnte, doch stattdessen sah Gregor ihn einen Moment stumm an und blickte dann zur Seite. "Ich... ich muss dir was sagen," murmelte er und Tonis Herz fing in banger Vorahnung an zu klopfen. Die Gedanken, die er gestern auf dem Dachboden gehabt hatte, waren wieder da, ja eigentlich waren sie nie ganz weggewesen und sicher mit der Grund, wieso er Gregors Hand auf dem Hof, wo sie jederzeit jemand sehen konnte, nicht hatte nehmen können. Und da Gregor es auch nicht versucht hatte, hatte er sicherlich ähnliche Gedanken und Toni wappnete sich schon einmal gegen die furchtbare Enttäuschung, wenn er ihm jetzt gleich sagte, dass er das doch alles komisch fand und sie deswegen damit aufhören mussten.

Gregor schwieg immer noch, Toni sah, wie er die Hände ineinander krampfte und er war inzwischen so angespannt, dass er ihn gerne aufgefordert hätte, doch endlich zu sagen, was los war. Aber stattdessen blieb er ruhig und starrte Gregor an, der einmal tief Luft und holte und, ohne ihn anzusehen, sagte: "W...weißt du, ich... ich muss ständig an dich denken. Irgendwie auch, wenn du da bist. Ich kann einfach nicht aufhören." Er wurde rot. "Und... und deswegen wollte ich fragen, ob das hier auch alles okay für dich ist. Ich meine, wir haben uns zwar schon geküsst und so.... aber es kann ja sein, dass du es trotzdem komisch findest."

Er sagte zwar nicht, dass er das alles, was da zwischen ihen war, auch komisch fand, aber wenn es nicht so wäre, dann hätte er die Frage sicher nicht gestellt. Trotzdem fiel die Anspannung von Toni ab wie ein tonnenschwerer Stein und er war sich in diesem Moment ganz sicher, dass er noch in seinem Leben erleichterter war als jetzt. "Nein, nein ich finde es nicht komisch", beeilte er sich zu versichern. Dann schluckte er einmal, weil er plötzlich einen Kloß im Hals hatte und er spürte, wie auch sein Gesicht heiß wurde, als er sagte: "Und mir geht's auch so, denn... denn ich kann auch nur noch an dich denken."

Nach diesem Geständnis dauerte es einen Moment, bis er Gregor wieder ansehen konnte, aber als er es tat, strahlte der ihn an, machte einen großen Schritt auf ihn zu und umarmte ihn. Und wie immer, wenn er ihm so nah war, stand für Toni die Zeit einen Moment still. Danach küsste sie sich, kurz und immer noch ein wenig unbeholfen, aber trotzdem hatte Toni danach weiche Knie und ihm war etwas schwindelig. Gregor grinste ihn schief an und hielt ihm die Hand hin. "Komm, wir gehen schwimmen." Mit einem Lächeln griff Toni nach seiner Hand und sie gingen weiter.

Was vorher an dem Tag, an dem sie sich in der Kirche geküsst hatten, passiert war, war für Toni vom dichten Nebel der Vergangenheit völlig verschluckt worden, aber die Erinnerung kam ziemlich schnell zurück, nachdem Gregor sein Handtuch auf der Wiese ausgebreitet hatte und sich dann das T-Shirt über den Kopf zog.

Sofort war das Kribbeln wieder da- nur diesmal tausendfach verstärkt. Tonis Augen saugten sich an Gregors nacktem Oberkörper fest und alles in ihm schien sich in diesem Moment auf seinen Unterleib zu konzentrieren. Als ihm das bewusst wurde, war es ihm unglaublich unangenehm und endlich schaffte er es, den Blick von Gregor abzuwenden. Er blickte an sich herunter und der Anblick war genau der, den er erwartet hatte und der die ganze Sache noch peinlicher machte: die Beule in seiner Badehose war unübersehbar. Und das durfte Gregor auf keinen Fall mitbekommen; Toni war sich sicher, dass er dann vor Scham sterben musste. Allerdings stand er in seiner Panik für einen Moment wie angewurzelt da und wusste nicht, was er jetzt machen konnte. Jeden Augenblick konnte Gregor ihn ansehen.

Tonis Gedanken schwirrten in seinem Kopf herum und als Gregor sich bewegte, zuckte er erschrocken zusammen. Aber glücklicherweise packte er sein T-Shirt nur sorgsam in seinen Rucksack und diese weitere Sekunde Unentdecktheit nutzte Tonis Kopf dafür, endlich einen klaren Gedanken zu fassen und ihn darauf hinzuweisen, dass kaltes Wasser bei sowas doch helfen konnte und das Wasser im See war ja immer ziemlich kalt.

Also rannte er los zum Wasser und versuchte, sich nicht von der atemraubende Kälte abhalten zu lassen, die seine Beine hochkroch, sobald er nur mit den Füßen drin stand. Er biss die Zähne zusammen und ging weiter, bis er es bis zu den Knien geschafft hatte.

Allerdings hatte Gregor es als Herausforderung gesehen, dass Toni unvermittelt losgelaufen war und er war hinter ihm hergerannt, holte ihn aber erst ein, als Toni schon im Wasser war und sprang ihm mit einem gröhlenden Schrei und ziemlicher Wucht in den Rücken. Toni, der damit natürlich absolut nicht mit gerechnet hatte, verlor den Halt und fiel vornüber ins kalte Wasser, immer noch mit Gregor auf dem Rücken.

Natürlich raubte ihm das kalte Wasser, jetzt, wo er komplett drin lag, erst recht den Atem aber zusammen mit dem Schock sorgte es dafür, dass sich sein Problem von jetzt auf gleich gelöst hatte. Worüber Toni so glücklich war, dass er, als er prustend wieder hochkam, es einfach hinnahm, als Gregor neben ihm triumphierend sagte: "Du warst zwar schneller, aber ich hab trotzdem gewonnen!"

Der Rest des Tages war dann auch weiter mit kleinen Wettkämpfen ausgefüllt. Toni hatte zwar nach wie vor das Bedürfnis, Gregor zu beeindrucken, aber da er ja jetzt wusste, dass weites Springen vom Baumstamm oder langes Tauchen nicht die Ergebnisse brachten, die er gern gehabt hätte, gab er ihm nicht nach, sondern versuchte einfach, besser als Gregor zu sein.

"Deine Lippen sind ganz blau," stellte Gregor irgendwann fest, nachdem sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander im Wasser gelegen hatten.

Toni war wirklich schon ziemlich kalt, die wenige Sonne, die durch die Bäume schien, war schon vor einiger Zeit verschwunden, die Schatten wurden länger und sorgten dafür, dass das Wasser noch kälter wurde. Aber niemals hätte Toni das zugegeben, wo Gregor doch keine Anzeichen zeigte, dass es ihm genau so ging. Aber als Toni sich aufrichtete und ihn ansah, hatte Gregor ebenfalls blaue Lippen. "Deine auch," erwiderte Toni und Gregor seufzte einmal. "Dann sollten wir besser rausgehen. Wenn ich krank werde, darf ich mir wieder was anhören."

Toni erwartete jetzt eine Schimpftirade, aber Gregor schwieg, packte ihn sanft am Arm und zog ihn mit zum Ufer.

Toni achtete darauf, ihn beim Abtrocknen und Anziehen nicht zu beobachten und als Gregor sein T-Shirt wieder anhatte, war die Gefahr vorbei- solange Toni nicht daran dachte, wie er ohne T-Shirt aussah, Gedanken, die zwar im Hintergrund lauerten, aber von ihm erfolgreich unterdrückt wurden.

Hand in Hand und schweigend gingen sie durch den dunklen Wald und erst, als sie den Berg hochgestiegen waren, sagte Gregor: "Ich hab meine Mutter gefragt, ob du heute bei mir pennen kannst." Er strahlte Toni an. "Und sie hat ja gesagt."

Toni strahlte zurück aber als Gregor dann wissen wollte, ob er auch gefragt hatte, verschwand das breite Lächeln und machte Verlegenheit Platz. Denn Toni hatte ja aus dem Grund nicht gefragt, weil er heute morgen nur ans Essen hatte denken können, was ihm jetzt ziemlich peinlich war.

Und als er dann endlich die Brötchen gegessen und wieder einigermaßen funktioniert hatte, da war auch Gregor schon gekommen und dann hatte er an so etwas erst recht nicht mehr denken können.

Er senkte den Kopf. "Nein, hab ich nicht," murmelte er und er spielte für einen Moment mit dem Gedanken, gar nicht zu fragen, sondern gleich einfach seine Sachen zu nehmen und mit zu Gregor zu gehen. Natürlich, um Nadja zu umkurven. Doch dann fiel ihm ein, dass er ja auch ebensogut Thorsten fragen konnte. Der würde sicher nicht nur nicht nein sagen, sondern auch keine weiteren Fragen stellen. Und wenn er es nachher Nadja erzählen würde, dann wäre das ja nicht mehr Tonis Problem, weil der ja dann schon nicht mehr da war.

Während Toni sich noch seinen Plan zurecht legte, fragte Gregor schüchtern: "Aber du willst doch auch, oder? Du sagst das nicht einfach so?!"

Toni sah ihn erschrocken an. "Klar will ich!" rief er, beschleunigte seinen Schritt und zog Gregor an der Hand hinter sich her.

Thorsten war meistens in dem kleinen Häuschen der Gärtnerei zu finden, in dem die verschiedenen Sachen verkauft wurden. Allerdings war die Tür zu Tonis Enttäuschung jetzt abgeschlossen und draußen war Thorsten nirgendwo zu sehen. Vermutlich war er bereits zuhause.

Toni sah seine Felle schon davon schwimmen und Nadja zu fragen als einzige Möglichkeit, aber dann entschied er sich, dass es vielleicht doch besser wäre, erst noch im Gewächshaus nachzuschauen. Es mussten ja alle Eventualitäten ausgeschöpft sein, bevor er dann doch zu Nadja gehen musste.

Das Gewächshaus war noch offen und Tonis Herz machte einen hoffnungsvollen Hüpfer, als er durch die Scheiben ein kleines Licht sah. Und tatsächlich kniete Thorsten mit einer Schaufel in der Hand neben einem Beet.

Gregor und Toni wünschten höflich Guten Abend, Thorsten drehte sich halb zu ihnen um, nickte ihnen einmal kurz zu mit einem "N'Abend" zu und wollte sich dann wieder seiner Arbeit zuwenden, aber Toni fragte hastig: "Wäre es in Ordnung, wenn ich heute bei Gregor schlafe?"

Thorsten hob beide Augenbrauen und für einen Moment erwartete Toni, dass er so etwas sagte, wie dass das nicht entscheiden konnte und er Nadja fragen sollte, aber dann zuckte er nur mit den Schultern. "Na klar, meinetwegen", sagte er bevor er ihnen wieder den Rücken zuwandte.

Toni unterdrückte den Impuls, Gregor anzusehen, sondern machte sich so schnell wie möglich auf den Rückweg, denn zu dem, was Thorsten gesagt hatte, passte ja noch sehr gut der Zusatz ,Aber frag vorher noch Nadja.' Der Zusatz kam aber nicht mehr und als sie wieder draußen standen, schnaufte Toni einmal erleichtert durch.

Jetzt musste er nur noch seine Schlafsachen unauffällig an Nadja vorbeischmuggeln und dann war es geschafft. Natürlich war es am besten, er erledigte das jetzt sofort.

 Sie gingen zum Haus und ganz, wie Toni es erwartet hatte, brannte hinter dem Küchenfenster Licht.

"Du wartest besser hier," schlug er vor, als sie an der Haustür standen. "Sonst will sie sich wieder mit dir unterhalten."

"Ja, da hab ich jetzt auch echt keine Lust drauf," bekräftigte Gregor.

Toni hatte die Klinke schon in der Hand. "Ich hol dann eben meine Sachen", sagte er und trat ins Haus.

Kamilla, die am Küchentisch saß und Nadja, die am Herd stand, drehten synchron ihre Köpfe, als Toni eintrat. Aber darauf hatte er sich ja eingestellt. "Hallo", sagte er, Kamilla nickte ihm einmal wortlos zu. Nadja wedelte mit dem Kochlöffel. "Abendessen ist gleich fertig. Und ich hab dein Lieblingsessen gemacht: ganz viel."

"Super," sagte Toni betont enthusiastisch. Er merkte zwar jetzt, wie hungrig er war und wie gut das Essen roch, aber ausnahmsweise war das einmal zweitranging, sodass er es schaffte, weiterzugehen und die Treppe hochzusteigen.

Er ging in sein Zimmer, zog seine Badehose aus und seine Jeans an, packte das nasse Handtuch aus dem Rucksack aus und seine Schlafsachen hinein und überlegte angestrengt, was er Nadja sage sollte, wenn sie wegen des Rucksacks fragte. Und sie würde definitiv fragen.

Ihm fiel leider  auf die Schnelle nichts ein und er wollte Gregor jetzt auch nicht lange draußen warten lassen. Deswegen wandte er die Taktik an, die hin und wieder ganz gut funktionierte: Die Situation auf sich zukommen lassen und dann hoffen, dass sich sein Gehirn eine plausible Ausrede einfallen ließ, wenn es unter Druck stand.

Allerdings war Nadja so beschäftigt mit ihren Töpfen, dass sie Toni gar nicht ansah, sondern lediglich rief: "Essen ist in einer halben Stunde fertig!"

Nur Kamilla sah ihn stumm mit großen Augen an und blickte auch auf den Rucksack, aber sie hatte Toni damals schon nicht verpetzt und vielleicht würde sie es ja diesmal auch nicht machen. Und selbst wenn, Toni wäre dann ja schon weg.

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