2. Vierzehn

Die Stimme riss Toni mit einem Ruck aus seiner Versunkenheit in sein neues Buch. Er blickte auf und brauchte erst einmal eine Sekunde, um in die Realität zurückzukehren und herauszufinden, was die Frau, die neben ihm stand, von ihm wollte. Als er nicht sofort reagierte, runzelte sie die Stirn und streckte die Hand nach ihm aus und jetzt dämmerte es ihm, weswegen sie hier war. Und gleichzeitig fiel ihm auf, dass sie die Uniform trug und das komische kleine Gerät in der Hand hielt, wie alle Schaffner, mit denen er es bis jetzt zu tun gehabt hatte.

Er angelte sein Portmonnaie aus seinem Rucksack neben ihm, holte die Fahrkarte heraus und gab sie ihr. Die Schaffnerin warf einen Blick drauf, der Toni doppelt so lang vorkam wie der von ihren Vorgängern und er bekam schon ein ungutes Gefühl im Bauch. Aber dann stempelte sie die Karte wortlos ab und gab sie ihm zurück, aber nicht, ohne ihn noch mit einem mißtrauischen Blick zu bedenken.

Nachdem sie weiter gegangen war, sank Toni mit einem Seufzer zurück in seinen Sitz. Er war nicht nur erleichtert, dass sein Fahrschein gültig war und er jetzt nicht mitten in der Pampa aussteigen musste, sondern es war auch gar nicht so leicht, aus der aufregenden Welt seines Buchs wieder in die nüchterne Realität zurückzukommen. Die da hieß zwei Wochen in der oben erwähnten Pampa auf einer elendig langweiligen Burg.

Noch nicht einmal die drei neuen Bücher, die er seiner Mutter abschwatzen konnte, auch, wenn ihm nach wie vor klar war, dass es sich nur im Mitleidsgeschenke handelte, konnten seine Laune bessern, die seit Lydias verstecktem Bedauern, durchgehend im Keller gewesen war. Er hatte deswegen auch einige Auseinandersetzungen mit seiner Mutter gehabt, von denen er, da er ja nur ein dummes Kind war, keine einzige gewonnen hatte. Allerdings hatte er wohl doch einen Eindruck hinterlassen, dann seine Mutter hatte sich dann dazu entschlossen, dass er die fast vierstündige Zugfahrt mit dreimal Umsteigen alleine machen durfte. Peter hatte natürlich protestiert, dass man ,Kinder' doch nicht einfach so alleine fahren lassen konnte, aber seine Mutter hatte sich, sehr zu Tonis Freude, endlich mal durchsetzen können. Denn normalerweise hatte Peter immer das Sagen. Bestimmt war auch er es der entschieden hatte, dass sie nicht nach Portugal fuhren.

 Am Anfang war das Alleinefahren auch richtig aufregend gewesen. Sie waren vorher noch die Verbindungen durchgegangen, die Toni nehmen musste, wo er umsteigen musste und auf welchem Gleis der nächste Zug kam und die Niederschrift des Ganzen befand sich sicher verpackt vorne in dem kleinen Fach in seinem Rucksack. Er würde sie aber nicht mehr brauchen, denn er saß jetzt im letzten Zug, der ihn bis zu dem kleinen Kaff bringen würde, das seine Endstation war.

Als er, nach einer schnellen Umarmung von seiner Mutter, am lauten und trubeligen Großstadtbahnhof in den Zug gestiegen war, hatte sein Herz vor Aufregung geklopft und irgendwie auch weiche Knie gehabt. Beim ersten Umstieg war er so aufgeregt gewesen, dass er das richtige Gleis nicht finden konnte, weil er die Zahlen vor lauter Nervosität irgendwie nicht hatte lesen können. Erst, nachdem er jemanden gefragt hatte, stand er endlich am richtigen Bahnsteig, als der Zug schließlich einfuhr.

Aber irgendwo zwischen dem ersten und dem zweiten Umsteigen verschwand die Aufgeregtheit und er fühlte sich wie ein Profi, der jahrelang nichts anderes gemacht hatte als Zug zu fahren. Und als er dann in den letzten Zug gestiegen war, wurde es einfach langweilig weil es draußen vor dem Fenster nichts weiter zu sehen gab als Bäume, Bäume, Bäume und Wiesen, Wiesen, Wiesen und zwischendurch, jede gefühlte Stunde, ein einziges Haus. Toni, der voher gespannt am Fenster geklebt und sich fast die Nase plattgedrückt hatte, verlor jetzt jegliches Interesse und fing stattdessen eins von seinen neuen Büchern an.

 Auch jetzt hatte sich die Sicht aus dem Fenster nicht verändert und er fragte sich, ob es hier wirklich eine Stadt gab. Aber dann tauchte vor seinem Fenster das erste Haus auf, dann das zweite, dritte, es wurden immer mehr und gleichzeitig wurde der Name seiner Station durchgesagt. Der Zug bremste spürbar ab und Toni griff resigniert nach seinem Ruckstand, stand auf, warf ihn sich über eine Schulter und ging zur Tür.

Mit ihm zusammen stiegen nur zwei weitere Leute aus und der Zug war insgesamt nicht besonders voll gewesen. Kein Wunder. Wer wollte auch schon hierher? Außer die, die gezwungen wurden bestimmt.

Der Bahnhof war winzig und man konnte ihn auch nicht wirklich Bahnhof nennen. Es gab nur einen Bahnsteig und ansonsten nichts. Kein Vergleich zum Bahnhof zuhause.

Andererseits war es vielleicht auch gar nicht so schlecht, dass hier alles so klein war und es kaum Menschen gab, denn so sah er Nadja und Kamilla sofort und musste nicht erst herumirren oder warten. Nein, so konnte er sofort seinem elendigen zweiwöchigen Schicksal zugeführt werden.

Er zwang sich ein Lächeln auf, das hoffentlich nicht ganz so gezwungen aussah, wie es sich anfühlte, als die beiden ihm entgegenkamen. Er spürte die Abneigung gegen die üblichen ,Nein, was bist du groß geworden'-Rituale in sich aufsteigen. An ihnen würde definitiv kein Weg vorbeiführen. Schließlich hatten sie sich schon jahrelang nicht mehr gesehen und er war wirklich groß geworden. Und hätte er sich vorher nicht Fotos von Nadja, Thorsten und Kamilla angesehen, hätte er vorallem Kamilla niemals wiedererkannt.

Nadja schlug die Hände vor der Brust zusammen als sie beieinander angekommen waren. "Nein," rief sie. "Deine Mutter hat Recht, du bist ja wirklich riesig geworden." Dann grinste sie und Toni entnahm diesem Grinsen erleichtert, dass das Begrüßungsritual damit abgeschlossen war. Denn anstatt der nach dem Protokoll jetzt zwingend folgenden Umarmung packte Nadja Kamilla an den Schultern und schob sie vor sich. "Deine Cousine kennst du ja sicher auch noch. Ist sie nicht auch groß geworden?!" meinte sie scherzhaft.

Kamilla bedachte Toni mit einem zurückhaltenden Lächeln. "Hallo," sagte sie nur leise.

 "Hallo," erwiderte Toni und Nadja nickte einmal. "Gut, damit wäre die Begrüßung dann ja erledigt. Komm, gib mir mal deinen Rucksack." Sie streckte die Hand aus und Toni gab ihn hier. Sie runzelte die Stirn. "Nicht besonders viel Gepäck," stellte sie fest und Toni zuckte mit den Schultern, "Na ja, du kannst meine Sachen ja waschen, wenn sie dreckig sind," meinte er und war gespannt auf ihre Reaktion. Halb rechnete er jetzt damit, dass sie sich aufregen würde, wie seine Mutter es getan hätten und als sie ihn für einen Moment perplex ansah war er kurz davor, sie auch in die Kategorie 'Spießig' einzuordnen, doch dann grinste sie breit und tätschelte ihm den Oberarm. "Aha, also noch jemand, der es sich gerne einfach macht."

 "So ist es," erwiderte Toni und erwiderte ihr Grinsen. Die Anspannung, die er schon die ganze Zeit unterschwellig gespürt und vor sich selbst geleugnet hatte, denn schließlich wollte er das alles hier nicht, also gab es auch keinen Grund, irgendwie angespannt zu sein, lockerte sich etwas. Auch, wenn der ganze Rest scheiße sein würde, Nadja schien es wenigstens nicht zu sein.

 Sie verließen den Bahnhof durch den winzigen Vorbau in dem es nicht weiter gab, als einen passenden winzigen Kiosk und traten hinaus auf einen kleinen Platz mit einem Springbrunnen umgeben von Fachwerkhäusern und obwohl Toni beschlossen hatte, dass ihm die Provinz jetzt schon auf die Nerven ging, schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, wie schön das aussah, Wenn er sich den Springbrunnen wegdachte, sah es fast so aus wie er sich die Städte vorstellte, die in den Fantasyromanen vorkamen, die er ab und zu ziemlich gerne las. Es juckte ihm in den Fingern, seinen Fotoapperat rauszunehmen, gegen den er sich vehement gewehrt und den seine Mutter ihm schließlich aufgezwungen hatte, und ein Foto zu machen. Aber dann ließ er es lieber sein. Er wäre sich dann nur bescheuert vorgekommen.Vorallem vor sich selber.

Neben dem Bahnhofsgebäude befand sich ein kleiner Parkplatz auf dem ein weißer Lieferwagen mit dem Logo und den Namen der Gärtnerei stand. Es gab keine Rückbank, sodass sie sich zu dritt nach vorne setzten, was Toni unglaublich lustig fand. Und das, wo er doch jede Sekunde, die er hier war, hassen wollte. Aber der Hass hatte sich jetzt schon zum zweiten Mal kurz verabschiedet.

Und während er noch darüber nachdachte, was er genau er jetzt fühlen sollte, legte Nadja den Rückwärtsgang ein und fuhr schwungvoll aus der Parklücke heraus. Dann bremste sie so abrupt ab, dass irgendetwas im hinteren Teil des Wagens schepperte und als Toni den Kopf drehte, sah er, dass die Ladefläche voll mit Gartengeräten und Blumentöpfen gestellt war.

Das Scheppern begleitete sie für den Rest der Fahrt, weil Nadja eine furchtbare Fahrerin war, sich wie ein Rennfahrer in die Kurven legte und oft so heftig auf die Bremse trat, dass Toni in seinen Gurt gedrückt wurde. Zwischendurch erkundigte sie sich nach dem Verlauf von Tonis Reise, wie es seiner Mutter ging, was Toni nur mit einem ,Gut' beantwortete und Details, wie zum Beispiel Peter, verschwieg, und ob er Hunger hatte. Natürlich hatte Toni Hunger. Das, was seine Mutter ihm für die Reise eingepackt hatte, hatte er bereits in der ersten Stunde aufgegessen und da er sich nicht getraut hatte, sich etwas auf einem der zwei Bahnhöfe zu kaufen, um ja nicht den Anschluss zu verpassen, war sein Magen jetzt ein einziges Loch. Vorallem, nachdem Nadja ihn danach gefragt hatte.

Ansonsten herrschte Schweigen, was Toni keine Sekunde unangenehm war. Er hatte nämlich absolut keine Lust auf gezwungen Smalltalk. Stattdessen blickte er, wie die konsequent stille Kamilla, aus dem Fenster. Dort gab es allerdings nicht viel zu sehen, außer den obligatorischen Bäumen und Wiesen und schließlich den Burgberg, bei dem sich das schon etwas betagte Fahrzeug ziemlich quälte.

Dann war die Steigung geschafft und gleichzeitig tauchte vor ihnen die Mauer der Burg auf. Und der hohe Turm, an den Toni sich noch erinnern konnte. Aber die Erinnerung an die Zugbrücke stellte sich als falsch heraus. Sie war bloß eine langweilige Steinbrücke, die über den ausgetrockneten Burgraben führte. Sie fuhren durch einen Torbogen und Toni bermerkte zu seinem Erstaunen, die furchtbar dick die Mauer war. In ihrer Mitte befand sich sogar eine Tür, mit der man sicher auf den Gang oben auf der Mauer gelangte.

Er spürte, wie ein angenehmes Kribbeln durch seinen Körper lief, identifizierte es als Vorfreude und versuchte deswegen sofort, es zu unterdrücken. Denn worauf sollte er sich hier schon freuen?

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