18. Vierzehn

Als Toni die Augen aufschlug war das erste, das er sah, Gregors Gesicht. Er lag so dicht neben ihm, dass ihre Nasenspitzen sich fast berührten. "Guten Morgen," sagte er und lächelte etwas verlegen. "Hast du gut geschlafen? Und keinen Alptraum gehabt?"

Es war nicht zu übersehen, dass Gregor wegen letzter Nacht noch ein ziemlich schlechtes Gewissen hatte. Was Toni ein wenig überraschte. Genau wie gestern hatte er eher erwartet, dass er sich erst furchtbar aufregte und danach dann noch ein wenig stichelte, bis die ganze Angelegenheit irgendwann ausgereizt war. Aber stattdessen sah er Toni besorgt an.

Der Gedanke, einfach mal den Spieß umzudrehen und jetzt zu sticheln huschte für den Bruchteil einer Sekunde durch Tonis Gehirn, verschwand dann aber sofort wieder. Stattdessen erwiderte er sein Lächeln. "Ich hab sehr gut geschlafen." Es war zwar etwas eng gewesen, aber das Gefühl, Gregor die ganze Zeit so nah bei sich zu haben war einfach wunderbar gewesen. Und es war auch jetzt noch wunderbar, als sie einfach nur da lagen und sich ansahen.

In Toni kribbelte wieder alles und er konnte gar nicht aufhören zu lächeln, genau wie Gregor. Nach einer Weile hob Gregor den Kopf, Tonis Herz machte einen heftigen Satz und er kam ihm hastig entgegen. Gregor zu küssen fühlte sich immer noch unglaublich an, als wäre Toni irgendwie schwerelos und der Rest der Welt würde für diesen Moment einfach nicht mehr existieren. So war es vorher auch schon immer gewesen, aber als Gregor jetzt vorsichtig eine Hand auf Tonis Schulter legte und sich an ihn schmiegte, war es dann auf einmal doch völlig anders. Gregor so nah bei ihm, zu fühlen, wie warm er war und wie gut er roch, das war noch einmal eine ganz andere Dimension.

Und als er jetzt anfing, Tonis Schulter zu streicheln, durchfuhr diesen ein heißer Stich. Er presste Gregor noch mehr an sich und ihr Kuss wurde heftiger. Gregor packte Toni fester und auch in dem stieg jetzt das Bedürfnis hoch, ihn anzufassen. Er berührte Gregors Schulter aber er gab sich nicht damit zufrieden, sie festzuhalten. Stattdessen drückte er sie nur einmal kurz, bevor seine Hand weiterwanderte, in der Hoffnung, dass es in Ordnung war. Sein Herz klopfte heftig, als er über Gregors Hals strich, über sein Schlüsselbein und dann erschrocken inne hielt, als Gregor plötzlich den Kuss unterbrach. Halb erstarrt vor Angst weil er sich sicher war, dass er damit zu weit gegangen war, wartete Toni darauf, dass Gregor seine Hand zur Seite stoßen und dann ausrasten würde, aber er sagte nichts, sondern ließ sich mit geschlossenen Augen zurück aufs Bett sinken und presste die Stirn gegen Tonis Arm.

Toni wartete noch eine Sekunde, dann streichelte er weiter von Gregors Schlüsselbein über seine Brust und das Gefühl, das in ihm hochstieg war wieder eins, das er noch nie vorher gefühlt hatte. Er schluckte einmal hart, weil er plötzlich einen Kloß im Hals hatte. Seine Finger, die Gregors Körper durch das dünne T-Shirt berührten fühlten sich ganz anders als sonst an, so wie eigentlich grad alles an ihm.

Aber als er schließlich bei Gregors Bauchnabel angekommen war, wurden seine Bewegungen sparsamer. Sein Gehirn hatte seine Arbeit noch nicht ganz eingestellt und wies ihn darauf hin, was es bedeutete, jetzt tiefer zu gehen. Aber dann seufzte Gregor einmal tief an seinem Arm, sein heißer Atem streifte Tonis nackte Haut und diese beiden Dinge sorgten dafür, dass Tonis Gehirn jetzt vollkommen losließ und er weiter streichelte, da, wo Gregors Shirt ein wenig über dem Hosenbund hochgerutscht war. Gregor seufzte wieder und seine Hand schloss sich um Tonis Arm, erst locker, aber als Toni seine Hand weiterwandern ließ, wurde sein Griff fester.

Toni hatte vorher schon gesehen, dass es Gregor jetzt grade genau so ging, wie ihm damals am See und jetzt konnte er es auch fühlen. Das Blut rauschte in seinen Ohren und für den Bruchteil einer Sekunde dachte er darüber nach, jetzt aufzuhören, aber wirklich nur für den Bruchteil einer Sekunde. Und dann tat er das, was er in so einer Situation bei sich selbst tun würde. Gregor umklammerte seinen Arm inzwischen wie ein Schraubstock, seine Seufzer wurden mehr und lauter, je schneller Toni ihn durch seine Hose streichelte. Toni hob den Kopf und blickte zu seinem Gesicht hinüber, das er nur im Profil sah.

Aber die geschlossenen Augen und die roten Wangen lösten etwas in ihm aus, ein warmer Schauer durchlief ihn von Kopf bis Fuß und in diesem Moment spannte sich Gregors Körper an und der Griff um Tonis Arm wurde von sehr fest zu sehr schmerzhaft. Dann gab Gregor einen erstickten Laut von sich und mit einem Schlag war die Spannung aus seinem Körper verschwunden. Der Griff um Tonis Arm lockerte sich und auch Toni fühlte sich auf einmal, als hätte man ihm sämtliche Energie ausgesaugt. Schwer ließ er sich neben Gregor aufs Bett fallen und schloss die Augen, um ihn nicht anzusehen. Jetzt, wo der Rausch, in dem er sich die letzten Minuten befunden hatte, abgeklungen war, war ihm alles plötzlich verdammt unangenehm. Sein Gehirn schaltete sich wieder ein und spielte ihm diverse Szenarien vor, wie Gregor jetzt gleich reagieren würde und keins davon gefiel Toni besonders.

Alle seine Sinne waren auf Gregor ausgerichtet und als dessen Fingerspitzen seine Hand berührten, merkte er es sofort und stellte sich auf irgendein Donnerwetter ein. Aber stattdessen verflocht Gregor seine Finger mit Tonis und jetzt traute Toni sich auch, die Augen wieder aufzumachen.

Wieder war Gregors Gesicht ganz nah bei ihm, seine Wangen waren immer noch rot und er lächelte Toni auf eine Art an, wie er es vorher noch nie gemacht hatte. "Das war ganz schön krass," sagte er leise mit heiserer Stimme.

"Ja, das war krass," bestätigte Toni und auch er hatte seine Stimme nicht ganz unter Kontrolle.

In diesem Moment klopfte es an der Tür und sie zuckten erschrocken zusammen.

"Toni, deine Tante hat angerufen," ertönte die Stimme von Gregors Mutter durch die Tür. "Du sollst sofort zu ihr rüberkommen, deine Mutter ist da!"

Toni wurde es von einer Sekunde auf die andere plötzlich eiskalt. Er hatte jegliches Gefühl für Zeit verloren und gar nicht mitbekommen, wie die zwei Wochen hier auf dieser Burg, wo er am Anfang gar nicht hingewollt hatte, an ihm vorbeigerast war. Und jetzt waren sie zuende, seine Mutter würde ihn wieder mit zurück nehmen, was neben vielen anderen Dingen, die er liebgewonnen hatte, vorallem hieß, dass es keinen Gregor mehr geben würde. Die losgelöste Stimmung, in der er sich grade noch befunden hatte, war mit einem Schlag verschwunden. Stattdessen fühlte er sich jetzt, als hätte er einen heftigen Schlag in den Magen bekommen und er spürte, wie die Tränen in ihm aufstiegen. Aber er wollte auf keinen Fall vor Gregor heulen. "Ich muss dann wohl aufstehen," sagte er, ohne Gregor anzusehen, kroch aus dem Bett und ging zu seinem Rucksack, um sich umzuziehen. Was auch dringend notwendig war, wie er bemerkte, als er aufgestanden war.

"Ich komm mit," sagte Gegor hinter ihm leise und Toni, der mit dem Rücken zu ihm stand, hörte, wie er die Schranktür öffnete.

Sie zogen sich hastig um, ohne sich anzusehen und trafen sich erst an der Tür wieder.

Sie blickten sich für einen Moment wehmütig an und jeder spürte vom anderen, dass er grade das Gleiche dachte. Gregor bewegte nur leicht die Arme und da hatte sich Toni schon an ihn gedrückt. Sie hielten sich für einen Moment stumm fest, bis irgendwo im Haus ein Poltern ertönte und sie daran erinnerte, dass sie hier nicht mehr ewig stehen konnten. Toni ließ Gregor bedauernd los und öffnete die Tür. Ohne ein Wort zu sagen stiegen sie die Turmtreppe hinunter.

Nadja, Thorsten, Peter und Tonis Mutter saßen auf der Terrasse am Tisch. Toni konnte sie durch die Glastür lachen sehen und die Wut stieg in ihm hoch. Er fühlte sich unglaublich elend, weil sie kamen und ihn hier wegrissen und sie lachten einfach.

Er kniff die Lippen zusammen und beschloss, dass vorallem Peter nicht merken sollte, wie furchtbar er sich fühlte. In diesem Moment drehte seine Mutter den Kopf, sah ihn und strahlte. Natürlich wandten dann auch gleich alle anderen den Kopf und blickten ihnen entgegen. Damit war Tonis letzte Chance, einfach abzuhauen und sich im Wald zu verstecken, bis sie wieder verschwunden waren, vernichtet. Er öffnete die Glastür und trat auf die Terrasse.

Seine Mutter sprang auf, lief ihm entgegen und umarmte ihn. "Mein Gott, ich weiß, du hörst es nicht gerne, aber man, bis du in den zwei Wochen groß geworden." Sie lachte und wuschelte ihm durch die Haare. "Und braun auch. Sieht ja ganz so aus als wäre der Urlaub doch nicht so schlimm gewesen, wie du gedacht hast."

"Hier auf dieser Burg kann man ja auch total viele tolle Spiele spielen," bemerkte Peter und Toni knirschte innerlich mit den Zähnen.

Seine Mutter hatte inzwischen Gregor entdeckt, der hinter Toni stand. Strahlend hielt sie ihm die Hand hin. "Du musst Gregor sein," rief sie. "Nadja hat uns erzählt, dass hier in den beiden Wochen unzertrennlich gewesen seid."

Gregor ergriff ihre Hand und Toni sah ihm deutlich an, wie wenig ihm diese Situation gefiel. "Hallo," erwiderte er steif und Toni wurde schlagartig bewusst, dass er das hier alles nur für ihn in Kauf nahm. Wieder wurde er wütend, nicht nur, dass er jetzt hier weg sollte, sondern auch, dass Gregor sich deswegen absolut nicht wohl fühlte.

"Ich würd mich ja gerne noch ein bisschen mit dir unterhalten um mir sagen zu lassen, was Toni in den Wochen für Quatsch gemacht hat," sagte seine Mutter zu Gregor und stieß Toni einmal neckend in die Seite, "Aber wir müssen jetzt leider sofort los! Also pack deine Sachen, wir sind noch bei den Hofmanns eingeladen. Du weißt, die mit den Zwillingen, mit denen du dich immer gut verstanden hast und da müssen wir jetzt noch eine Stunde hinfahren. Also los, los!" Sie packte Toni bei den Schultern und drängte ihn zurück ins Haus. "Gut, dass du nicht so viel mitgenommen hast," lachte sie dabei.

Gregor folgte Toni hoch ins Gästezimmer und sah stumm zu, wie er seine wenigen Sachen in seinen Rucksack packte. Dann schlenkerte er einmal verlegen mit den Armen. "Schade, dass du gehen musst," murmelte er.

"Ja," erwiderte Toni nur. Er hätte eigentlich gerne noch mehr gesagt. Etwa, dass er nicht weg von Gregor wollte und wie sehr er ihn vermissen würde, aber er konnte es nicht. Erst einmal, weil er nicht wusste, wie er es ausdrücken sollte und dann spürte er einen harten Kloß im Hals und es war klar, dass er heulen würde, wenn er jetzt etwas sagen würde.

Gregor trat zu Toni hin und legte ihm die Arme um den Hals. Sie küssten sich liebevoll und wehmütig, bis Tonis Mutter von unten ungeduldig seinen Namen rief.

Die Verabschiedung von Thorsten und Nadja war sehr herzlich, Nadja drückte ihn einmal kräftig an sich. "Du kannst in allen Ferien immer gerne herkommen," sagte sie. "Kamilla ist schon seit heute morgen irgendwo unterwegs, aber ich sag dir jetzt einfach mal Tschüss von ihr." Sie streichelte ihm über den Rücken und flüsterte ihm ins Ohr. "Kopf hoch!"

Auch Thorsten umarmte ihn kurz und murmelte "Mach's gut und gute Heimfahrt."

Gregor nickte ihm einmal kurz zu. "Tschüss," sagte er und wandte dann den Blick ab.

Und das war dann ihr letzter Moment zusammen, denn in dieser Sekunde fuhr Peter mit dem Auto vor.

Toni blickte durch die Heckscheibe, bis sie um die Kurve gefahren waren und er Gregor nicht mehr sehen konnte. Dann ließ er sich in den Sitz fallen und jetzt konnte er nicht mehr dagegen ankämpfen, dass ihm heiße Tränen über die Wangen liefen.

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