18. Türchen

Schniefend wischte sich Hermine die Tränen von den Wangen. Die eisige Kälte der Winterluft vor Rons Haustür erinnerte sie daran, dass noch immer Spuren ihres Gesprächs auf ihrem Gesicht zu finden waren. Nachdem sie die feuchten Spuren getrocknet hatte, trat sie einen Schritt vor und sog tief die schneidend kalte Luft ein. Sie brannte in ihrer Lunge, doch Hermine hieß den Schmerz willkommen.

Er lenkte sie ab von dem Schmerz, der in ihrem Herzen wütete. Ron hatte die Trennung nicht gut aufgenommen. Es war eigentlich ironisch, dass sie so viel geheult hatte und er überhaupt nicht, immer noch beendete sie die Beziehung, nicht er. Doch der ungläubige Blick, der bis zum Schluss nicht von ihm gewichen war, die Verzweiflung, die aus jedem seiner Worte gesprochen hatte, hatte ihr das Herz gebrochen. Sie liebte Ron und sie wollte ihn nicht verletzen. Sie hasste es, ihn so zu sehen. Doch sie hatte gewusst, je eher sie mit ihm darüber sprach, umso geringer wäre der Schock. Und vorbereitet auf eine Trennung war man eh nie.

Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. Es war noch früh am Abend. Wohin sollte sie gehen? In ihrer Wohnung würde Harry auf sie warten, begierig darauf zu erfahren, dass sie nun endgültig frei war. Frei für ihn. Er würde nicht verstehen, dass die Trennung sie emotional völlig ausgelaugt hatte, er würde feiern wollen, am liebsten nackt und im Bett.

Oder auch nicht. Harry konnte sehr einfühlsam sein, das wusste sie. Er würde verstehen, dass es ihr nicht leicht gefallen war, Ron das Herz zu brechen. Dennoch spürte sie, dass es falsch wäre, jetzt direkt zu ihm zu gehen. Sie brauchte Trost. Aufmerksamkeit. Jemanden, der nicht so involviert in dieses Problem war wie Harry.

Unter anderen Umständen wäre sie wohl zu Ginny gegangen, doch sie konnte sich schlecht bei ihr darüber ausheulen, dass sie gerade ihrem Bruder das Herz gebrochen hatte. Und wenn es wirklich mit ihr und Harry weitergehen würde, könnte sie erst recht nicht Ginny unter die Augen treten. Es war einfach falsch.

Hermines Schultern sanken herab. Hatte sie wirklich so wenige Freunde in ihrem Leben, dass sie in dieser Situation niemanden hatte, an den sie sich wenden konnte? So angestrengt sie auch nachdachte, außer Ginny und Harry fiel ihr niemand ein, der jetzt für sie da sein könnte.

Höchstens Draco Malfoy.

Überrascht über ihre eigenen Gedanken setzte Hermine sich in Bewegung. Es hatte keinen Sinn, noch länger vor dem Haus mit Rons Wohnung zu verweilen. Sie konnte genauso gut ihren Körper bewegen, um so vielleicht auf andere Gedanken zu kommen.

Dachte sie tatsächlich ernsthaft, sie könnte mir Malfoy über so ein Thema sprechen? Nachdenklich runzelte sie die Stirn. Tatsächlich, so ging ihr auf, hätte sie keinerlei Problem damit, wenn da nicht der Kuss gewesen wäre. Vermutlich hätte er sie ein wenig aufgezogen, einige Beleidigungen über Ron fallen lassen, aber ihr trotzdem einen Tee gekocht und lange schweigend zugehört, während sie ihm das Herz ausschüttete.

Ehe sie richtig wusste, was sie da tat, verschwand Hermine in einer unbeobachteten Seitenstraße und apparierte zum Anwesen der Malfoys. Selbst, wenn er ihr keinen Trost spenden wollte, sie brauchte jetzt einfach Gesellschaft und am beste jemanden, der nicht in ihr Liebesleben verwickelt war.

„Miss Granger", ertönte es erstaunt aus der Empfangshalle, nachdem ein Hauself sie auf ihr Klopfen hin eingelassen hatte: „Was beschert uns an einem Samstagabend diese Ehre Ihres Besuches?"

Ertappt knetete Hermine ihre Finger. Sie hatte eigentlich gehofft, dass direkt Draco sie empfangen würde, doch nun musste sie ihre Anwesenheit seiner Mutter erklären: „Ich dachte, ich besuche Ihren Sohn. Er war die Woche über so freundlich zu mir gewesen, dass ich mich gezwungen fühlte, seine Freundlichkeit zu erwidern."

Es war offensichtlich, dass Mrs. Malfoy ihr kein Wort glaubte, doch es war ihr egal. Sollte die Hausherrin denken, dass sie am Wochenende ihrer Arbeit nachging und erneut wegen der Vase hier war, es spielte keine Rolle. Lächelnd fügte sie hinzu: „Ich nehme an, Draco ist in der Bibliothek?"

„Nein, er ist auf seinem Zimmer, da er einige Briefe zu beantworten hat. Robby, führe unseren Gast zu Dracos Zimmer", wies Narzissa Malfoy den Hauselfen an, dann drehte sie sich ohne ein weiteres Wort um und verschwand im Salon.

Plötzlich bereute Hermine, dass sie aus einem Bauchgefühl heraus hergekommen war. In Dracos Zimmer? In seinem Schlafzimmer? Sie betete, dass er ihren Besuch jetzt nicht missverstehen würde. Und sie betete, dass es nicht zu peinlich werden würde, dass sie hier auftauchte, nachdem sie ihn zuvor abgewiesen hatte. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?

Der Hauself klopfte für sie an die Zimmertür, doch die Antwort von drinnen war unfreundlich: „Habe ich nicht klar gesagt, dass ich nicht gestört werden will?"

Mit großen, furchtsamen Augen blickte der Hauself zu Hermine hoch. Sie lächelte ihm zu und bedeutete ihm, dass er gehen konnte. Dann griff sie nach der Klinke und trat ein.

„Granger!"

„Guten Abend", sagte sie und schloss die Tür hinter sich, als wäre es das Normalste der Welt. Sie durfte sich bloß nicht anmerken lassen, wie unwohl sie sich fühlte.

„Was zum Teufel tust du hier?", verlangte Draco zu wissen, doch immerhin hatte er den Anstand, sich vom Schreibtisch zu erheben und ihr einen Platz auf seinem Sofa vor dem Kamin anzubieten.

„Mir war nach Gesellschaft", erklärte sie schlicht, nachdem sie ihren Mantel an einen Haken an der Tür gehängt hatte: „Genauer gesagt nach deiner Gesellschaft."

„Du bist schon wirklich Hermine Granger, ja?", hakte Draco nach, während er zu seiner kleinen Bar hinüber ging, um für sie beide Drinks zu holen.

„Sehr witzig", kommentierte Hermine trocken: „Ich lach mich tot. Nein, ehrlich. Ich hatte heute einen nicht so tollen Tag..."

Draco kehrte mit zwei Gläsern mit brauner Flüssigkeit darin zu ihr zurück und hielt ihr eines hin: „Und da kommst du zu mir? Was, soll ich dich trösten?"

Ihr entging nicht, wie er anzüglich die Augenbraue hochzog, doch sie rollte bloß mit den Augen. Vorsichtig nippte sie an ihrem Drink und brach unverzüglich in heftiges Husten aus: „Was ist das denn?"

Gespielt beleidigt ließ Draco sich auf das Sofa sinken, einen Arm lässig über die Lehne gelegt, während er in der anderen Hand sein Glas hochhielt und genau studierte: „Das, meine Liebe, ist guter, schottischer Whisky. Sind mehr als vierzig Umdrehungen zu viel für dich?"

Sie konnte genau hören, wie sehr es ihn amüsierte, dass sie starken Alkohol nicht vertrug: „Ich bin eben keine routinierte Trinkerin", konterte sie.

Zu ihrer Überraschung lachte er bloß: „Touché, Madame. Also, worauf trinken wir?"

„Bitte?"

„Du hattest einen schweren Tag, hast du gesagt. Was willst du in diesem Glas Alkohol ertränken?"

Sie konnte nicht anders, als ihn dankbar anlächeln. Wie auch immer es ihm gelungen war, ihre Laune so genau zu analysieren, aber in dem Moment, in dem sie an dem Alkohol genippt hatte, war ihr aufgegangen, dass sie genau das gebraucht hatte. Und dass er tatsächlich nachfragte, was los war, ehrte ihn.

„Ich habe mich endgültig von Ron getrennt", gestand sie schließlich, nachdem sie einen deutlich zu großen Schluck vom Whisky genommen hatte.

„Gratuliere", kam es voller Anerkennung von Draco: „Du hast nicht so lange dafür gebraucht, wie ich befürchtet hatte."

Sie rollte mit den Augen: „Ja, ja, ich weiß schon, was du von ihm hältst. Ich dachte wirklich, wir können das gemeinsam schaffen, aber offenbar sind wir doch nicht füreinander bestimmt. Jetzt bin ich also mehr oder weniger single."

Sofort bereute sie ihre Worte, denn Draco lehnte sich augenblicklich näher zu ihr: „Mehr oder weniger?"

Errötend blickte sie in ihr Glas: „Naja ... ich bin Single."

Eine Hand legte sich auf ihren Schenkel: „Das war nicht, was du gesagt hast, Granger. Du hast gesagt, du bist mehr oder weniger single."

Dort, wo seine Hand ihren Körper berührte, schien Hermine in Flammen zu stehen. Sie wusste, es war eine dumme Idee gewesen, zu Draco zugehen, um den Tag zu verarbeiten. Sein Kuss war offensichtlich ernst gemeint gewesen. Was für eine Botschaft sandte sie gerade aus, dass sie ausgerechnet zu ihm kam, nachdem sie wieder single war? Das konnte er ja nur missverstehen.

Und trotzdem konnte sie nicht anders, als sich genau hier, genau jetzt, mit ihm auf dem Sofa in seinem Schlafzimmer genau richtig zu fühlen.


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