2. Vierundzwanzig

Seitdem Toni von Zuhause ausgezogen war, um zehn Autostunden entfernt im Norden mit seinem Studium anzufangen, war sein Leben eigentlich perfekt gewesen, auch, wenn er lieber eine eigene Wohnung gehabt hätte, anstatt ein Zimmer in einer Studenten-WG. Allerdings kannte er ja inzwischen die Familien-Finanzen und wusste, dass es ihnen zwar gut ging, aber sie definitiv nicht auf Rosen gebettet waren. Dazu mussten Peter und seine Mutter ja noch eine sehr anspruchsvolle Siebenjährige durchfüttern und da eine Wohnung definitiv mehr kostete war es dann letztendlich auf dieses WG-Zimmer rausgelaufen. Aber da es eine problemlose Dreier-WG war, in der noch keine der Horrorgeschichten passiert waren, von denen Toni gehört hatte, war es zwar nicht perfekt, aber er konnte sich damit arrangieren.

Das Geld, das er im Kino verdiente und mit dem er es schaffte, alle seine Ausgaben, abgesehen von der Miete, zu bezahlen, gab ihm das Gefühl, schon auf eigenen Beinen zu stehen, was dann wieder perfekt war. Genau wie das Studium, das ihm so viel Spaß machte, dass ihm das Lernen ziemlich leicht fiel, der kleine Freundeskreis, den er sich im Laufe der vier Jahre aufgebaut hatte und die ziemlich unkomplizierte Beziehung mit Anna. Um die er sich damals auch gar nicht hatte bemühen müssen, denn sie hatte ihn vor zwei Jahren auf einer Party angesprochen. Sie war nett, hübsch und Toni hatte die Gelegenheit sofort ergriffen.

Nach der Trennung von Lydia, kurz, bevor er seine Heimatstadt verlassen hatte, hatte er wieder ziemlich mit der unerwünschten Seite in sich kämpfen müssen. Weil er nichts gehabt hatte, an dem er sich festhalten und mit dem er sich versichern konnte, dass er so war wie alle anderen auch. Aber dank Anna hatte sich das dann ja wieder geändert. Es gab zwar einige Kerle in seinem Semester, die er gerne ansah und an die er auch dann meistens dachte, wenn er mit Anna schlief und seine kleinen Filmchen hatten auch immer noch den gleichen Inhalt wie früher, aber das war nichts, was ihm wirklich Kopfzerbrechen bereitete.

Denn der Gedanke, einen von diesen Kerlen auch nur anzufassen, geschweige denn zu küssen oder mit ihm ins Bett zu gehen fühlte sich absolut surreal an. Was für Toni immer sehr beruhigend gewesen war und absolut nichts, das ihn nachts wach liegen und stundenlang darüber nachdenken ließ. Nein, in den letzten zwei Jahren hatte er eigentlich immer sehr gut geschlafen.

Bis er an diesem Abend Gregor gesehen hatte. Gregor, mit dem Anfassen und Küssen, und das mehr als einmal, absolut real war. Und wegen dem er jetzt hier lag und an die Decke starrte, weil er plötzlich mit Erinnerungen überflutet wurde, von denen er gedacht hatte, dass er sie längst nicht mehr besaß. Aber sogar ihr allererster Kuss damals war noch da, zwar nicht besonders detailreich, aber Toni wusste noch, dass es die alte Kirche gewesen war und er Gregor irgendetwas vom T-Shirt gestrichen und ihn dann einfach geküsst hatte. Und bei den jüngeren Erinnerungen, wie zum Beispiel damals der Kuss im Wald, gab es auch noch ein paar Details, wie das Rauschen des Windes in den Bäumen, die absolute Dunkelheit um sie herum und wie perfekt er das damals alles gefunden hatte.

Und dann die Nacht in Gregors Turmzimmer, bei der Toni feststellte, dass er noch genau wusste, wie es sich angefühlt hatte, als er die Beine um Gregors Hüften geschlungen hatte, wie sie sich rhythmisch miteinander bewegt hatte... Sich diese Szene, wenn auch unfreiwillig, wieder in Erinnerung zu rufen, erregte Toni so dermaßen, dass er es jetzt äußert schade fand, dass Anna es heute vorgezogen hatte, bei sich zu schlafen.

Denn jetzt hätte er sie gut gebrauchen können, um diese unerwünschten Erinnerungen loszuwerden. Aber anstatt Sex mit Anna zu haben, hat er jetzt welchen mit sich selbst, weil es gar nichts anders ging.

Danach fühlte er sich so mies, dass es ihm egal war, dass es schon halb zwei war und er noch eben schnell duschen ging. Und während er sich unter dem Wasserstrahl gründlich einseifte, wurde ihm bewusst, dass, wenn er sich schon noch so gut an all diese Dinge erinnern konnte, es doch bei Gregor noch viel krasser sein musste. Gregor, der damals hunderte von teilweise uralten Familiengeschichten auswendig im Kopf gehabt hatte, konnte sich bestimmt noch an jedes Wort erinnern, das sie miteinander gesprochen hatte.

Es war auch gar nicht schwer für Toni, darauf zu kommen, wieso Gregor so abweisend zu ihm gewesen war. Es hätte ihm auch schon gestern sofort klar werden können, wenn er es nicht vorgezogen hätte, geschockt zu sein und sich verarscht zu fühlen. Aber das war natürlich mal wieder der einfache Ausweg gewesen und auch, wenn Toni der Feigling schon lange keinen Auftritt mehr gehabt hatte, hieß das nicht, dass er gar nicht mehr da war. In diesem Moment unter der Dusche war er jetzt sogar wieder sehr präsent, als Toni klar wurde, wie sehr er Gregor mit seinem Verhalten damals vor den Kopf gestoßen hatte. Nachdem er erst groß angekündigt hatte, Lydia alles zu sagen und es dann nicht getan und den Kontakt zu Gregor einfach abgebrochen hatte. Schließlich war auch das viel einfacher gewesen.

Und da Gregor ja immer sehr emotional gewesen und Vulkan Gregor vermutlich auch nie wirklich erloschen war, war seine unterkühlte ablehnende Art wohl das Beste was Toni hatte passieren können. Denn Gregor hätte ihn auch vor allen anschreien können. Und dann hätte er nicht nur im Mittelpunkt gestanden sondern er wäre auch in ziemliche Erklärungsnot geraten. Also war eigentlich alles gut, so wie es gekommen war.

Und da das alles nun schon sieben Jahre her war und sie beide inzwischen komplett andere Leben führten und Gregor jetzt ja auch in festen Händen war, gab es eigentlich keinen Grund für Toni, wegen seines Verhaltens von damals jetzt noch ein schlechtes Gewissen zu haben.

Aber das änderte nichts daran, dass er trotzdem eins hatte und diese Nacht so gut wie gar nicht schlief.

Auch am nächsten Morgen konnte er nicht verhindern, dass er Gregor einfach nicht aus dem Kopf bekam und sich dabei auch noch an immer mehr Dinge erinnerte. Zum Beispiel, wie Gregor damals gesagt hatte, dass er auf jeden Fall fürs Studieren ganz weit weg von zuhause gehen wollte. Und ,ganz weit weg' hatte er dann wohl auch genau so definiert, wie Toni es getan hatte.

Also fing der an, nach ihm Ausschau zu halten. Morgens im Bus, in der Mensa, beim Warten auf den Dozenten vorm Seminarraum aber er sah ihn nicht, egal, wie intensiv er er seine Umgebung auch im Auge behielt.

Dafür fiel seine geistige Abwesenheit den anderen auf.

"Hey Toni, ist alles klar bei dir?" fragte ihn Julian schließlich am dritten Tag seiner Observierung und Toni konnte grade noch verhindern, erschrocken zusammenzuzucken, weil er mit seinen Gedanken mal wieder ganz woanders gewesen war, als in der Realität. "Ja...ja alles in Ordnung," stammelte er und versuchte, sich zusammenreißen und zu wirken, als wäre wirklich alles in Ordnung. "Warum fragst du?"

"Du redest kaum noch was, guckst dich die ganze Zeit um und ein Streber bist du auch nicht mehr," antwortete Julian und grinste bei seinen letzten Worten. "Ich glaube, du hast dich jetzt schon drei Tage nicht mehr gemeldet, wenn der Prof 'ne Frage gestellt hat, um alle dann mit deinem endlosen Geschwafel zu langweilen."

Toni hatte grade wenig Sinn dafür, sich auf diese Neckerei einzulassen und zuckte nur mit den Schultern. "Ich hab eben auch nicht immer nur n guten Tag."

Julian runzelte die Stirn. "Jetzt kannst du mir erst recht nicht mehr sagen, dass nicht irgendwas mit dir ist! Läuft's grad nicht so gut bei dir und Anna?"

Obwohl er sich mit Julian sonst gut verstand, fing er jetzt an, Toni ziemlich auf die Nerven zu gehen und er musste sich zusammenreißen, um ihn nicht blöd anzumachen. "Ich hab echt keinen Bock mehr, jetzt hier noch weiter zu reden," erwiderte er und ging dann einfach weg, mit der Gewissheit, dass er sich dadurch jetzt noch verdächtiger machte. Aber gleichzeitig wusste er auch, dass Julian kein besonders neugieriger Mensch war und wenn er sagte, er wolle nicht weiter darüber reden, dann akzeptierte der das auch.

Bei Anna war die Sache nicht so einfach und im Gegensatz zu Julian hatte sie auch eine ungefähre Ahnung, was der Grund für Tonis Abwesenheit sein konnte. "Es hat dir Dienstag wohl nicht gefallen, oder?" fragte sie, wobei es eher eine Feststellung war. "Du hast beim Essen diesmal ja sogar gar nichts gesagt." Toni öffnete seinen Mund, um dem ersten Reflex, alles abzustreiten, nachzugeben, aber Anna war noch nicht fertig. "Das würde aber nicht auf Gegenseitigkeit beruhen, denn Xenia meinte, auch, wenn du stumm gewesen bist, hat sie dich trotzdem sehr nett gefunden."

,Und Gregor?' hätte Toni am liebsten gefragt, aber er wusste inzwischen, dass die Freunde von Annas Freundinnen, genau wie er selbst andersherum, nur schmückendes Beiwerk waren. Deswegen hätte Anna, selbst, wenn er sie gefragt hätte, ihm sicher keine Antwort geben können.

"Ich fand sie auch sehr nett," sage er stattdessen. "Aber ich hatte da wohl einfach einen schlechten Tag. Tut mir Leid."

"Ach, macht doch nichts," erwiderte sie und streichelte ihm liebevoll den Arm. "Und ich bin echt froh, dass du sie auch nett findest, denn du wirst sie in Zukunft häufiger sehen." Sie lachte einmal fröhlich. "Ich glaub, ich hab noch nie vorher jemanden getroffen, mit dem ich so viel gemeinsam hab. Das ist total irre!"

"Das freut mich echt," erwiderte Toni genau so fröhlich wie sie, war sich aber gleichzeitig sicher, dass auch Xenia irgendwann unter ,ferner liefen' eingeordnet werden würde. Denn es war nicht das erste Mal, dass Anna so etwas wie grade über jemanden gesagt hatte, mit dem dann der Kontakt relativ schnell eingeschlafen war.

Was ihm persönlich aber ganz gut in den Kram passte, denn nachdem er Gregor jetzt drei Tage nicht aus dem Kopf bekommen hatte, war er zu der Erkenntnis gekommen, dass das sicher nur der Fall war, weil er damals ein ganz schönes Arschloch gewesen war und sich deswegen jetzt schlecht fühlte. Auch, wenn das schon sieben Jahre her war und er bis vorgestern nicht mehr über den Vorfall nachgedacht hatte. Aber jetzt war es eben wie es war und Toni konnte das alles bestimmt wieder loswerden, wenn er sich einfach bei Gregor deswegen entschuldigte. Auch, wenn es sicherlich absolut komisch rüberkommen würde, aber das konnte ihm ja herzlich egal sein.

Mehr, als sich bei ihm zu entschuldigen wollte er mit Gregor sowieso nicht mehr zu tun haben. Und wenn sie sich jetzt noch ein- oder zweimal mit ihm und Xenia trafen, dann würde Toni es schon irgendwie schaffen, seine Entschuldigung loszuwerden und was Gregor dann damit machte, war dann ja nicht mehr seine Sache.

Und da Annas Interesse an Xenia zu diesem Zeitpunkt dann sicherlich auch schon nachgelassen hatte, würde er Gregor danach auch nicht mehr wiedersehen. Außer vielleicht auf irgendeiner Studentenparty aber auf solchen Partys war es ja absolut kein Problem, ihm aus dem Weg zu gehen.

Kommentare

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    Fenni, eben bin ich mit deiner Geschichte fertig. Gefällt mir sehr, sehr gut! Bin gespannt, wie es für die beiden weitergeht.

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