2. Siebzehn

Toni schreckte aus dem Schlaf hoch. Noch während er sich mit wild klopfendem Herzen im Bett aufsetzte, hatte sich der Traum, der ihn so aufgebracht hatte, schon verflüchigt. Er strich sich das wirre Haar aus der Stirn und sah auf den Wecker: halb drei. Er atmete einmal tief ein und merkte dann, dass sich sein Mund anfühlte, als habe er auf Watte gekaut.

Er schlug die Decke zurück, öffnete seine Zimmertür und lauschte für einen kurzen Moment. Er wollte nämlich nicht, dass sein absolutes Horror-Szenario, seine Mutter und Peter beim Sex oder beim Rummachen zu erwischen, doch wahr wurde, nachdem er es bis jetzt erfolgreich hatte vermeiden können.

Aber er hörte nichts weiter als den Wind, der ums Haus wehte und die leisen Töne von Majas Spieluhr aus ihrem Zimmer.

Barfuß ging er in die Küche, machte kein Licht, öffnete den Kühlschrank und griff nach der Wasserflasche, die er bis zur Hälfte leertrank. Dann fiel sein Blick auf den übriggebliebenen Braten vom Abendessen, was seinen Magen sofort auf den Plan rief. Toni nahm den Teller, den Ketchup und eine Gabel und setzte sich an den Tisch.

Als der Teller schließlich leer vor ihm stand lehnte er sich im Stuhl zurück und seufzte einmal zufrieden. Er war nicht mehr durstig, satt und gleich würde er in sein warmes Bett zurückgehen und noch ein paar Stunden schlafen. Das Leben war grade sehr schön- bis sein Gehirn aufwachte und es hatte einige Gedanken mitgebracht, die jetzt unbedingt gedacht werden mussten.

Zum Beispiel die Tatsache, dass er Lydia auf ihre Frage, wie es ihm ging und wie sein Tag war, geschrieben, dass es ihm gut ging und dass sein Tag bis jetzt genau so langweilig gewesen war, wie sonst auch. Schule eben. Dann hatte er sie gefragt, wie es bis jetzt bei ihr so war und sie hatte etwas über ihren Chef gemeckert, mit dem sie nicht so wirklich klar kam. Toni hatte da schon so einige Geschichten gehört.

Alles war so wie immer, sie hatten danach nicht weiter geschrieben, warum auch, es war ihre übliche tägliche Unterhaltung gewesen. Aber jetzt fragte Toni sich, ob vielleicht nicht doch irgendwas anders gewesen war. Hatte Lydia diesmal andere Worte benutzt als sonst? Steckte in dem dreizeiligen Text vielleicht irgendeine Botschaft? Hatte er vielleicht Wörter benutzt, die er sonst nicht benutzte und ihr irgendeine Botschaft geschickt?

Der objektive Teil seines Gehirns versuchte ihn darauf hinzuweisen, dass es weder neue Wörter noch versteckte Botschaften gab, aber das unerbittliche Gedankenrad hatte schon angefangen, sich zu drehen. Denn über allem stand ja immer noch die Frage, wie er mit der von Max erhaltenen Information umgehen sollte.

Weil Toni wusste, dass er nicht wieder würde einschlafen können, wenn seine Gedanken sich eingefahren hatte, versuchte er verzweifelt sich abzulenken, indem er den Teller, die Gabel und den Ketchup nahm und alles da hin stellte, wo es hingehörte.

Als er die Spülmaschinentür leise geschlossen hatte, fiel sein Blick durchs Küchenfenster nach draußen, wo das Wetter sich alle Mühe gab, einen daran zu erinnern, dass der Sommer vorbei und der Herbst jetzt nicht mehr aufzuhalten war. Eine heftige Windböe presste den Regen, der wie ein Vorhang vom schwarzen Himmel fiel, gegen das Fenster, es war genau so aufgewühlt, wie Toni sich grade innerlich fühlte. Er trat da ans Fenster, wo keine Küchentheke dazwischen stand und blickte hinaus. Gedanken an Lydia mischten sich mit Gedanken an Oliver und auch Gregor drängte sich dazwischen. Das tat er häufiger, auf einmal war er da, egal, was Toni grade machte und wo er grade war, er drängte sich ihm einfach auf. Ihn wieder loszuwerden war praktisch unmöglich, vorallem, weil die meisten der Erinnerungen an ihn noch unglaublich klar waren, obwohl Toni ihn jetzt drei Jahre nicht gesehen hatte. Und diese Tatsache ärgerte ihn immer wieder, denn er wollte nichts mehr, als Gregor und alles, was mit ihm zusammenhing, vollständig aus seinem Gedächtnis löschen. Das, was er damals getan hatte, erschien ihm inzwischen vollkommen absurd und er verstand sowieso nicht, was er an Gregor damals so toll gefunden hatte. Denn wenn er an ihn dachte blieb, wenn er die Erinnerungen an die Küsse, das Kuscheln und die Sache wegließ, nur ein rotblonder Junge, der ständig gemeckert und sich über alles und jeden aufgeregt hatte.

 Und doch...und doch war da etwas an ihm gewesen, das Toni magisch angezogen hatte. Gregor mit seiner Burg, seinen Geschichten, seiner alten Familie war einfach etwas Besonderes gewesen, so jemanden, den nicht jeder in seinem Leben kennenlernte.

Aber alles, was ihm das letztendlich eingebracht hatte, war ein furchtbares Buch in seinem obersten Regalfach, das er aus irgendeinem Grund nicht wegwerfen konnte und eine Mutter, die jeden Kollegen, den Toni mit nach Hause brachte, ganz genau ins Auge fasste, sodass er mit fünfzehn aufgehört hatte, jemand Männliches zu sich einzuladen, wenn es sich vermeiden ließ. Und das war genau so ärgerlich, wie ständig an Gregor denken zu müssen.

Oder an Oliver, aber es war eine ganz andere Sache, einen Kerl einfach nur aus der Ferne attraktiv zu finden. Und mehr als das wollte Toni ja auch gar nicht. Schließlich benahm er sich immer wie der letzte Trottel, wenn er, was bis jetzt nur einmal vorgekommen war, mit Oliver redete und dann stotterte und kaum einen vollständigen Satz herausbekam. So jemanden wollte doch niemand haben, oder?

Seine eigene Frage überrumpelte Toni, sodass er sie lieber unbeantwortet ließ. Es war sowieso müßig, darüber nachzudenken. Das alles war ja sowieso unter dem Oberbegriff ,Phase' zusammenzufassen. Er hatte darüber gelesen, beinah alle Menschen durchlebten in einer gewissen Zeitspanne so eine Phase. Und er befand sich direkt in dieser Zeitspanne.

Der Weg der Normalen war immer noch in Sichtweite und das Gelände eben und ohne Stolpersteine. Und Lydia würde diejenige welche sein, die ihm half, diesen Weg endgültig zu erreichen. Es gab absolut nichts, was gegen sie sprach. Sie kannten sich sehr gut, wusste um die Fehler und die Schwächen des anderen und auch, dass sie die gleichen Dinge mochten und aus Tonis kumpelhafter Perspektive sah sie auch ganz gut aus.... Eigentlich war es doch ideal.

Jetzt musste Toni nur noch einen Weg finden, dass aus ihrer Freundschaft eine Beziehung wurde. Oder sollte er besser abwarten, bis Lydia den ersten Schritt machte? Würde sie es denn jemals machen, wenn sie Max die ganze Sache nur unter Alkohol gebeichtet hatte? Vielleicht sollte er Max einfach noch ein bisschen aushorchen, er kannte sich schließlich besser mit Frauen aus. Außerdem konnte Toni so gleich zeigen, dass er auch an Lydia interessiert war und Max von der falschen Fährte abbringen, auf die er offensichtlich gestoßen war, als er das Wort mit sechs Buchstaben sagte, das Toni noch nicht einmal für sich selbst aussprechen konnte.

Der Plan fühlte sich gar nicht schlecht an und Toni war ausnahmsweise mal zufrieden mit seinem Denkprozess. Leise ging er zurück in sein Zimmer und kroch ins Bett. Dann schlief er tief und traumlos, bis sein Wecker ihn mit seinen unangenehmen Piepen wieder weckte.

Als er gutgelaunt zum Frühstück in die Küche kam, hatte seine Mutter natürlich schon festgestellt, dass der Braten verschwunden war und wenn in dieser Familie Essen verschwand, war Toni immer der Hauptverdächtige. "Du hättest wenigstens noch was für mich für heute mittag übrig lassen können," klagte sie.

Toni grinste sie an, zuckte entschuldigend mit den Schultern und griff nach einer Scheibe Brot. Nicht das erste Mal, dass er froh darüber war, dass Peters Arbeit so weit weg war, dass er früh aus dem Haus musste und keine Zeit hatte, mit ihnen zu frühstücken. Denn von ihm hätte er sich einen ellenlangen Vortrag anhören müssen, während für seine Mutter die Sache inzwischen erledigt war.

Maja, die Toni in ihrem Hochstuhl gegenüber saß, schenkte ihm ein breites zahnlückiges Lächeln und schwenkte ihre Hand, in der sie einen Löffel hielt. Toni lächelte und winkte zurück und fing an, sich sein Brot zu schmieren. Er fühlte sich bestens.

Obwohl Toni ja unbedingt wollte, dass Max es wusste, kostete es ihn trotzdem Überwindung, ihn auf Lydia anzusprechen. Erst, als sie nach der Schule an der Haltestelle saßen, weil sie ihren Bus wieder einmal verpasst hatten, schaffte er es endlich, nachdem die Worte den ganzen Vormittag einfach nicht hatten herauskommen wollen, sobald er den Mund aufgemacht hatte. Und er schaffte es auch nicht, nicht betont desinteressiert zu klingen, als er fragte: "Sag mal, was hat Lydia eigentlich genau über mich gesagt?"

Max, der trotz Tonis desinteressiertem Tonfalls natürlich sofort wusste, was die Uhr geschlagen hatte grinste ihn breit an und hieb ihm einmal aufs Schulterblatt. "Sieh an, sieh an, der Schmetterling will also doch endlich aus seinem Kokon herauskommen." Er verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand des Haltestellenhäuschens sinken. "Also, sie meinte, sie wäre wohl schon ein Jahr total in dich verknallt, aber sie würd es dir nie im Leben sagen, weil du ja sowieso kein Interesse an ihr hast und ihr eure Freundschaft auch zu wichtig ist, um es dir zu sagen, damit du ihr dann n Korb gibst und ihr vielleicht keine Freunde mehr seid." Er legte den Kopf schräg. "Aber du hast Interesse, ne?!"

"J...ja," stotterte Toni und war beinah entsetzt darüber, wie entblößt er sich auf einmal fühlte. Das war heute morgen in seinem Kopf ganz anders abgelaufen. Vorallem, als er im Bett vor dem Einschlafen noch einmal einen fiktiven Dialog zwischen ihm und Max durchgegangen war, war er nichts anderes gewesen als lässig und cool. Oder war einfach das schlechte Gewissen, das es ihm jetzt grade so schwer machte. Aber diesen sehr störenden Gedanken wischte er lieber schnell beiseite.

"Bist du jetzt auch schon n Jahr scharf auf sie?" erkundigte Max sich. "Denn dann wäre es ja echt reine Verschwendung gewesen."

"Nein, ich hab erst angefangen drüber nachzudenken, als du gestern gemeint hast, sie steht auf mich," erwiderte Toni wahrheitsgemäß und Max lachte einmal schallend. "Alter, du machst es dir aber schön einfach. Jetzt, wo du weißt, dass sie dir praktisch ins Bett fällt, wenn du nur mit dem kleinen Finger zuckst, bist du auf einmal interessiert."

"Vielleicht stand ich ja auch schon vorher auf sie, aber ich habs eben nie gemerkt, weil wir eben so gut befreundet sind," versuchte Toni sich zu verteidigen, aber nicht nur er wusste, wie schwach das war sondern auch Max, der laut weiter lachte. "Man, man du hast aber schon mal bessere Ausreden gebracht."

Toni spürte, wie er rot wurde, was ihn ziemlich ärgerte und er fing an, die Geduld zu verlieren, was er Max aber auf keinen Fall zeigen durfte. Der war nämlich sehr schnell beleidigt und dann würde Toni nichts weiter aus ihm herauskriegen. Er räusperte sich einmal. "Wie auch immer," sagte er. "Du hast hier die größere Ahnung von Frauen als ich. Du kannst mir ja sicher sagen, wie ichs jetzt anstellen muss, dass das mit Lydia und mir was wird. Ich kann ja schlecht Samstag zu ihr hingehen und ihr sagen, dass ich auf sie stehe."

Max zuckte mit den Schultern. "Warum nicht? So mach ichs auch immer. Dann ist wenigstens gleich alles klar und es geht nicht noch um den heißen Brei rum, was einfach nur nervig ist. Wenn die Tussi scharf ist, dann sag ichs ihr auch. Und glaub mir, die meisten stehen auf so ne direkte Ansage." Toni öffnete den Mund, um klarzustellen, dass er kein Typ der direkten Ansagen war, allein die Vorstellung das einfach so zu Lydia zu sagen war schon schlimm, aber Max kannte ihn lange genug, um das auch zu wissen. Er hob die Hände. "Ja ich weiß, kein guter Rat für dich, mein subtiler Freund. Aber ich glaube, du musst gar nicht viel machen. Sei halt einfach nicht so wie sonst, sag ihr, dass sie hübsch aussieht, geb ihr ne Cola aus. Helf ihr aus der Jacke und rück ihr den Stuhl zurecht, Mädels lieben sowas und dann wird es auch gleich Klick bei ihr machen. Oder mach ihr Komplimente wie toll ihre vollbemalten Fingernägel sind. Wusstest du, dass die Weiber für so Fingernägel 50 Euro ausgeben?!"

"Lydia hat aber gar nicht solche Fingernägel," erwiderte Toni und Max seufzte einmal. "Alter, was soll denn jetzt diese Kleinteiligkeit? Du weisst doch, was ich meine."

 Toni nickte und verzog entschuldigend das Gesicht. "Tut mir Leid," erwiderte er. "Aber das ist halt alles noch total neu für mich." In Wirklichkeit fühlte es sich eher nach schlechtem Gewissen an, aber Toni ignorierte es wieder geflissentlich.

Max machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ja ist schon klar. Aber mach dir keine Sorgen, das wird ganz einfach. Und so, wie ich dich und Lydia einschätze seid ihr beide dann ein glückliches Paar bis an euer Lebensende. Ich kann das kleine Reihenhaus und die zwei Kinder schon deutlich vor mir sehen."

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