19. Erpressung

Jack und Alexander waren endlich angekommen. Wir trafen uns alle in der Lobby, um uns zu unterhalten. Magnus war höflich zu den beiden, aber bei Jack bemerkte ich Abneigung. Er mochte meinen Gefährten einfach nicht. Das fand ich sehr schade, dass er Magnus keine Chance gab. Jack konnte ihm wohl immer noch nicht verzeihen, dass er mich Cornelius ausgespannt hatte. Alexander war vom Äußeren her ein wenig erwachsener geworden und wirkte von der Art her auch selbstsicherer. Jack hatte ihm sicherlich schon vieles beigebracht, was er als Unsterblicher wissen musste. Ihre verliebten Blicke, die sie sich gegenseitig zuwarfen, waren wirklich rührend. Körperliche Gesten vermied Jack in der Öffentlichkeit immer noch. Das saß ihm schon im Blut, aber ein Homo-Pärchen störte in Las Vegas sicher niemanden. Es galt doch sowieso als Sündenpfuhl. Ich freute mich wirklich sehr, die beiden hier zu haben. Jack erzählte, dass er mit Alex zusammen in Berlin war und sich von ihm herumführen ließ. Jack kannte die Stadt zwar aus seinen alten Tagen, aber es war trotzdem etwas Neues. Er sagte auch, dass Alex nun gut allein zurechtkommen würde.

„Das habe ich auch von dir erwartet“, sagte ich zu Jack. Magnus spürte sicher, dass er unerwünscht war, und verabschiedete sich von den beiden. Er verließ das Hotel. Ich führte die zwei zuerst in dem Komplex des Luxors herum. Alexander war von dem Ganzen sehr beeindruckt. Jack war das alles zu künstlich. Er bevorzugte eben die wahren historischen Stätten. Alex wollte sich die Spielhallen näher ansehen und Jack und ich gingen in eine der Hotel-Bars. Dort ließen wir uns in einer lauschigen Ecke nieder, um ungestört zu reden. Jack begann: „Wie ich sehe, geht es dir noch gut mit ihm.“

„Ja, warum auch nicht. Sei doch nicht so voreingenommen. Ihr müsst ja keine Freunde werden, aber könntest du nicht ein bisschen freundlicher zu ihm sein. Magnus bemüht sich wirklich.“ Jack beugte sich zu mir vor: „Ich kann nichts dafür, aber ich bin der Meinung, dass er gefährlich ist. Aber gut. Wenn du es wünschst, werde ich mein Verhalten ändern.“ Ich nahm seine Hand: „Du und Alex seid auf jeden Fall sehr glücklich. Das ist schön.“ Jack grinste: „Er macht sich ganz gut. Er hat mir sogar schon geholfen, ein paar „Ratten“ unschädlich zu machen. Dabei wurde er allerdings schwer verwundet. Er ist eben noch schwach und hatte zuerst zu große Hemmungen, sie anzugreifen. Im Gegensatz zu dir. Na ja, erst als er in Bedrängnis geriet, hat er sich entsprechend gewehrt. Aber die erlittenen Verletzungen machten ihn stärker. Das ist das einzig Gute daran. Und, gab es bei dir was Aufregendes?“ Ich spielte mit seinen Fingern: „Nicht so. Außer, dass ich auf unserem Grundstück von vier Vampiren vergewaltigt wurde und Magnus sie vernichtet hat. Das war so ne Bande, die Gebiete von Älteren erobern wollten. Das gibt’s hier in den Staaten öfters. Die pfeifen auf die Regeln.“ Er seufzte: „Ja, die alten Sitten verkommen immer mehr.“ Ich fuhr fort: „Ansonsten verlief mein Leben ganz gewöhnlich. Wir genossen vor allem die Zeit zu zweit.“

Nach einer Weile stieß Alexander wieder zu uns. Er küsste Jacks Lippen und sagte etwas auf Deutsch. Mein Ex-Gefährte erwiderte auf dieselbe Weise. Dann ging sein jüngerer Freund wieder. „Hat er es dir beigebracht?“ Jack schüttelte den Kopf: „Ich konnte es schon. Von früher her.“

„Magnus und ich reden im Bett gern italienisch. Das finde ich erotischer.“ Da mussten wir beide lächeln und sahen uns einige Zeit in die Augen. Jack rückte näher zu mir, legte seine Hand auf meinen Schenkel und dann trafen sich unsere Münder. Er zog mich noch enger an sich und wir sanken küssend auf die Sitzpolster. Ich konnte genauso wenig meine Finger von Jack lassen, wie er von mir. Wir fanden uns immer wieder anziehend, egal wen wir gerade liebten. „Wird Alex nicht eifersüchtig, wenn er uns hier so findet?“, murmelte ich an sein Ohr. „Nein, ich denke nicht. Er hat es ja auch geduldet, als du noch bei uns warst. Aber wir können in mein Zimmer gehen. Hier in der Öffentlichkeit möchte ich dir nicht die Kleider vom Leib reißen.“ Ich lachte nur und wir verzogen uns in das Hotelzimmer, der beiden. Jack war richtig ungeduldig. Er schälte mich aus meinen Klamotten und zog mich zum Bett. „Heute kannst du es ja kaum abwarten. Was ist mit dir los?“ Er kniete über mir: „Du weißt doch, dass ich dir nicht widerstehen kann.“ Ich konnte nur darüber lächeln. Nach unserem Akt fühlte ich eine weitere Anwesenheit. Alex! Ich hob den Kopf und sah, wie er sich schon nackt zu Jack setzte und sie sich küssten. Ich setzte mich auf, um zu verschwinden. Da drehte sich Jack zu mir um und drückte mich leicht zurück: „Du brauchst nicht zu gehen.“ Dann fügte er in Gedanken hinzu: ‚Er möchte mit dir ins Bett.

Ich weiß nicht, Jack. Hatte er überhaupt schon mal ne Frau?‘ Er schmunzelte: ‚Ein paar. Nichts Besonderes.‘

So, und ich bin etwas Besonderes?‘ Er strich durch mein Haar: „Für mich schon.“ Dann blickte er seinen jungen Liebhaber an. Ich meinte stumm: ‚Vergnüge du dich nur mit ihm. Ich lass euch jetzt allein.‘ Jack nickte: „Okay. Wir sehen uns morgen. Schlaf gut!“ Ich küsste ihn zum Abschied: „Morgen zeige ich euch einen speziellen Club für Unsterbliche. Also, bis dann!“ Alexander bekam wenigstens einen Wangenkuss zum Abschied. Aber ich konnte nicht mit ihm schlafen. Er war für mich kein Mann in dem Sinne, sondern mehr ein Sohn.

Dann suchte ich unser Zimmer auf, um mich umzuziehen. Magnus erwartete mich: „Na, was treibt dein Besuch jetzt?“ Ich streifte mein Top über den Kopf: „Die sind mit sich beschäftigt. Ich will morgen mit ihnen in Alexeijs Club. Kommst du mit?“ Er verneinte: „Ich brause lieber mit meiner Harley rum.“

„Harley?“ Er setzte sein teuflisches Grinsen auf: „Ja, ich hab sie am Straßenrand gefunden.“

„Ja, ja. Gefunden! Bring uns bloß nicht in Schwierigkeiten.“ Er legte sich auf das King Size-Bett: „Das musst gerade du sagen. Ich fühle, dass uns dieser Alexeij noch Unglück bringt.“ Ich wurde ein wenig ärgerlich: „Warum auch? Er interessiert sich eben für mich.“

„Ja, eben. Sei vorsichtig bei ihm. Er ist es nicht gewohnt Absagen zu bekommen. Für dich ist es ein Spiel, aber wie sieht er das Ganze?!“ Ich winkte ab: „Ach, er hat doch genügend Mädchen und kann Unmengen weitere haben.“ Magnus sah mich nur besorgt an. Auf was wollte er eigentlich hinaus? Aber ich konnte es mir denken. Seiner Meinung nach, wollte mich Alexeij womöglich als Gefährtin. Das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. So toll war ich gewiss nicht und täglich strömten neue Unsterbliche in die Stadt. Er konnte jede haben, die er wollte. Ich denke, er wollte einfach seinen Spaß mit mir.

 

Wie verabredet, besuchte ich am nächsten Abend mit Jack und Alexander den Club. Alex war hungrig und so passte der Zeitpunkt ganz gut. Wir wurden diesmal von einer anderen Unsterblichen zu einem Tisch geführt. Ich erklärte den beiden kurz, als wir Platz genommen hatten, was hier abging. Jack schüttelte nur den Kopf, aber Alexander war sehr wohl an den Mädchen, die vor uns tanzten, interessiert. Bald hatte er seine Wahl getroffen und flirtete heftig mit der Kreolin. Sie räkelte sich aufreizend vor ihm und berührte kurz mit den Fingern, sein Kinn. Dann tanzte sie weiter. Ich rief die Unsterbliche her: „Unser Jüngster möchte die dort haben.“ Sie nickte nur und bat Alex mitzukommen. Dann fragte ich Jack: „Und du? Möchtest du nicht kosten?“ Er war unschlüssig: „Ich weiß nicht. Das ist doch unter unserer Würde. Findest du nicht?“

„Ach, Jack. Du musst mehr mit der Zeit gehen. Ich habe es das erste Mal auch ausprobiert. Nur ne Kostprobe! Ich hab niemanden umgebracht.“ Dann erreichte mich eine vertraute Stimme in meinem Kopf: ‚Jessica! Komm doch rauf in die Lounge.‘ Alexeij! Zu Jack meinte ich: „Du, ich muss kurz zu meiner neuen Bekanntschaft. Der Clubbesitzer. Warte nicht auf mich!“ Damit verschwand ich und betrat die ansonsten leere Lounge. Alexeij strahlte mich schon an und streckte einen Arm nach mir aus: „Hallo, mein Liebling! Hast du wieder her gefunden? Ich hatte dich bei mir zuhause erwartet.“ Ich küsste ihn kurz zur Begrüßung: „Alte Freunde sind auf Besuch. Ich führe sie ein wenig herum. Bald komme ich wieder zu dir.“ Er drängte sich an mich und knetete meinen Schenkel: „Das hoffe ich doch, meine Schönste.“ Seine Hand fuhr zielsicher unter meinen Rock und sein Finger in meine Scheide. Er war richtig gierig heute und ich schob es auf seine vorangegangene Mahlzeit. Sein Körper war heiß und auf dem Sofa erkannte ich einige frische Blutflecken. „Alexeij, bitte! Heute kann ich nicht. Ich muss zu meinen Gästen.“ Er grinste: „Die sind doch gerade beschäftigt. Also, komm!“ Mein Blick streifte kurz den Tisch, an dem Jack saß. Er war verlassen. Hatte sich Jack doch zu einer Kostprobe entschlossen, denn ich spürte ihn noch in der Nähe. Mein Russe wurde ungestümer, drückte mich auf die Polster, schob meinen Rock hoch und biss in meinen Schamhügel. Sein Saugen daran erregte mich sehr. Seine Zunge massierte meine Knospe und mir wurde heiß und kalt dabei. Ich war völlig willenlos. Stöhnend lag ich da und ersehnte die Erlösung. Alexeij war aber nicht gewillt, sie mir zu geben. Er setzte sich wieder auf und öffnete nun seine Hose. Dabei knurrte er erregt: „Besorg‹ s mir!“ Na, schön! In der Hoffnung, er würde mich später befriedigen, machte ich mich über seinen Schwanz her. Alexeij schien es zu gefallen. Sein tiefes Grollen signalisierte das zumindest. Dazwischen ächzte er: „Du machst mich verrückt, Jessica.“ Und krallte sich in meine Haare. Nachdem er seinen Spaß gehabt hatte, küsste ich ihn erwartungsvoll und führte seine Hand in meinen Schoß. Alexeij streichelte mich nur ein wenig lustlos, bis sein Handy plötzlich klingelte. Nachdem er kurz dem Gegenüber in der Leitung gelauscht hatte, sagte er: „Sorry, Liebling. Aber ich muss gehen. Ich hab noch was zu erledigen. Komm einfach bald zu mir nach Hause. Dann verwöhne ich dich wieder.“ Dabei setzte er abermals sein strahlendes Lächeln auf, dem es nichts entgegenzusetzen gab.

Frustriert blieb ich zurück. Dann wartete ich auf Alex und Jack an unserem Tisch. Bald erschienen die beiden wieder. Alex war satt und zufrieden und Jack hatte ihm Gesellschaft geleistet. So verließen wir den Club und spazierten weiter am Strip entlang. Die Nacht mit den beiden war unterhaltsam, aber irgendwie hatte ich ein merkwürdiges Gefühl. Es überkam mich stellenweise und ich konnte es mir nicht erklären.

Kurz vor Morgengrauen, als ich allmählich in meinen Schlaf dämmerte, sah ich plötzlich vor meinem inneren Auge grelles Licht und ich wusste, dass diese Bilder von Magnus ausgingen. Ein Gefühl der absoluten Hilflosigkeit und Verzweiflung befiel mich und ich ahnte, dass er in großer Gefahr war. Ich meinte noch, meinen Namen im Kopf zu hören, aber ich sank schon in meinen Todesschlaf.

 

Als ich erwachte, war Magnus immer noch nicht da oder schon wieder fort. Doch das glaubte ich nicht. Er hatte bis jetzt immer auf mich gewartet. Ich kroch aus unserem Lüftungsschacht heraus und machte mich auf den Weg in unser Zimmer. Dort lagen seine Klamotten zum Schlafen noch genauso auf dem Bett, wie er sie gestern Abend hingeworfen hatte. Er war also tatsächlich nicht hier gewesen. Wo trieb er sich nur herum? Da kam mir wieder meine Vision von gestern Morgen in den Sinn. Sie war bestimmt von Magnus ausgegangen. Er war in Gefahr und ich denke, wenn er um Hilfe rief, musste es schon sehr schlimm sein. Ich erinnerte mich auch an die schrecklichen Gefühle, die er ausgestrahlt hatte. Magnus war absolut verzweifelt gewesen. Schnell zog ich mich vernünftig an und hetzte zu Jacks Zimmer. Er war schon wach, während Alex noch schlief. Ich schilderte ihm das Ganze aus meiner Sicht und ich bat: „Jack, ich weiß, dass du ihn nicht magst, aber bitte hilf mir nach ihm zu suchen. Hoffentlich ist er überhaupt noch am Leben.“ Jack blickte auf die Alukiste, in der sein Gefährte schlief: „Natürlich werde ich dir helfen. Aber wo willst du anfangen? Er könnte überall sein.“ Mir machte es große Sorgen, dass ich nichts mehr von Magnus empfing. War er vernichtet? Oh Gott, hoffentlich nicht. Ich könnte es nicht noch einmal verkraften einen Gefährten für immer zu verlieren. Solange wir auf dem Bett saßen und auf Alexanders Erwachen warteten, überkam mich abermals diese Hilflosigkeit und ich meinte wieder ‚Jessica‘ zu hören. „Jack, ich glaube, er ruft nach mir. Gerade eben. Und es klingt immer noch so verzweifelt, wie heute Morgen. Was ist ihm nur passiert?“ Ich war den Tränen nahe. Wie sollte ich meinen Prinzen bloß finden? Jack legte beruhigend seine Hand auf meine Schulter: „Wir werden ihn finden. Vielleicht kann er dir einen Hinweis geben. Versuch ihm deine Gedanken mitzuteilen. Er ist sehr alt. Er kann sie bestimmt hören, wenn er dir seine übermitteln kann.“ Ich nickte erfreut: „Ja, du hast recht. Ich versuch‹ s!“

Endlich wachte Alex auf und solange Jack ihm die Situation erklärte, richtete ich meine Konzentration auf Magnus: ‚Liebster, ich kann dich hören. Zumindest spüre ich, dass du Hilfe brauchst. Wo bist du? Gebe mir irgendeinen Hinweis. Streng dich an. Bitte! Ich will dich nicht verlieren.‘ Ich erwartete keine sofortige Antwort, aber ich war mir sicher, dass Magnus zu mir durchdringen konnte. Bald würde die Antwort kommen. Alex war nun auch bereit für die Suche. Wir begaben uns alle drei in die Luft, kreuzten über der Stadt umher, um vielleicht seine Schwingungen aufzufangen. Bis jetzt war nichts zu spüren. Ich konnte den Ausblick auf die Leuchtreklamen überhaupt nicht genießen. Meine Gedanken kreisten fieberhaft um meinen Geliebten, der was weiß ich, durchmachen musste.

Nach einer Weile traf mich ein Gedankenblitz. Ich sah einen düsteren Raum und Alexeijs grinsendes Gesicht. Dann war es vorbei. Nur ein Echo hallte nach, das ‚Alexeij‘ sagte. Hatte der Russe etwas mit Magnus Verschwinden zu tun? Aber warum? Magnus hatte ihn nicht gemocht, das war klar. Ich steuerte auf Alexeijs Anwesen zu. Wer weiß? Vielleicht würde ich meinen Gefährten tatsächlich dort spüren. Ich sagte zu den beiden, dass das, das Anwesen von meiner neuen Bekanntschaft war und auch, was ich gerade in Gedanken gesehen hatte. Doch so sehr ich mich auch konzentrierte, ich empfing seine Aura nicht. Enttäuscht drehte ich ab. Jack wandte ein: „Er hat ihn wahrscheinlich irgendwo anders hingebracht, damit du ihn nicht findest.“ Ich sah ihn bestürzt an: „Du glaubst, dass es wirklich Alexeij ist, der ihn gefangen hält.“ Jack nickte: „Warum sollte er dir sonst solche Bilder schicken? Bestimmt ist er sehr schwach. Da vergeudet er seine Kräfte nicht sinnlos.“

„Was hat Alexeij nur mit ihm gemacht?“ Mein Begleiter erwiderte: „Sicher hat er ihm das meiste Blut geraubt, damit er wehrlos ist. Du musst zu Alexeij, denn du wirst der Grund für das alles sein.“ Das wollte ich eigentlich überhaupt nicht, wenn Alexeij dahinter steckte. Was würde er von mir verlangen für Magnus Freilassung? Aber Jack hatte recht. Es war wohl die einzige Möglichkeit meinem Prinzen zu helfen.

 

Während ich allein zurück zum Anwesen flog, überlegte ich mir, wie Alexeij es geschafft hatte, Magnus zu überwältigen. Nun, er hatte sicher genug Helfer gehabt. Ach, was hatte ich wieder angerichtet! Ich wollte doch nur ein bisschen Spaß. Wieso musste das immer so ausarten? Und wie sollte ich überhaupt etwas aus Alexeij herausbekommen? Er war viel älter, als ich und ich konnte nicht so einfach in seine Gedanken eindringen. Auf jeden Fall musste ich meine gut verschlossen halten. Ich wollte die Ahnungslose spielen.

Alexeij begrüßte mich freudig, wie immer und bald lagen wir in seinem Bett. Ich versuchte eine feurige Geliebte zu sein, hoffte auf einen schwachen Moment bei ihm, um in seinen Kopf einzudringen. Wenn er seinen Orgasmus hatte, war sicher der beste Zeitpunkt. Da kam ich sogar bei Magnus für Bruchteile durch. Die Muskelanspannung in seinem Körper wurde immer stärker und ich machte mich bereit für den mentalen Angriff. Als er dann fauchend meine Kehle packte und sein Leib erzitterte, wagte ich den Blick in sein Hirn.

Ich sah tatsächlich Magnus vor mir liegen. Mit schwarzer Haut, den hellblonden Haaren und ich hörte ihn stöhnen. Er lag auf Betonboden in einem kargen Raum ohne Fenster. Dann war es also wahr. Alexeij hatte ihn in seiner Gewalt. Am liebsten hätte ich den ächzenden Kerl von mir runtergestoßen und wäre davon gerannt. Aber nun musste ich stark sein. Magnus zuliebe. Er hatte ihn der Sonne ausgesetzt, dieser Mistkerl. Dachte er, er könnte ihn so vernichten? Magnus war aber, wie Antonio, schon alt genug, um sie zu überstehen.

Alexeijs Worte rissen mich aus meinen Gedanken: „Jessica, ich wollte dich etwas fragen.“ Ich versuchte, ihn so gut es ging, anzulächeln: „Ja, frage ruhig.“ Er räusperte sich ein wenig: „Nun, ich habe dich sehr gern und du gefällst mir sehr. Du bist eine starke, selbstbewusste Unsterbliche. Ich denke, das passt zu mir. Möchtest du nicht bei mir bleiben?“ Oha, daher wehte der Wind. Langsam begriff ich Magnus Bedenken. Er hatte es geahnt. „Ich weiß nicht. Ich liebe aber Magnus. Für dich empfinde ich nicht dasselbe.“ Er zog mich an sich: „Ach, vergiss deinen Gefährten und bleib bei mir. Ich erfülle dir alle Wünsche und du könntest mit mir über Las Vegas herrschen. Ist das nichts?“

„Doch, natürlich. Aber Alexeij, ich kann ihn nicht einfach so verlassen. Das möchte ich auch nicht.“ Mein Russe gab noch nicht auf. Mit allen möglichen Schmeicheleien versuchte er, mich zu überreden. Dann fragte er plötzlich, wo Magnus überhaupt sei. Er würde spüren, dass ich ihn vermisse. Ich wollte nicht lügen, deshalb antwortete ich: „Ja, es stimmt. Er ist nicht mehr aufgetaucht. Weißt du etwas?“ Natürlich spielte er den Ahnungslosen: „Wer weiß! Er hat dich vielleicht verlassen, um dir nicht im Weg zu stehen.“ Ich schüttelte nur den Kopf: „Magnus würde niemals so schnell aufgeben und einfach zu verschwinden, ist nicht seine Art.“

„Was kann ich tun, um dich zu erweichen?“ Ich lächelte: „Nichts, Alexeij. Es ändert nichts an meinen Gefühlen. Es gibt doch genügend andere Frauen hier.“ Er streichelte über meine nackte Haut: „Ich will aber dich! Schon, als ich dich das erste Mal sah, wusste ich es. Und ich bekomme immer, was ich will.“ Seine Stimme änderte sich ein wenig. „Willst du mich zwingen?“ Er lächelte immer noch: „Wenn es sein muss.“

Auf einmal ging die Schlafzimmertür auf und ein junger Vampir brachte eine DVD herein. Alexeij schob sie in den Rekorder, eine Leinwand fuhr von der Decke über dem Bett, herunter und dann begann ein Video zu laufen. Ich sah einen blutüberströmten Magnus, der von zwei Unsterblichen zu einer Art Solarium gezerrt wurde. Er wehrte sich, aber war schon zu geschwächt. Dann drückten sie ihn auf die untere Hälfte des Geräts und schnallten ihn fest. Mir grauste schon vor den nächsten Bildern. Die Lampen gingen an und mein Geliebter wand sich unter furchtbaren Schmerzen in dem UV-Licht. Voller Grauen starrte ich auf den Bildschirm. Scheinbar eine Ewigkeit zerrte Magnus an seinen Fesseln, während seine Haut sich schwarz färbte. Seine Kiefer hatte er aufgerissen und die Strahlung versengte seinen gesamten Körper. Natürlich hatte Alexeij ihn ausziehen lassen. Diese Bilder trieben mir die Tränen in die Augen. Alexeij meinte nur trocken: „Ich dachte, den Ton stelle ich lieber ab. Aber ich denke das reicht fürs Erste.“ Ich konnte nicht anders und beschimpfte ihn: „Was bist du für ein Scheusal! Wie kannst du nur so etwas tun?“ Er blieb ungerührt: „Nun, es liegt es an dir, wie schnell dein Magnus wieder genesen wird. Solange du mich zufrieden stellst, geschieht ihm nichts.“ Diese Worte brachten mich innerlich zum Kochen, aber ich musste mich zusammennehmen. Das waren ja rosige Aussichten. Jetzt war ich die Liebessklavin dieses Russen. Sofort dachte ich an Jack, aber der konnte uns bei dieser Übermacht auch nicht helfen. Wie sollten wir jemals wieder da raus kommen? Musste ich es hinnehmen, wie bei der Drude damals und hoffen, dass Alexeij mich irgendwann satthatte? Und Magnus. Wollte er ihn jahrelang gefangen halten? 

„Und, was ist, Jessica?“ Ich senkte den Blick: „Was bleibt mir anderes übrig. Du bist der Boss! Das muss ein tolles Gefühl sein, wenn man die Geliebte zwingen muss.“ Er lachte: „Ach, komm. Dir hat es bis jetzt auch gefallen.“ Für mich dachte ich: ‚Ja, bis jetzt.

Zu meinem Unglück wollte er sofort einen Beweis für mein Einverständnis. Ich kam mir fast so vor, wie bei der Vergewaltigung in unserem Garten. Alles sträubte sich an mir und ich war froh, als er endlich genug hatte. Mein Hinhalten zahlte sich wenigstens für Magnus aus. Alexeij verkündete mir, dass Magnus ein Opfer bekommen würde, weil ich so brav war. Ja, das war der einzige Lichtblick. Ließ er ihn etwa auch noch hungern? Meine Hoffnung lag auf Magnus schneller Heilung. Dann wäre er sicher stark genug, sich selbst zu befreien. Aber das würde noch Wochen dauern. Ich wusste ja von Antonio, dass die vollständige Heilung zirka vier Wochen dauerte. So lange hatte es bei ihm gedauert, aber er wurde von Martin auch regelrecht umhegt, bekam jede Nacht ein Opfer. Dieses Glück hatte Magnus sicher nicht. Er hatte bestimmt schreckliche Schmerzen und dann kam noch der Hunger dazu. Ich musste mich einfach anstrengen, so gut es ging und die Gefährtin für Alexeij mimen.

Wir begaben uns nun in seine Schlafkammer. Töricht von ihm, dass er mir alles zeigte. Er musste sich seiner Sache schon sehr sicher sein. Wir fuhren mit einem Fahrstuhl in die Tiefe. Dann kam ein finsterer Gang und nach einer Panzertür, die mit Code gesichert war, öffnete sich das goldüberladene Gemach. Ein großes, rundes Bett war die Schlafstätte. Alexeij entkleidete sich und schlüpfte unter die Decke. Ich zog nur meine Schuhe aus und legte mich mit meinem Kleid hinein. Alexeij schmiegte sich an meine Rückseite und ich ignorierte es. Zum Glück wollte er nichts mehr von mir. Während dem Einschlafen dachte ich an Magnus und sprach zu ihm: ‚Liebster, ich bin in deiner Nähe. Ich tu alles für Alexeij, damit es dir gut geht. Werde schnell gesund!‘ Daraufhin empfing ich kurz ein Bild von Magnus Gefängnis und sah einen ausgetrunkenen Mann am Boden liegen. Alexeij hatte Wort gehalten und ihm ein Opfer bringen lassen.

 

Die nächste Zeit bemühte ich mich nun, eine willige Gefährtin zu sein. Alexeij ließ mich nicht auf Jagd. Er befürchtete, ich würde fliehen. Seine unsterblichen Leibwächter, brachten junge Männer für mich ins Haus, oder ich konnte im Club töten. Alexeij beteiligte sich öfters an meinen Mahlzeiten, indem er ebenfalls jemanden verspeiste und danach musste ich wieder einmal die Beine breitmachen. Ganz blieb meinem Liebhaber meine Unlust nicht verborgen. Er verlangte mehr Leidenschaft von mir beim Liebesspiel. Wie sollte ich für diesen skrupellosen Typ, Leidenschaft entwickeln? Als „Ansporn« durfte ich Magnus, über Nachtsichtkameras, in seinem Gefängnis beobachten. Er kauerte in einer Ecke, seine Haut war immer noch schwarz, schien aber glatter zu sein und er starrte apathisch ins Leere. Was ging nur in ihm vor? Verlor er am Ende noch den Verstand vor Schmerz? Mein Prinz sah gut genährt aus. Offensichtlich musste er nicht mehr hungern. „Dann streng dich an, dass es auch so bleibt“, hörte ich Alexeij hinter mir sagen. Dabei schaltete er den Bildschirm wieder ab. Ich war zu deprimiert, um irgendetwas zu erwidern. Ich ließ mich von ihm ins Bad zerren, wo schon Sterbliche auf ihren nahen Tod warteten. Sie hielten sich mit Alkohol bei Laune. Alexeij gönnte sich zwei Mädchen und überließ mir die beiden Männer. Ich konnte mein Mahl diesmal kaum genießen und bescherte den beiden einen schnellen Tod. Nun war meine Leidenschaft gefragt. Ich dachte an Sex mit Magnus, schloss die Augen, und stellte mir meinen Gefährten in den Armen vor. Das klappte sogar. Alexeij war zufrieden. Ich musste zugeben, dass mir der Beischlaf mit Alexeij nicht mehr so viel ausmachte, wie anfangs. Das lag sicher an der Gewöhnung und er war ja nicht unattraktiv. Es war einfach der Zwang, der mir die Lust gekillt hatte. Manchmal konnte ich diesen Umstand vergessen. Alexeij war auch nicht gemein zu mir. Er versuchte, immer noch meine Zuneigung zu gewinnen, machte mir Geschenke und Komplimente. Er hatte auch nichts dagegen, wenn ich mich auf seinen Partys mit anderen Unsterblichen vergnügte. Hauptsache ich stand ihm zur Verfügung, wenn er es wünschte. Was Jack wohl dachte? Er ahnte sicher, was vorgefallen war und ich glaubte, dass er Las Vegas noch nicht verlassen würde, bevor er mich in Sicherheit wusste.

 

 In dieser ganzen Zeit fühlte ich mich, trotz der ganzen Leute um mich herum, schrecklich einsam. Mit niemanden konnte ich über meinen Kummer reden. In einsamen Momenten, probierte ich, mit Magnus in Kontakt zu treten. Ich hoffte, endlich wieder einmal seine gedankliche Stimme zu hören und nicht nur irgendwelche Bilder zu sehen. Er schien sehr verwirrt zu sein. Sicherlich wegen den Schmerzen. Hoffentlich wurde er nicht wahnsinnig. Aber ich glaubte, dass Magnus einen starken Willen hatte. Ich saß gerade an der Poollandschaft, während ich zu ihm sprach. Irgendwann zwischen meinem Monolog hörte ich meinen Namen. Endlich seine Stimme! ‚Jessica, Liebes!‘, drang zu mir durch.  ‚Magnus, wie geht es dir?‘ Er antwortete: ‚Ein wenig ... besser.‘ Ich erwiderte: ‚Streng dich nicht zu sehr an. Weißt du, in welcher Situation ich bin?

‚Ja. Ich konnte es schon lange hören.‘

Ach, es tut mir leid, dass ich nicht auf deine Warnungen gehört habe. Ich bin an allem Schuld und weiß nicht, wie wir hier rauskommen sollen. Er hat überall seine Leute. Weißt du, wo du festgehalten wirst?‘ Nach einer Pause antwortete er: ‚Nicht genau. Aber es ist hier irgendwo. Tief im Keller unten.‘ Ich erwiderte: ‚Aber ich spüre dich gar nicht.‘ Magnus entgegnete: ‚Vielleicht weil ich schwach bin. Und es ist tief unten.‘ Irgendwie war ich erleichtert, dass er in der Nähe war. Dann kam ich mir nicht mehr so allein vor.  ‚Wir reden morgen weiter. Alexeij kommt!‘, übermittelte ich ihm noch. „Ach, da ist ja meine Kisska.“ Das war die russische Koseform, die er für mich benutzte. Es hieß, glaub ich „Kätzchen“. Er beugte sich zu mir herunter und gab mir einen Kuss. Dann fragte er: „Sollen wir schwimmen?“ Ich schüttelte den Kopf: „Nein, ich geh wieder rein.“ Er hielt mich am Arm fest: „Spazieren wir ein bisschen durch den Garten.“ Dazu ließ ich mich überreden.

Während wir über den Rasen schlenderten, fragte ich: „Alexeij, verrätst du mir, wie du Magnus in deine Gewalt gebracht hast? Das habe ich mich schon von Anfang an gefragt.“ Er grinste: „Nun, dein Gefährte war so dumm herzukommen. Er wollte eine Unterredung mit mir und meinte schließlich, er müsste mich angreifen. Da mischten sich meine Leibwächter ein und es waren genug, um ihn schwer zu verwunden. Den Rest kennst du ja vom Video. Ich konnte ihm das nicht so einfach durchgehen lassen und er hat es dir zu verdanken, dass er nicht einen Kopf kürzer ist. Mir ist schon klar, dass du nur wegen ihm bei mir bist. Deshalb mache ich ihn auch nicht unschädlich.“ Ich grinste nun ebenfalls: „Du hast Angst vor ihm. Dir wäre es lieber, er wäre tot. Du weißt nicht, wie stark er in Wirklichkeit ist und diese Unwissenheit macht dir Angst. Nun, ich muss dich enttäuschen. Ich weiß selbst nicht, zu was er fähig sein kann. Solange sind wir noch nicht zusammen und es war seither nicht erforderlich, dass Magnus seine Kräfte voll nutzt.“ Alexeij wiegelte ab: „Im Moment ist er schwach und das wird sich nicht so schnell ändern. Da mache ich mir wirklich keine Sorgen. Aber lass uns doch mehr von uns beiden reden.“ Ich lachte: „Was gibt es da zu reden? Unser Verhältnis ist doch geregelt. Du bumst mich und versorgst mich mit Opfern.“ Er schüttelte den Kopf und strich über meine Wange: „Jessica, du bist nicht, wie die anderen Frauen. Du bedeutest mir etwas und ich hoffe immer noch, dass du deinen Hass vergisst.“ Ich schob seine Hand weg und blickte zu Boden: „Ich kann nicht so tun, als ob alles in Ordnung wäre. Ich liebe Magnus und ich möchte ihn auf keinen Fall verlieren. Daran kannst du mit deinem Psycho-Terror auch nichts ändern.“ Alexeij schwieg und schaute in die Ferne. Über was dachte er nach? Er sah für einige Zeit richtig nachdenklich aus. Das kannte ich bei ihm eigentlich nicht. Bei ihm war ich mehr sein Grinsen gewohnt. Dann schaute er mich fast traurig an und seufzte nur. Ich verstand nicht, was in ihm vorging. Ein Gefühl sagte mir, dass es nichts Gutes war. Während wir zum Haus zurückgingen, schwiegen wir beide und ich wollte den Rest der Nacht noch allein verbringen. Alexeij zog sich in sein Arbeitszimmer zurück.

 

Knapp eine Woche später besuchten Alexeij und ich wieder einmal seinen Stamm- Club. Er besaß mehrere, aber nur einen für Unsterbliche mit diesem speziellen Service. Ich saß also mit ihm in der VIP-Lounge und überblickte die Anwesenden. Auf einmal entdeckte ich Jack und Alex. Mein Herz machte einen Sprung vor Freude. Ich musste Jack unbedingt meine Gedanken übermitteln. Die zwei saßen in der Nähe der Bühne und unterhielten sich angeregt. Alexeij hatte die beiden zum Glück noch nicht entdeckt, bei den vielen Leuten hier. Ich fixierte also Jack und begann: ‚Jack, kannst du mich hören? Sieh bloß nicht her. Alexeij ist bei mir. Er hält Magnus gefangen und erpresst mich damit. Ich muss für ihn die Beine breitmachen, aber ich weiß nicht, was er wirklich vorhat. Kannst du uns irgendwie helfen?‘ Er unterbrach sein Gespräch mit Alex: ‚Wie soll ich das anstellen? Er ist zu stark. Ich ahnte schon, dass ihr beide in Schwierigkeiten seid. Deswegen sind Alex und ich auch hier. Ich hoffte, dich zu treffen.‘

Das hoffte ich auch. Vielleicht kannst du Hilfe holen. Antonio zum Beispiel. Er würde mir bestimmt helfen.‘ Jack blickte sich unauffällig im Club um. Unsere Augen trafen sich kurz. ‚Ich kann es versuchen. Aber mach dir keine zu großen Hoffnungen. Dann brechen wir morgen Abend auf und fliegen nach San Francisco. Von hier aus ist es ja nicht weit.‘

Danke, Jack. Das vergesse ich dir nie.‘ Er lächelte nur vor sich hin, dann standen Alex und er auf und verließen den Club. Ich betete, dass Antonio herkommen würde.


An dieser Stelle möchte ich mich, als Erzählerin vorerst von euch, lieben Lesern, verabschieden. Da ich zu den kommenden Ereignissen so gut wie nichts beigetragen habe, werde ich sie so schildern, wie sie mir später von den anderen zugetragen wurden.

 

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