2. Verfolgt

Ich kam sprunghaft hoch, keuchend hielt ich mir die Eintrittsstelle.
„Und?“, erkundigte sich Schwester May Lu und packte meine Schulter. Ihr griff war fest und bestimmt. Ich rieb mir den Bauch, es schmerzte, als wäre es wirklich passiert, doch das Brennen war fort.
„Ich glaube, er hat es geschluckt“, gab ich geistesabwesend wieder.
„Du glaubst?“, fragte mich Fee ängstlich.
„Schwestern bitte! Lasst sie doch für einen Moment aufatmen. Sie ist gerade gestorben“, wies Devia die anderen Schwestern zurecht.
„Sie haben Angst“, verteidigte ich ihr. Obwohl sie mich nur schützen wollte, musste ich ihr wiederbrechen. Ich kam hoch, streckte meine steifen Glieder. Der Schmerz ließ nach, die vergangenen Stunden der Illusion ebenfalls.
„Wie weit sind wir gekommen?“, fragte ich mit zunehmender Klarheit. Es war nie leicht einen solchen Zauber anzuwenden ... Ich hätte mich am liebsten hingelegt und geschlafen, nur war dafür keine Zeit.
„Nicht so weit wie geplant“, berichtete mir May. Ihre schmalen Augen waren besorgt. Selbst wenn sie ihn sorge war, war sie wunderschön, etwas was ich schon immer beneidet hatte. Zu schön war ihre Porzellanhaut und ihre anmutiger Auftritt. Wie sie durch die Gänge geschritten war ... Ich unterdrückte den Gedanken an das vergangene. Nun war sie nicht mehr als wir alle. Verängstigt und doch nicht allein.
Ich sah mich um. Gelandet waren wir in einer Lagerhalle. Eine Hand voll Schwestern saßen verstreut herum und blickten ins Leere. Es war kaum eine Woche her, dass wir alles verloren hatten. Unser Leben, unser Zuhause, unsere Familie ...
„Hört mir zu Schwestern.“ Alle Blicke richteten sich auf mich. „Sie sind weit weg. Ich habe sie fortgeführt, dadurch haben wir Zeit gewonnen. Zeit, die wir brauchen, um zu den Bergschwestern zu gelangen.“ Niemand sagte ein Wort.„Heute wird es keine Pause geben.“ Nun bekam ich eine Antwort. Ein stöhnen aus allen Richtungen. „Ich weiß, ihr habt heute viel geleistet. Ihr seid müde, doch es muss mehr Raum zwischen ihnen und uns geben. Bis wir sicher sind.“ Sie erhoben sich Müde. Ich hasste es, sie antreiben zu müssen. Sie zu drängen, doch um zu überleben, war es nötig. Ich hatte sie hier hergeführt und würde es auch bis zu den Bergen schaffen. Es war noch ein langer Marsch, einer den wir vielleicht nicht überleben würden. Wenn der Jäger uns früher erreichen würde ... Wenn er herausfand, dass es eine Ablenkung war? Wie würden wir gegen ihn ankommen, wenn es die Ältesten und nicht mal unsere Mare es geschafft hatte. Mein Magen zog sich zusammen. Der Gedanke an unsere Führerin, die leblos auf dem Boden lag, aufgeschlitzt wie ein Schwein, ließ mich erschauern und Übelkeit verspüren. Sie war unser Universum gewesen, unser Licht im Dunklen. Nun? Was hatten wir nun ... Mich? Ich schluckte schwer. Ich mochte sie leiten für den Moment, denn ich war es ihnen schuldig. Ihnen allen. Schließlich war ich verantwortlich für unseren Untergang.

Die Schwestern bewegten sich wie eine träge Schlange quer durch den Wald. Wir mussten die Straßen der Menschen meiden, Aufmerksamkeit zu erregen wäre ein Risiko, das wir nicht eingehen konnten. Zu schnell würden wir unbemerkt einem Jäger begegnen, zu schnell würden sich die Gerüchte verbreiten. Außerdem wäre eine Truppe von Jungen Mädchen, dreckig bis unter die Kniekehlen zu sehr auffallen in so einer sauberen Welt, die wir nur selten betreten hatten. Zu sehr unterschieden wir Hexen uns von ihnen. Zu sehr mussten wir alles, was uns ausmachte, verstecken. Unser sein, unser können. Und trotz der Jahrhunderte der Vorsichtsmaßnahmen, der Isolation, waren wir wieder zum Ziel geworden. Ein leichtes Ziel, wie es schien.
Ich spürte, wie mir das Blut gefror, während ich mich über Äste und Stämme kämpfte, die uns immer wieder den Weg versperrten. Die Erinnerungen lagen schwer auf meiner Seele. Mein Heim, das mich aufgenommen hatte, als ich alleine und am Boden lag. Ein Ort, an dem ich wieder gelebt hatte, an dem ich lachen konnte und sich das Leben so leicht angefühlt hatte.
Ich erinnerte mich an die Zeit, bevor ich zu den Schwestern stieß, wo ich noch eine Mutter, einen Vater und eine Schwester besessen hatte. Mein Leben war unbeschwert und einfach gewesen. Mit ihnen lebte ich im Wald, wir ernährten uns selbst und begegneten nur selten Menschen. Ich konnte mich noch genau an das goldene Haar meiner leiblichen Schwester erinnern und der blutroten Schleife, die sie jeden Morgen in ihr Haar band. An ihr herzhaftes junges Lachen und ihre reine Haut. An ihr blutverschmiertes Gesicht und ihre weit aufgerissenen bleichen Augen ... Ich räusperte mich. Hätte ich mich an dem Abend nicht herausgestohlen, um mit dem Bauernjungen den Wald zu erkunden, wäre ich so tot wie sie. Oft fragte ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, nun bei ihnen zu sein, statt hier, voller Angst und gejagt. Das Schicksal schien mein Peiniger zu sein, es wiederholte sich, immer und immer wieder. Heim um Heim verloren. Der Tod, der mir auf der Schulter saß, die Schuld, die meine Seele verdunkelte. Selbst nach den Jahren.
Damals hatte mich eine Schwester gefunden, hatte mich aufgenommen und von dem verwahrlosten Ort fortgeholt.
Serena.
Mein Herz riss entzwei. Ich presste die Zähne zusammen, fühlte wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Das alles bekamen meine verbliebenden Schwestern nicht mit, sie folgten mir, gingen in meinen Spuren. Es wäre nicht hilfreich. Viele von ihnen lagen schon am Boden, hatten gesehen, wie ihre Familien ausgelöscht wurden. Sie brauchten Mut und Sicherheit, eine Peron die sie führte. Momentan war ich dieses Wesen. Steckte die zerbrochenen Teile, für den Moment zusammen. Es war die Schuld, die in meiner Brust loderte, die die verbliebenden Schwestern nun leitete, die sie davor bewahrte aufzugeben. Ich würde nicht nachlassen, bis ich sie in Sicherheit gebracht hatte. Erst dann würde ich ihnen die Wahrheit sagen und sie würden urteilen.
Ich blickte auf, in die Dunkelheit des Waldes, nur ein Licht hoch oben am Himmel zeigte uns den Weg. Wachte wie ein stiller Wächter über den Nachthimmel, voll und ruhig. Ich blinzelte die Tränen fort und sah kontrollierend nach hinten. Einige von ihnen schwächelten, hielten jedoch mit. Gerade mal neun Schwestern hatten es geschafft, die jüngsten nicht mitgezählt. Diese wären erstmals in Sicherheit, verborgen vor aller Augen, dennoch sichtbar für alle. Sie hätten abgesehen von ihrem mentalen Zustand, die reise nicht überstanden. Zu jung, zu unerfahren waren sie. Gerade am beginn ihrer Ausbildung. Bei den neun übrigen Schwestern war dies anders. Viele von uns befanden sich im letzten Jahr ihrer Ausbildung, wenige schon weiter. Ich selbst hatte mich mitten in der Vorbereitung zur Aufnahme in die Oberste Stufe befunden, dort wäre ich nicht Mare geworden, jedoch eine lehrende Älteste. Was der höchste Rang unter Mare und ihrem Beraterstamm war. „Jeder hat seinen Platz ...“, hallte es in meinem Kopf immer und immer wieder. Die Stimme der Mare ließ mich nicht los. Ihr Blick ließ mich nicht los. Wie sie sich langsam auflöste, die letzten Lichter die in ihren Augen erloschen, das Gesicht schmerzverzerrt. Woran sie wohl gedacht hatte? Ob sie es gewusst hatte? Ich hatte ihr Ende beobachtet, hatte ihr dabei zugesehen. Meine Kehle schnürte sich zu, denn anstatt dass ich ihr helfen wollte, unserer Obersten, unserem Licht, hatte ich an etwas ganz anderes gedacht. Ich sah sie sterben und dachte daran nicht zu ihnen zu gehören, schon lange hatte ein tief schwarzer Schatten über mir geschwebt. Mir ins Ohr geflüstert, mir prophezeit, dass mein Schicksal ein ganz anderes sein sollte und genau in diesem Moment, hatte ich dem Schatten geglaubt, hatte mich ihm hingegeben. Seitdem wusste ich, dass mein Platz nicht die Schwesternschaft gewesen war, nicht der Ort, den ich Jahre als Heim gezeichnet hatte. Ich wusste nicht, warum ich ihn so lange ignoriert hatte, sein Flüstern unterdrückt. Vielleicht aus Angst, Bequemlichkeit, ich wusste es nicht. Ich schüttelte mich, um die Gedanken ein für alle Mal von mir zu stoßen.
Das Licht des Mondes reichte kaum aus, um weit zu sehen, ich konnte nicht das Risiko eingehen und Magie verwenden, zu groß war die Gefahr, dass seine Wölfe uns aufspürten. Auch wenn ich sie spüren würde, lange bevor sie bei uns wären, wollte ich diese Gefahr so gering wie möglich halten. Mein feiner Sinn hatte mich nie im Stich gelassen. Der Kloß in meinem Hals wuchs, denn genau das war das Problem. Ich spürte die Gefahr, spürte wie es begann in meinen Nacken zu kribbeln, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete, wie ein Hauch feiner Schweißfilm sich auf meine Haut legte. Ich spürte ihn, wenn er kam, der Tod. Ich blinzelte jeden Gedanken mit einem Mal fort. Selbstmitleid, schuld, an all das durfte ich zurzeit nicht denken, ich musste erst eine Zuflucht finden, dann würden sie richten. Ich hatte unmerklich das Tempo erhöht, sodass mich May bald am Arm packte.
„Was?“, fuhr ich sie an.
„Sie kommen nicht mit.“ Sie deutete zurück, wo die Schwestern nur schemenhaft zu erkennen waren. Ich nickte, widerwillig blieb ich stehen und wartete, bis sie aufholten. Die Erschöpfung war ihnen anzusehen. Trotzdem konnten und würden wir nicht stoppen. Ich ließ sie, als alle versammelt waren, ein paar Minuten verschnauben und ging dann weiter. Ein Stück würden wir noch kommen müssen. Ich hatte ein Ziel, eines was für den Abend mehr als geeignet war. Ich hatte es entdeckt, als ich vorausgesehen hatte. Eine verlassene Hütte. Noch intakt und bewohnbar, für eine Nacht.
„Amanda“, schnaubte eine Schwester. Ich blieb stehen und blickte zurück, es war eine der Schwestern, die des Öfteren ihren Unmut verkündete. Ich wusste also schon, was kommen würde. „Können wir nicht einfach zaubern? Zusammen sind wir stark genug um ...“
„Nein“, unterbrach ich sie, „Du weißt genau, dass sie uns nur um so besser orten und verfolgen können. Außerdem verbietet uns unser ...“
„Ist dies nicht belanglos?“ Ihre Augen funkelten vor Zorn. Sie war erschöpft, doch bereit den Kampf aufzunehmen. Ihr feuerrotes Haar erinnerte mich so sehr an Serena, dass es schmerzte. Der große Unterschied bei den beiden lag am Verhalten. Serena hätte niemals einen Streit begonnen, den sie nicht gewinnen würde.
„Belanglos?“ Ich sah mir alle Schwestern nacheinander an, „Wir haben geschworen unsere Magie nicht zu unserem Vorteil zu nutzen, nur im allerschlimmsten Fall ...“
„Ist dieser nicht schon eingetreten? Wir sterben hier Amanda!“
„Hungerst du?“, fragte ich sie scharf. „Blutest du?“ Ich blickte zu den anderen Schwestern hinüber. „Keiner von euch hungert oder erleidet schmerzen, ihr lebt, für den Moment.“ Einige Schwestern schluckten schwer. „Das Einzige, was ihr tun müsst, ist laufen, laufen, damit die Jäger nicht unsere Spur aufgreifen, damit sie nicht noch eine Schwesternschaft zerstören und niederreißen. Solange ich atme, halten wir uns an das was wir gelernt haben und solange ich atme, werden ich dafür sorgen das wir überleben.“
„Du ...“, wollte sie protestieren.
„Ich habe euch hinaus geholt“, unterbrach ich sie. „Ich war es, die das Portal öffnete, damit ihr entkommen konntet und WIR werden es sein, die zurück nach Hause kehren, in Sicherheit zu unseren Schwestern“, ließ ich sie wissen. Sie durften den Mut nicht verlieren, nicht aufgeben. Denn wenn sie es taten, waren wir alle verloren.
Wir waren stark zusammen und schwach alleine.
Ich setzte mich in Bewegung.
„Es ist nicht mehr weit.“ Damit lief ich weiter, ohne noch einmal zurückzuschauen. Eine ganze Stunde verging, bis wir endlich ankamen. Mitten in der Nacht, unterkühlt und müde. Drinnen angekommen packten wir Decken aus. Viele legten sich gleich hin und Sekunden danach auch schon eingeschlafen. Ich hingegen ging hinaus, lief ein Stück bis zur Lichtung und setzte mich auf den moosbedeckten Boden. Die Stille war erholsam, die Anspannung der letzten Tage blieb. Ob diese überhaupt je wieder verschwinden würde? Ich hoffte es. Von hinten kam eine Schwester auf mich zu und setzte sich neben mich.
„Wie war es?“, fragte mich Fee.
„Zu sterben?“ Sie nickte.
„Schmerhaft ... endgültig ...“
„Befreiend?“ Mein Blick schnellte zu ihr, fixierte sie. Früher hatte sie immer gestrahlt und gelacht. Die kleine Hexe war so glücklich gewesen, mit einer wallend braunen Mähne und den Gift grünen Augen. Heute war alles grau an ihr. Ihre Augen trüb, ihre Haare voller Staub. Wie war sie so trübsinnig geworden? Immerhin waren wir noch am Leben, wir hatten es geschafft. Was man von vielen Schwestern nicht sagen konnte. Wir lebten und würden es auch weiter tun.
„Nein“, beantwortete ich ihr, ohne weiteres zögern. „Es war beängstigend mehr nicht. Sterben ist nicht schön, nicht im geringsten und ich hoffe, du musst es nie erleben.“ Sie nickte, dann saßen wir eine Zeit lang da. Sie sagte kein einziges Wort mehr. Ich glaubte sogar, sie würde es genießen, die ruhe, vor dem Sturm.
„Wie geht es weiter?“, fragte sie, als die ersten Strahlen der Sonne am Horizont erscheinen.
„Ich werde ein Gefährt besorgen.“
„Wie meinst du das?“
„Es gibt einen Abstellplatz hier in der Nähe. Dort steht ein alter Van. Er steht dort schon länger. Ich denke, wir können ihn kurzschließen und einen weiten Weg mit ihm zurücklegen.“
„Hast du es gesehen?“ Ihre Augen begannen zu leuchten. Hoffnung war etwas faszinierendes, sie sorgte dafür, das Lebensgeister auf ein neues aufblüten, Energie freisetzen und neuen Schwung brachten.
„Zum Teil“, gestand ich. Ob wir weit kamen, war mir unklar, so weit konnte ich nicht vorausahnen. Ich dachte an meine Gaben, die jede Hexe zu einem gewissen Teil trug, diese bestanden aus Magie, waren jedoch nicht nachverfolgbar, wie ein Spruch oder ein Elixier welche man verwendete. Ich selbst hatte die Gaben Illusionen zu erschaffen, die den Feind in dir irreführen konnten, während mein Körper sicher schlief. Außerdem konnte ich voraussehen und ahnen was passieren könnte, nicht immer lag ich richtig, doch die meiste Zeit, traf es ein, genau wie ... Die Schatten, die Vorahnung, was auch immer mein düsterer Begleiter war der von Tod und Verfolgung sprach. Auch jetzt war er bei mir. Ein Teil meiner Seele. Ich spürte ihn, wie er unruhig hin und her schwebte, ein Schatten meiner selbst. Momentan schwieg er, doch war es nur eine Frage der Zeit, eh er wieder nach mir griff und mein Nacken zu kribbeln anfangen würde.
„Kann ich dir helfen?“ Ich verneinte. Wenn ich erwischt wurde, was ich nicht zulassen würde, musste ich alleine sein. Ich hatte nicht mehr die Kraft im Notfall, eine Illusion zu erschaffen, die uns alle einhüllen konnte, zu sehr hatte mich die Letzte geschwächt. Sie nickte knapp.
„Jetzt geh zu den anderen. Wir treffen uns an der Straße fünf Kilometer nördlich von hier. Sie sollten sich am Fluss sauber machen, falls euch jemand sieht, fallt ihr nicht mehr zu stark auf.“ Ohne zu zögern, stand sie auf und tat, wie ich es ihr gesagt hatte. Ich hatte mich oft gefragt, warum sie mir so blind vertrauten. Ob es Gewohnheit war? Oder ob ich wirklich so vertrauenswürdig schien. Ich hoffte ersteres und machte mich auf ein Auto zu stehlen.

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