2. Blut, Geld und Macht

Mühsam zupfte ich die letzten Reste der Maske ab. Lange genug hatte ich sie getragen. Aus einigen Rundungen im Gesicht waren nun weiche Kanten geworden. Die Augen erstrahlten nun in einem Smaragdgrün und nicht mehr in einem hellen Braun. Auch die braunen Haare nahm ich ab. Hervor kam ein helles goldblond. Alles in allem sah ich nun wieder eine bekannte Person im Spiegel. Zu lange hatte ich mich selbst versteckt unter einer perfekten Maskerade.
Ich grinste mir zu. Da war ich, wie eh und je. Zufrieden lehnte ich mich zurück und betrachtete mein Zuhause im Spiegel. Ich mochte die Augenblicke, wo ich ganz für mich und wirklich ich sein konnte.
Jahre lang war ich in hunderte verschiedene Rollen geschlüpft. Blond, braun, schwarz oder rothaarig. Rundlich, schmal, eckig. Zickig, liebevoll, leidenschaftlich und Prüde.
Ich konnte alles sein.
Ich konnte jeder sein.
Weshalb ich auch in meiner Branche so angesehen war und man mich für sehr gut ansah, in dem was ich tat und wie ich es tat.
Niemand kannte mein Wahres ich. Niemand hatte je gesehen, wer ich wirklich war. Zu wandelbar und formbar verhielt ich mich. Weshalb auch jeder Job bisher seine Vollendung fand.
Selbst zu meinen Anfängen, als die Polizei mich das ein und andere Mal schnappte, war ich immer wieder hinausgekommen. Ohne einen Kratzer.
Das Geheimnis meiner Unversehrtheit war einfach wie kompliziert. Ich plante alles bis ins kleinste Detail, jeder Raub, jeder Betrug war perfekt. Monate an Arbeit für jedes kleine Detail. Strukturen, Abläufe, Lebensweisen, alles wurde eingeprägt und verwendet. So haarfein ausgearbeitet, dass ich die Person besser kannte als sie sich selbst. Außer ich arbeitete mit anderen.
Dann nicht ...
Nicht, dass meine Kollegen nur Mist bauten. Im Gegenteil, es gab Zeiten, da war ich auf sie angewiesen. Vor sehr langer Zeit, an die ich mich fast nicht erinnerte. Doch nun? Nun waren sie ein Klotz am Bein. Es war bereits der vierte Coup mit jeweils anderen Leuten, der erfolgreich in die Hose ging!
Es grollte in mir. Genau wegen dieser Risiken, hatte ich nie einen Partner gehabt. Nie jemanden der dich in den Knast bringen konnte, wenn seine eigene Freiheit auf dem Spiel stand. Was mir schmerzlich bewusst machte, dass auch meine Glückssträhne der Freiheit irgendwann enden würde.
Wenn ich dann nicht längst zerstückelt in Müllsäcken verstaut war! Mit einem Grummeln beseitigte ich die letzten Reste des Latex angewidert im Müll. Ich wollte es mir gar nicht ausmalen was er mit uns machen würde.
Ein viertes Mal. Es würde das Ende sein.
Ich starrte in den Müll. Es war eine Schande. Das teure Zeug war nicht wiederverwendbar. Jedes verdammte Mal trug ich es, musste es immer wieder erneuern. Stunden an Arbeit befanden sich in den aufwendigen Konstruktionen, die einen neuen Menschen hervorbrachten. Was ebenfalls Monate an Planung und einen unglaublich Haufen Geld kostete.
Die Ausweise, die Nachweise, alles. Detailgenauigkeit war gefragt, um eine Spur durch alle Banken und Behörden zu legen. Als hätte dieser Mensch wirklich existiert der nach dem Auftrag vom Erdboden verschwand.
Monate an Vorbereitung, an Planung, an Durchsetzung. Mehr als ein halbes Jahr. Eine Heirat und unglaublich wiederwertigem Sex ist es her, für ein paar Peanuts!
Er würde mich umbringen. Schon jetzt raste mein Herz. Auch wenn es nicht gleich meine Schuld war, würde er sie mir geben. Mir ganz allein. Verlust von Milliarden.
Tief in Gedanken legend, machte ich mich daran, mich herzurichten, um ihn zu beschwichtigen.
Er mochte gutaussehende Frauen.
Mochte mich.
Wenn ich es nicht gerade versaute. Ich hüllte mich in ein Spitzenkleid. Trug mein Markenzeichen auf, den roten Lippenstift und machte mir einen hohen Pferdeschwanz. Mit perfektem Liedstrich, voluminösen Wimpern und perfektem Auftreten, fühlte ich mich gewappnet auf ein Treffen mit ihm. Meinem Henker oder meinem Erlöser, wie auch immer es ablief, ich würde eine schöne Tote abgeben.

Ich ging durch meine Penthousewohnung auf dem Weg hinaus, an der Glaswand vorbei durch die ich die ganze nun schlafende Stadt sehen konnte. Wie jedes Mal nahm ich mir einen Augenblick und sah hinaus.
Ruhe machte sich in mir breit. Sie alle lagen zu meinen Füßen. Schutzlos ausgeliefert und wenn ich es wollte mein nächstes Opfer. Wenn sie hatten, wonach ich mich sehnte.
Mit einem leichten Grinsen sah ich mich um. Die luxuriöse Einrichtung und die Antiken Sammlerstücke gaben mir recht. Das alles war das Ergebnis einer sehr langen erfolgreichen Laufbahn.
Schon immer haben mich Besitztümer anderer angezogen. Was anfing mit einer wertlosen Kette, war nun zu meinem Lebensunterhalt geworden. Ich tätschelte die silberne Kette an meinem Hals. Eine tiefe Ruhe überkam mich. Dieses glänzende Stück, das ich nie abnahm, war der Auslöser, sie war die einzige Erinnerung, die ich ertrug.
Ein kleiner silberweißer Wolf.
Sie war der Beweis, dass ich anderen Leuten ihre wertvollsten Waren nahm. Mochte es Geld, Vasen, Sammlerstücke, Gemälde, Gold, Schmuck Sein. So konnte es auch eine Katze, Fotos, Bücher oder andere weniger wertvolle Schätze sein.
Ein Tick der sich über die Jahre immer weiter ausgeprägte. Ich nahm ihnen das Schöne und wertvollste, was sie hatten. Vielleicht nur um die Liebe zu fühlen, die sie für diesen Schatz empfanden.
Das war meine Welt.
Meine Leidenschaft.
Ich liebte mein Leben, so wie es war, auch wenn es manchmal grausam für andere sein konnte. Weshalb ich mich an die Reichsten der Reichen hielt. Man wollte es kaum glauben, aber die, liebten nur ihr Geld ... Es war alles, was sie brauchten und wollten. Es berauchte sie. So wie es mich brauchte es ihnen fort zu nehmen. Geld, das sie wieder anhäufen konnten und schnell vergasen, dass sie je weniger besessen hatten.
Ich konnte mir nichts Besseres vorstellen, als dieses Leben zu leben. Nie hatte ich etwas anderes gewollt. Nie war ich glücklicher gewesen. Diese Gedanken legten sich wie Honig um meine Seele. Ich schnappte mir eine kleine Tasche und begab mich hinaus. Immerhin hatte ich einen Termin um Mitternacht mit dem Teufel selbst.

Mein Fahrer Bill fuhr einige Umwege, bis wir sicher waren, dass uns niemand folgte. Er machte die Sache gut und schon außerordentlich lange. Er war einer der wenigen Menschen, denen ich wirklich vertrauen konnte. Ex Polizist, vom System verraten und angewiesen auf sein unverschämt hohes Gehalt. Womit ich mir ebenfalls sein Schweigen erkaufte ... und seine Dienste für den Notfall. Somit hatte er das Zeug und die Muckis im Brennpunkt zu reagieren.
„Soll ich warten?“, fragte er, als wir bereits in die Nähe unseres Ziels kamen.
„Nein. Nehm dir frei. Falls du Morgen nichts von mir hörst ...“
„Nicht suchen. Schon klar.“ Ich nickte.
Braver Mann.
So musste es sein.
Ich würde mich melden, das hatte ich immer. Wenn nicht, würde es eh zu spät sein und wohlmöglich nicht mehr nötig sein nur einen Gedanken an mich zu verschwenden.
Nur Minuten später standen wir vor unserem Ziel. Ich blickte voller Anspannung hinaus. Wie jedes Mal, wenn ich das gewaltige Gebäude betrachtete, löste es Ehrfurcht und Unbehagen zugleich aus. Das Konstrukt war gewaltig.
Eine Jahrtausende alte Kirche. Ein Beweis der Macht und Kraft der in ihr herrschenden Religion.
Als ich tief durchgeatmet, und damit allen Mut gefasst hatte, stieg ich aus. Die ersten zwei Mönche kamen mir entgegen, mit langen braunen Umhängen und einem Seil um die Hüfte gebunden. Die Lippen zu schlitzen gepresst. Sie waren nicht erfreut. Genau so wenig wie ich.
Ich schritt erhobenen Hauptes voran. Als einer von ihnen meinen Arm packen wollte, riss ich ihn fort und fauchte wie eine Wildkatze.
„Finger weg!“ Er hob beschwichtigend die Hände. Er kannte mich gut genug, um zu wissen, dass keiner seine Hände auf mich legen durfte. Erst nach einem intensiven giftigen Blick, der ihn hätte zerreißen müssen, gingen wir gemeinsam weiter. Jeweils rechts und links die beiden Mönche. Was meine innere Unruhe steigerte und ein Gefühl auslöste, wie ein gefangener Tiger zu sein.
Hinter mir hörte ich den Wagen fortfahren. Tief in mir wünschte ich, ich wäre nie ausgestiegen, würde nicht hier sein und musste nicht diesem grausamen Mann entgegentreten.
Obwohl ihre Gesichter von Unzufriedenheit strotzten, hatten die beiden es nicht im geringsten eilig. Was mir die nötige Zeit verschaffte, um mich zu festigen.
Wenn man jemandem wie Pater Michael begegnete, musste man alle Sinne beisammenhaben.
Als wir durch die großen Tore traten, lief mir ein Schauer den Rücken hinab. Diese Tore signalisierten, dass es kein zurück mehr gab.
Nie mehr.
Ich war verloren in diesen alten Mauern, verdammt das Spiel immer und immer wieder zu spielen.
Von meinem Inneren Gefühlschaos bekam niemand was mit. Außerhalb meiner Fassade war ich die Selbstsicherheit in Person. Ein selbstgefälliges Grinsen schütze mich vor jedem anderen Gedanken. Was mir wieder in den Sinn rief, dass niemand mich kannte. Ich war eine Schauspielerin, eine Puppe, die das Spiel vor langer Zeit perfektionierte.
Elegant folgte ich den beiden Männern, wirkte dabei fast gelangweilt. So war ich und musste ich sein. Immerhin ging es bei diesem Pokerspiel um viel mehr als nur den Tod.

Wir kamen in den heiligen Hallen an, die Pater Michael schon so oft entweiht hatte. Prachtvoll und massiv strahlte sie in einem unwirklichen Weiß, als wäre man in den heiligen Hallen des Himmels gelandet. Zu rein, um wahr zu sein. Nur das hier nicht ein friedvoller Erlöser hauste, sondern der Teufel, der Gaukler und Lügner.
Mir vielen wie so oft die goldenen Highlights an Decke und Staturen auf. Schnörkel, Ornamente glitzerten mir verführerisch entgegen. Als würden sie mir ihre Schönheit auf die Nase binden wollen. Gemälde und Sammlerstück sorgten für den unbezahlbaren und alten Flair. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Diebesgut reihte sich an das andere von einer Schandtat zur Nächsten. Einige von mir selbst begangen.
Ein roter Teppich führte mich auf direktem Wege zu meinem unbarmherzigen Boss. Er saß an seinem gigantischen Schreibtisch und tat überaus beschäftigt. Was er vielleicht auch war. Denn wenn er eines war, dann der Imperator eines mächtigen Kreises voller Söldner, Betrügern und Dieben. Kaum zu glauben, wenn man bedachte, dass er Tags der liebenswürdige Pfarrer von nebenan war und Nachts, der hinterhältigste Teufel auf Erden.
Ein Gangsterboss, wie es im Buche stand.
Ich blieb einige Meter von ihm entfernt stehen, schnubte sogar genervt. Worauf er endlich seine Aufmerksamkeit ganz mir widmete.
„Addy ...“ Sein Tonfall gefiel mir gar nicht. Gespielte Enttäuschung sowie Trauer schwang in seiner Stimme mit. Die übliche Reaktion, bevor jemand verschwand und nie wieder auftauchte.
„Mike“, antwortete ich knapp. Er trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. Nun bloß keine Schwäche zeigen. Etwas was er mehr verachtete als das Rechtssystem war Schwäche. Vor allem bei Frauen.
Ich löste mich von der Stelle und begann im Raum umherzulaufen. Hallende Schritte folgten mir. Genau wie ein messerscharfer Blick, der meine Kehle zuschnürte. „So aufgewühlt alter Mann?“, sagte ich nach einer Weile des Schweigens schürzte die Lippen.
„Deine Freunde -“
„Alte Bekannte“, sprang ich ihm ins Wort. Wieder schwiegen, dann erhob er sich. Ganz langsam.
Er war wie eine Raubkatze, die zum Sprung ansetzte. Ich schenkte dem keine Beachtung. Stattdessen musterte ich ihn von oben bis unten.
Der Mann war alt geworden. Graues Haar deutete auf seine steile und schwere Karriere hin. Das schwarze Gewand und das weiße Kollar an seinem Hals kotzten vor Hohn und Boshaftigkeit. Dieser Mann bezeichnete sich immer noch als Heiliger! Die Farce schlechthin.
Seine Fäuste lehnte er auf dem Tisch ab. Adern traten hervor an Hand und Hals. Keine Situation, die ich nicht schon erlebt hatte und trotzdem so angsteinflößend, dass ich die Zähne aufeinanderpresste, um nicht zu schreien.
„Erklär es mir.“
Ich zuckte mit den Schultern, dabei verfluchte ich sie alle. Diese Bekannten, mit denen ich in früheren Jahren Jobs vollzogen hatte. Nie war etwas schief gelaufen, zumindest nicht in der Art und Höhe.
Heute sah es anders aus. Die Jobs wurden gefährlicher, größer und übermenschlich. Ein Mensch allein konnte diese nicht erledigen und das alles nur, weil Michael nicht den Hals voll bekam und mich dazu drängte. Mich dazu zwang immer mehr und mehr zu erbeuten, um meine Schuld zu bezahlen. Eine Schuld, die ich nie begleichen würde. Denn er ließ es nicht zu. Zog mich immer weiter in sein Fänge und tiefer als ich es je gewagt hatte zu glauben.
Dieser gierige alte Mann!
„Es lief nicht wie geplant, also bekamen sie Angst. Hätte ich ...“
„Hättest du. Ich bin enttäuscht Addy. Ich hielt dich für erwählt. Bringt sie rein.“ Ich wusste, was als Nächstes kommen würde. Zu oft hatte ich ähnliche Situationen erlebt. Nicht zuletzt bei den drei anderen schief Gelaufenden Jobs ... Langsam wurde ich unbeliebt bei den anderen Kollegen. Ob ich von Glück reden konnte, das wenigstens ich nicht so enden würde? Nicht solange er noch Achtung vor mir hatte, solange ich das Spiel aufrechterhielt und ganz bestimmt nicht heute. Dafür schätze er mich zu sehr, würde meinem Ablehnen mehr Zeit und würde lassen. Doch gerade wirkte der alte Mann viel zu Gelassen, im Vergleich zu anderen malen. Es ließ mich innehalten, sogar mein Atem stockte.
Was war anderes?
Meine Nackenhaare stellten sich auf.
Etwas war falsch ...
Fünf gewaltige Anhänger von Michael, brachten die Jungs rein mit denen ich gearbeitet hatte. Sie alle waren vom Fach und hatten schon mehrere Jahre auf dem Buckel.
Wieso sie den Job so dermaßen vergeigt hatten, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich verstand immer noch nicht, was genau schief gelaufen war. Nur, dass es gewaltige Konsequenzen hatte und ich nicht wusste, welches Körperteil mir als Strafe am Ende fehlen würde.
Genau so würde seine Strafe aussehen. Einer Strafe, die ich immer nur um ein Haar umgangen hatte. Allein aus dem Grund, weil er meine Schönheit respektierte, zumindest sagte er das.
Ich blickte zu der Truppe, auch Rick war dabei. Sie alle schillerten in verschiedensten Farben, nur nicht in der eignenden. Man hatte ihnen stark zugesetzt. Prellungen, Blutungen unter der Haut, blaue Augen, dicke Lippen. Was noch das wenigste Leid war, was sie am heutigen Tag noch ertragen mussten. Ich sah Michael gelangweilt an.
„Es war ein kleiner Fehler. Wie dramatisch. Du bekommst dein Geld, wie du es immer bekommen hast.“
„Ich bat dich um eine einfache Sache.“
„Spiel es nicht herunter! Dieser Job war weit mehr als eine einfache Sache. Warum glaubst du, habe ich nur diese Stümper dazu bewegen können mit mir zu arbeiten? Alle anderen sprangen ab!“, gestand ich wutentbrannt.
Vor mehr als sechs Monaten war ich in einem tiefen Graben gefangen gewesen, in dem Michael mich hineingestoßen hatte.
Er hatte mir die Wahl gelassen, den Job zu übernehmen oder mein Gesicht zu verlieren, etwas was dem Tod schon recht nahekam.
Warum gerade ich seine Spielfigur sein musste, hatte er nie beantwortet. Nur das es ihm außerordentlich wichtig gewesen war, weshalb ich wöchentlich Report erstattet hatte. Dass er mich im weiteren Verlauf im Regen stehen gelassen hatte, nahm ich ihm immer noch übel. Was nicht für die beste Planung des alten Mannes sprach. Andererseits, wer wusste schon, was er wirklich gewollt hatte? Jetzt wo ich es mir recht überlegte ... Mein Ex Mann hatte so einiges mit Politik zu tun. Ich konnte mich nicht recht dafür begeistern, doch Michael?
Das Kribbeln im Nacken wurde stärker.
„Wen jucken schon die paar Taler.“
„Mich.“ Er kam um den Tisch herum. Meine Nackenhaare fühlten sich an, als würde sich jedes einzelne Selbst ausrupfen. Klares Signal um die Füße in die Hand zu nehmen, doch es wäre ein Zeichen für Schwäche, weshalb ich den Kampf aufnahm.
Alles an mir gab mir ein deutliches Signal.
Er log.
Das Geld war es nicht, das war mir nun bewusst. Wieso ich nicht früher darauf gekommen war! Mein Scharfsinn schien durch die Angst vor diesem Mann zu leiden.
Seine Augen glühten vor Zorn. Ich verschränkte die Arme. So leicht würde und durfte er mich nicht klein bekommen. Dennoch war dort dieses drückende Gefühl, was mir weiterhin befahl, sofort fortzugehen.
Etwas war falsch. Ich spürte es, es lag in der Luft. Vielleicht würde Michael mich doch eliminieren. Vielleicht war es das, was meine Sinne Alarmierte. Alles an mir wurde hellhörig.
Er hätte mich längst verspottet, wenn es nur um Geld gegangen wäre. Der Mann hatte genug Geld, genug Macht. Also was war es wirklich, wozu wollte er mich bringen?
„Das kommt dich teuer zustehen.“ Wollte er mich ablenken? Bildete ich es mir nur ein? Ich konnte es nicht sagen. Die Situation verunsicherte mich zunehmend, was ich mir nicht anmerken ließ. Nein für die Außenwelt war ich genervt und gelangweilt.
„Natürlich.“ Ich dachte an meinen Schuldenberg, der immer mehr zu wachsen schien. Innerlich riss etwas an meiner Seele. Auch wenn ich wusste, dass ich verloren war, war doch immer noch ein Stück Hoffnung da, die mir jeden Tag sagte, dass alles sich ändern konnte. Doch bisher war es nie so gekommen. Ich würde sterben, schon heute oder doch erst Morgen. Wann war belanglos. Nur, dass er es tun würde und ... Er würde es genießen.
Schon lange hatte ich die Ahnung, dass er mich gerne als sein Schnitzstück benutzen wollte. Zu viel wusste ich über ihn und seine Geschäfte, zu tief steckte ich in seiner Geschichte drin.
Er wendete sich zu den Männern. Er nickte knapp und einer der fünf Kollegen wurde erschossen. Es käm unerwartet, dass er es so schnell vollzog. Trotzdem gab keinen Aufschrei, keinen Protest. Ich sah nur die vier übrigen bleichen Gesichter der Männer. Sie wussten, sie würden die Nächsten sein. Ich sah mir jeden Einzelnen an, nur Rick Emotion schien nicht zu stimmen.
Erneut stellten sich meine Nackenhaare auf.
Mein innerer Nerv war heute sehr aktiv, was bedeuten musste, dass es schlimmer lief als gedacht. Rick spannte die Mundwinkel an, er musste ein Grinsen unterdrücken. Ein Grinsen vor dem sicheren Tod? Dafür war er nicht der Typ. Er war das Falsche, dass mein Körper erkannte.
Er sah mich an, fast ruhig. Schweiß lief ihm die Stirn hinab. Es war falsch, er hatte keine Angst. Ich erkannte bekannte Regungen, er schauspielerte.
Nur wieso?
Er würde sterben, das war gewiss.
Ich erinnerte mich gut an unser erstes Zusammentreffen. Er hatte eine Bank ausgeraubt und feierte dies an einem Treffpunkt für meinesgleichen. Ich war jung und dumm gewesen, wollte mehr als ich haben konnte. So zogen wir einige Deals miteinander durch, bis mich Michael einsammelte und ich für eine lange Zeit verschwand. Wie er sich gemacht hatte, kannte ich nur vom Hörensagen. Trotzdem hatte er einen guten Ruf, Mister Goldfinger.
Erneut pressten sich meine Zähne aufeinander. Der nächste Schuss viel. Der glänzende Boden bedeckte sich nach und nach mit der dunkelroten Flüssigkeit. Diese schien das Licht zu absorbieren, sodass sie fast schwarz wirkte im Vergleich zum hellen Boden.
Ich konnte sie nicht unterdrücken. Die Angst um mein Leben. Im Gegenteil zu der Emotion, die ich für diese Seelen empfand. Dort war keine. Nicht einmal ein Hauch. Es war mir egal, dass sie starben, nur mein Leben war es mir wert zu bangen.
Ich sah in die grauen Augen des alten Freundes. Zu vertraut kamen sie mir vor. Das dunkelbraune Haar blutverschmiert, die Strähnen klebten aneinander. Ein furchtbares Bild, um so abzutreten.
Ich rief mir seine Informationen ins Gedächtnis. Geschieden, ein Kind, arbeitslos für Außenstehende. Gerade mal zwei Jahre älter als ich würde er heute sterben. Ich sah fort. Eine unübliche Regung meinerseits. Ich konnte nichts tun, würde nichts tun, um mich selbst zu schützen.
„Tötet sie“, befahl Michael.
Das Stichwort.
Im gleichen Moment knallten die Türen auf. Verwirrt sah ich hinüber.
„Falle!“, schrei ein Mönch, der die Tür hineingestürzt kam. Dann fielen Schüsse. Ich hörte Männer Befehle schreien und ein zu bekanntes Wort.
„Polizei! Stehen bleiben!“ Erneut Schüsse. Augenblicklich floh ich hinter eine Säule. Erhaschte noch den Blick von Michael, der mich wie eine wilde Sau des Todes verurteilte.
Ich konnte sein Misstrauen verstehen. Doch ehrlicherweise hatte ich keine Ahnung, was gerade passierte.
Michael wurde von drei Mönchen, die sich schützend vor ihm platzierten hinaus gebracht. Alles passierte sehr schnell. Ich nahm genaue die andere Richtung. Kurz blickte ich zurück, nur gleich die Luft anzuhalten. Rick presste zwei seiner Kameraden auf den Boden und zielte mit einer Pistole in Michaels Richtung. Ich kannte die Haltung ... Wieso war mir dies nicht aufgefallen? Er war ein Bulle! Ein Undercoverbulle! Ich machte mich schnell auf, mit der Gewissheit, dass es nun von ihnen wimmeln musste. Da ich jedoch ein schlaues Mädchen war, und die Struktur dieser Mauern im Schlaf kannte, verschwand ich schnellstens in einen Gang.
Hinter mir hörte ich jemanden meinen Namen schreien. Es musste Rick sein. Nur zu gerne würde er mich wohl auch in die Finger kriegen. Immerhin stand ich auf viele gesuchten Listen ganz oben.
Ich lief, als hätte ich reines Feuer unter dem Hintern. Erst weit hinab in den Keller. Einige bekannte Gesichter huschten an mir vorbei. Nonnen, Mönche mit niedrigem Rang. Sklaven von Michael, die Geld zählten, oder Drecksarbeit verrichteten. Wenn man es so betrachtete, wurde mir immer klarer, dass dies seine Sekte war. Eine sehr strukturierte kriminelle Sekte, die nun aufflog. Trotzdem würden sie ihn nicht kriegen, das hatten sie zu oft versucht und waren gescheitert.
Mein Herz hämmerte so laut, wie meine Schuhe auf dem steinernen Boden. Immer schneller brachten sie Raum, zwischen mich und das Chaos. Ich sah nicht zurück, sicher war ich mir diesmal nicht, verfolgt zu werden. Trotzdem durfte ich keine Zeit verlieren. Hunderte Male hatte ich dieses Szenario durchgespielt, Hunderte male trainiert. Nun floh ich über den einzigen Weg, der noch sicher erschien. In die Tunnel der Kanalisation.

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