18. Lang ersehnte Antworten

Ich rieb mir den Hals und stand auf. Ian hatte mich zu Boden gerungen, mich zu Boden bepresst wie ein Bulle. Dann hatte er mir in den Hals gebissen, ich hatte versucht ihn von mir runter zu Hiefen, doch der Mann war schwerer als er aussah. Was daran liegen konnte, dass er genau wie Samuel, wie ein Schrank aussah.
Ich funkte ihn böse an. Ian hatte ein zufriedenes Grinsen auf den Lippen. Ein bösartiges zufriedenes Grinsen. Denn er hatte mich erst entlassen, als ich aufgegeben hatte.
Das sollte also Unterwerfung bedeuten? Den Willen aufzudrängen? Es war grausam und fühlte sich scheußlich an! Dass ich mir nichts gebrochen hatte, war Glückssache.
Samuel hatte sich das Spektakel mit verschränkten Armen und belustigtem Blick angeschaut. Obwohl sein eigener Bruder mir so verdammt nahgekommen war. Am liebsten hätte ich beiden den Hals umgedreht. Er konnte mir glauben, dass das ein Nachspiel haben würde! Für beide!
Ich ging zurück zum Sessel, zog ihn in die Ecke, von der aus ich beide wunderbar im Blick behalten konnte, und zog die Beine in den Schneidersitz. Sex war sowas von gestrichen!
Sam musterte mich, was er wohl dachte?
„Ich hab nicht ewig Zeit“, begann ich.
„Natürlich hast du die.“ Ian blickte mich belustigt an. Glaubte er, es änderte etwas, dass er mich genötigt hatte? I
„Ihr seid verbunden, ihr habt mehr als die Ewigkeit vor euch.“
„Was soll das heißen?“ Glaubten Wölfe etwa an den Himmel?
„Das tun wir, auch die ein oder andere Art“, antwortete Sam.
„Und wie sieht eure tolle Gottheit aus?“
„Unsere.“
„Ich bin nicht gläubig.“
„Das solltest du sein, denn unsere existiert, genau wie viele andere.“ Wurde das Ganze nun zu einer Religionsstunde? Ich hatte zwei einfache Fragen gestellt, Unterwerfung und Netz. Von dem einen wollte ich nie wieder was hören, das andere wollten sie mir irgendwie verwahren.
„Willst du sie hören? Die Legende unserer Entstehung?“
„Hat es etwas mit VanHelsing zu tun, rechte Hand gut andere böse?“ Der einzige Film, den ich zu dem Thema kannte. Ian sah mich empört an, während Samuel sein Lachen zurückhalten musste. Hatte ich je bemerkt, wie schön dieser Mann eigentlich war. Das braun, blonde Haar diese durchdringlichen grünen Augen. Der langsam wachsende leichte Bart. Der Kerl war ein Traum.
Mein Traum.
Sein grinsen wuchs. Verdammt. Ich schmiss den Gedanken über Bord, nie wieder sollte ich sowas denken. Man musste ihm nicht auch noch den Allerwertesten kraulen, nicht das er noch einen Höhenflug erlitt.
Ian konnte anscheinend kein Wort fassen, weshalb Sam einfach begann und sich neben mich auf den Sessel setzte.
„Damals, wo die Welt und die Menschen noch sehr jung waren. Existierte bereits etwas Mächtiges auf der Erde. Eine Macht, stärker als jedes Wesen. Die Schatten, eine Macht ähnlich wie die andere, benutze diese Macht um etwas zu formen, etwas Böses. Man weiß nicht genau ob diese zwei Mächte eins sind. Die Hexen behaupten es zumindest, doch für uns sind es zwei. Die Schatten und das Licht.“
„Wird das eine Gruselgeschichte?“
„Nida“, rügte er mich.
„Tut mir leid.“ kaum zu glauben, dass solch eine Geschichte ,der Wahrheit entsprachen sollte. Schatten, Licht? Klang als stammte es aus einem Kinderbuch. Eine andere Stimme erzählte weiter.
„Hervor kamen die ersten Ursprungswesen. Hexen, Vampire, beide dazu da, um den Menschen das Teuerste und Liebste zu nehmen, was sie besaßen.“ Ich sah den Mann an. Ich kannte ihn. Er war in der Wohnung gewesen. Doch seinen Namen kannte ich nicht.
„Hallo und du bist?“ Er kam hinüber, seine Bewegungen waren grazil, geradezu geschmeidig wie die einer Katze. Er nahm meine Hand und drückte einen Kuss hinauf. Mir blieb die Spucke weg.
„Gale meine Liebe.“ Sein Verhalten löste ein Lächeln aus. Er war wohl ein wahrer Gentleman. Ich stand auf und richtete mein Hemd. Lächelte ihn nett an und ließ mich ganz auf das neue Gesicht ein. Ich spürte, dass es Samuel nicht gefiel. Er hätte Gale am liebsten umgehauen. Ich betrachtete es als Chance auf Rache. Immerhin hatte er zugelassen, dass mich sein Bruder platt walzt. Seine Eifersucht war also nicht mein Problem!
„Du hast eine wunderbare Art dich auszudrücken. Bitte fahr fort.“ Er nahm meine Hand, er schien drauf einzusteigen. Ich mochte den Kerl jetzt schon!
„Diese Wesen töteten unzählige Menschen, viele Lebewesen mussten leiden. Bis eine Energie sich entschied, einzugreifen. Ein Licht, eines von vielen dieser Art, schuf schließlich ein Wesen, das sein Ebenbild trug. Die ersten Kinder wurden geboren. Stark und schnell wie Tiere. Fortan -“ er stupste mein Kinn an. Ich musste grinsen, weshalb er mir zuzwinkerte.
„- Bekämpften sich die beiden Rassen. Zu Hilfe schickten die Lichter uns weitere Wesen, wie uns. Die Wächter des Waldes und die Wesen der Nacht. Ein ewiger Tanz im Gleichgewicht.“ Ich hatte ihm fasziniert gelauscht, jedes Wort in mich aufgesogen. Doch ob ich es glauben konnte?
Samuel stand auf, zog mich zurück, als ihm unsere Nähe zu viel wurde. Ich grinste nur neckisch und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Für einen eifersüchtigen Mann hatte ich ihn nicht gehalten.
„Und dieses Ewigkeitsgerede? Ihr glaubt wirklich an diese Götter, die euch in den Himmel holen?“ Es ergab einfach keinen Sinn.
„Es gibt mehrere Götter. Wir Wolfswandler haben nur einen. William.“ Ich blinzelte und legte die Arme um Sam. William. Er hatte also einen Namen. „Wenn wir vergehen, dürfen wir ins Nachtlicht eintreten, eine Ebene, die kein Ende hat. Auf der wir uns alle wieder sehen und auf ewig frieden Finden.“
„Nachtlicht?“
„Oder Mondreich“, ergänzte Samuel. Seine Hand legte sich auf meinen Rücken, warm und weich.
„Interessant.“ Einiges würde wohl immer gleich bleiben. Jede Kultur hatte etwas das danach begann. Andererseits musste es irgendwo seinen Ursprung haben. Doch bei Lichtern? Welche Lichter, meinte er Sterne? Seine Geschichte war für mich kein Beweis. Ich selbst würde wohlmöglich nie daran glauben. Es war einfach schwer vorstellbar, das dort viel mehr sein wollte, andererseits gab es sie. Wandler. Etwas Unmögliches. Oder nicht? Immerhin waren wir alle Evolution, wieso sie nicht auch?
„Was willst du hier?“, fragte Sam unseren Besucher. „Sicherlich nicht um diese Legende zu erzählen Gale.“
„Er will sie sehen, jetzt.“ Sams Körper spannte sich an. Ich spürte es so deutlich. Ich sah zu ihm hoch, seine Kiefer pressten sich aufeinander.
Was war passiert? Wer wollte mich sehen?
„Wir sind noch nicht fertig.“
„Das ist ihm egal, das weißt du. Es tut mir leid Liebes, aber dein Herzblatt hat unser Oberhaupt, seit einigen Stunden einfach auf stumm gestellt. Etwas, was er nicht so gerne sieht und jetzt gerne beenden würde.“ Samuel schnaubte genervt. Er wollte wohl genau so sehr wie ich, dass es endlich etwas Ruhe gab und einige Stunden allein sein, war bitter nötig. Immerhin musste ich mich noch richtig entschuldigen für meine kleine Flucht.
Ein Grollen ging durch seine Brust, meine Gedanken gefielen ihm. Ich löste mich von ihm.
„Er wartet nicht gern.“ Gales Ausdruck wurde hart, ich hob unschuldig die Hände.
„Von mir aus kann es losgehen.“ Ich hatte keine Lust dem Eisengel jetzt schon gegenüberzutreten, ich war nicht annährend dafür gewappnet.
Ich ging zur Schale an der Tür und nahm meine Schlüssel, als ich mich wieder zu den drei Männer umdrehte, sahen sie mich an als hätte ich den Verstand verloren. Fragend sah ich den Schlüssel, dann sie an.
„Die brauchst du nicht.“
„Natürlich, brauche ich die.“
„Wir nehmen den direkten Weg.“ Ich blickte Samuel verwirrt an. Ian und Gale gingen bereits hinaus.
„Direkter Weg? Es dauert Stunden, bis wir ankommen.“ Ich sah farben in Richtung des Sees. Langsam Verstand ich.
„Du willst doch nicht ...?“ Er nickte. „Auf keinen Fall reite ich auf dir!“
„Sonst hat es dir wenig ausgemacht. Wenn ich mich recht erinnere, warst du ganz schön scharf drauf.“
„Das ist doch was komplett anderes.“
„Ist es?“ Er kam zu mir und zog mich mit auf die Veranda. Ich schloss die Tür hinter uns.
„Vertraust du mir?“
„Sollte man einem Wolf vertrauen?“
„Vertraust du dem Mann, der dich für immer lieben wird?“ Ich erstarrte. Er hatte es gesagt. Das eine Wort. Erst für immer und nun liebe. Mein Herz raste.
Ich sprang ihm in die Arme, drückte ihn meinem Kuss auf, zeigte ihm meine Liebe. Und ich tat es, ich liebte diesen durchgeknallten eigenartigen Wolf! Mehr als alles andere. Er ließ nur leicht von mir ab.
„Also?“ Er wollte es also wissen.“
„Du bist kein Pferd. Können wir nicht nur dieses eine Mal mein Auto nehmen?“ Er hauchte mir einen Kuss auf die Lippen.
„Nein.“ Klare Ansage mit fester Stimme.
„Nein?“, fragte ich zur Vorsicht nach.
„Nein.“
„Nein“, wiederholte ich gequält.
„Sie erwarten dich. Du bist ein Mitglied Nida, also tust du das, was wir anderen auch tun.“
„Aber ich bin noch nicht wie ihr, ich sehe das Netz noch nicht, schon vergessen?“
„Was nicht bedeutet, dass du nicht wie wir sein kannst.“
„Ob ich das überhaupt will ...“, brummte ich genervt. Er fuhr mir durchs Haar. Wie viel würde ich darum geben jetzt einfach mit ihm hoch in mein Schlafzimmer gehen zu können.
„Nicht nur du“, flüsterte er und ich musste grinsen.
„Also gut“, gab ich unfreiwillig und quengelnd nach. Er löste sich leicht von mir.
„Es wird dir gefallen.“ Da war ich mir leider nicht so sicher. Selbst als Kind, hatte ich das reiten auf Tieren gehasst. Meine Mutter hatte mich nur leider gern auf Pferden gesehen, es erinnerte sie an eine Prinzessin. Weshalb ich mehrere Jahre in einem Reitstall verschwendet hatte und dennoch nie reiten konnte. Es war einfach nicht mein Talent. Und nun sollte ich auf Sam reiten, auf die einzige Weise, wie ich nie auf ihm hätte reiten wollen.
Er verwandelte sich vor mir, ich presste die Fäuste zusammen, als dieses imposante große Tier namens Sam vor mir stand.
„Also gut.“ Ich trat näher, zögerlich hob ich mein Bein über ihn drüber und rückte auf seinem Rücken zureckt. Er war warm und weich. Ich spürte seine regelmäßigen Atemzüge.
Ich saß nun auf ihm. Ich zog die Beine an, selbst so war es fast unmöglich auf den Boden zu kommen. Er war größer als ich geglaubt hatte. Ein Normaler Wolf war er nun sicher nicht, doch war er bei dem Treffen im Wald nicht kleiner gewesen? Eine Frage, die ich noch stellen würde. Leicht lehnte ich mich nach vorn und um klammerte ihn.
Innerlich hoffte ich, es wäre bald vorbei, dabei war er nicht einmal losgelaufen.
»Needy.« So klar hatte ich seine Stimme noch nie in meinem Kopf gehört. Es gab mir das Gefühl von Sicherheit, was ich brauchte, um nicht wieder abzuspringen. Ich fühlte, dass er mir vertrauen entgegenbrachte, was mich dazu brachte, ihm welches zu geben.
Langsam ging er los, die Treppe hinab und ins weiche Gras. Mit einem kurzen Blick versicherte er sich, dass es mir gut ging. Ich löste mich kein Stück von ihm um seinen Blick zu erwidern, er hatte immerhin andere Möglichkeiten, um zu sehen, wie es mir ging.
Dann lief er los, verdammt schnell und dennoch spürte ich keine ruckeligen oder ruckartigen Bewegungen, die mich von ihm runter schmeißen würden. Die Bäume rasten an und vorbei, ich spürte den kühlen Wind durch meine Haare und über meine Haut gleiten. Es war gänzlich anders. Mir wurde weder schlecht noch konnte ich ein Gefühl des Unwohlseins feststellen. Es war, schön. Schön, zu wissen, dass es Sam war, dem ich vertraute. Schön, dass es kein ruppiges Holpern war, sondern ein grazieler Tanz um die vielen Bäume und Hindernisse. Es war so schön, dass ich nicht mal die Augen schloss, sondern einfach das Farbige grün an mir vorbeiziehen ließ.
Als er langsamer wurde, war ich vollkommen entspant. Ich war in sein Fell gekuschelt und ließ mich einfach tragen. Die Langschaft verwandelte von einem satten vollen Grün in ein staubiges Grau. Ich setzte mich auf, während Sam unter mir gemütlich in Richtung des alten Gebäudes ging. Mit einer kurzen Bewegung war ich von Sam hinab gerutscht. Er sah zu mir zurück und ging ein paar Schritte weiter. Er war völlig im Einklang mit sich selbst, ich wünschte wirklich, ich hätte es auch von mir behaupten können.
Ich ging vor ihm und kniete mich hin. Meine Hände fasten in sein felliges Gesicht. Er war wunderschön auf so viele Weisen. Ich gab ihm einen Kuss auf die Nase und stand wieder auf, darauf verwandelte er sich und stand, wie ich ihn kannte, vor mir. Seine Brust hob und senkte sich schnell. Sehr angestrengt schien es ihm trotzdem nicht zu haben.
„Wieso warst du dort?“
„Was meinst du?“
„Am See, nachdem streit mit Alex.“ Ich musste es endlich wissen. Es gab so viele Situationen, die ich nun in einem anderen Licht sah. Mir wurde mulmig, wusste er, was ich über ihn gesagt hatte? Wenn es wahr war, was diese Verbindung anging, hatte er jedes meiner Worte verfolgt.
Ich erinnerte mich an meinen blöden Versuch Alex zu provozieren, heute tat es mir leid. Zumindest die Dinge, die ich ihr über ihn sagte. Abgehakt war die Sache längst nicht.
Diese Bumspartys mussten umgehend aufhören! Dafür würde ich mich sogar mit Eisengel anlegen. Sam fasste mir in den Nacken und zwang mich ihm anzusehen. Sein Griff war herrisch.
„Es gibt viele Dinge, über die wir noch reden sollten.“ Ich nickte knapp, soweit es mir möglich war.
„An diesem Abend wollte nicht nur Alex dir den Hals umdrehen.“
„Und wieso hat es dann niemand getan?“
„Weil ich es nicht zugelassen hätte.“ Hatte er schon damals so empfunden? Wohl kaum, nach der Aktion mit dem Messer.
Er ließ von mir ab, worauf wir hineingingen. Mein Herz raste vor Aufregung, wie würden sie reagieren nach dem ganzen Drama. Es kam mir nicht wie eine gute Idee vor, mich allen gleichzeitig zu stellen. Leider hatte ich hinsichtlich dieser Situation keine Wahl. Es hieß Augen zu und durch!
Wir traten durch den Hintereingang durch einen langen Flur in die Vorhalle. Meine Erwartungen wurden enttäuscht. Niemand wartete auf uns, die Halle war leer.
Ich folgte Sam weiterhin. Er ging in die zweite Etage, auf der Ebene wo auch seine Wohnung lag. Eine Tür weiter als seine blieb er stehen.
„Er erwartet dich.“
„Du kommst nicht mit?“ Er war nicht glücklich darüber.
„Nein.“ Meine Augen wurden groß. Musste ich mich Eisengel alleine stellen? Das machte das Ganze noch schlimmer, als es sowieso schon war.
„Ich bin hier und warte.“ In mir kam das Gefühl auf, das mehr an diesem Gespräch lag, als es den Anschein hatte. Samuel sah nicht glücklich über diesen Verlauf aus, konnte jedoch nichts tun, wie es schien. Es musste einen Grund geben, warum Gideon mich allein sprechen wollte.
Ich nahm mein Rückrad und band es imaginär um meine Hüfte fest. Ich konnte es noch gut gebrauchen, dann sammelte ich allen Mut, indem ich tief einatmete und die Klinke drückte. Sie ging auf.
Vorsichtig trat ich ein, hinter mir viel die Tür ins Schloss. Ich blickte hilflos zurück, Schwärze umhüllte mich. Wie konnte es mitten am Tag so dunkel sein?
Angst kam auf, die ich mit aller Macht zu unterdrücken versuchte. Ich ging weiter hinein, einen wackligen Schritt vor den anderen, brachte mich ins Wohnzimmer. Die Wohnungen sahen anscheinend alle gleich aus. Ein kleiner Flur führte zur Küche, die ins Wohnzimmer endete. Fast wie bei mir. Eine offene Wohnküche. Rechts war dann das Bad und eine Tür weiter das Schlafzimmer. Gideon saß in einem Sessel vor seinem Balkon und starrte gegen die verschlossenen Vorhänge. Ein ulkiges Bild. Sein Blick war starr und nachdenklich. Zugegeben er sah ohne den eisigen Hauch verdammt gut aus. Er deutete tonlos auf die Couch. Sollte ich ihm so nachkommen? Wahrscheinlich schon.
Ich ging zur ledernen Couch und setzte mich. Er wendete sich nicht um, starrte einfach weiter hinaus. Ich hatte Zeit um mich umzusehen und erblickte keine Bilder, keine Deko, nichts. Der Mann war sehr spartanisch eingerichtet. Dabei hat er doch seine ganze Familie um sich herum, machte man da nicht gelegentlich Fotos? Mir fiel ein, dass ich Sams Wohnung noch nie genauer betrachtet hatte. Waren bei ihm Fotos?
Einige Zeit später sah ich Gideon an, je mehr Zeit ich dort verbrachte, desto mehr verging meine Angst, irgendwann war ich sogar recht entspannt. Auch wenn sein Schweigen mir hätte Angst machen müssen. Was blieb, war das Gefühl, das es ein wahnsinnig einsamer Mann sein musste. Ich hatte ihn immer für gefährlich gehalten, nie über seine Beweggründe so zu sein nachgedacht. Es musste einen Grund haben, wieso sie die Stadt so krampfhaft zu säubern versuchten und vor allem ... Musste es etwas bedeuten, dass keine Bilder an den Wänden hingen.
„Wie hieß sie?“ Nun bekam ich Aufmerksamkeit. Er wendete sich um und sah mich an. Er suchte etwas in meinen Augen, fragte er sich, wie ich darauf kam? Es war ganz einfach. Diese Kälte tarnte den Schmerz in ihm, welcher nur eine Uhrsache haben konnte.
Verlust.
Da ich nicht blöd war und eins und eins zusammenzählen konnte. Glaubte ich fest daran, dass es eine Frau war. Vielleicht war es nicht richtig ihm danach zu fragen, immerhin war unser erster Start nicht gerade berauschend gelaufen und den Zweiten gleich zu vergeigen, war mehr als dämlich.
„Jelena.“ Sein Blick durchbohrte mich wie eine Pfeilspitze.
„Tut mir leid.“
„Das muss es nicht.“
„Ich denke schon.“ Nun wendete er sich ganz zu mir. So einen Stuhl musste ich mir auch zulegen, er war der Wahnsinn. Schwarz, aus Leder und mit Wendefunktion. Bei Gelegenheit würde ich fragen.
„Ich habe sie umgebracht, also wieso sollte es dir leidtun?“ Er beobachtete mich genau. Damit hatte ich nicht gerechnet, meine Augen wurden nur eine Sekunde lang groß, dann hatte ich mich wieder gefangen.
„War es Absicht?“
„War es.“
„Sicher?“ Vielleicht lag ich doch auf dem falschen Weg. Er atmete tief ein. „Was glaubst du, was wir sind Nida?“ Ich wusste keine Antwort auf diese Frage. Was genau wollte er von mir hören? Ich hatte bereits erfahren, was sie waren. Also wieso fragte er mich das? „Wir sind Raubtiere, Mörder. Glaubst du, unser Verhalten, unsere Art wird sich ändern, nur weil ein Wächter ein Weib an sich bindet?“ Wollte er mich vergraulen? Mein Blut sackte mir ab und ich wurde bleich. So ruhig es eben noch gewesen war, so schlimmer war es jetzt.
Wieso zur Hölle sagte er solche Dinge? Etwas in mir regte sich, trotz der harten Worte, der Mann hatte recht. Meine Hände zitterten, ich legte sie im Schoss zusammen. Gideon starrte genau zu der Stelle und wieder zu mir. Er wollte mir zeigen, dass er wusste, wie ich darauf reagierte.
„Wir sind Wölfe. Menschen mit einer animalischen Seite. Sam wird es nicht verhindern können, auch wenn du ihn fortzerrst.“ Was hieß das schon wieder? Ärger stieg in mir auf. Das war verdammt nochmal kein guter Start.
„Ich habe nicht vor in fortzuzerren.“ Was dachte dieser Mann von mir?
„Das sehe ich anders. Es wird noch entschieden, ob du bleibst, nach den letzten Stunden.“ Da lag der Wolf begraben. Ich musste mich erst beweisen. Dieser Mann schien offensichtlich etwas gegen Frauen zu haben. Er allein entschied gerade, ob ich bleiben durfte, oder gehen.
Würde er es Sam antun? Immerhin schien diese Bindung wichtig zu sein. Würde er ihn zwingen, zwischen uns zu wählen und überhaupt, für wen würde er sich entscheiden? Die Kehle schnürte sich mir zu.
„Wow.“ Ich stand auf. „Kurzzeitig glaubte ich wirklich, du könntest ein Herz haben. Es ist deine Entscheidung Gideon. Du bist der Alpha, den alle vergöttern. Mach deinem Namen alle Ehre.“ Ich konnte meinen Ärger nicht zurückhalten. „Aber glaube nicht, dass ich Sam zwischen uns entscheiden lasse.“ Er tat es mir nach, stand auf und fixierte mich mit seinem eisigen Blick. „Er braucht euch, mehr als mich. Ich werde diese Bindung nicht trennen. Aber da wir einen so katastrophalen Start hatten, glaube ich kaum, dass du dich erniedrigst, es mir leicht zu machen. Ich mag es noch nicht durchschauen, was ich aber weiß, ist das du das beste Beispiel dafür scheinst, dass man auch ohne seine Auserwählte gut leben kann.“ Keine Sekunde glaubte ich daran, dass dieser Eisfels mich in seiner Nähe haben wollte. Damit wendete ich mich einfach ab und stolzierte zur Tür. Ich war innerlich zerrissen. Wie hatte ich glauben können, dass alles gut werden würde? Ich griff den Türknauf, als ich ihn hinter mir hörte.
„Du würdest ihn gehen lassen?“ Ohne mich umzudrehen, antwortete ich im.
„Er wird mich nie so brauchen, wie dich.“ Damit wollte ich aus der Tür treten. Es war nicht meine Welt und würde sie auch nie werden. Abgesehen davon war die Kälte in seinen Augen kaum zu ertragen.
Ich drückte nach dem Türknauf, als ich umgerissen wurde und gegen die Tür geknallt. Gideon war genau vor mir, er flößte mir eine tödliche Angst ein.
„Verstehe ich das richtig. Zum Wohle von Sam würdest du alles tun, sogar ihn gehenlassen?“ Ich nickte, Tränen stiegen auf, war es überhaupt möglich? Ich hatte das Gefühl, ich müsste sterben, wenn ich es nur versuchte. Selbst der Gedanke ihn nicht mehr bei mir zu spüren, wieder alleine in mir zu sein, zeriss mich.
„Dann hast du etwas, was sie nicht besaß.“ Seine Augen funkelten, dann kam der Biss.

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